Neue Medien und Digitalisierung

Wettlauf gegen die Zeit – die Dokumentation bedrohter Sprachen

Etwa die Hälfte der rund 6.700 weltweit gesprochenen Sprachen ist vom Aussterben bedroht.  Foto: Christian Wilkinson © iStockphotoEtwa die Hälfte der rund 6.700 weltweit gesprochenen Sprachen ist vom Aussterben bedroht.  Foto: Christian Wilkinson © iStockphotoRund hundert bedrohte Sprachen aus aller Welt wurden im Programm zur Dokumentation bedrohter Sprachen dokumentiert und archiviert. Durch die Untersuchung dieser Sprachen gewinnen Wissenschaftler auch neue Einsichten über gut erforschte Sprachen wie das Deutsche.

Etwa die Hälfte der rund 6.700 weltweit gesprochenen Sprachen ist laut UNESCO vom Aussterben bedroht. Viele Sprachwissenschaftler sind überzeugt: Das ist nicht nur eine Tragödie für die betroffenen Menschen und ihre Sprachgemeinschaften, sondern auch für die Wissenschaft, die durch den Vergleich der unterschiedlichsten Sprachen zu neuen Erkenntnissen kommen kann.

Weltweite Dokumentation

Wissenschaftler analysieren die ihnen oft unbekannten und nur mündlich überlieferten Sprachen weltweit.  Foto: photopiano © 123RFDeshalb hat die Volkswagenstiftung 1999 das „Programm zur Dokumentation bedrohter Sprachen“ (DoBeS) entwickelt. Seit dem Programmstart sind unzählige Wissenschaftler in alle Winkel der Welt aufgebrochen, um die ihnen oft unbekannten und nur mündlich überlieferten Sprachen aufzunehmen und zu analysieren. Auch Forscher aus den verschiedenen Regionen, in denen die bedrohten Sprachen gesprochen werden, kamen im Rahmen des Programms zum Zug.

Sowohl vor Ort wie auch im kleinen holländischen Städtchen Nijmegen, in dem die Multimedia-Dokumentationen archiviert werden, wurden regelmäßig Trainingskurse zu Methoden und Technologien veranstaltet; an der Universität von Manokwari in Indonesien konnte sogar mithilfe einer Projektförderung ein eigenes, regionales Dokumentationszentrum aufgebaut werden. Doch auch die Menschen in den Sprechergemeinschaften haben von den Projekten profitiert: Schulgrammatiken, Wörterbücher und Textsammlungen entstanden, die im Unterricht eingesetzt werden können. Insgesamt wurden im Rahmen des Programms rund hundert bedrohte Sprachen aus aller Welt dokumentiert und in dem Archiv am Max-Planck Institut für Psycholinguistik gesammelt.

Wie stellen Sprachen Bezüge her?

Diese Dokumentationen werden als Basis für sprachvergleichende Forschungsprojekte genutzt.  Foto: Paul Prescott © iStockphotoJetzt werden diese Dokumentationen als Basis für sprachvergleichende Forschungsprojekte genutzt. Der Erfurter Professor für Allgemeine und Vergleichende Sprachwissenschaft, Christian Lehmann, der selbst eine Sprache im DoBeS-Archiv dokumentiert hat, leitet eines dieser Projekte: Drei Jahre lang wird er gemeinsam mit elf Kollegen aus Deutschland, der Schweiz, den USA und aus Kamerun zwölf der dokumentierten Sprachen auf ihre Referenzialität hin untersuchen. „Es geht darum, wie die jeweiligen Sprachen auf Gegenstände, von denen wir reden, Bezug nehmen und welche sprachlichen Mittel dafür zur Verfügung stehen. Die grammatischen Regeln, die da zum Tragen kommen, unterscheiden sich von Sprache zu Sprache“, erklärt Lehmann. Weil es bei der Referenzialität auch um Bezüge zwischen verschiedenen Sätzen geht, brauche man für die Untersuchung keine Grammatiken, sondern Textsammlungen.

Und genau diese gibt es im Nimwegener DoBeS-Archiv für Sprachen wie das Aché in Paraguay, das Chintang in Nepal und das Savosavo auf den Salomon-Inseln. Bis 2014 werde man die gesammelten Sprachdaten zunächst standardisieren, damit man sie in der zweiten Phase des Projekts in Beziehung setzen und auswerten könne. Die Ergebnisse könnten dann beispielsweise in Unterrichtsmaterialien einfließen. Außerdem liefern sie neue Sichtweisen auf Sprachen wie das Deutsche oder das Englische, in denen die Referenzialität bereits umfangreich untersucht sei: „Nehmen Sie zum Beispiel den deutschen Satz: ‚Der Jäger ging in den Wald und sah einen Löwen. Er tötete ihn‘. Sie können hier nicht erkennen, wer wen getötet hat. In anderen Sprachen kann man das grammatisch ausdrücken. Wie das funktioniert, ist für uns bisher aber noch kaum bekannt“.

Sprachdokumentation für alle – per App und Facebook

Das Programm zur Dokumentation bedrohter Sprachen geht in seine Schlussphase. Foto: Juan Estey © iStockphotoAuch die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Gesellschaft für bedrohte Sprachen in Köln fördern solche Projekte. Doch DoBeS war dreizehn Jahre lang das mit Abstand bedeutendste Förderprogramm zur Erforschung bedrohter Sprachen in Deutschland. Das Projekt zur Referenzialität ist jetzt eines der letzten, die im Rahmen von DoBeS durchgeführt werden, denn das Programm geht in seine Schlussphase. Auf einer großen Abschlusskonferenz 2013 sollen alle Projekte vorgestellt und die Zukunftsperspektiven diskutiert werden.

„Wir haben zum Beispiel gemerkt, dass viele indigene Gemeinden in Sozialen Netzwerken wie Facebook vertreten sind, um in ihrer Sprache zu kommunizieren. Diese Entwicklung beobachten wir aktiv auf Möglichkeiten hin, uns einzubringen“, erzählt Dr. Vera Szöllösi-Brenig, die in der Volkswagenstiftung für das DoBeS-Programm zuständig ist. „Es gibt Überlegungen, Apps zu entwickeln, mit dem die Sprecher beispielsweise ein Foto von einer Pflanze machen, die entsprechende Bezeichnung dafür aufnehmen und so selbst zum Aufbau eines Lexikons beitragen könnten. Für viele indigene Sprechergemeinschaften sind die neuen Technologien eine unglaubliche Chance, die Ausgrenzung durch die westlichen Schriftkulturen zu überwinden. Die Kuikuro zum Beispiel im brasilianischen Xingu-Reservat machen mittlerweile ihre eigenen ethnographischen Videos wie über den Mondmythos. Sie bekommen dafür sogar nationale Preise. In Argentinien wurde ein Museum eingerichtet, das auch eine stark identitätsstiftenden Funktion hat. Das DoBeS-Programm hat viele Impulse in die Wissenschaft und in die Gesellschaft gegeben. Jetzt suchen wir nach Möglichkeiten, wie dies weitergetragen werden kann.“

Janna Degener
arbeitet als freie Journalistin in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Dezember 2012

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