Übersetzerporträts

„Es gibt einige wenige deutsche Autoren, die ich unbedingt übersetzen möchte…“

Tatjana Alexandrowna Baskakowa; Foto: privatTatjana Alexandrowna Baskakowa
im Gespräch


Setzen Sie bitte folgenden Satz fort: „Übersetzen ist…“?

…für mich vor allem der Versuch, einen anderen Menschen so gut wie möglich zu verstehen. Solche Versuche können nicht zu 100 % gelingen. Immer wieder versuchst du es von neuem und es gelingt dir mehr oder weniger gut.

Nach welchem Werk wurde Ihnen klar, dass Sie gerne übersetzen?

Es gab eine Zeit in meinem Leben, die nicht leicht war. Damals kam mir die Idee, dass mich das Übersetzen eines literarischen Textes, der mir sehr gut gefällt, auf andere Gedanken bringen könnte. Ans Publizieren dachte ich nicht. Ich versuchte es und bereits kurz darauf, als ich ohne Arbeit dastand, erzählte ich meinen Bekannten, dass ich gerne etwas übersetzen würde. Mir wurde angeboten, auf Vertragsbasis eine fremde Übersetzung zu redigieren. Es stellte sich heraus, dass die Übersetzung gründlich überarbeitet werden musste. Das ist wie ein Sprung ins kalte Wasser: Man schließt einen Vertrag ab, nimmt Verpflichtungen auf sich und muss in relativ kurzer Zeit ein Buch zur Publikation vorbereiten. Mir war jedoch klar, dass ich es schaffen musste, andernfalls könnte ich mir den Gedanken, Übersetzerin zu werden, aus dem Kopf schlagen. Ich redigierte das Buch und bekam danach eine Stelle beim Verlag. Das erste Buch, das ich übersetzte, war ein englisches. Danach übersetzte ich aus dem Deutschen und dann wieder aus dem Englischen. Neben der Arbeit fertigte ich gleichzeitig meine erste freiberufliche Übersetzung an.

Wie ging es mit der Ägyptologie weiter?

Ich schaffe es nicht, meine wissenschaftliche Karriere und das Übersetzen miteinander zu vereinbaren: Sowohl das eine als auch das andere erfordert vollen Einsatz. Die Beschäftigung mit ägyptischen Texten hat aber in jederlei Hinsicht einen starken Einfluss auf mich ausgeübt. Das Altägyptische hat sich im Laufe von 3000 Jahren radikal gewandelt: Ursprünglich war es eine synthetische Sprache wie beispielsweise das Russische, allmählich büßte es aber seine Flexionsformen ein und wurde zu einer analytischen Sprache wie das Englische. Heute beschweren sich viele darüber, dass die russische Sprache „verkommt“ und durch Fremdwörter und Slang-Ausdrücke entstellt wird. Als Ägyptologin erscheinen mir derartige Ängste übertrieben: Solange eine Sprache lebendig ist, verändert sie sich ständig und nimmt Elemente aus anderen Kulturen auf. Die grundsätzliche Unähnlichkeit zwischen der ägyptischen Sprache und den europäischen Sprachen zwingt einen, jene Ausdrucksformen im Russischen und in den westeuropäischen Sprachen genauer zu betrachten, die früher als selbstverständlich galten. In der Ägyptologie ist es besonders wichtig, ein genaues Verständnis von den Funktionen der grammatischen Formen zu haben: Die Vokale wurden nicht geschrieben, also kann ein und dieselbe Schreibweise verschiedenste Bedeutungen haben. Da die alten Ägypter außerdem überhaupt keine Interpunktionszeichen benutzten, musste ich lernen, auf andere Arten der Intonationskennzeichnung zu achten.

Hat Ihnen ganz zu Beginn ihrer Übersetzerinnenkarriere jemand geholfen?

Ja, ich hatte Leute, die sich meine Übersetzungen ansahen. Insbesondere Boris Dubin hat mir sehr geholfen. Ihn habe ich kennengelernt, als ich unmittelbar nach Abschluss meines Studiums für ein halbes Jahr in der Leninbibliothek arbeitete. Er und Lew Gudkow waren damals bereits gemachte Leute und hinterließen bei mir einen bleibenden Eindruck. Aber auch Andere, die früher als ich mit dem Übersetzen begonnen hatten, legten die Latte hoch. Dubin zeichnet sich durch seine vollkommene Hingabe aus. Bei den von der Soros Stiftung ins Leben gerufenen Übersetzungswettbewerben, nahm er an der Auswahl der für die Übersetzungen empfohlenen Literatur teil, um bei uns endlich neue Autorinnen und Autoren bekannt zu machen.

Es gibt auf diesem Gebiet keine unangefochtenen und ewigen Profis. Niemand ist vor Misserfolgen gefeit. Das Einzige, was helfen kann, ist der Wunsch, gute Arbeit zu leisten. Selbst wenn berühmte Übersetzerinnen oder Übersetzer schlechte Übersetzungen abliefern, werden ihre Kolleginnen und Kollegen Notiz davon nehmen. Warum die Beziehungen im Übersetzerumfeld so gut sind? Übersetzerinnen und Übersetzer erlauben sich keinen Stillstand. Für sie besteht offenbar keine Grenze zwischen dem Leben und der „hohen“ Literatur…

Welche Ihrer „Arbeitssprachen“ ist Ihnen am nächsten?

Das Deutsche. Es gibt einige wenige deutsche Autoren, die ich unbedingt übersetzen möchte, ich kann mich aber jeden Moment für etwas Neues begeistern.

Haben Sie Deutsch in der Schule gelernt?

Nein, in der Schule habe ich Englisch gelernt. Es war eine gewöhnliche Moskauer Schule, jedoch mit guten Sprachlehrern, Absolventen der philologischen Fakultät, die sich eher an ihren eigenen Interessen orientierten, als am Lehrplan. Als ich in der zweiten Klasse war, wurde meine Schule in eine Schule mit erweitertem Englischunterricht umgewandelt. Sie war jedoch Gott sei Dank nie elitär. In der achten Klasse übersetzte ich einen Auszug aus „Heldentod“ von Richard Aldington. Ich gewann sogar einen Wettbewerb. Als ich begann, mich mit dem Alten Ägypten zu beschäftigen, fing ich gleichzeitig an, Sprachen zu lernen, um die deutschen, englischen und französischen Fachtexte lesen zu können. Ich kann mich noch daran erinnern, dass es mit dem Deutschen schlecht lief: Während meiner Studienzeit wurde ein neues Programm eingeführt – wir mussten ganze Seiten von Dialogen auswendig lernen. Danach bekam ich Märchen von Hesse zu lesen. Mein Interesse wurde geweckt und ich las unter Zuhilfenahme eines Wörterbuchs das ganze Buch. Das erste fremdsprachige Buch ist schwer zu lesen, dafür wird es dann sofort einfacher.

Hat Ihre Familie etwas mit Literatur zu tun?

Nein. Ich habe das Gefühl, dass meine Familie aus geborenen Außenseitern besteht: Jede Generation scheint sich von der vorhergehenden abgrenzen zu wollen. Der Vater meiner Großmutter war ein getaufter Jude, das heißt, er war weder Jude noch Russe… Meine Großmutter kam aus der Ukraine. Sie schlug eine Karriere als Schauspielerin ein, die sie letztendlich wieder an den Nagel hängte. Mein Großvater war Schauspieler. Meine Mutter wurde Ärztin – das Schauspielermilieu schien ihr zu extravagant und widerstrebte ihr. Mir wiederum standen meine Großeltern näher als meine Eltern. Mein Vater hatte ebenfalls gemischte, adelig-bäuerliche Wurzeln. Er war Geologe und konnte kleine Flugzeuge reparieren. Mit 50 Jahren zog er nach Workuta. Dem Charakter nach erinnerte er an einen Helden aus einem Schelmenroman. Irgendwann begriff ich, dass derartige Familiengeschichten charakteristisch für viele waren, die im 20. Jahrhundert in Russland lebten – keine Traditionen, keine verwandtschaftlichen Beziehungen, ein Gemisch aus vielen Völkern… Mir schien, als sei ich selbst auch eine Außenseiterin oder würde zumindest dazu neigen, da ich keiner bestimmten Gesellschaftsschicht angehörte. Mein Wunsch, mich mit Geschichte bzw. später mit Literatur und Übersetzung zu beschäftigen, hatte nichts mit meiner Familie zu tun.

Mein Sohn wurde Mathematiker. Er besuchte eine Schule mit erweitertem Mathematikunterricht. Bei den Elternabenden notierte ich immer genau, welchen Stoff sie im nächsten Semester durchnehmen würden, ohne auch nur irgendetwas davon zu verstehen. Ich kam mir vor wie eine Idiotin. Mein Sohn hat eine ganz andere Art zu denken als ich. Ein wenig belächelt er das, was ich tue.

Gab es Übersetzungen, die einen starken Eindruck auf Sie gemacht haben?

Ja. Ich arbeitete eine Zeit lang zusammen mit Nina Fjodorowa bei einem Verlag. Manchmal las sie Stellen aus ihren Übersetzungen vor. Für immer in Erinnerung bleiben werden mir die großartigen Auszüge aus dem Roman „Morbus Kitahara“ des österreichischen Autors Christoph Ransmayr. Stark beeindruckt haben mich außerdem die Übersetzungen von Anatoli Geleskul und auch die Art, wie er sie vortrug. Es schien, als sei er selbst der Autor dieser Gedichte.

Haben Sie Übersetzungen „Ihrer“ Werke in anderen Sprachen gelesen?

Nein. Als ich an Kracht zu arbeiten begann, konnte ich seine anderen Werke nicht einmal auftreiben, ganz zu schweigen von deren Übersetzungen. Über Schmidt habe ich Artikel von hervorragenden Übersetzern seiner Prosawerke gelesen - einem Franzosen und einem Amerikaner. Iсh habe die französische Übersetzung einiger Seiten eines späten Romans von Schmidt, der nahezu unübersetzbar ist, gesehen. Übrigens glaube ich nicht, dass die heutigen Übersetzerinnen und Übersetzer anderer Länder schlechter sind als unsere. Ich habe beispielsweise einen Gedichtband von Alexander Galitsch in deutscher Übersetzung gelesen, der dem Original hinsichtlich Rhythmik und Stimmung erstaunlich nahe gekommen ist. Der Übersetzer dieser Gedichte war ein Spezialist für altbabylonische Literatur. Meiner Meinung nach sollte zwischen dem Übersetzen und dem Interpretieren von Texten keine Grenze gezogen werden. Du musst den Text, den du übersetzt, unbedingt auch aus literaturwissenschaftlicher Sicht verstehen – die darin gebrauchten Kunstgriffe, Rhythmen, Wiederholungen…

Stoßen Sie in Texten oft auf unklare Stellen oder Bezeichnungen, bei denen Wörterbücher nicht weiterhelfen?

Sehr oft. Irrsinnig schwierig zu übersetzen waren beispielsweise die Werke Krachts, obwohl er eine einfache Sprache gebraucht. Manchmal verstand ich nicht, weshalb er dieses oder jenes sagt. In einer Szene etwa bietet der Hausherr seinem Gast an, einen Orgonakkumulator zu benützen. Was ist das für ein Apparat und warum verpasst der Gast dem Hausherren daraufhin einen Schlag ins Gesicht?.. Als ich Kracht übersetzte, begann ich erstmals, das Internet ausgiebig zu nutzen. Über Google suche ich alles, was unklar ist, sogar die Namen von Eissorten. Fast immer werde ich auch fündig, sogar im Falle dieses Orgonakkumulators konnte ich mir durch das Internet Klarheit verschaffen. Es handelt sich dabei um einen Apparat zur Akkumulation von mystischer Energie, für den sich Leute aus dem Umfeld Burroughs, spätere Anarchisten u.a. begeisterten. Nachdem ich das geklärt hatte, hat sich mein Blick auf das Buch etwas verändert. Ich habe darin neue Anspielungen entdeckt und ein Nachwort verfasst. Ich möchte, dass die von mir übersetzten Bücher so verständlich wie möglich sind, deswegen schreibe ich Kommentare und erzähle vom Autor. Schließlich kenne ich das Original und habe daher einen besseren Überblick als die Leserinnen und Leser.

Wie übersetzen Sie den Titel eines Werks? Der russische Titel des Werks „Lʼangoisse du roi Salomon“ von Romain Gary „Strachi zarja Solomona“ beispielsweise stellt einen Verweis auf den Roman „King Solomon’s Mines“ (russ. Übersetzung: „Kopi zarja Solomona“) von Henry Rider Haggard dar.

Derart schwierige Fälle sind mir nicht untergekommen. Den Titel des Romans „Faserland“ habe ich in der Übersetzung beibehalten, da er mehrere Bedeutungen in sich vereint. Nur einmal habe ich einen Titel geändert und zwar im Falle der Erzählung „Transaktionen oder Die Schule des Lebens“ von Ingomar von Kieseritzky. Hier habe ich anstatt der russischen Entsprechung den Titel „Delowoje obschtschenije, ili Schkola schisni“ gewählt. Ich verstehe sofort, was ein Titel ausdrücken soll, aber zuweilen fällt mir lange keine russische Entsprechung dafür ein. Mir gefällt der bisher noch nicht übersetzte Roman „Holzfällen. Eine Erregung.“ von Thomas Bernhard, jedoch weiß ich bis heute nicht, wie man den zweiten Teil des Titels verständlich ins Russische übertragen könnte (es geht um die Beschreibung eines Gefühls, das sich einer Person für ein paar Stunden bemächtigt).

In der letzten Zeit haben Sie viele Bücher übersetzt. Haben Sie so etwas wie ein tägliches „Übersetzungspensum“?

Ich liebe es zu übersetzen und übersetze in jeder freien Minute. Es ist allerdings falsch, sich so viel Arbeit aufzuhalsen, dass man es sich nur äußerst selten erlauben kann, sich zu entspannen, Freunde zu besuchen oder zu verreisen. Aufgrund des bestehenden Honorarniveaus bin ich jedoch gezwungen, viel zu arbeiten. Wenn mir aber etwas Kraft gibt, dann ist es die Begegnung mit Neuem. Dabei muss ich ständig die Abgabefristen im Auge behalten. Dann kommt schon das nächste Buch… Ich schließe immer gleich mit mehreren Verlagen Verträge ab. Häufig kam es nämlich vor, dass ein Verlag zusperrte oder sich lange weigerte, das Honorar für eine bereits geleistete oder abgelieferte Arbeit zu zahlen. Ich möchte übersetzen, aber nicht in einer solchen Eile und nicht in Extremsituationen. Deshalb bedinge ich mir beispielsweise für die Übersetzung eines Buches ein Jahr aus, weiß allerdings, dass ich in Wirklichkeit weit weniger Zeit dafür benötige und nicht sofort mit der Übersetzung des Buches beginnen werde. Mir ist es jedoch wichtig zu wissen, dass ich bis Ende des Jahres Arbeit haben werde. Üblicherweise lese ich das ganze Buch sofort. Danach lese ich jedes Kapitel noch einmal und sehe mir an, wie es aufgebaut ist.

Hat Sie irgendein Text, den Sie übersetzt haben, überrascht? Ändert sich Ihre Einstellung zu den Texten während des Arbeitsprozesses?

Die Texte von Schmidt lösen bei mir unterschiedliche, aber stets starke Emotionen aus. Schmidt ist ein mir sehr vertrauter Autor, praktisch mein ständiger Gesprächspartner. Nichtsdestotrotz rufen einzelne Aspekte bei mir Ablehnung hervor. So etwa seine Einstellung zur Religion oder, in seinen späten Romanen, die Fülle an sexuellen Anspielungen. Da ich mich für seine literarischen Vorlieben interessierte, begann ich Autorinnen und Autoren zu lesen, die ich davor überhaupt nicht oder fast gar nicht gekannt hatte, und bekam Lust, sie zu übersetzen. Das heißt, dass sich in der Folge die Ausrichtung meiner Arbeit teilweise änderte.

Dank Kracht hat sich mir eine ganze Fülle an Literatur eröffnet, die in Zusammenhang mit den Beatniks und späteren, verwandten Strömungen steht. In „Faserland“ wird eine Jugendkultur beschrieben, die zu einem großen Teil auf Rockmusik basiert. Ich wollte versuchen, in das Ganze einzutauchen, so kaufte ich mir zum Beispiel eine Platte der Gruppe New Age, die im Roman erwähnt wird. Im ersten Roman Krachts versuchte ich, die Jugendsprache wiederzugeben, aber ich glaube, dieser Versuch ist missglückt. Als ich mit der Übersetzung begann, hatte ich nur eine vage Vorstellung davon, wer Kracht eigentlich ist. Er ist ein höflicher Außenseiter und seine Hauptfigur kann keinesfalls „typischen“ Jugendslang verwenden. Seine Sprache ist zurückhaltender als die in meiner Übersetzung. Nichtsdestotrotz hätte ich etwa in der Szene, in der eine Drogenparty beschrieben wird, kein neutrales Wort wie, sagen wir, „Mädchen“ gebrauchen können. Das hätte noch weniger gepasst.

Sind Sie mit Ihren Arbeiten zufrieden?

Ja. Aber ich sehe mich, was das Übersetzen betrifft, als Anfängerin. Ich glaube, dass mit jedem abgeschlossenen, guten Buch auch die Übersetzerin bzw. der Übersetzer selbst besser wird. Mich interessieren konkrete Autorinnen und Autoren. Und das, obwohl es oft schwierig ist, ihre typischen Stilelemente zu übertragen und es – und das ist das Wesentliche – vorkommen kann, dass sich gewisse Wörter in meinen Übersetzungen, im Gegensatz zu ihren Texten, zu stark abheben und gekünstelt wirken. Trotzdem finde ich es interessant, mich damit zu beschäftigen, besonders mit syntaktischen Konstruktionen, die nahe am Original wiedergegeben werden können und von denen die Rezeption des Textes sehr stark abhängt. Was besagten Schmidt anlangt, so finden sich in seinem Roman viele Dialekte und Ausdrücke, die er dem Klang nach niedergeschrieben hat. Die Übertragung von Dialekten ist für mich überhaupt eine unlösbare Aufgabe, an deren Lösung man sich ohnehin nur annähern kann. Ich habe Fragmente, die Dialektsprache enthalten, viele Male umgeschrieben, sogar in den Druckfahnen. Ich glaube, das hätte ich auch anders handhaben können. Ein Dialekt muss seine eigene Logik haben. Meiner Ansicht nach hat es keinen Sinn, Dialekte anderer Sprachen mit russischen wiederzugeben. Als Übersetzerin möchte ich das ausdrücken, was im Original steht. Wenn bei der deutschen Autorin oder dem deutschen Autor bestimmte Verletzungen der klassischen deutschen Sprache vorkommen, so sollte etwas Ähnliches auch in der Übersetzung vorhanden sein. Ich versuche stets, mich vom zu übersetzenden Text zu lösen.

Was ist Ihnen näher: das „sinngemäße“ oder das „wörtliche“ Übersetzen? Wladimir Murawjow hat einmal gesagt, dass er ohne jegliche Bedenken in der Übersetzung aus einem „Tisch“ einen „Stuhl“ macht, sollte dies der Adäquatheit dienen: „Ich berichte schließlich nicht davon, was im Text geschrieben steht, sondern versuche, den Text selbst zu reproduzieren.“

In der Ägyptologie ist es üblich, die Texte aus dem Alten Ägypten möglichst wortgetreu wiederzugeben. Diese Regel kann jedoch nicht auf das literarische Übersetzen angewandt werden. Mir ist es wichtig, die Intonation zu vermitteln: Ein Mensch spricht nie ohne Gefühlsregungen, er betont immer bestimmte Satzteile. Ich möchte Änderungen der Stimmung, der Intonation darstellen. Den Sinn wiederzugeben ist nicht schwierig, aber um Kompromisse kommt man trotzdem nicht umhin. Ich glaube nicht, dass ich aus einem „Stuhl“ einen „Tisch“ machen würde, aber das ist keine allgemeingültige Regel. Man kann zum Beispiel einen zu komplizierten Pflanzennamen gegen einen alltäglicheren, einfacheren austauschen. Du weißt selbst immer, dass du dieses oder jenes geopfert hast und bedauerst es stets, Verluste sind jedoch unumgänglich. In einem nicht allzu komplizierten Text von Bernhard erstrecken sich die Sätze über drei Seiten. Hier sind Wiederholungen sowie die Intonation wichtig und es gibt viele Nebensätze. Ich habe, wie mir scheint, alles ziemlich genau wiedergegeben, sogar in derselben Reihenfolge. Ich war jedoch gezwungen, viele Gedankenstriche und Strichpunkte zu verwenden. Andernfalls hätte sich der Text auf Russisch nicht flüssig gelesen. Im deutschen Text hingegen gibt es außer Beistrichen keine Interpunktionszeichen.

An welche Art von Literatur bzw. welche Genres würden Sie sich nicht heranwagen, beispielsweise Gedichte oder Märchen? Oder existieren für Sie beim Übersetzen keine Grenzen?

Das Übersetzen von Gedichten ist etwas Besonderes. Die Übersetzungen von Geleskul sind eindeutig Übersetzungen eines Dichters, egal ob er nun selbst Gedichte schreibt oder nicht. Ich kann das nicht. Es kam zwar vor, dass ich hier und da ein paar Verse übersetzen musste, auf die ich gelegentlich in Texten gestoßen bin (z.B. ein antisemitisches Gedicht in einem Buch über jüdische mittelalterliche Philosophie). Mir ist jedoch bewusst, dass es sich hierbei um schlechte Lyrik handelt, andernfalls hätte ich sie gar nicht erst übersetzt. Kinderliteratur ist auch ein ganz eigenes Kapitel. Als ich gerade erst mit dem Übersetzen begonnen hatte, versuchte ich mich an der Übersetzung eines Märchens aus dem Italienischen. Ich war begeistert von den Volksmärchen, die Italo Calvino gesammelt hat. Die Übersetzung gelang mir jedoch nicht. Ich begriff, dass es leichter ist, einen Text mit den kompliziertesten Metaphern zu übersetzen, als ein einfaches, gewöhnliches Märchen. Wenn du es nicht kannst, ist es, als ob es dir unter deinen Händen verwelken würde. Mir haben die Übersetzungen der spanischen Volksmärchen von Natalija Malinowskaja sehr gut gefallen. Ich liebe überhaupt gleichnishafte Erzählungen.

Tatjana Alexandrowna Baskakowa: (*1957) – Übersetzerin aus dem Deutschen, Französischen, Englischen, Italienischen, Doktorin der Geschichtswissenschaften, Lektorin.

Übersetzungen aus dem Deutschen: Romane „Faserland“ (2001) und „1979“ (2002) von Christian Kracht, Roman „Das steinerne Herz“ (2002), Erzählung „Schwarze Spiegel“ (2005) und Kurzgeschichten (1999) von Arno Schmidt, Romane „Simple Stories“ (2003) von Ingo Schulze, „Proletarka“ (2003) von Fleur Jaeggy, „Die drei Sprünge des Wang-Iun“ (2006) von Alfred Döblin, „Hundsnächte“ (2007) von Reinhard Jirgl, Erzählungen „Wittgensteins Neffe“ (2003) und „Die Kälte. Eine Isolation.“ (2006) von Thomas Bernhard, Monolog „Redner rund um die Uhr“ (2004) von Gert Jonke, Mitübersetzerin von „Paul Celan. Materialien, Studien, Erinnerungen“ (Band 1: 2004; Band 2: 2007), Briefe Paul Celans (2005) u.a.;

Übersetzungen aus dem Französischen: „Bruegel, ou l’atelier des songes“ (2000) von Claude-Henri Rocquet, „Paysages originels“ (2001) von Olivier Rolin, „L’inimitable“ (2004) von Irène Frain u.a.
Übersetzung: Patricia Schöffmann

Die Übersetzung entstand im Rahmen eines Studierenden-Projekts am Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien. Übersetzt wurden Interviews mit literarischen Übersetzerinnen und Übersetzern deutschsprachiger Literatur aus dem von Jelena Kalaschnikowa herausgegebenen Buch „Po-russki c ljubowju – Besedy s perewodtschikami“. Patricia Schöffmann wurde bei ihrer Übersetzungsarbeit von Claudia Zecher betreut.

Copyright: Patricia Schöffmann
Dezember 2002 – Dezember 2004

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