3 Fragen an ...

Andreas Lungenschmid

© Andreas Lungenschmid Sie haben für „Der durch das Tal geht“ das Bühnenbild und die Kostüme entworfen. Was interessiert Sie am Stück und welche Bilder wollen Sie schaffen?

"Je größer die Herausforderung, desto reizvoller ist die Arbeit daran..." Selbstverständlich stürzt man sich gerne auf ein Theaterstück, das ich einfach einen "Epos" nennen möchte. Es ist eine jener "großen" Geschichten, die man selbst gerne einmal erzählen möchte. Die Raum für Visionen schafft, in der man eine eigene kleine ...oder auch mal größere Welt erschaffen darf. In meinem Fall eben eine Bildergeschichte. Den visuellen Reisebericht einer Charakterentwicklung, eines Mensch- werdungs- Prozesses. Und das noch dazu hier in einer für uns doch sehr anderen Kultur. Der ich durch die Arbeit sehr viel näher komme denn als Besucher. Ich versuche viel "Theater" zu zeigen, das was Theater technisch und sinnlich zu bieten im Stande ist und - so hoffe ich- wodurch es zu beeindrucken vermag. Große, klare Bilder in Verwandlung über einen Menschen in Verwandlung. Wir suchen gemeinsam kleine und berührende Momente und eindrucksvolle, riesige Bilder zu zeichnen. Und da "male" ich ein bisschen mit... mal dezent, dann aber auch mal durchaus kräftig!

„Parzival“ ist ein europäischer Mythos. Inwieweit wird dieser europäische Ursprung auf der Bühne sichtbar? Und welchen Einfluss hat Vietnam auf das Bühnenbild und die Kostüme?

Erstens fand die Vorarbeit und vor allem der Entwurfsprozess ja irgendwo zwischen Österreich und Deutschland statt, zweitens ist meine Bildersprache auf Grund meiner kulturellen Wurzeln sicherlich eine Europäische und die dritte Antwort liefern Sie selbst durch den Auftakt der Frage... es IST ein europäischer Mythos... warum sollte ich ihn als einen Anderen erzählen wollen oder müssen? Wir als Leadingteam erzählen gemeinsam diesen Mythos durch Sprache, Musik, Tanz und eben auch durch Raum, Bild und Kostüm. Und zwar nicht jeder für sich seine eigene Geschichte, sondern diese Eine gemeinsam, durch unsere Darsteller und Musiker. Und ich könnte sie auch nicht "besser" erzählen, wenn ich sie in einer "vietnamesischen" oder "asiatischen" Form transportieren würde. Die "Bildsprache" hat keine Sprachbarrieren, sie wird unmittelbar sinnlich und emotional wahrgenommen. Räume reflektieren emotionale Zustände und werden so rezipiert. Aber einen Wald von Kiefern kann ich nicht gleichsetzen mit einem Bambuswald. Und das wird man auch in Vietnam richtig wahrnehmen. Kostüme zeichnen Typen oder Archetypen- und so soll und wird sie jeder verstehen. Sie sollen den Darstellern helfen, Ihre Figur und die Geschichte zu erzählen. Und wenn es mir nicht gelingen sollte, wäre es rein mein künstlerisches Scheitern- aber nicht im kulturellen Ansatz. Im Detail - das betrifft aber eher Ideen, die im Laufe der Proben entstanden sind - finden sich immer wieder vietnamesische Einflüsse. Oder einfach, weil sich hier geeignetere Materialien finden...

Sie arbeiten in Hanoi unter ganz anderen Bedingungen als in Deutschland oder Österreich. Was reizt Sie an der Arbeit in Vietnam und inwieweit unterscheidet sich der Produktionsprozess von demjenigen in Europa?

Er unterscheidet sich- und das hat mich nicht wirklich überrascht- kaum von den Arbeitsprozessen in Europa. Die übrigens eher von Theater zu Theater anders aussehen, als von Kontinent zu Kontinent. Stahl wird gleich verarbeitet wie überall, ebenso Holz, Farbe... bis hin zu Videomaterial. Da war es eher überraschend, hochwertiges technisches Equipment hier schneller und leichter zu bekommen als in Europa. Die Formen- und Material-"Sprache" ist eine internationale. Die Arbeitsweisen nahezu identisch. Und dafür, dass es sich hier um eine "freie" Theaterproduktion handelt läuft der Produktionsprozess rasch und planmäßig. Das liegt auch an der sensationellen Unterstützung und Organisation der MitarbeiterInnen im Goethe- Institut. (Ich werde für dieses Kompliment weder bezahlt, noch möchte ich Ihnen damit "Honig ums Maul schmieren", Sie ersetzen neben Ihrer täglichen Arbeit einen halben Stadttheaterbetrieb!)

Frei bedeutet, dass wir quasi zu Gast in der Oper Hanoi sind, und die Mitarbeiter sämtlicher Sparten, begonnen bei Handwerkern, Schneidereien bis hin zu Garderobieren und Maskenbildnern erst gefunden werden mussten, samt der für die Vorbereitung notwendigen Produktionsstätten. aber unsere vietnamesischen Partner haben dasselbe oder ein ähnliches know-how wie ihre europäischen Kollegen. Und schließlich ist so eine Gemeinschaftsarbeit auch ein Lernprozess für alle Beteiligten. Wir lernen voneinander, arbeiten an den Aufgabenstellungen gemeinsam und entwickeln dann auch mitunter ganz neue Lösungen. Gerade der bühnentechnische Ablauf ist aufwendig und höchst diffizil, das würde selbst ein Staatstheater in Deutschland mächtig herausfordern. Dann überraschen mich die vietnamesischen Mitarbeiter oft mit ihrer Gelassenheit. Für mich spielt immer die menschliche, persönliche Komponente eine große Rolle. "Hand"werker am Theater unterscheiden sich von den gewerblichen Kollegen meist durch ihr persönliches Engagement und davon lebt die Qualität der Umsetzung meiner Entwürfe. Mir werden hier mitunter auch "Interpretationen" meiner Ideen angeboten, die mag ich zwar auch ablehnen, darf sie aber auch bereichernderweise annehmen. Und so "entwickeln" wir uns gemeinsam bis zum vereinbarten Fertigstellungsdatum- der Premiere. Angenehm empfinde ich dabei den vietnamesischen Fleiß - man verändert Dinge einfach solange, bis wir alle zufrieden sind.