Übersetzer-Szene

„Wozu Literatur? Ein Blick nach Deutschland und Russland“

© Goethe-Institut

Deutschland und Russland sind traditionelle Leseländer. Doch während auf der Leipziger Buchmesse neue Besucherrekorde gefeiert werden, muss Literatur in Russland auf weitaus schwierigeren Wegen zum Leser finden. Angesichts der aktuellen politischen Situation stellt sich daher umso dringlicher die Frage nach dem Platz der Literatur in den Gesellschaften beider Länder: Was bedeutet sie für die Selbstverortung des Einzelnen? Inwieweit ist sie Teil des politischen Diskurses?

„Wozu Literatur?“ war also die große Frage, der sich der russische, in der Schweiz lebende Autor Michail Schischkin, der Autor und Leiter des Berlin Verlags Georg M. Oswald sowie der Präsident des Goethe-Instituts Klaus-Dieter Lehmann auf der Leipziger Buchmesse gemeinsam mit der Moderatorin Shoshana Liessmann (Litrix.de) stellten. Dass diese Frage sich nicht ohne den Bezug auf die aktuellen Ereignisse in Russland und der Ukraine beantworten lasse, machte Schischkin unmissverständlich deutlich: „Die Realität spielt verrückt.“ Die abstrakte Leitfrage der Diskussion habe für ihn in den letzten Wochen eine ganz neue Brisanz erlangt. Sie ziele in den Kern der Bedeutung von Literatur.

Dem Wahnsinn etwas entgegen setzen

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt die Literatur ins Zentrum der Diskussion zu rücken, mag auf den ersten Blick irritierend wirken. Doch dass die künstlerische Reflexion des Realen von enormer Bedeutung ist, darüber herrscht auf dem Podium Einigkeit. „Was wir dem patriotischen Wahnsinn entgegensetzen können, ist unsere Kultur. In der Literatur zeigt sich die Würde des Menschen wie sonst an kaum einem anderen Ort“, so Schischkin. Zwar sei er auch als Journalist ein Kämpfer des Wortes, die große Leistung der Literatur gehe jedoch weit über die der journalistischen Arbeit hinaus. Ihr Vermögen liege genau darin, die Realität in einen zeitlosen Raum zu transponieren, in einen Raum, „in dem alles immer wieder und ewig passiert.“

Verlegerische Verantwortung zeigen

Doch die literarische Produktion muss den Lesern natürlich auch zugänglich gemacht werden. Hier sei es vor allem Aufgabe der Verleger, für gute Texte zu sorgen, merkt Georg M. Oswald an. Er zeigt sich optimistisch: Viele engagierte Verlage in Deutschland nehmen ihre gesellschaftliche Verantwortung ernst und reagieren auf aktuelle Entwicklungen.

Präsident des Goethe-Instituts Klaus-Dieter Lehmann © Goethe-Institut Klaus-Dieter Lehmann ist in dem Punkt hingegen eher skeptisch: In zu hohem Maße bestimme der Markt die Literatur. An der Entfaltung ihres eigentlichen Potenzials würde werde die Literatur an allzu vielen Stellen gehindert. Die stetig größer werdende Schere zwischen den wenigen Bestsellern und den vielen unbekannten Titeln sei nur einer der gravierenden Faktoren, die unabhängiges Verlegen immer schwieriger machten.

Rolle von Literaturübersetzungen

Michail Schischkin © Goethe-Institut Ob die Gesetze des Marktes für die Beantwortung der Frage „Wozu Literatur?“ überhaupt relevant seien, gibt Michail Schischkin zu bedenken. Der russische Schriftsteller und Dissident Warlam Schalamow etwa schrieb, obwohl seine Werke der sowjetischen Zensur unterlagen. Das Manuskript seiner Erzählungen aus Kolyma brachte er 1971 heimlich in die BRD, um sie zunächst auf Deutsch, später auf Französisch zu veröffentlichen. Erst über Umwege gelangte der Text nach Jahren zurück in seine Heimat.

Schischkin selbst stellt die Unabhängigkeit seiner Texte sicher, indem er sie vor der offiziellen Publikation durch einen Verlag zunächst kostenlos ins Netz stellt. Mindestens ebenso wichtig sei ihm aber auch, in anderen Ländern wahrgenommen zu werden. Als Schriftsteller nicht übersetzt zu werden, sei wie vor einer riesigen Mauer zu stehen. Auch Klaus-Dieter Lehmann betont die Bedeutung von Literaturübersetzungen: Impulse von außen brauche es unbedingt, um die eigene Reflexion voranzutreiben – und um die Gesellschaft zu stärken.

Solidaritätsbekundungen

Eine Stärkung der Gesellschaft von außen erhofft sich Schischkin auch für Russland. Dabei genüge es nicht, wenn der Westen seine Solidarität mit den Menschen vor Ort verkünde. Um die Regierung zu erreichen, brauche es klare Worte, eine „Sprache der Stärke“. Und auch wenn z.B. abgesagte Reisen deutscher Schriftsteller nach Russland ein deutliches Statement darstellten, zeuge eine solche Verweigerung von falsch verstandener Verbundenheit, so Lehmann. Solidarität bestehe schließlich auch darin, sich gerade in kritischen Situationen um Dialog und Meinungsfreiheit zu bemühen.

Leiter des Berlin Verlags Georg M. Oswald © Goethe-InstitutEin Beispiel für die Wechselwirkung von Literatur und Gesellschaft gibt Georg M. Oswald: Im Jahr 2012 war im Rahmen eines Schriftstelleraustauschs mit Russland unter anderem eine Lesung mit dem deutschen Autor Hans Pleschinski in Moskau geplant. Pleschinskis autobiographisch geprägter Roman Bildnis eines Unsichtbaren erzählt vom Verlust eines Lebensgefährten durch AIDS. Wie sollte man angesichts der in Russland heftig geführten Debatte um „homosexuelle Propaganda“ damit umgehen? Würde die geplante Veranstaltung möglicherweise als Gesetzesverstoß gewertet werden und sollte man sie daher vorsorglich absagen?

Der Abend ging schließlich doch wie geplant über die Bühne und stieß auf großes Interesse beim russischen Publikum. Was Literatur leisten könne und welche im besten Sinne aufklärerische Rolle sie im gesellschaftlichen Diskurs spiele, habe sich an diesem Beispiel besonders deutlich gezeigt, lautet Oswalds hoffnungsvoll stimmendes Fazit.
Sarah Ehrhardt
hat Germanistik, Französisch und Angewandte Literaturwissenschaft in Bonn, Paris und Berlin studiert. Sie war neben ihrem Studium unter anderem für das Literarische Colloquium Berlin tätig und arbeitet jetzt im Bereich Literatur und Übersetzungsförderung des Goethe-Instituts in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
April 2014

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