Mehrsprachigkeit

Secondos: Bikulturelle Hintergründe fordern und fördern

Um Bikulturalität nutzen zu können, bieten einige deutsche Universitäten Förderprogramme für Secondos an. Foto: © Europaeum Universität RegensburgUm Bikulturalität nutzen zu können, bieten einige deutsche Universitäten Förderprogramme für Secondos an. Foto: © Europaeum Universität RegensburgStudierende mit Migrationshintergrund sind von deutschen Universitäten nicht mehr wegzudenken. Um die bikulturelle Ausrichtung der Studierenden optimal nutzbar zu machen, bieten Universitäten Förderprogramme für diese sogenannten Secondos an.

Die Bezeichnung „Secondos“ ist ein Kunstwort. Das heißt, es existiert in keiner Sprache. Geprägt wurde der Begriff in der Schweiz, wo er Menschen bezeichnet, die zwar in der Schweiz geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen sind, deren kulturelle Wurzeln aber in einem anderen Land liegen. Sogenannte Secondos und Secondas, also Menschen, die aus einer Zuwandererfamilie kommen, gibt es auch in Deutschland. Sie sind in Deutschland geboren und dort ausgebildet. Auch wenn Secondos und Secondas an deutschen Hochschulen eine Minderheit bilden, stellen sie eine wichtige Gruppe dar. Denn sie bringen neben der deutschen kulturellen Prägung auch die des Heimatlandes ihrer Eltern mit. Das kann für das spätere (Berufs-)Leben von Vorteil sein. Um zu lernen, diese Bikulturalität optimal zu nutzen, stellen einige deutsche Universitäten spezielle Förderprogramme für Secondos bereit.

Bikulturalität schätzen und fördern

Das Secondos-Programm der Universität Regensburg läuft nun 2010.  Foto: © Europaeum Universität RegensburgDie Erkenntnis, dass Studierende mit Migrationshintergrund eine Bereicherung für den deutschen Hochschul- und Bildungsbetrieb sind, ist schon einigen gekommen. Aber die Idee, dass eine spezielle Förderung dieser Menschen ihnen helfen kann, das Bestmögliche aus ihrer Multikulti-Biographie zu machen, scheint sich nur langsam durchzusetzen.

Das Secondos-Programm der Universität Regensburg läuft nun seit 2010. Die Studierenden bekommen dort die Möglichkeit, zwei Auslandssemester an einer Hochschule im Herkunftsland ihrer Eltern oder Großeltern zu absolvieren. Außerdem werden spezielle Sprachkurse angeboten, in denen die Studierenden lernen, die Sprache des Herkunftslandes zu schreiben und zu lesen. Viele von ihnen können das nicht, obwohl sie die Sprache sprechen. Auch Landeskunde steht auf dem Studienplan. Das Programm PRO MINT & MED an der Universität Ulm wird aktuell um den Zweig der Secondos-Förderung erweitert. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Programm hat das Motto Kritische Übergangsphasen innovativ gestalten, Lehre optimal organisieren und internationalisieren. Schwerpunkte des Programms, das sich erst mal an alle Studierenden richtet, sind die Erleichterung des Studieneinstiegs, die Verbesserung der Hochschuldidaktik und die Internationalisierung der Lehre und des Studiums. Ein besonderes Augenmerk wird in Ulm darauf gelegt, dass sowohl deutsche, also auch ausländische und Studierende mit Migrationshintergrund sich gegenseitig bereichern. Es gibt spezielle Modellmodule zur Orientierung in der Studien-, Lehr- und Lernkultur, in denen alle Gruppen ihre kulturell geprägten Werte und ihre Erfahrungen einbringen.

In zwei Kulturen zu Hause

Secondos sind für interkulturelle Belange vermutlich sensibler als andere.  Foto: © Europaeum Universität RegensburgStudierende, die aus einer Einwandererfamilie kommen, haben die Werte und Ideale ihrer Eltern und Großeltern ebenso verinnerlicht wie die des deutschen Umfeldes, in das sie geboren wurden und in dem sie aufgewachsen sind. Das bedeutet, dass sie für interkulturelle Belange vermutlich sensibler sind als diejenigen, denen nur ein kultureller Hintergrund zur Verfügung steht. Auch wenn Secondos und Secondas ihre Ausbildung in Deutschland genossen haben, sind ihnen durch ihre Eltern oder Großeltern andere Lernsysteme bekannt und vielleicht vermittelt worden. Davon können ihre deutschen Kommilitonen profitieren. Ebenso können Secondos und Secondas gegebenenfalls Lernschwierigkeiten, die sie selber haben, beheben, indem sie sich bewusst machen, welche Lernstrategie sie verfolgen.

Alle reden von Globalisierung

Besonders in Bereichen wie der Exportwirtschaft seien die Arbeitschancen für Secondos gut.  Foto: © Europaeum Universität RegensburgDie Vernetzung der Welt schreitet immer weiter voran und das Wort Globalisierung ist in aller Munde. Wenn verschiedene Mentalitäten auf dem Arbeitsmarkt aufeinander treffen, erschwert das manchmal die Zusammenarbeit. Secondos bringen neben den Kenntnissen der verschiedenen Sprachen auch die Kenntnisse der unterschiedlichen kulturellen Umgangsweisen mit. Was deutsche Arbeitnehmer erst mühsam in speziellen Seminaren lernen müssen, bevor sie einen Job im Ausland annehmen, haben Secondos schon verinnerlicht. Besonders in Bereichen wie der Exportwirtschaft seien die Arbeitschancen für Secondos daher gut, sagt Thomas Strothotte, Direktor der Universität Regenburg. Neben dem persönlichen Effekt, den die Förderprogramme für Secondos und Secondas selbst haben, ihre Bikulturalität als etwas Positives zu sehen und nicht mehr das Gefühl zu haben, zwischen zwei Stühlen zu sitzen, nützen die Programme auch der Gesellschaft. Länder- und nationenübergreifendes Handeln und die Verknüpfung untereinander wird einfacher, wenn es jemanden gibt, der sich auf beiden Seiten auskennt.

Und zuletzt können Secondos und Secondas, die sich sicher in zwei Kulturen bewegen und die Blickrichtung beider Seiten kennen und verstehen, zwischen diesen vermitteln und zum gegenseitigen Verständnis beitragen. Und das ist durchaus förderungswürdig.

Constanze Fiebach
ist Literaturwissenschaftlerin und freie Journalistin. Sie lebt in Essen.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
November 2011

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