Wissenschaft und Bildung

Wissenschaftliche Mehrsprachigkeit ist innovationsfördernd

Je pri získavaní poznatkov podstatné, či vedci bádajú po anglicky alebo po nemecky?  Foto: James McQuillan © iStockphotoSpielt es für den Wissensgewinn eine Rolle, ob Wissenschaftler auf Englisch oder Deutsch forschen?  Foto: James McQuillan © iStockphotoDeutsche Wissenschaftler veröffentlichen ihre Arbeiten zunehmend auf Englisch und auch Tagungen werden in Deutschland häufig auf Englisch abgehalten. Wissenschaftler vermuten, dass sich Englisch als Lingua Franca der europäischen Wissenschaft durchsetzen wird.

Während manche diese Entwicklung begrüßen, betrachten andere sie mit Sorge. Auch der Chemnitzer Germanist Winfried Thielmann befürchtet, dass Wissenschaftssprachen wie das Deutsche zunehmend an Bedeutung verlieren und dadurch die Mehrsprachigkeit der europäischen Wissenschaft gefährdet wird. In seiner Habilitation hat er jetzt die Unterschiede zwischen der deutschen und der englischen Wissenschaftssprache untersucht.

Die Unterschiede zwischen den Wissenschaftssprachen Deutsch und Englisch sind größer als gemeinhin angenommen.  Foto: Nicolas Loran © iStockphotoSpielt es für den Wissensgewinn eine Rolle, ob Wissenschaftler auf Englisch oder Deutsch forschen? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, hat Winfried Thielmann in seiner Habilitation deutsche und englische Artikel aus natur-, geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen verglichen. Sein Ergebnis: Die Unterschiede zwischen den beiden Wissenschaftssprachen sind viel größer als gemeinhin angenommen. Die Verwendung von Satzverknüpfungen wie „weil“ und „because“ scheinen in den beiden Sprachen völlig verschieden zu sein und in deutschen wissenschaftlichen Aufsätzen kommen in bestimmten Situationen regelmäßig von Verben abgeleitete Substantive wie „Verlauf“, „Vorstellung“ oder „Gefüge“ zum Einsatz, die im Englischen kaum Entsprechungen haben. Auch weil deutsche Texte, insbesondere wissenschaftliche Einleitungen, anders aufgebaut sind, lassen sie sich laut Thielmann nicht eins zu eins ins Englische übertragen.

Was steckt hinter den sprachlichen Unterschieden?

Hinter den sprachlichen Unterschieden steckt auch ein grundsätzlich unterschiedliches Wissenschaftsverständnis.  Foto: GreenStockCreative © iStockphotoThielmann ist überzeugt, dass hinter den sprachlichen Unterschieden auch ein grundsätzlich unterschiedliches Wissenschaftsverständnis steckt: „Die Wissenschaftssprache ist eingebunden in ein Verständnis davon, was eine gute wissenschaftliche Argumentation ist und hat auch einen wesentlichen Einfluss auf die Theoriebildungsprozesse.“ Ralph Mocikat, Vorsitzender des Arbeitskreises Deutsch als Wissenschaftssprache, argumentiert in einem Artikel auf Zeit Online ähnlich: „Unsere Denkmuster, das Auffinden von Hypothesen, die Argumentationsketten bleiben – auch in den Naturwissenschaften – stets in dem Denken verwurzelt, das auf der Muttersprache beruht. Wissenschaftliche Theorien arbeiten immer mit Wörtern, Bildern, Metaphern, die der Alltagssprache entlehnt sind. (…) Da jede Sprache einen anderen Blickwinkel auf die Wirklichkeit zulässt und individuelle Argumentationsmuster bietet, läuft es auf eine geistige Verarmung hinaus, wenn Lehre und Forschung auf das Englische eingeengt werden“.

Warum schreiben deutsche Wissenschaftler auf Englisch?

In der Praxis werden naturwissenschaftliche Arbeiten häufig danach beurteilt, in welchen wissenschaftlichen Zeitschriften sie publiziert werden. Thielmann hält diese Praxis für problematisch, weil alle führenden Zeitschriften in US-amerikanischer Hand seien: „Die deutschen Naturwissenschaftler müssen auf Englisch schreiben, um in diesen Zeitschriften publizieren zu können. Sie schreiben also in einer Fremdsprache und konkurrieren dabei mit anderen Wissenschaftlern, für die das Englische die Muttersprache ist. Dazu kommt: Auch die wissenschaftlichen Standards werden auf diese Weise von der US-amerikanischen Wissenschaft festgelegt. Dadurch wird auf lange Sicht international die Vielfalt an Wissenschaftskulturen eingeschränkt.“

Englisch: Lingua Franca der internationalen Wissenschaft?

Gibt es überhaupt eine Alternative zu Englisch als Lingua Franca?  Foto: Peter Booth © iStockphotoAber gibt es überhaupt eine Alternative zu Englisch als Lingua Franca, wenn man einen schnellen Austausch zwischen Wissenschaftlern aus aller Welt gewährleisten will? „Um aktuelle naturwissenschaftliche Erkenntnisse international mitzuteilen, kann die englische Sprache sicherlich hilfreich sein“, gibt Thielmann zu. Das heißt für ihn aber nicht, dass andere europäische Sprachen ihre Bedeutung in der wissenschaftlichen Forschung und Lehre verlieren dürfen: „Über Jahrzehnte hinweg konnten die Wissenschaftler Aufsätze in einer anderen Sprache zur Kenntnis nehmen. Dabei bemerkten sie eine Differenz, die neugierig macht. Und Neugier ist die Triebfeder von Wissenschaft. Eine Vielfalt an Wissenschaftssprachen und -kulturen fördert die Innovation.“

Literatur:

Winfried Thielmann:
Deutsche und englische Wissenschaftssprache im Vergleich. Hinführen – Verknüpfen – Benennen (Synchron Wissenschaftsverlag der Autoren, 2009)

Ulrich Ammon:
Ist Deutsch noch internationale Wissenschaftssprache? (Gruyter, 1997)

Janna Degener
arbeitet als freie Journalistin in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
September 2011

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