Wissenschaft und Bildung

„Es gibt keine Sprachgemeinschaft ohne Tabus“

Auch in unserer heutigen Gesellschaft gibt es Tabus. | © triocean - Fotolia.com

Wie entstehen Tabus in der Sprache? Was sagen sie über unsere Gesellschaft aus? Und wie vermeiden wir es, dass wir uns in einer fremden Kultur unmöglich verhalten? Das erklärt Professor Andreas Musolff von der University of East Anglia in Norwich.

Herr Musolff, nach einem typisch deutschen Wort klingt „tabu“ eigentlich nicht. Woher stammt der Begriff?

Das Wort tabu wurde bei den Entdeckungsreisen des 18. Jahrhunderts von Menschen wie Captain Cook und Adalbert von Chamisso in den englischen und deutschen Sprachraum gebracht. Es war in einer der Sprachen der Südsee-Inseln gebräuchlich und bezeichnete bestimmte Verbote, die auf die Religion zurückgeführt wurden: Diese Verbote regelten zum Beispiel, wer mit wem zusammensitzen, wer wen berühren und wer was essen durfte, und dass Namen von heiligen Personen oder Göttern nicht ausgesprochen werden durften. In der westlichen Welt hat man dies zunächst als Aberglauben, dann als interessantes, exotisches Phänomen erforscht. Später wurde der Begriff in den allgemeinen Sprachgebrauch übernommen. Und heute weiß man, dass es in allen Gesellschaften Tabus gibt, die zum Teil religiöser Natur sind – die Nennung von Gottes Namen ist zum Beispiel auch im orthodoxen Judentum streng geregelt –, zum Teil aber auch mit anderen Themen wie Sexualität, Exkrementen, Todesfällen oder gesellschaftlichen Hierarchien zu tun haben.

Tabus in Politik und Gesellschaft

Welche Rolle spielen sprachliche Tabus in unserer heutigen Gesellschaft, die doch eigentlich darauf abzielt, zu „enttabuisieren“?

Sprachexperte Professor Andreas Musolff von der University of East Anglia in Norwich | © Andreas Musolff Seit der Aufklärung versuchen Menschen, sich als entwickelter oder kultivierter darzustellen, indem sie sagen, sie würden Tabus brechen oder hätten weniger Tabus als andere. Das ist oft nicht mehr als ein rhetorischer Trick, zum Beispiel, wenn sich Politiker in Talkshows als „Enttabuisierer“ darstellen. Auch in unserer heutigen Gesellschaft gibt es Tabus, mit denen zum Beispiel unter dem Stichwort der Political Correctness mehr oder weniger raffiniert umgegangen wird: Denken Sie zum Beispiel daran, dass der Militäreinsatz in Afghanistan vor einigen Jahren unter keinen Umständen als Krieg benannt werden durfte: Politiker im Bundestag hatten eine beinahe magische, besessene Angst davor, welche Reaktionen das Wort Krieg in der Öffentlichkeit auslösen könnte. Deshalb wurde von einer polizeilichen Aktion, von Wiederaufbauarbeiten oder von Friedenshilfe gesprochen. Ein weiteres Beispiel: Als ein Redakteur der linken Tageszeitung Taz über ein Konzert schrieb, der Saal sei gaskammervoll gewesen, ist er direkt gefeuert worden. Denn diese Art von pseudo-humoristischer Bezugnahme auf den Holocaust gilt zu Recht als unmöglich.

Während alte Sprachtabus wegbrechen, entstehen also durchaus auch neue. Was sagen diese Tabus über unsere Gesellschaft aus?

Die Sprache ist in dieser Hinsicht ein Spiegel der Gesellschaft. Die Tabus betreffen soziale Regeln, die für die Gesellschaft mehr oder weniger konstitutiv sind und deswegen für wichtig gehalten werden. Wenn sie entstehen, entwickeln wir sprachliche Benennungen, um in verschiedenen Situationen verschiedene Wörter für bestimmte Tabuthemen verwenden zu können: So hat etwa das Wort geil einen starken Wandel durchgemacht: Es hatte schon verschiedene Bedeutungen, bevor es vor etwa fünfzig bis hundert Jahren als ein Tabuwort für sexuelle Erregtheit verwendet wurde. Weil sich dann die sozialen Gegebenheiten änderten, bekam das Wort eine neue Bedeutung, indem es als Synonym für super oder toll verwendet wurde. Damit ist es in der Jugendsprache inzwischen schon seit dreißig Jahren etabliert. Heute kräht kein Hahn mehr danach, wenn man das Wort geil verwendet.

Man kann Tabubrüche vermeiden

Tabus sind also ein Spiegel der Gesellschaft. Das erklärt auch, warum in unterschiedlichen Sprach- und Kulturkreisen auch unterschiedliche Sprachtabus verbreitet sind …

Dafür gibt es unzählige Beispiele: Wenn ich im Deutschen etwa auf höfliche Anredeformen wie das Sie verzichte, kann das dazu führen, dass ich aus bestimmten Gesellschaftskreisen de facto ausgeschlossen werde. Im englischen Sprachbereich dagegen spielt das überhaupt keine Rolle. Anders als im Deutschen wird hier auch der Vorname in formellen Situationen häufiger verwendet. Sämtliche Höflichkeitsregeln sind kulturell bedingt und können als Vorsichtsnahmen gegen eine Tabuverletzung verstanden werden. Ein anderes Beispiel: Im Deutschen kann man durchaus davon sprechen, dass jemand gestorben ist. Im Englischen würde die wörtliche Übersetzung he died dagegen als unmöglich gelten, so dass man zum Beispiel sagt he passed away. Für Deutsche ist das leicht nachvollziehbar, denn die Themen Sterben und Tod sind auch hier tabubehaftet: In den meisten Fällen würde es etwa als ehrverletzend empfunden, wenn man sagt, jemand habe ins Gras gebissen oder sei verreckt.

Wie sollte jeder Einzelne in interkulturellen Kontaktsituationen mit den eigenen und fremden Tabus umgehen?

Die möglichen Tabubrüche sind so vielfältig, dass niemand sie hundertprozentig vorhersagen kann. Wenn man bestimmte Informationen hat, kann man Tabubrüche aber durchaus vermeiden: Viele Europäer haben zum Beispiel Probleme, chinesische Vornamen korrekt auszusprechen und produzieren stattdessen – ohne es zu wissen – ein Wort, das im Chinesischen eine groteske oder verletzende Bedeutung hat. Meine chinesischen Studenten in Großbritannien haben mir erzählt, dass sie sich, um einen solchen unfreiwilligen Tabubruch zu vermeiden, englische Ersatznamen geben. Ähnlich kann man auch bestimmte Themen vermeiden, so dass die mögliche Verletzung eines Tabus überhaupt nicht relevant wird: Wenn ich die Gefühle meines Gegenübers nicht verletzen möchte, würde ich mit einem überzeugten Katholiken zum Beispiel nicht über die Jungfrauengeburt von Maria diskutieren. Außerdem sollte man sich als Fremdsprachenlerner – wie auch als Übersetzer – nicht nur mit der Sprache, sondern auch mit den sozio-kulturellen Verwendungsregeln der Zielregion auseinandersetzen. Denn sonst sind ungewollte Tabubrüche nicht zu vermeiden.

Janna Degener
arbeitet als freie Journalistin in Königs Wusterhausen bei Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
März 2014

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