Zeit


…et nos mutamur in illis

«Es gibt so viele wissenschaftliche Entdeckungen darüber, dass wir anders sein müssen...»
Boris Grebenschikow


Einmal hatte ich das Glück mit einem amerikanischen Autor zu arbeiten, der Bücher über den Kampf der Forscher gegen autoimmune Erkrankungen und Krebs schreibt. Joseph ist ein typischer angelsächsischer, weißer, Protestant und eine seiner wichtigsten Thesen war, dass Menschen sich nie ändern. Dafür hatte er viele Beispiele aus dem Leben. Der Dichter und Träumer musste schon seit seiner frühen Jugend Geld verdienen, um seine Familie über die Runden zu bringen. Dabei schaffte er es trotzdem Träumer und Dichter zu bleiben. Mit leuchtenden Augen erzählte er mir, wie er mal ein Praktikum in einer Nervenheilanstalt gemacht hatte und der Patient Robert Lowell ihm sein gerade frisch geschriebenes Gedicht «For the Union Dead» vorlas. «Wenn sich Menschen ändern», sagte Jo, «dann nur unter Einfluss von Medikamenten. Und dabei nicht immer in die bessere Richtung».

Unsere Einstellung verändert unser Handeln, unseren Alltag, unsere Gewohnheiten, aber ändern wir uns dabei auch? Und was muss man tun, damit wirklich Veränderungen passieren? Das Leben lehrt uns, dass Menschen sich nicht ändern, dass wir uns alle unsere Nische in der Gesellschaft suchen, die zu unserem Charakter passt. Und nur eine starke Erschütterung — eine soziale oder private — kann einen Menschen abrupt verändern. Aber was genau ändert sich in ihm dann? Er selbst oder die Ansammlung von Basiseinstellungen, anhand derer er sein Leben verhandelt? Viele Menschen haben beispielsweise Angst vor Lifecouchings und Trainings, die vielleicht ihre Persönlichkeit verändern könnten. Ja, ein Mensch kann sich in seiner Verhaltensweise verändern, wenn er sich beispielsweiße ein ungewöhnliches, religiöses Verhalten aneignet oder an vielen Couchings teilnimmt. Dann sieht es von außen so aus, als ob er sich verändert hätte. Aber hat das auch tatsächlich Auswirkungen auf seine Persönlichkeit als solche?

Vor nicht allzu langer Zeit konnte man einen neuen Trend unter Youtubern feststellen: Sie beobachten, wie andere Leute essen. Beispielsweiße, wie chinesische oder indische Schönheiten mit Heißhunger frittierte Skorpione verschlingen oder ein dreijähriges Mädchen aus Jakutien eine tiefgekühlte, rohe Leber isst, als wäre es eine seltene Delikatesse. Wenn ich das sehe frage ich mich: Könnte ich mich jemals so verändern und mit derselben Freude Skorpione essen? Ratten? Hunde? Menschen? Vielleicht bei sehr großem Hunger? Ich bin mir da nicht so sicher. Wie unterscheide ich mich von den Menschen, die ihre Neugeborenen gegessen haben, wie man in der Chronik von Joseph Flavi über den Hunger in der Ukraine nachlesen kann? Steht man von Angesicht zu Angesicht dem Hunger und der eisigen Kälte gegenüber, sind wir wahrscheinlich alle gleich. Aber vielleicht gibt es irgendwelche Basiseinstellungen, die mich dann doch von anderen unterscheiden würden. Vielleicht. Am Abend koche ich dann Garnelen und denke mir, dass es im Grunde dieselben Käfer sind. Nur ist unsere Wahrnehmung anders — wir empfinden Garnelen nicht als ekelige, glitschige, rosafarbene Würmer. Vielleicht würde ich auch Kakerlaken mit anderen Augen sehen können. Vieles hängt von unserer Einstellung und Wahrnehmung ab. Erzählt man den Menschen, dass der Typ da drüben eine Kakerlake ist, beginnt das Szenario des Völkermordes in Ruanda. Wir bleiben genau so, wie wir waren: cholerisch, melancholisch, phlegmatisch mit all unseren rührenden Gewohnheiten und Ängsten. Aber in unseren Einstellungen wird abgespeichert sein, dass Kakerlaken — Nahrung ist und Tutsi — Kakerlaken sind und rechtmäßige Beute. Können wir uns so verändern, und können wir solche Veränderungsprozesse überhaupt kontrollieren? Können wir unsere Nachbarn, die zu Kakerlaken erklärt wurden, erschießen und dann in aller Ruhe zum Abendessen zurückkehren, wie es im skandalösen Buch von Rūta Vanagaitė beschrieben wird? Sind wir dabei noch wir selbst?

Neulich erzählte mir mein Freund Taras von seinem Besuch eines Gefängnisses, in dem ein im Poltawa Gebiet der Ukraine wütender Massenmörder einsitzt. Man hat ihm 29 Morde nachgewiesen. Taras erzählt voller Zärtlichkeit, wie der Mörder Rucksäcke näht, Schach spielt, Tee trinkt und Fernsehen guckt und darüber nachdenkt, ob er nicht vielleicht früher entlassen werden könne. Wie hoch stehen die Chancen, dass er sich verändert hat? Er hat nicht nach dem ersten, zweiten, fünften Mord aufgehört. Auch nicht nach dem Zwanzigsten. Gibt es etwas auf der Welt, was ihn stoppen, ihn verändern könnte? Wenn ich mir Fotos von Straftäterinnen angucke, die «lebenslänglich» bekommen haben, und im Frauenknast an einer mit Glitzer bemalten Wand stehen, erinnern sie mich an junge Studentinnen einer Berufsschule im Wohnheim. Nur mit dem Unterschied, dass die noch voller Hoffnung und Zukunftspläne stecken. Die Straftäterinnen lachen flirtend in die Kamera — jede von ihnen hat jemanden ermordet, in Stücke zerteilt oder gefoltert. Und diese grauenvollen Taten, die sie begannen, haben nichts in ihnen verändert. Nichts.

Wir verändern uns alle in der ein oder anderen Weise. Wir werden von Informationsquellen geleitet. Früher waren es das Radio und das Fernsehen, heute sind es soziale Netzwerke, Smartphones, das Internet. Wir bewerten andere Leute, aber bleiben wir dabei gleich? Wir, die Internetgeneration, verändern uns ständig. Wir empfinden uns als anders, als die Generation vor uns. Unser Gehirn arbeitet sogar anders.Aber in uns schlummern dieselben Monster, wie in allen Menschen vor uns.
© Elena Mordowina

Elena Mordowina


Prosaistin, Übersetzerin, Redakteurin des Verlages „Kajala“.

Links

"Kajala" Verlag

Andere Themen





Werde Teil der Konverter Community