Wie lebst du?


Georgien im Miniaturformat

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Tiflis ist eine außergewöhnliche Stadt. Ich würde sogar sagen, wunder- und sonderbar zugleich. Nehmen wir zum Beispiel die Innenhöfe zwischen den Häusern. Üblicherweise werden diese nach der Stadt benannt, in der sie sich befinden. So würde man in Moskau einen solchen Innenhof als Moskauer Hof bezeichnen, in St. Petersburg als Sankt Petersburger Hof.

Das sollte bei den Innenhöfen von Tiflis nicht anders sein und teilweise trifft es auch zu, viel üblicher ist es jedoch, italienische Höfe dazu zu sagen. Nicht etwa wegen der architektonischen Gemeinsamkeiten, sondern wegen des vergleichbaren Geräuschpegels und des ähnlichen Temperaments der Bewohner. Wobei nach dieser Logik die berühmten Dampfbäder von Tiflis streng genommen als türkische Bäder bezeichnet werden sollten, was nicht der Fall ist. Mit Logik kommt man hier also nicht weit, diese Stadt hält sich nicht an ihre Gesetze, sondern lebt nach ihren eigenen irrationalen Vorstellungen. Mit dem Verstand ist Tiflis nicht zu fassen, man muss es mit dem Gefühl ergründen.

Gestern


Langsam wachte unser kleiner italienischer Innenhof auf. Um genau zu sein, wurde er geweckt. Die frühe Stille wurde vom durchdringenden Glockenläuten durchbrochen, das die Müllabfuhr ankündigte. Im Morgengrauen fiel der Lärm jäh in den süßen Traumschlaf ein. Die Müllmänner rissen mit einer derartigen Wucht am Klöppel, als wollten sie sich an den Schlafenden für das eigene harte Los des Wachseins zu solcher Uhrzeit rächen. Mit Eimern in den Händen schlurfte die Nachbarschaft im Halbschlaf zu den Lastwagen. Vermutlich, um die Bewohner endgültig aus dem Schlaf zu reißen, setzte Fortuna daraufhin einen Matsoni-Verkäufer auf unseren Hof an. Lange pries er im lautstarken Singsang seinen Joghurt an, wobei er die letzte Silbe des Wortes Matsoni in seinem beispiellosen musikalischen Thema langzog. Eine weitere halbe Stunde verging und aus den offenen Fenstern strömte Kaffeearoma in den Hof.
Tifliser Hof © Ekaterina Minasyan
Am gemeinschaftlichen Wasserhahn wurde mit Blechbecken gepoltert. Nach und nach kamen weitere Geräusche hinzu: das rhythmische Klopfen auf Wolle, das Surren der Bohnermaschine, das stottrige Knattern eines Automotors und so weiter und so fort. Wer nicht musizierte, der sang, und wer nicht sang, der stritt. Ohne diese bis tief in die Nacht fortwährende Polyphonie kann man sich einen Hof in Tiflis kaum vorstellen.

Irgendwann nachmittags betrat die kreative Klasse die Bühne. Sich die Augen reibend und auf den Boden der Tatsachen zurückkehrend, erschien der Künstler auf der Veranda, die von fünf Familien geteilt wurde. Gemächlich stellte er seine Staffelei auf, nahm seine Pinsel zur Hand und richtete sich gedankenverloren auf seinem Platz ein. Eine Disharmonie in diese malerische Idylle brachte das Duett der beiden zankenden Schwestern, die hin und wieder auf die Veranda stürzten. In der Regel gipfelten ihre Konflikte in spektakulären Faustkämpfen, aus denen die Schwester mit der kürzeren Frisur als Siegerin herausging. Es bleibt ungewiss, was als Apfel der Zwietracht diente, als Kuchen der Versöhnung musste Mamas Apfelkuchen herhalten. Die vor einer Stunde noch auf einander einprügelnden Schwestern verschlangen die mit Zimt bestreuten Kuchenstücke und strahlten vor Glück und Zufriedenheit.

Heute


Das Leben in den Höfen von Tiflis kann durch das Prisma der Kindheitserinnerungen geradezu perfekt erscheinen, während es in Wirklichkeit nicht wenige Nachteile hat. Dazu zählen auch der baufällige Zustand der Häuser, das Fehlen abgetrennter sanitärer Einrichtungen, die Verbreitung jeglichen Ungeziefers und vieles andere. Interessanterweise haben es jedoch viele der Bewohner nicht eilig, ihre alten Wohnungen gegen einen Neubau einzutauschen. Man kann natürlich Vermutungen über die Schwäche der Einwohner von Tiflis für ihre Höfe sowie ihre besondere Lebenseinstellung anstellen, passender wäre es hier allerdings, jemanden sprechen zu lassen, der selbst zwei Jahre in einem solchen Haus mit Innenhof gewohnt hat: Tifliser Hof © Ekaterina Minasyan
„Ich habe diese Zeit in bester Erinnerung“, erzählt Schachnosa Muminowa. „Die Wohnung war im Winter furchtbar kalt und wurde nicht beheizt. Wie üblich, musste man zur Toilette über die Terrasse an allen Nachbarn vorbei laufen. Ein ganz besonderes Vergnügen war es, im Januar aus dem warmen Bett bloß mit Nachthemd bekleidet steigen zu müssen und rüber zu rennen. Ich weiß noch, wie ich einmal eingeschlafen bin, bevor ein stürmisches Gewitter losgebrochen ist, und erst aufgewacht bin, als der Wind mit voller Wucht die Tür zuknallte. In dem Moment fiel mir ein, dass ich morgens die Wäsche zum Trocknen draußen aufgehängt hatte. Ich stürzte erschrocken auf den Balkon. Da sah ich, dass alle Wäscheleinen natürlich bereits abgerissen waren und die Frauen der gesamten Nachbarschaft gerade meine Wäsche retteten, die es in Bäume und auf Dächer geweht hatte. Als sie mich sahen, riefen sie: ‘Komm rein, ich hab dein Handtuch eingeweicht, wir spülen das jetzt nochmal!‘“

Die Zeiten, die Menschen und die Wertesysteme mögen sich ändern, aber das Phänomen dieser Stadt besteht gerade eben darin, dass dieser Wandel sich nicht auf die zwischenmenschlichen Beziehungen oder die Atmosphäre der Höfe von Tiflis auswirkt. Diese Stadt ist und bleibt laut und hektisch, heiter und melancholisch – eine Stadt, die keine halben Sachen macht.

© Ekaterina Minasjan

Ekaterina Minasjan

Abschluss der Fakultät für Fremdsprachen der Universität Tiflis. Bereits im dritten Studienjahr bemerkte ich, dass ich mich für den falschen Beruf entschieden hatte: sprachwissenschaftliche Inhalte interessierten mich viel weniger als menschliche. Seitdem vergingen Jahre, aber das auf dem Prüfstand stehende Thema änderte sich nicht und das Interesse daran erlosch nicht. Ich mag über die Menschen und für die Menschen schreiben. Ich führe eine Kolumne bei dem Medienportal Sputnik Georgia. Ich erzähle die Geschichte über prominente und wenig bekannte Orte in der Stadt und die Menschen, deren Namen untrennbar mit der Tifliser Geschichte Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts verbunden sind.

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