Wissenschaft und Bildung

Sprachenkenntnisse in der EU – eine Studie soll signifikante Verbesserungen anregen

In 14 Ländern wurden für die Studie fast 54.000 Schülerinnen und Schüler getestet. Foto: stockbroker © 123RIn 14 Ländern wurden für die Studie fast 54.000 Schülerinnen und Schüler getestet. Foto: stockbroker © 123RFZum ersten Mal wurde in 14 EU-Ländern eine Erhebung über die Sprachenkenntnisse von Schülern durchgeführt. Dr. Michaela Perlmann-Balme, die beim Goethe-Institut für diese Studie und speziell die deutschsprachigen Testaufgaben verantwortlich war, fasst die Ergebnisse zusammen.

Frau Perlmann-Balme, was ist das Ziel des ersten European Survey on Language Competences?

In dieser Erhebung zur Fremdsprachenkompetenz sollte festgestellt werden, mit welchem Ergebnis die nationalen Schulsysteme in der Europäischen Union Fremdsprachen vermitteln. In 14 Ländern wurden zusammen fast 54.000 Schülerinnen und Schüler im Alter von 14 bis 15 Jahren am Ende der Pflichtschulzeit getestet.

Dazu wurde ein Sprachtest für die ersten vier der insgesamt sechs Niveaustufen des Gemeinsamen europäischen Referenzrahmens entwickelt. Außerdem gab es einen Fragebogen zum biografischen Hintergrund der getesteten Schülerinnen und Schüler. Hier wurde zum Beispiel der Umfang des bereits absolvierten Sprachunterrichts erfragt. Zudem ging es um Fragen zum sozio-ökonomischen Status der Familie; etwa dazu, wie viele Bücher es im Haushalt gibt oder ob Fremdsprachen zu Hause eine Rolle spielen. So sollte herausgefunden werden, welche Faktoren eine Rolle für den Erfolg beim Sprachenlernen spielen können.

Welche Sprachen wurden getestet?

Es sollte herausgefunden werden, welche Faktoren eine Rolle für den Erfolg beim Sprachenlernen spielen können.  Foto: stockbroker © 123RFGetestet wurden die Sprachen, die als erste und zweite Fremdsprachen in den Ländern unterrichtet werden, die an der Studie teilgenommen haben. Das sind Englisch, Französisch, Deutsch, Spanisch und Italienisch. Deutschland hat übrigens nur an der Erstellung der Tests, aber nicht an der Durchführung teilgenommen. Der Test – den wir intern gern „Fremdsprachen-PISA“ nennen – dauert etwa eine Stunde und wurde in den Schulen am Computer durchgeführt. Getestet wurden die Fertigkeiten Lesen, Schreiben und Hören.

Wichtig ist, dass es dabei nicht um die Kompetenz des Einzelnen geht, sondern um die Kompetenz, die eine repräsentative Zahl von Schülerinnen und Schülern erreicht. Pro Land wurden 1.500 Schülerinnen und Schüler getestet.

Welches sind die wichtigsten Ergebnisse der Studie?

Das Niveau, das von den Schülerinnen und Schülern in Europa erreicht wird, ist leider nicht besonders erfreulich. Viele erreichen im Laufe ihrer Schullaufbahn auch in der ersten Fremdsprache nur das Basisniveau A1. Das ist schon erstaunlich, zumal laut aktuellem Eurobarometer 98 Prozent der Europäer es generell für sehr wichtig halten, Fremdsprachen zu können.

Nur 42 Prozent der getesteten Teenager erreichen in ihrer ersten Fremdsprache eine selbstständige Sprachverwendung – also Niveau B1. In der zweiten Fremdsprache sind es sogar nur 25 Prozent. 14 Prozent erreichen in der ersten Fremdsprache nicht einmal eine „Elementare Sprachverwendung“ und bleiben somit unter Niveau A1. In der zweiten Fremdsprache sind es 20 Prozent.

Was geschieht jetzt mit den Studienergebnissen?

Das Niveau, das von den Schülerinnen und Schülern in Europa erreicht wird, ist leider nicht besonders erfreulich.  Foto: lightpoet © 123RFIn der Studie ging es auch darum herauszufinden, wo der Fremdsprachenunterricht besonders erfolgreich ist. Jetzt haben wir erstmals konkrete Daten dazu. Der nächste Schritt ist zu schauen: Was muss passieren, um den Unterricht zu verbessern? Wo gibt es gute Ideen und Ansätze?

Die Länder haben alle Daten, die ihr Land betreffen, bekommen. Sie können diese nun selbst analysieren und ihre eigenen Schlüsse ziehen. Beim PISA-Test haben wir ja auch gesehen: Harte Daten können Regierungen aufrütteln.

In welchem Land lernen die Schüler denn besonders erfolgreich Fremdsprachen?

Das ist nicht so einfach zu beantworten. Die Ergebnisse liefern ein sehr differenziertes Bild. Die Schweden sind zum Beispiel die besten Englischlerner. Doch interessanterweise kann man daraus nicht ableiten, dass sie insgesamt beim Sprachenlernen besonders gut sind. Bei der zweiten Fremdsprache – dem Spanischen – schneiden sie gar nicht gut ab.

Hat die Studie gezeigt, was den Lernerfolg begünstigt?

Ein sehr wichtiger Punkt ist die Motivation der Schüler.  Foto: belchonock © 123RFJa, zum Teil schon. Ein sehr wichtiger Punkt ist die Motivation der Schüler. Es hat sich gezeigt, dass Schüler, die das Lernen der jeweiligen Sprache für nützlich halten, eher einen höheren Grad an Fremdsprachenbeherrschung erzielen. Dafür spielt es auch eine Rolle, ob die Eltern eine Fremdsprache nutzen.

Außerdem gibt es einen positiven Zusammenhang zwischen dem Lernerfolg und der Verwendung der Fremdsprache im Unterricht: Wenn die Lehrenden den Unterricht vorwiegend in der Fremdsprache halten, wirkt sich das positiv aus.

Spielt es auch eine Rolle, wann der Fremdsprachenunterricht einsetzt?

Ja, ein früherer Beginn geht mit höherer Leistungsfähigkeit in der getesteten Sprache einher. Außerdem konnte man nachweisen, dass es sich positiv auswirkt, wenn man mehrere Fremdsprachen lernt. Wer zwei oder drei Fremdsprachen gelernt hat, erzielt meist bessere Ergebnisse. Überproportional viele Schüler, die Latein gelernt haben, haben beim Test gut abgeschnitten. Das heißt: Auch das Lernen einer alten Sprache hilft.

Sind Folgestudien geplant?

Ja, die Erhebung soll regelmäßig wiederholt werden. Alle vier Jahre soll gemessen werden, wie sich die Sprachkompetenz in der EU weiter entwickelt – und wie sie hoffentlich signifikant verbessert wird.

Dagmar Giersberg
führte das Gespräch. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Januar 2013

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