Verwandlung


Zeit ist...

Olga Fedina, Usbekistan

  • © Olga Fedina


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    Wahrscheinlich ist Zeit in erster Linie Erfahrung und Wissen. Es gibt die Meinung, dass beispielsweise Schriftsprache, als Instrument zur Weitergabe unserer Erfahrung entstanden ist. Damit man in den Wissenschaften vorankommt und nicht mit jedem neuen Leben immer bei Null beginnt.
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    In Usbekistan hat man eine sehr spezielle Beziehung zum eigenen Kulturerbe. Die Jugendlichen in Taschkent können sich nicht an die Zeit erinnern, als die Stadt noch ganz anders aussah. Und die ältere Generation kennt die neuen Straßennamen der alt bekannten Straßen nicht mehr, da in den letzten zehn Jahren mehrmals umbenannt worden sind. Solch eine Herangehensweiße durchtrennt meiner Meinung nach die historische Verbindung von Orten und Ereignissen. Das sieht dann so aus, als ob jede Generation ihre Geschichte neu anfängt. Wie in Zeiten vor der Schriftsprache.
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    Wenn Schriftsprache Erinnerung in der Zeit fixiert, dann versucht Kunst die Zeit selbst einzufangen. In der usbekischen Kultur gibt es sehr viele Muster — traditionelle Suzani, Teppiche, Holzschnitzereien, Keramik. Für Touristen ist das exotisch, für Einheimische — langweilige Routine. Aber diese altertümlichen Ornamente haben sich jahrhundertlang entwickelt und jedes Bild erzählt eine Geschichte. Jedes Muster ist eine Art Message, die die Kultur durch die Jahrhunderte bis zu unserer Zeit getragen hat.
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    Eines der sichtbarsten Zeitdenkmäler ist Architektur. Im Grunde ist Architektur angehaltene Zeit. Manchmal denke ich, dass Gebäude und weitere Architekturdenkmäler nur dafür gebaut worden sind, um gegen die Zeit anzukämpfen — sie beobachten, wie eine Generation die nächste ablöst.
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    Ein Subjekt, das Zeit als «hier und jetzt» wahrnimmt, befindet sich in ständiger Zerrissenheit zwischen Vergangenheit und Zukunft und erkennt dank diesen dann auch die eigene Aktualität. Aber wenn das Subjekt eine ganze Stadt ist, entsteht ein permanenter Zwiespalt zwischen den Versuchen etwas Neues zu erschaffen und der Notwendigkeit Altes zu erhalten: die Errungenschaften der Vergangenheit, Architekturerbe, Erinnerung.
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    Taschkent wurde so oft umgebaut, dass klar wurde: Die Stadt — das sind nicht die Stadtmauern und Straßen. Die Stadt — das ist der Geist, der jede sichtbare Form annehmen kann, dabei aber seine Eigenschaften erhält. Eine solche Eigenschaft ist der Lebensrhythmus, also die Beziehung zwischen der Stadt und Bewohner mit Zeit.
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    Irgendwo im hintersten Amazonas lebt das Volk Pirahã — Menschen ohne «morgen». Sie leben hier und jetzt, in ihrer Realität existiert weder die Zukunft noch die Vergangenheit. Sie können nicht zählen, sie wissen nicht, was Stunden, Tage und ein Tagesablauf sind. Sie brauchen ihren Kindern nicht beizubringen, was Pfeile und ein Zifferblatt sind.

    Je weiter weg von Hauptstädten, desto mehr ähnelt der Alltag dem Leben der Pirahã. In der Umgebung von Buchara, bei Labi-Hovuz (antiker, künstlich angelegter Teich) fühlt man sich immer ruhig und ausgeglichen.
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    In vielen Städten und Dörfern Usbekistans ist das Zeitgefühl ein ähnliches, wie bei den Pirahã: ruhig, leise, langsam und dickflüssig wie Honig, ohne seine Wichtigkeit in den Vordergrund zu stellen. Dieses harmonische Dasein tauscht man gegen Effektivität und Produktivität ein. Deswegen haben viele einheimischen Jugendlichen das Gefühl, sie müssten an einen Ort ziehen, an dem der Lebensrhythmus schneller ist und die Luft dicker, was durch den Smog kommt.
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    Zeit — das ist Erinnerung. Einige Orte sind wie eine Zeitmaschine. Manchmal reicht es, einen Flohmarkt zu besuchen, um in Nostalgie zu tauchen und sich daran zu erinnern, was mal «modern» war und heute in Vergessenheit geraten ist. Mit der Zeit bekommt man das Verständnis, was wichtig und was unwichtig ist. Zeit stellt das bloß, was Wichtigkeit nur als Tarnung hatte. Der Zeit ist egal, wie sie genutzt und verbraucht wird.
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    Dadurch, dass es heutzutage sehr einfach ist, Informationen zu finden, ist es auch für die einheimische Jugend interessanter, sich mit kulturellem Background auseinanderzusetzen. Ich habe an mir selbst erkannt, wie man an mir in anderen Kulturkreisen sofort erkennt, dass ich «Usbekin» bin. Zeit und Raum formen die Individualität nicht weniger, als Gene und Rassenzugehörigkeit.

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