Übersetzerporträts

„Wenn der Autor 30 schlechte Seiten schreibt, so ist das seine Sache. Die Übersetzung muss dennoch gut sein!“

Michail Lwowitsch Rudnitskij; Foto: privatMichail Lwowitsch Rudnitskij
im Gespräch


Hatten Ihre Eltern mit Literatur zu tun?

Meine Mutter – Olga Iwanowna Poltawzewa – war Ingenieurin der Flugzeugindustrie und arbeitete unter Tupolew als leitende Konstrukteurin. Mein Vater war ein bekannter Theaterwissenschaftler. Als ich ungefähr 16 oder 17 Jahre alt war, wurde klar, dass aus mir kein begnadeter Bastler werden würde (Mein Studium an der Fistech hatte aufgrund mangelhafter akademischer Leistungen bereits nach einem Jahr ein glanzvolles Ende genommen.) Daraufhin beschloss mein Vater, meinem Schicksal auf die Sprünge zu helfen. (Meine Eltern waren damals schon seit geraumer Zeit geschieden, meinen Vater sah ich dennoch zwei, drei Mal im Jahr.) „Wenn aus ihm kein Ingenieur wird, dann machen wir aus ihm eben einen Geisteswissenschaftler“, stellte er schweren Herzens fest. Es ist wesentlich, anzumerken, dass er zur Zeit des Kampfes gegen den Kosmopolitismus, vieles erdulden hatte müssen und deshalb die geisteswissenschaftliche Laufbahn für die unglückseligste hielt. Er hat mich ein paar Mal einer Art Prüfung unterzogen und mich Aufsätze schreiben lassen – an einen über den Roman Der stille Don kann ich mich noch erinnern – aber er hat mir nichts Konkretes beigebracht. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass ich geisteswissenschaftlich nicht untalentiert war, hat er einer Aufnahme an der Staatlichen Moskauer Universität zugestimmt. Ich selbst aber habe mich zu jener Zeit mehr für Fußball interessiert.

An welchem Institut haben Sie studiert?

Am Institut für Romanistik und Germanistik, aber ich habe auch bei allen möglichen Bekannten gelernt. Dies habe ich ebenfalls meinem Vater zu verdanken, da ich durch ihn solche Bekanntschaften schließen konnte. Ich kann nicht behaupten, dass mich, z.B. Lew Kopelew in meinem literarischen Geschmack stark beeinflusst hätte, zumal ich bei ihm ja auch nicht oft gewesen bin – höchstens zehn Mal. Vielmehr hat die Atmosphäre, die in seinem Haus herrschte – die Bücher, der ständige Kontakt zu berühmten Schriftstellern, wie etwa Heinrich Böll, einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen.

Stark beeinflusst hat mich vor allem mein verstorbener Freund Albert Karelski, der älter als ich war und an der Universität Deutsch unterrichtete. Er war ein außergewöhnlich faszinierender Mensch, der sich mit Jung und Alt in gleichem Maße austauschte.

Warum haben Sie sich ausgerechnet für die deutsche Sprache entschieden?

Das habe ich Henriette Berkholz (1890–1974) zu verdanken. Sie war die Tochter von Schweizer Revolutionären und lebte seit 1917 in Russland. Sie hat unglaublich gelitten, als ihre Verwandten erwartungsgemäß dem Großen Terror des Jahres 1937 zum Opfer gefallen sind. Sie selbst hat überlebt und später in Losinka, wo ich geboren und aufgewachsen bin, Deutsch, Französisch und Musik unterrichtet. Als ich in der achten Klasse in Deutsch mittelmäßige Noten bekam, wurde ich zu ihr geschickt. 

Bis zu diesem Zeitpunkt waren Ihre Noten gut oder sehr gut?

Je nachdem. Ich war in der Schule etwas besser als der Durchschnitt, aber auch faul. Frau Berkholz hatte in unserem Städtchen einen zweifelhaften Ruf. Sie war ja immerhin mit xVolksfeinden verwandt. Aus diesem Grund hat meine Mutter auch lange gezögert, bevor sie mich zu ihr geschickt hat. Aber auch Frau Berkholz hatte ihre Bedenken und nahm mich erst nach einer Probezeit als Schüler an: „Mittelmäßige Schüler nehme ich eigentlich nie, aber für Maria Bogdanowas Enkel (meine Großmutter mütterlicherseits) mache ich meinetwegen eine Ausnahme.“ In diesem Fall hatten sich die nachbarschaftlichen Beziehungen, die das Leben in einem kleinen Städtchen prägen, bezahlt gemacht. Frau Berkholz und ich waren einander von Anfang an sympathisch. Ihre Methodik war kindergerecht: Zunächst haben wir nur gesprochen, dann begannen wir langsam mit dem Lesen und erst später gingen wir zum Schreiben über. Ich habe mit ihr viel deutsche Literatur gelesen – Werke von Lessing, Goethe, Schiller, Heine … Dank ihr konnte ich mich auf diese Weise von der achten bis zur zehnten Klasse mit fast allen Klassikern der deutschen Literatur vertraut machen.

Die größte Anerkennung, die man als ihr Schüler ernten konnte, war ein Ausflug mit dem Bus von Losinka zum Laden Druschba auf der Gorki-Strasse wo Bücher aus den Volksdemokratien verkauft wurden. Auf dem Weg dorthin haben wir uns ausschließlich auf Deutsch unterhalten und in dem Geschäft die Verkäuferinnen damit in Panik und Staunen versetzt. Dort kaufte Frau Berkholz massenhaft Bücher, die damals sehr billig waren.

Sie hat mir ein starkes Gefühl der Wertschätzung für die Literatur und eine beinahe calvinistische Lebenseinstellung im Allgemeinen vermittelt – im Sinne der Fähigkeit, sich Prüfungen im Leben unbeirrt zu stellen. Natürlich war ihre Verehrung der klassischen Literatur von sehr viel Tradition geprägt und im Laufe der Zeit entwickelte ich eine etwas andere Sichtweise dieser Dinge, aber damals war das alles wichtig. Deshalb verdanke ich ihr auch geisteswissenschaftliche Entwicklung sowie zwei in der Nachbarschaft lebenden älteren Damen, den letzten noch lebenden Nachkommen der Petersburger Familie der Lapschow-Priselkow, die mich unter ihre Fittiche genommen haben.

Bei Frau Berkholz haben Sie sich noch nicht im Übersetzen geübt?

 Nein. Nach dem Abschluss der philologischen Fakultät war ich relativ erfolgreich als Literaturwissenschaftler tätig und habe einen Artikel über Rilke publiziert. Ich war damals erst 23 Jahre alt und für das Doktoratsstudium nicht genommen worden. Zuerst arbeitete ich als Übersetzer in der Protokollabteilung des Ministeriums für Erdgasindustrie. Danach bekam ich eine Anstellung in der Staatlichen Allunionsbibliothek für ausländische Literatur, und zwar bei der bibliothekseigenen Zeitschrift mit dem Titel. Sowremennaja chudoschestwennaja literatura sa rubeschom Diese Arbeit war schon eher nach meinem Geschmack, da sie sowohl meiner Ausbildung als auch meinen Interessen entsprach. Da sich im Zuge dieser Beschäftigung ein ganzer Schwall deutschsprachiger Gegenwartsliteratur über mich ergoss, arbeitete ich oft und eng mit dem Raduga Verlag zusammen, schrieb interne Rezensionen und bewertete, ob dieses oder jenes Buch zur Übersetzung und Veröffentlichung ins Verlagsprogramm übernommen werden sollte.

Meine Karriere als Übersetzer verdanke ich der Lektorin des Raduga Verlags Jelena Prikastschikowa. Der Verlag wollte einen Sammelband mit einigen Erzählungen von Peter Handke herausgeben und hat mich damit beauftragt, die dafür ausgewählten Werke zu rezensieren. Anstatt eine Erklärung der komplexen Eigenarten seiner Poetik zu liefern, habe ich kurzer Hand zwei Seiten aus seiner Erzählung Wunschloses Unglück übersetzt – und zwar vom Blatt, wie ich es immer getan habe bei Rezensionen, die nur für den internen Gebrauch bestimmt waren. In dieser Erzählung, die die Lebensgeschichte seiner Mutter beschreibt, hat Handke sich einiges von der Seele geschrieben. Nachdem sie meine Übersetzung gelesen hatte, fragte mich Elena Prikastschikowa plötzlich: „Würden Sie nicht gerne einmal eine Erzählung Handkes übersetzen?“ Ich war höchst verblüfft. Ich hatte immer geglaubt, dass mir eine Karriere als Übersetzer verwehrt bleiben würde – nicht etwa aufgrund der hierfür nötigen Fähigkeiten – sondern weil es sich bei diesem Beruf um eine völlig unerreichbare Kaste handelte. Ihr gehörten die unterschiedlichsten Menschen an. Einige davon hatten in ihrer früheren Tätigkeit der Sowjetmacht große Dienste erwiesen, richteten jedoch als Übersetzer so manches Unheil an. Wie viel sie schon in ihren vorherigen Tätigkeitsbereichen verschuldet hatten, kann ich nicht sagen. Jedenfalls galt das Übersetzen damals als eine sehr lukrative und angesehene Tätigkeit. Natürlich gab es auch große Meister, professionelle Übersetzer, die in jeder Hinsicht einen makellosen Ruf genossen. Doch das Problem war eben, dass sich die damalige Auffassung von Autorität und Ansehen aus einer Vielzahl unterschiedlicher, ungleicher Faktoren zusammensetzte. Dies bedeutete, dass in den Verlagen gleichermaßen (teilweise auch in bevorzugtem Maße) Möchtegern-Übersetzer und -Übersetzerinnen als auch echte beschäftigt wurden. Ich habe das Angebot also selbstverständlich angenommen.

Der erste Autor, den ich übersetzt habe, war Handke. Ein sehr guter Autor. Das Einmaleins des Übersetzens hat mir glücklicherweise der verschiedene Sergej Lwow vermittelt, mit dem ich mich zu jener Zeit angefreundet hatte. Seine Frau Eva Reiter-Lwowa war Übersetzerin. Er selbst hatte als Kritiker, Kunsthistoriker und Schriftsteller im Gegensatz zu mir ein klares Verständnis davon, wie sich die dilettantische Auffassung dieses Berufes von seiner wirklichen Ausübung unterschied. Er hatte erfahren, dass ich mit der Übersetzung Handkes begonnen hatte, und bat mich, ihm ein paar Seiten davon zu zeigen. „Das hier, das und das ist eine Wort-für-Wort-Übersetzung“, merkte er dann an. „Hier könnte man dieses, dort sollte man jenes noch verbessern. Grundsätzlich sollten Sie das Buch von Nora Gal lesen.“ Ich gebe zu, dass dies das einzige Buch zur Theorie und Geschichte des Übersetzens ist, das ich zu Beginn meiner Tätigkeit als Übersetzer mit Vergnügen und Dankbarkeit von vorne bis hinten gelesen habe. Seither empfehle ich es allen Anfängerinnen und Anfängern. 

Haben Sie Wyssokoje iskusstwo von Tschukowski gelesen?

Ich habe ein paar Mal einen Blick hinein geworfen, wie auch in seine unzähligen Artikel. Sobald ich auf eine Publikation zu unserem Handwerk aufmerksam werde, lese ich sie grundsätzlich immer. Allerdings bin ich durch das Studium dieser Lektüre vor allem zu einer Erkenntnis gekommen: Für unseren Beruf gibt es keine – oder so gut wie keine – unangefochtenen Regeln. Daher sind all die theoretischen Überlegungen dazu sozusagen nur relativ und bedingt wertvoll.

Lassen Sie mich dies anhand eines Beispiels aus meiner eigenen Berufspraxis illustrieren. Eines der Axiome unseres Berufes lautet ja: Geografische Bezeichnungen, Namen von Straßen oder Dörfern werden nicht übersetzt. Nun aber bekam ich zu Beginn der 90er Jahre den Auftrag, den Roman Hundejahre von Günter Grass zu übersetzen, der von Danzig, dem heutigen Gdansk, handelt. Indem er alle deutschen geografischen Bezeichnungen übernimmt und wiederholt (die noch dazu heute gar nicht mehr existieren und durch polnische ersetzt worden sind, obwohl im heutigen Gdansk die Straßenschilder an den Häusern angeblich zweisprachig sein sollen), lässt Grass die Leser an der Etymologie der Wörter eben jene Jahrhunderte Siedlungsgeschichte, Kultur und Alltagsleben der Bewohner spüren, die vom Lauf der Geschichte gnadenlos ausgelöscht worden sind. Einige dieser Straßennamen vermitteln einen sehr lebendigen Eindruck hiervon, wie beispielsweise die Bezeichnung Milchkannengasse. Was soll nun ein Übersetzer oder eine Übersetzerin in so einer Situation tun? Ich kann mich noch an die Auseinandersetzung erinnern, die ich mit Jewgenija Kazewa, der Herausgeberin, diesbezüglich hatte. Sie bestand darauf, dass diese Bezeichnungen nicht übersetzt werden dürften. Diese Diskussion führten wir aber nur auf theoretischer Ebene: Sobald sie den Text gelesen hatte, stellte sich diese nicht mehr. Übrigens hat sich später herausgestellt, dass auch andere Übersetzerinnen und Übersetzer von Grass' Werken viele der Ortsnamen russifiziert haben.

Ähnlich ging es mir mit der Übersetzung einer kurzen autobiografischen Erzählung von Heinrich Böll, die von seiner Kindheit in Köln handelt. Darin kamen viele Kölner Realien vor, die ihm sehr wichtig waren. Es war beispielsweise von zerstörten und zerbombten Bezirken der Stadt die Rede. Mit einem Mal wurde mir klar, dass es nicht unerheblich ist, ob man den Namen eines Platzes wie etwa Heumarkt auf Deutsch belässt – oder aber seine Bedeutung direkt ins Russische überträgt. Schließlich ist die Etymologie des Begriffes in diesem Fall keineswegs unbedeutend für die Entstehung des künstlerischen Ganzen.

Hatten Sie Schwierigkeiten mit der Übersetzung von Buchtiteln?

Jewgenija Kazewa hat einmal sämtliche von mir übersetzte Titel kritisiert. Daraufhin habe ich zu ihr gesagt: „Jewgenija, wenn man Ihnen so zuhört, bekommt man den Eindruck, dass ich zwar ein ausgezeichneter Übersetzer bin, Titel jedoch überhaupt nicht zu übersetzen verstehe.“ Ich habe wirklich oft Schwierigkeiten damit. Leider kommt es vor, dass es schlicht unmöglich ist, sämtliche Bedeutungsnuancen eines Titels von einer Sprache in eine andere zu übertragen.

Ich habe Brechts Stück Mann ist Mann übersetzt. Mann kann in diesem Kontext nicht nur Mann heißen, sondern auch Mensch oder Soldat. Der Titel könnte also auch Soldat ist Soldat lauten. In Kopelews Übersetzung heißt das Stück in etwa Wie dieser Soldat, so auch jener, was ziemlich treffend in die Problematik des Stückes einführt, das von der Austauschbarkeit der Menschen handelt und davon, dass man durch Manipulation jeden Menschen beliebig ändern kann. Brecht war in den 1920er Jahren einer der ersten, die diese Gefahr erkannten. Das Wort Soldat im Titel der russischen Übersetzung verleiht dem Werk allerdings einen militärischen, kämpferischen Beiklang. Ich behielt daher in meiner Version das Wort Mensch im Titel bei, da auf diese Weise die von Brecht intendierte Doppeldeutigkeit sowie die Idee der allgemeinen Austauschbarkeit erhalten blieben. Mir wurden allerdings unterschiedliche Varianten vorgeschlagen, wie etwa Ein Soldat bleibt ein Soldat.

Der hervorragende Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg hat eine Erzählung geschrieben, die im Deutschen den Titel Noch ein Wunsch trägt. Sie spielt Ende der sechziger Jahre und handelt von einem älteren, „etablierten“ Herrn, der eine innere Krise durchlebt, da er sich hoffnungslos in ein junges Mädchen verliebt hat und diese Gefühle sein Leben auf den Kopf stellen. Der Titel hat noch eine zweite Bedeutung, die in Zusammenhang mit der Frage „Noch einen Wunsch?“ steht, mit der man in deutschsprachigen Ländern von Kellnerinnen und Kellnern angesprochen wird und die soviel bedeutet wie „Möchten Sie noch etwas bestellen?“ Hier galt es abermals, die Doppeldeutigkeit des Titels zu übertragen, da sich schließlich die gesamte Geschichte zunächst lediglich um diesen einen Wunsch, die Gelüste des Protagonisten zu drehen scheint, aber letztendlich ein wirkliches seelisches Drama darstellt, welches möglicherweise mit Selbstmord enden könnte. Das offene Ende lässt auch eine solche Interpretation zu. Es ergibt sich daraus also ein Deutungsspielraum für das Werk, der von einer gewöhnlichen spießerhaften, ja sogar sexuell-utilitaristischen Liebelei bis hin zu einer Fabel über den Wendepunkt und den Zusammenbruch eines gesamten Lebens reicht. Ich brauchte einige Zeit, bis ich die Variante Es bleibt nichts mehr zu wünschen übrig gefunden hatte, die meiner Meinung nach die Vieldeutigkeit des Originals – äußerste Glückseligkeit und absolutes Ende zugleich – beibehält.

Was für eine Freude ist es, wenn in den Titeln der Werke Eigennamen vorkommen wie etwa Buddenbrooks, Die Thibaults oder etwa Die Forsyte-Saga. Bei der Übersetzung des Romans Willenbrock von Christoph Hein hatte ich ebenso Glück: Der Titel ist zugleich der Nachname des Protagonisten.

Holen Sie manchmal in Grenz- oder Problemfällen Rat von anderen, beispielsweise von Lektorinnen oder Lektoren, ein?

Ich scheue mich nicht davor, sowohl während als auch nach getaner Arbeit andere um Rat zu fragen. Allerdings gefallen mir die Vorschläge nur selten. Nina Fjodorowa beispielsweise schätze ich nicht nur als hervorragende Übersetzerin, sondern auch als exzellente Lektorin. Ich hatte schon ein paar Mal das Glück, mit ihr als Lektorin arbeiten zu dürfen. Sie schlägt stets mehrere interessante Übersetzungsvarianten vor, ohne jedoch auf einer davon zu bestehen. Dies sowie das Aufzeigen offensichtlicher „Schnitzer“ ist die wichtigste Unterstützung, die ein Lektor oder eine Lektorin bieten kann.

Es ist bis jetzt noch nicht vorgekommen, dass mir jemand bei der Übersetzung eines Titels geholfen hat. Einige Autoren behaupten, es sei schwieriger, einen Titel zu finden, als das eigentliche Werk zu verfassen. Ich habe den Eindruck, dass wir Übersetzer zu wenig darüber nachdenken. 

Welche Ihrer Übersetzungen liegen Ihnen am meisten am Herzen?

Eine Übersetzung ist wie ein Kind. Deshalb liebt man sie alle. Die Frage sollte anders gestellt werden: Sie sollten nach einem „Lieblingswerk“ und einer „Lieblingsübersetzung“ fragen. Ich habe Glück gehabt: Mit Ausnahme einer Erzählung haben mir alle Werke, die ich übersetzt habe, gefallen. Die Ausnahme bildete die Erzählung Bedenkzeit des DDR-Autors Rolf Floß, mit deren Übersetzung ich gleich nach Handke betraut wurde und die ich nicht abzuschlagen wagte. Ich befürchtete, dass sonst keine weiteren Aufträge folgen würden. Allerdings begann sich sogar dieses Werk, das unsagbar langweilig war, im Laufe der Übersetzung vertraut anzufühlen.

Reden wir lieber von den Lieblingsautoren. Kafka ist ein ganz eigenes Kapitel in meinem Leben. Er war überhaupt der erste zeitgenössische Schriftsteller, den ich auf Deutsch gelesen und sogar zu übersetzen versucht habe. Mein Vater hatte von irgendwelchen Bekannten aus dem Westen durch Zufall ein billiges Büchlein Kafkas bekommen und überreichte es mir mit den Worten: „Ich selbst habe es nicht gelesen, du aber musst das unbedingt tun. Es heißt, er sei ein genialer Autor.“ Kafka war bei uns damals - zu Beginn der sechziger Jahre – noch gänzlich unbekannt. Ilja Ehrenburg war meiner Erinnerung nach einer der ersten, der ihn in seinen Memoiren erwähnt hat. Bei dem Büchlein handelte es sich um den Roman Amerika, den ich als damals Sechzehn- oder Siebzehnjähriger regelrecht verschlang. Sogleich begann ich mit der Übersetzung der ersten drei Kapitel. Als ich etwa 20 Jahre später tatsächlich den Auftrag bekam, das Buch zu übersetzen, musste ich diese Kapitel beinahe gänzlich überarbeiten. Die jugendlichen dilettantischen Formulierungen haben mich sehr gestört. Danach konnte ich auch noch andere Romane auf Deutsch ergattern, die ich erst später in der russischen Übersetzung las. Ich erinnere mich übrigens noch daran, wie enttäuscht ich davon war. Damals habe ich zum ersten Mal sehr schmerzhaft die Distanz zwischen Übersetzung und Original gespürt, obwohl bei der Übersetzung Kafkas wirklich qualifizierte Übersetzer am Werk waren. Bei Kafka bezaubert mich die Puschkin-artige Klarheit und Reinheit der Sprache, die Mozart-hafte Diktion in Kombination mit dem Grauen, das den Leser so unausweichlich überkommt – zumal es in solchem Kontrast zu der Schönheit und Eleganz der Sprache steht. Ich weiß nicht, inwiefern sich all dies überhaupt übertragen lässt.

Ich mag auch Böll sehr gerne, obwohl ich wahrscheinlich nicht seine besten Werke übersetzt habe. Er spielte, ebenso wie Graham Greene, eine wichtige Rolle für unsere Generation. Erst heutzutage hat er aus irgendeinem Grund an Bedeutung verloren. Ich verstehe bis heute nicht, warum die Sowjetmacht so bereitwillig den Import von Büchern katholischer Autoren zugelassen hat. Von Böll hatte ich bereits einiges gelesen, aber erst bei Anbruch der Perestroika, als nach 20 Jahren des Schweigens das Verbot auf die Publikationen Bölls wieder aufgehoben wurde, hat man mich mit der Übersetzung eines seiner späteren Romane beauftragt.

Ich nehme übrigens meine vorherige Behauptung, mir habe nie jemand bei der Übersetzung von Buchtiteln geholfen, zurück. Die Übersetzung des Romantitels Fürsorgliche Belagerung von Heinrich Böll habe ich zu 90 Prozent meinem Vater zu verdanken. Der Roman handelt von einem Millionär, dessen entfernter Verwandter, ein berüchtigter Terrorist, die gesamte Elite der deutschen Gesellschaft in Atem hält. Der Staat hingegen beschützt diese Menschen mit der titelgebenden übermäßigen „fürsorglichen Belagerung“, wodurch er ihr Leben in ein regelrechtes Gefängnis verwandelt. Albert Karelski schlug im Russischen wenig klingende Varianten vor, die das Oxymoron im Originaltitel, welches vermutlich aus der Aneinanderreihung zweier langer Worte im Deutschen entsteht, nicht wiedergibt. Als ich bei meinem Vater zu Besuch war, beklagte ich mich über diese Schwierigkeiten und beschrieb ihm den Zwiespalt, dem die Protagonisten ausgesetzt sind, da sie sich ständig wie unter Begleitschutz befänden. „Dann nenn den Roman doch so: Unter dem Begleitschutz der Fürsorge!“ sagte daraufhin mein Vater. Für diesen Titel musste ich später ebenfalls so manche Kritik einstecken – dies sei keine adäquate Übersetzung, hieß es.

Seitens der Lektorinnen und Lektoren?

Nein, eher von den Kolleginnen und Kollegen, von denen selbst jene, die dir gut gesinnt sind, deine Variante niemals akzeptieren. Ganz zu schweigen von den weniger Wohlgesinnten. Ich habe mich für diesen Titel entschieden, da ich keinen besseren gefunden habe.

Es kommt auch vor, dass die Lieblingsübersetzung eines Übersetzers oder einer Übersetzerin eben nicht die eines Werkes seines Lieblingsautors oder -autorin ist. Besonders schwierig war es selbstverständlich, Grass zu übersetzen, daher liegt mir an dieser Übersetzung mehr als an allen anderen. Es dauerte sehr lange, bis ich mich in die außerordentlich intensive Begriffswelt dieses Romans eingelebt hatte – beinahe ein Jahr. Ich schob die Übersetzung ständig vor mir her und wagte nicht, damit zu beginnen, bis ich alle Fristen überzogen hatte.

Das zweitschwierigste Werk war wohl die Erzählung Christa Wolfs Kein Ort. Nirgends. Dies ist ein sehr dichter und aufrichtiger Text, in dem die Autorin die Schwierigkeiten eines Künstlerlebens in völliger Unfreiheit thematisiert. Hierbei geht es nicht nur um die gesellschaftliche Unfreiheit, sondern unter anderem auch um die Einschränkung durch die eigenen Instinkte, Leidenschaften und vieles mehr. Es fiel mir auch bei diesem Text sehr schwer, mich in ihn hineinzuleben, da sich ständig ein innerer Monolog abspielt (genauer gesagt zwei Monologe), der stellenweise nur schwer zu entschlüsseln war: Um den Text zu verstehen, musste ich so manches erahnen und verließ mich hierbei auf eine Art Spürsinn. In diesen Fällen hilft auch ein Gefühl der Verbundenheit mit dem Autor oder der Autorin. Oft erlebt man dann die eigenartige Situation, dass man einen Satz übersetzt, der in keinem Wort der Rohübersetzung entspricht und doch in völligem Einklang mit dem Original steht. Dies ist der schöpferische Höhepunkt im Leben eines jeden Übersetzers und einer jeden Übersetzerin.

Ich finde besonderen Gefallen an der treffsicheren ironischen Prosa Muschgs, in der es um Gefühlsnuancen geht. Sie baut gänzlich auf stilistischen Schattierungen auf, die schwer zu erfassen und zu übertragen waren. Die Überwindung dieser Schwierigkeiten bereitete mir aber besonderes Vergnügen.

Übersetzen Sie jeden Tag?

Ja, aber nicht mehr als sechs Normseiten. Zu diesem Thema erzähle ich gerne meinen Lieblingswitz über eine angesehene Melkerin, die am Ende jeden Jahres in die Kreisleitung der Partei beordert wurde, wo man von ihr eine Steigerung des Melkertrags forderte. Dies gelang ihr auch. Als man sie aber erneut herbeirief und bat: „Kannst du auch 12.000 Liter liefern?“, antwortete sie: „Kann ich, aber dann ist dieses Mal wirklich nur mehr Wasser drin.“ So verhält es sich auch mit unserem Beruf.

Mir tun die Kolleginnen und Kollegen leid, die sich selbst nicht disziplinieren können. Selbst der leidenschaftlichste Übersetzer vermag es nicht, 30 Seiten am Tag zu übersetzen. Es ist möglich, 30 Seiten am Tag zu schreiben. Schließlich muss ein Autor, um Inspiration zu schöpfen, nicht ständig in Wörterbüchern stöbern, die Feinheiten herausarbeiten und darüber grübeln, wie die Konstruktion „Hast du heute schon zu Mittag gegessen?“ – „Ja, habe ich.“ zu übersetzen ist. Außerdem... Wenn der Autor 30 schlechte Seiten schreibt, so ist das seine Sache. Die Übersetzung muss dennoch gut sein!

Michail Lwowitsch Rudnitskij (geb. 1945) – Übersetzer aus dem Deutschen, Literaturkritiker, Doktor der Philologie. Autor des Buches Im Angesicht der Wahrheit (Pered lizom prawdy, 1987) und eines Sammelbandes von Übersetzungen Thomas Bernhards mit dem Titel Der Schein trügt und andere Stücke von Thomas Bernhard (Widimost obmantschiwa i drugije pjesy Thomasa Berncharda, 1999).

Herausgeber sowie Verfasser des Vorworts und des Kommentars zu Lyrik (Lirika, 1976) von Rainer Maria Rilke, Kommentar zur zweibändigen Anthologie Ausgewählte Prosa deutscher Romantiker (Isbrannaja prosa nemezkich romantikow, 1979), Herausgeber und Autor des Vorwortes zu Ausgewählte Werke Christa Wolfs (Isbrannoje, 1988), Kommentare zu Des Lebens Überfluss. Märchen und Geschichten deutscher Romantiker (Schisn ljotsija tscheres kraj. Skaski i istorii nemezkich romantikow, 1991) und andere Werke.

Übersetzungen: Amerika (1996), Das Schloss (2005), Briefe an Felice (2004) von Franz Kafka, Roman Fürsorgliche Belagerung (1988), Erzählung Das Brot der frühen Jahre (1988), Das Vermächtnis (2001) und Erzählungen (1991) von Heinrich Böll, Romane Der Funke Leben (1993) und Das gelobte Land (2000) von Erich Maria Remarque, Roman Medea: Stimmen (1997) und Novelle Kein Ort, nirgends (1980) Christa Wolfs, Roman Am Beispiel meines Bruders (2004) Uwe Timms, Erzählung Der kurze Brief zum langen Abschied (1980) Peter Handkes, Noch ein Wunsch (1f981) von Adolf Muschg, Am kürzeren Ende der Sonnenallee (2004) von Thomas Brussig, Sammelband von Essays Walter Benjamins mit dem Titel Franz Kafka (1993), Essay Der andere Prozess von Elias Canetti (1993) und andere Werke.

Auszeichnungen: Inolit (1996) für die Übersetzung des Romans Hundejahre von Günter Grass, Schukowski-Preis (2002) für seine „langjährige und verdienstvolle Tätigkeit im Bereich der Übersetzung deutschsprachiger Literatur“.

Übersetzung: Eva-Maria Bellinger

Die Übersetzung entstand im Rahmen eines Studierenden-Projekts am Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien. Übersetzt wurden Interviews mit literarischen Übersetzerinnen und Übersetzern deutschsprachiger Literatur aus dem von Jelena Kalaschnikowa herausgegebenen Buch „Po-russki c ljubowju – Besedy s perewodtschikami“. Eva-Maria Bellinger wurde bei ihrer Übersetzungsarbeit von Claudia Zecher betreut.

Copyright: Eva-Maria Bellinger
Mai 2001 – Oktober 2004

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