Wirtschaft und Sprache

Neues Berufsbild: Sprach- und Integrationsmittler

Sprach- und Integrationsmittler schaffen auch Sicherheit und Vertrauen. Foto: Ilse StraubeSprach- und Integrationsmittler schaffen auch Sicherheit und Vertrauen. Foto: Ilse StraubeIn Behörden oder Schulen kommt es häufig zu Missverständnissen zwischen Migranten und Fachkräften. Mit dem neuen Berufsbild des Sprach- und Integrationsmittlers soll eine langfristige Lösung für das Problem geschaffen werden.

Das Jugendamt wendet sich an die Familie eines verhaltensauffälligen Schülers, bei einer Frau wird Brustkrebs diagnostiziert, ein Flüchtling versucht, seine traumatischen Erlebnisse in einer Therapie zu verarbeiten ... Gerade in schwierigen Lebenssituationen sind Menschen darauf angewiesen, mit Fachkräften in Behörden, medizinischen oder sozialen Einrichtungen über ihre Bedürfnisse und Lösungsmöglichkeiten zu sprechen. Erschwert werden solche Gespräche, wenn Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen mit verschiedenen Muttersprachen aufeinandertreffen – zum Beispiel Migranten und Fachpersonal.

Gerade in schwierigen Lebenssituationen sind Menschen darauf angewiesen, über ihre Bedürfnisse und Lösungsmöglichkeiten zu sprechen.  Foto: Ilse StraubeNicht selten kommt es dann zu sprachlichen oder kulturellen Missverständnissen, die zu Frust und Unsicherheiten auf beiden Seiten, höherem Zeitaufwand und zusätzlichen Kosten führen. Hier und da helfen Freunde oder Verwandte als sogenannte Laiendolmetscher aus. Das kann aber wieder neue Schwierigkeiten mit sich bringen, wenn diese der Aufgabe sprachlich, interkulturell oder fachlich gar nicht gewachsen sind oder selbst in das Gespräch verwickelt sind. Dann dolmetscht plötzlich ein Kind beim Elternsprechtag ein Gespräch zwischen seinen Eltern und den Lehrern, in dem es um sein eigenes Verhalten geht. Oder jemand gerät beispielsweise in die unangenehme Situation, einem Freund eine schwerwiegende ärztliche Diagnose übermitteln zu müssen.

Ausbildung zum neutralen Mittler

Als Reaktion auf dieses Problem wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche lokale und regionale Projekte entwickelt, in denen bilinguale und bikulturelle Menschen mit eigener Migrationserfahrung zu sogenannten Sprach- und Integrationsmittlern (SprInt) ausgebildet und als neutrale Mittler an entsprechende Institutionen vermittelt werden. In der Ausbildung lernen sie nicht nur Dolmetschtechniken, sie reflektieren auch kulturelle Unterschiede im Umgang mit Krankheit, Geschlechterrollen, Tabus und Scham und lernen, bei Missverständnissen angemessen zu intervenieren und Konflikte zu entschärfen. Sie erhalten medizinische, psychosoziale und rechtliche Kenntnisse und Fachwissen über das Bildungs-, Gesundheits- und Sozialwesen in Deutschland. Außerdem werden sie mit berufsethischen Grundsätzen und mit den Versorgungsstrukturen in Deutschland und der Rolle der Fachkräfte in den jeweiligen Institutionen vertraut gemacht. Dadurch sind sie nicht nur in der Lage, die Kommunikation zu erleichtern, sie schaffen auch Sicherheit und Vertrauen und erhöhen so die Qualität der Gespräche.

Berufschance für Migranten

In der Ausbildung lernen SprInts mehr als nur Dolmetschtechniken. Foto: Ilse StraubeHelîm Yusiv ist einer von 23 Migranten, die derzeit von der Diakonie Wuppertal zu professionellen Sprach- und Integrationsmittlern ausgebildet werden. Als er vor zehn Jahren als politischer Flüchtling nach Deutschland kam, konnte der syrisch-kurdische Schriftsteller und Jurist selbst kein einziges Wort Deutsch, so dass er in den ersten Monaten etwa im Umgang mit den Behörden auf die Hilfe von Freunden angewiesen war, die er nur durch Zufall kennengelernt hatte. Weil sein syrischer Abschluss in Deutschland nicht anerkannt wurde und er nicht die notwendigen Sprachkenntnisse für ein deutschsprachiges Studium aufweisen konnte, konnte er hier nicht als Jurist arbeiten.

Die Ausbildung zum SprInt sieht er als Möglichkeit, die Kommunikation zwischen Fachkräften und seinen kurdisch-und arabischsprachigen Landsleuten zu erleichtern, sein Deutsch zu verbessern und sich weiterhin für seine Muttersprache Kurdisch einzusetzen, die in seinem Heimatland verboten ist. Während seiner Praktika hat er schon mehr als dreißig Mal für verschiedene Klienten und Einrichtungen gedolmetscht. Die Arbeit macht ihm nicht nur großen Spaß, in der Praxis erfährt er auch, wie wichtig seine Arbeit ist: „Zur Zeit absolviere ich mein Praktikum in einer psychiatrischen Klinik. Die Ärzte berichten von großen Kommunikationsproblemen im Gespräch mit Migranten.“

Entwicklung eines staatlich anerkannten Berufsbildes

Helîm Yusiv  Foto: privatUm die Qualität der Ausbildung zu sichern und ein bundesweit flächendeckendes Angebot zu schaffen, hat sich die Diakonie Wuppertal 2005 mit anderen Trägern zu einer Bundesarbeitsgruppe zur Berufsbildentwicklung (BAG) zusammengeschlossen, die das Berufsbild des Sprach- und Integrationsmittlers etablieren und staatlich anerkennen lassen möchte. Als Vollzeitstudium soll die Ausbildung mindestens zwölf Monate dauern und Praxisphasen beinhalten. Notwendige Voraussetzungen sind ein Schulabschluss, der der mittleren Reife entspricht, gute Sprachkenntnisse in Deutsch und einer zweiten Sprache, sowie Berufserfahrungen.

Wer sozial engagiert ist, erste Dolmetscherfahrungen vorweisen kann und sich mit den gesellschaftlichen und administrativen Strukturen in den Herkunftsländern auskennt, soll bessere Chancen auf einen Ausbildungsplatz haben. Die Bundes-AG wirbt derzeit bei den potenziellen Auftraggebern für das Projekt, damit die Verordnung für das neue Berufsbild „Sprach- und Integrationsmittler“ vom Bundesinstitut für Berufsbildung schon bald verabschiedet wird.

Janna Degener
arbeitet als freie Journalistin in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Oktober 2010

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