Zeit


Von Zeit zu Zeit

Wenn ein Mensch über Zeit nachdenkt, stellt er sich etwas Abstraktes vor. Etwas, ohne Form und Inhalt, was man nicht kontrollieren kann, obwohl Zeit in Sekunden, Minuten und Stunden gezählt wird. Und wenn man etwas nicht so recht greifen kann, wird es schnell mal mit diversen Theorien und Fantasien aufgeladen. Das kann zu ganz herausragenden Ergebnissen führen, angefangen von literarischen Zeitreisen in Fantasyromanen, bis hin zu großen Wissenschaftstheorien, wie die "gravitative Zeitdilatation" . Dieses Thema ist so anziehend, dass wahrscheinlich sogar der pragmatischste Mensch auf der Welt davon geträumt hat, wie es wohl wäre, eine Zeitreise zu machen. Wie war die Vergangenheit und wie wird die Zukunft sein? Da ich selbst ein großer Träumer bin, habe auch ich schon oft darüber nachgedacht, ob man in beide Zeitrichtungen reisen kann oder wenigstens in eine.

Im Alltag, im Urlaub, bei der Arbeit und beim Kreativsein habe ich realisiert, dass es in meinem eigenen Zeitstrom, der bei meiner Geburt seinen Anfang nahm, mehrere parallele Seitenströme gibt, mit anderem Tempo und einer anderen Dichte. Man könnte sich gewissermaßen mehere Rohre von verschiedenem Durchmesser vorstellen, durch die Flüssigkeit unter hohem Druck fließt.

Der Hauptstrom sind alle Ereignisse im Leben, ohne äußere Faktoren, die sie beeinflussen. Damit meine ich nicht nur physiologische, wie etwa das ständige Altern des Körpers oder der Wechsel von Tag zu Nacht, aber auch kreatives Schaffen und das Arbeiten. Innerhalb dieses Stroms arbeitet der Berufsmensch in vollem Maße und der Kreative bringt seine Gedanken zu Papier oder auf die Leinwand, erlebt ein soziales, harmonisches Dasein mit der Familie, den Partnern und Freunden. Hier plant der Mensch weitere Ereignisse und wartet darauf, dass sie passieren, und spickt damit ein kleines bisschen hinein in die Zukunft. Du spielst gerade mal die erste Note, aber weißt schon, wie dieses Stück wird. Oder du hast gerade den Code geschrieben, aber weißt schon, wie deine App sein wird. Unter idealen Bedingungen — ohne den Einfluss äußerer Faktoren — wäre es bestimmt für viele Leute (und ich gehöre dazu) sehr angenehm ihr Leben in genau dieser Zeitröhre zu verbringen. Wenn du morgens beim Aufwachen schon weißt, was dich am heutigen Tag erwartet, was du zu tun hast und was das Ergebnis sein wird. Es kann das Leben einfacher machen, wenn alle Hindernisse auf dem Weg zur Inspiration beiseitegeschafft wurden. Aber natürlich gibt es in diesem Zeitstrom auch schwierige Aufgaben, doch der Mensch ist ihnen gewachsen, er ist qualifiziert genug, um sie zu meistern und deswegen ändern sie auch den Fluss der Zeit nicht.

Der zweite Zeitstrom trennt sich vom ersten, wenn äußere Faktoren hinzukommen, die der Mensch so oder so nicht kontrollieren kann (Wetter oder Katastrophen) oder sie sich seiner Kontrolle entziehen. Also, wenn beispielsweise die Milch überkocht, weil man auf YouTube hängen geblieben ist. Dieser zweite Strom unterscheidet sich durch eine höhere Zahl an Ereignissen in einer kürzeren Zeit. Der erste Strom bleibt weiterhin bestehen, weil Zeit nicht stillsteht und der Mensch dadurch gezwungen ist, mit mehreren Strömen gleichzeitig fertig zu werden. Dabei ist er in einem der Ströme überfordert und überfragt, macht Fehler und braucht vielleicht sogar Hilfe. Der Katalysator, der auf das Tempo des Flusses dieses Zeitstroms Einfluss nimmt, ist der Stress. Je höher der Stressfaktor und je empfänglicher man ihm gegenüber ist, desto weniger kann ihn derjenige kontrollieren und demnach auch nicht den Zeitfluss. Viele erkennen sich da bestimmt selbst in den Momenten, wenn sie mit schwierigen Aufgaben konfrontiert werden, die über den Rahmen ihrer Möglichkeiten hinaus gehen. Wenn beispielsweise nach einer Stunde Prokrastination einem einfällt, dass es Aufgaben gibt, die man gestern schon hätte erledigen sollen. Dieser Zeitstrom fühlt sich zwar unangenehm an, gibt aber auch Vorteile — man findet seine eigenen Bildungslücken und kann Neues lernen, sammelt Erfahrung. Und die Situation, die man früher als Stress empfand, wird zu einer alltäglichen und schnell lösbaren Aufgabe.

Auf den dritten Zeitstrom stößt der Mensch vor einer roten Ampel, in einer langweiligen Vorlesung, einem mühsamen Familienessen oder auf dem Bürostuhl, während man die Minuten bis zum Feierabend zählt. In diesem Zeitfluss erschafft und produziert der Mensch nichts. Er ist einfach nur ein Körper. Dieses "Rohr" ist das absolut dickste, längste und die Zeit fließt hier am langsamsten. Das Unangenehmste ist, dass der Zeitstrom in Rohr Nr. 1 weiterläuft und nicht langsamer wird. Der Mensch altert, der Tag wird zur Nacht, nichts Neues, alles wie immer. Unvorhersehbare Schwierigkeiten sind in der Phase nicht einfach zu meistern, weil man nicht schnell und präzise reagieren kann.

Im Rahmen der vorgeschlagenen Theorie über die Existenz solcher Zeitflüsse stellt sich die Frage: Kann man sie lenken? Kann man es schaffen, die meiste Zeit in dem "Rohr" zu verbringen, in dem man sich besser fühlt? Im Falle des dritten Zeitstroms müsste das einfach sein - man kann einfach nichts tun, nichts lernen, nichts erschaffen, mit seiner Couch/ Bürostuhl/ Elternkonto eins werden. Obwohl ich hier auch niemanden kränken möchte, jeder entscheidet selbst, in welcher Röhre die Zeit für ihn oder sie am angenehmsten fließt.

Die anderen zwei Zeitströme sind komplizierter. Meiner Meinung nach ist eine bestimmte Portion Stress nicht immer schädlich und sollte durchaus ab und an zugelassen werden. Ohne Herausforderungen und Schwierigkeiten ist es kaum möglich etwas Neues zu lernen und über seinen eigenen Schatten zu springen, besser zu werden. Wenn man jeden Tag nur "Smoke On The Water" auf der Gitarre spielt, wird man kaum zu einem herausragenden Gitarristen. Ebenso, wie man durch Kritzeleien am Heftrand nicht zum großen Künstler wird. Aber man sollte die Herausforderung annehmen, mit dem schnellen Zeitfluss in Berührung kommen, um so einen Schritt nach vorne zu machen. Man kann nicht nur sehen, was hier und jetzt passiert, sondern ein bisschen in die Zukunft schauen. Sehen, wie es wird und vielleicht etwas daran ändern, eine Zeitreise machen, so viele Jahre, Jahrzehnte oder Jahrhunderte voraus, wie man es sich nur vorstellen kann.

Oleg Zagorulko


Oleg Zagorulko ist Arzt, er hat 2014 seinen Abschluss an der Fakultät für Allgemeinmedizin an der Medizinischen Universität Nowosibirsk absolviert. Zurzeit ist in einem der größten Krankenhäuser Nowosibirsks als Facharzt für Lungenkrankheiten tätig. Er ist ein großer Freund von Science-Fiction und Unterhaltungen zu philosophischen Themen.

Andere Themen





    Werde Teil der Konverter Community

    NEUES THEMA

    Medien

    Digitale Informationen und wie wir damit umgehen
    ZEITGEIST

    Zeit

    Gedanken über eine unserer ambivalentesten Ressourcen

    Verwandlung

    Beobachtungen über den Lauf der Zeit und seine Folgen
    KONSUM

    Haben und Sein

    Über Konsum, Gesellschaft und Geld

    Geld

    Über das Universalrezept zum Glücklichsein
    GRENZE

    GRENZZONE

    Schwankendes Gleichgewicht grenzwertiger Zustände

    ENT-FERNUNG

    Fotostrecken und Bildergalerien über Grenzen,greifbaren und mentalen
    INSPIRATION

    SEROTONIN

    Über die Inspiration und den Schlaf der Vernunft 

    SCHAU

    Über das Kino: was sehen und wie sehen
    SPECIALS

    BERLINALE-SPECIAL

    Konverter hat sich vom Filmfieber der Berlinale anstecken lassen und für Euch eine einzigartige Übersicht des Festivals vorbereitet

    TRÄUME AUS ST. PETERSBURG

    Das Fotoprojekt „Träume aus St. Petersburg vermittelt einen Eindruck von den Gefühlen und den Lebensrealitäten junger Petersburger