Zeit


Der Gameruntergrund der 2000er

High Tech, low life


Wenn wir irgendwo in Osteuropa das Wort “Computerklub” aussprechen, erinnert man sich bestimmt nicht an sterile Räumlichkeiten mit den neusten technischen Errungenschaften als Ausstattung. Ist man in den letzten UdSSR-Jahren geboren, denkt man bei diesem Wort an dunkle Kellerräume mit engen Fluren, erleuchtet durch das schwache Licht von Dutzenden Monitoren. Die ersten Computerklubs eröffneten Anfang der Zweitausender in Weißrussland. Zum Beispiel in der Kleinstadt Wilejka, mehrere Hundert Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Irgendwann im Zeitraum zwischen 2001 und 2002 machte hier der Erste auf. In Minsk gab es derweil schon über zehn Mekkas für Computerfreaks. Doch in Wilejka hat Zeit einen ganz eigenen Rhythmus und der erste PC-Klub noch nicht mal ein Aushängeschild. Er befand sich in einem verlassenen Keller gegenüber des Kulturhauses. Die Ausstattung des Computerkellers war simpel und nicht sehr anspruchsvoll: Holztische, graue Wände und 20 neue Computer. Die Neunziger waren vorbei, die 2000er starteten voll durch. Gerade noch vor ein paar Jahren konnte man nur in der örtlichen Bank neue Computer bestaunen, doch jetzt leistete sie sich die weißrussische Mittelschicht endlich auch zu Hause. Die ärmere Bevölkerungsschicht dagegen konnte sich in dieser Hinsicht nur auf die Computerklubs verlassen. Mehr war nicht drin.

Eine Stunde am PC kostete damals 600 weißrussische Rubel. Aber es sprach sich schnell unter Jugendlichen herum, dass man an bestimmten Tagen auch für 450 oder sogar 300 Rubel spielen konnte! Ein bemerkbarer Nachteil: es gab kein Internet. In der Stadt war damals genau ein öffentlicher Computer an das World Wide Web angeschlossen und der stand bei der Post. Und obwohl er so exklusiv war, war dieser Platz nie belegt.

Es war der Sommer 2002: Der Dollar kostete 1830 weißrussische Rubel, das Durchschnittsgehalt betrug in etwa 100 Dollar.

© Andrej Ditschenko


Keller, Schulbänke, 40 Computer


Einer der ersten Computerklubgründer in Wilejka ist der Geschäftsmann Andrej Milostev. Seinen Erinnerungen nach lief das Geschäft gut und bald kamen zu den 20 Computern noch genauso viele Neue dazu. Im Gespräch über die damalige Zeit, stellt er selbst eine rhetorische Frage: “Wie haben die alle in diesen Keller gepasst?” Außer der Gamer waren immer viele andere Jugendliche im Klub, die einfach nur zum Zuschauen kamen. Oft spielten sich lokale Sozialdramen am Klubeingang ab. Beispielsweise kamen die wütenden, fast bis in die Armut getriebenen Eltern eines Jugendlichen mit dem verzweifelten Ausruf: “Wir haben kein Geld um Brot zu kaufen und du gibst Geld für Spiele aus!”. Am Eingang vor dem Klub war immer viel los. Es gab kein Aushängeschild oder andere Erkennungsmerkmale, aber man konnte den Klub leicht an einer Zigarettenrauchwolke identifizieren. Nach dem Spiel konnte es auch schnell mal zu Prügeleien kommen. Der Grund dafür konnte sein, dass ein Gamer das gespeicherte Spiel eines anderen gelöscht hatte oder etwas Ähnliches.

Es reichte nicht, einfach nur in den Computerklub zu gehen, um das verheißungsvolle Quake-Game zu spielen. Man musste warten. Glückspilze ergatterten nach nur einigen Stunden einen Spielplatz. Deswegen ging man nur selten spontan in den Klub. Man musste sich um einen Termin kümmern. Normalerweise traf man sich mit Freunden im Hof, in der Schule oder einem anderen unter Jugendlichen beliebten Ort. Man bildete ein Team und schickte eine vertrauenswürdige Person als Boten mit dem Geld zur Anmeldung. Die Namen der Spieler trug der Klubchef persönlich in seine Exceltabelle ein. Sein Tisch stand in der hintersten Kellerecke, er wusste immer wer kommt und wer geht. Die ganze Kommunikation mit ihm war auf ca. zwei Sätze reduziert. Man musste die Anzahl der gebrauchten Computer, die Namen der Spieler und die Uhrzeit nennen und bezahlen. An dem besagten Tag traf man sich mit der ganzen Clique zur virtuellen Schlacht.

Weder Counter-Strike noch Warcraft


Wenn man Unwissende nach Computerspielen von damals fragt, nennen die Meisten Warcraft und Counter-Strike. Aber 2002 waren das nicht die beliebtesten Spiele unter weißrussischen Gamern. Alle, die mit ihren Teams in den Computerkeller kamen, spielten am liebsten “Rune”. Etwas später war es dann Quake 3, und erst dann kam Counter-Strike 1.3 und die auch heute populären Strategiespiele.

Damals gab es kein Internet in Computerklubs, erst 2004 ist das Internet einigermaßen für alle verfügbar geworden. Natürlich war damals noch nicht die Rede von Wi-Fi und unbegrenztem Surfen. Eine Durchschnittsfamilie konnte sich im besten Fall ein paar Gigabyte Datenvolumen mit einer Downloadgeschwindigkeit von 240 Kilobyte pro Sekunde leisten. Mit der damaligen Verbindung konnte man gerade mal 32 Kilobyte pro Sekunde downloaden. Die kostbare und teure Zeit im Internet wurde also höchstens dazu verwendet ein paar Modi zu Quake 3 zu downloaden, um später die Einstellungen von irgendeinem virtuellen Gameturnier offline zum Spielen zu benutzen.

Virtuelle Turniere


Natürlich gab es unter den Spielern Wettkämpfe. Aber meistens wurden sie im Kleinen ausgetragen. Weder die Gamercommunity noch die örtliche Presse interessierten sich dafür. Und der “Wettkampf” selbst war nicht wirklich seriös. Es war eher eine Art Konkurrenzkampf zweier Teams, der ausgetragen wurde. Der Sieger bekam für das damalige Geldverständnis von Jugendlichen eine runde Summe.

Um am Wettkampf teilzunehmen, mussten sich die Teams anmelden, bezahlen und das Spiel konnte beginnen. Die Sieger bekamen das ganze Geld. So war das damals. Die meisten Besitzer solcher Gamerstuben oder anderer Unternehmen hatten keinen “Verhaltenskodex”, sondern nur den Wunsch, Geld zu verdienen. Computerklubs waren in einem ständigen Kampf mit dem boomenden Technikmarkt: Jedes halbe Jahr kamen neue Geräte auf den Markt und ihre waren demnach veraltet. Technik wurde also immer billiger und so war es für die Klubbesitzer günstiger, Geldstrafen zu zahlen, wenn ihre Räumlichkeiten nicht den nötigen Standards entsprachen, als immer neue Computer zu kaufen.

© Andrej Ditschenko


Überleben am Gesetzesrand


Die allgegenwärtige Computerisierung zeichnete sich nicht nur durch thematische Klubs aus. Ganze Wohnviertel bekamen lokale Netze und damit Gamer die Möglichkeit, von zu Hause aus zu spielen. Nach und nach boten Anbieter auch Flatrateinternet an und das war eigentlich das Ende der Computerklubära. Doch sie schafften es trotzdem, sich mit halb legalen Dienstleistungen über Wasser zu halten. Es schwappte z. B. der Hauptstadttrend namens “über Nacht” in die Provinz über: Man konnte für einen Spottpreis die ganze Nacht im Computerklub vor dem Bildschirm kleben. Und natürlich verlangte niemand nach einem Pass am Eingang. Doch die Polizei hatte sich dieser Sache schon angenommen. Die Medien berichteten, wie die Gesetzeshüter nachts Computerklubs auf der Suche nach Minderjährigen durchkämmten. Doch eigentlich interessierte sich die Polizei nicht so sehr für die Klubs, als vielmehr für Drogen, die in Umlauf gebracht wurden. Wenn im Jahr 2002 und 2004 noch niemand etwas über “Spice-Drogen” gehört hatte, so wurden sie um 2010 zur Modedroge. Und war man erst auf einem Trip, blieb man die ganze Nacht am Monitor hängen.

Man konnte auch ein Spiel auf eine CD brennen. Da man damals immer noch keine Spiele im Internet downloaden konnte, gingen Jugendliche einfach mit CD-Rohlingen in den Computerklub. Für 1500 weißrussische Rubel konnte man sich jedes Spiel, jeden Film brennen lassen. Das war ab ungefähr 2004 möglich. Der Dollar war damals schon 2100 weißrussische Rubel wert und eine lizenzierte CD mit einem Spiel konnte locker 10.000 Rubel kosten.

Andrej Ditschenko


Andrej Ditschenko (1988 in Kaliningrad geboren) ist ein weißrussischer russischsprachiger Schriftsteller und Journalist. Er studierte Geschichte an der Staatlichen Weißrussischen Max-Tank-Pädagogikuniversität. Er ist Autor der Bücher „Platten und Lücken“, „Du – mich“ und „Sonnenmensch“. Die künstlerischen Texte des Autors sind Teil des Pflichtprogramms des Literaturkurses mit Schwerpunkt Osteuropa des Swarthmore College (Swarthmore, Pennsylvania, USA). Er hat als Redakteur des weißrussischen Magazins „Ja“ („Ich“) gearbeitet, war stellvertretender Redaktionsleiter der Zeitung „Znamja Junosti“ („Fahnen der Jugend“), Journalist des weißrussischen Magazins „Bolshoj“ („Groß“) und weiterer weißrussischer Medien.

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