Zeit


00:54, 06.03.1992

Ich saß in einem Auto, das mir nicht gehörte, und fuhr mit Benzin, das ich nicht getankt hatte. Es war Sommer, aber die Sonne schien nicht; es regnete und durch den Nebel konnte man wohl kaum weiter als 100 Meter sehen, aber das war nicht der Grund, warum ich nicht wusste, wo ich hinfuhr. Es war ein Sonntag, und ich hatte mir das Auto mit den Worten geliehen, das ich zur Kirche fahren wolle, obwohl ich nie in die Kirche ging. Vielleicht würde ich dort den ganzen Tag bleiben, hatte ich gesagt, und obwohl man mir nicht glaubte, stellte man keine weiteren Fragen. Seitdem fuhr ich einfach, ohne überhaupt die Richtung zu wissen und schon längst hatte ich den Überblick verloren, wo ich überhaupt war. Auf dem Armaturenbrett leuchtete schwach eine elektronische Anzeige: 00:54, 06.03.1992. Das war falsch, über zwei Jahrzehnte waren seit diesem Tag vergangen und auch an der Uhrzeit war nichts richtig. Wenigstens verriet diese Anzeige, dass das Auto ziemlich alt sein musste.

 Am Anfang hatte ich noch Radio gehört, aber die Lieder, die gespielt wurden, gefielen mir nicht, weil sie modern waren: Es liefen die größten Hits des Sommers, der Klang der Gegenwart und das mochte ich noch nie. Erst wenn ein paar Jahre vergangen waren, man die Lieder nur noch selten hörte und man schon ihren ersten Takten entnehmen konnte, dass sie einer anderen Zeit entstammten, konnte ich mich für sie begeistern. Ich wusste, dass das albern war, aber ich hatte mir das nicht ausgesucht; ich mochte es einfach, wenn sich etwas nach Vergangenheit anhörte. Deswegen steckte ich eine Kassette in den Kassettenspieler, den das Auto zu meinem Vergnügen noch hatte, und hörte eine Kassette, die ich im Handschuhfach fand: "Die größten Hits der 60er." Die Lieder darauf gefielen mir sehr gut, aber ich wusste ganz genau, dass ich sie nicht hören würde, wenn jetzt noch die 60er Jahre wären.

Mir war zwar, wie gesagt, nicht klar, wohin ich fahre, wohl aber wusste ich den Grund meines ziellosen Umherfahrens. Mir war schon seit Längerem aufgefallen, wie rasend schnell und doch unbemerkt die Zeit, die den Lauf meines Lebens bestimmte, verfloss. Obwohl ich jeden Tag wusste, welches Datum war, war ich manchmal, wenn ich innehielt, erschreckt, wie viele Wochen und Monate wieder vergangen waren: Gerade war noch Winter, jetzt war schon Sommer und auch der war bald wieder vergangen. Irgendwie, zumindest sagte mir das mein Gefühl, lief die Zeit immer schneller. Vielleicht lag das daran, dass sich alles immer wiederholte: Dieser Sommer war wie der letzte und der davor. Eigentlich war dieser Sommer auch wie der Winter oder der Frühling, denn mein Alltag war nicht abhängig von der Jahreszeit und meine Tage liefen, auch wenn ich immer um Abwechslung bemüht war, im Prinzip doch sehr ähnlich ab. Meine Erinnerungen waren einförmig, was bedeutet, dass ich ihrer zwar nicht besonders wenige hatte, aber sie waren so ähnlich, dass in meinem Kopf manchmal mehrere Ereignisse zusammenschmolzen und merkwürdige Dinge dabei herauskamen, von denen ich wünschte, sie wären Realität gewesen, auch wenn mir oft irgendeine Ungereimtheit zeigte, dass ich mich täuschte. Und wenn dies nicht der Fall war, wusste ich nicht, war es nun wirklich Realität oder habe ich bloß die Ungereimtheiten übersehen? Wenn ich mir aber in einer Erinnerung ganz sicher war, dann wusste ich nicht, ob es vor drei Wochen geschehen war oder vor sechs, vor einem halben Jahr oder sogar vor zwei Jahren?

Diese Gedanken hatten mich in der letzten Nacht um den Schlaf gebracht und ich war am Morgen in einem ziemlich schlechten Zustand aufgestanden, meine Gedanken waren nicht klar und unsortiert. Aber nach dem zweiten Kaffee hatte ich plötzlich den festen Entschluss in mir: "Heute passiert etwas." Und da ich dennoch nicht wusste, was passieren sollte, lieh ich mir einfach das Auto und fuhr los, am besten irgendwohin, wo ich noch nie gewesen bin. Das gab mir wenigstens die kleine Hoffnung, dass ich in Zukunft vielleicht unterscheiden könnte, welche Erinnerung vor diesem nebligen Sonntag, an dem ich so viel Benzin sinnlos verbrannt habe, entstanden war, und welche danach. Da kam mir der Gedanke, dass vielleicht gerade die Sinnlosigkeit einer solchen Unternehmung der Grund dafür ist, dass sie sich in das Gedächtnis einbrennt. Denn mein Verdacht war es, dass ich meinen Alltag mit möglichst viel Sinn zu füllen suche und den Tagesablauf, der mir am effektivsten vorkommt, immer aufs Neue wiederhole? Ich war froh, dass ich diesen Gedanken schon kurz nachdem er mir gekommen war, wieder abbrechen musste, weil plötzlich, mitten im Nichts, eine Gestalt am Straßenrand erschien, die den Daumen Richtung Fahrbahn hielt.

Ich hielt an und die Tramperin öffnete die Beifahrertür. "Hallo", sagte ich, "wohin willst du denn?" "Hallo", sagte die Frau freundlich, "es ist mir eigentlich egal. Hauptsache weg." Ich lachte und sagte, dass das gut passe. "Da will ich auch hin." Dann stieg sie ein und wir fuhren weiter. Obwohl es nach der merkwürdigen Begrüßung genug Anlass für ein Gespräch gegeben hätte, redeten wir zunächst nicht weiter miteinander. Erst als auf der Kassette "The Animals" das Lied "We Gotta Get out of This Place" in ziemlich schlechter Qualität spielten, sagte sie, dass das ziemlich merkwürde Musik sei und was das für ein Radiosender sei. Ich antwortete, dass das kein Radio, sondern eine Kassette sei und dass ich sie höre, weil ich nichts aus der Gegenwart hören wolle. Lieber wolle ich etwas Altes hören, weil mich der Klang der Vergangenheit irgendwie glücklich mache. Ob ich deswegen auch Datum und Uhrzeit verstellt habe, fragte sie mich, und ich sagte nein, es sei nicht mein Auto, aber es gefalle mir in der Tat sehr gut, dass das alles nicht stimme. "Das ist komisch", sagte sie und deutete noch einmal auf den Kassettenspieler, "und ich denke immer, dass ich gerne die Musik aus der Zukunft hören würde. Aber das geht ja leider nicht." "Aus der Zukunft? Ich kann mir nichts Schrecklicheres vorstellen." "Vielleicht ist das ja der Grund, warum du so sinnlos in der Gegend herum fährst..."

Dann fing ich an zu erklären. Dass ich mit diesem Tag versuche, meinen Alltag wenigstens ein bisschen zu durchbrechen, damit ich meine Erinnerungen besser ordnen kann und damit ich vielleicht die Zeit ein bisschen aufhalten kann. Und tatsächlich käme mir dieser Tag bis jetzt schon viel länger als die meisten anderen Tage vor, dabei war es gerade einmal Nachmittag. Und das obwohl es ja eigentlich so sei, dass die Zeit immer schneller und schneller verginge. "Ist das so?", fragte sie, "ich finde, die Zeit vergeht normal schnell."

Diese Antwort hatte mich verwundert – was sollte "normal schnell" denn schon heißen? - und so führte ich meine Gedanken weiter aus: Es sei ganz logisch, dass die Zeit immer schneller vergeht. Denn wenn man vier Jahre alt ist, dann ist ein Jahr ein ganzes Viertel des Lebens. Wenn man zehn ist, ist es nur noch ein Zehntel und wenn man zum Beispiel 62 nur noch irgendwas Geringes unter zwei Prozent.

"Ja", sagte sie, "aber es ist nie zu spät, ein neues Leben anzufangen. Und dann kannst du die Rechnung wieder von vorne beginnen."
Ich wollte gerade widersprechen und sagen, dass das so nicht funktioniere, aber sie kam mir zuvor: "Ich muss hier leider schon wieder raus."
"Hier?", wollte ich wissen, denn links und rechts war nur Wald.
Aber sie bestätigte und ich hielt, auch wenn ich es nicht verstand, an. "Du hast mir gar nicht gesagt, warum du so ziellos herumfährst", fragte ich noch, als sie die Tür öffnete.
"Ich bin auch auf der Flucht", entgegnete sie mir, "und danke für‘s Mitnehmen."

Dann ging sie und zwar weiter in die Richtung, in die ich gefahren wäre. Ich aber verstand nicht und blieb stehen. Vielleicht wollte ich die Sinnlosigkeit meines Ausfluges noch einmal unterstreichen, vielleicht wusste ich auch einfach nicht, was ich sonst tun sollte, jedenfalls verstellte ich die Datumsanzeige des Autos. Aber nicht auf die richtige Zeit, die ich übrigens ohnehin nicht wusste, sondern auf genau die Minute, in der ich geboren wurde. Dann fuhr ich weiter und hielt nicht noch einmal bei der jungen Frau an, um sie nach einer Erklärung zu fragen.
© Albert Feierabend

Albert Feierabend


Albert Feierabend wurde 1993 in Norddeutschland geboren und ist dort auch aufgewachsen. Nach einem einjährigen Freiwilligendienst in Uganda und einigen weiteren Auslandsaufenthalten begann er in Kiel die Fächer Geschichte und Germanistik zu studieren. Neben seinem Interesse für Kulturen, Sprachen und Menschen schreibt er gerne Texte und lässt sich dabei von seinen Erlebnissen und Erfahrungen inspirieren.

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