Dokumentation der bisherigen Veranstaltungen

© Goethe-Institut, Deutsch 3.0 Eröffnungsveranstaltung

Mehrsprachig forschen? „Deutsch in den Wissenschaften“ in Amsterdam

In einer globalisierten Welt spricht Wissenschaft heute längst eine internationale Sprache. Aber muss es deshalb automatisch Englisch sein? Geht mit dem Verlust an Mehrsprachigkeit im Studium und im Labor nicht auch ein Mehrwert an Erkenntnis verloren? Und kann man tatsächlich Kant-Experte werden, ohne Deutsch zu können?

Am 6. und 7. Februar 2014 gingen die rund 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz „Deutsch als Wissenschaftssprache – Elitenbildung und Mehrsprachigkeit im europäischen Bildungsraum“ Fragen wie diesen auf den Grund. Die von Nicole Colin vom Duitsland Instituut Amsterdam (DIA) sowie von Joachim Umlauf vom Goethe-Institut Paris initiierte und organisierte Veranstaltung, die im Rahmen der Veranstaltungsreihe DEUTSCH 3.0 im Amsterdamer Goethe-Institut stattfand, war international besetzt, die vier Vorträge und Podiumsgespräche hochgradig differenziert, das Publikum diskutierfreudig. Und trotzdem kam die Konferenz zu einem (fast) eindeutigen Ergebnis.

Fügen in das Unvermeidliche?

© Thomas KösterMit Englisch als weltweiter Wissenschaftssprache hat Jan-Peter Wissink kein Problem. Im Gegenteil. „Ich schaue erst einmal auf die Zahlen“, sagt der Verleger von der Amsterdam University Press während der Podiumsdiskussion zur „Mehrsprachigkeit in den Wissenschaften“. Und macht dann eine einfache Rechnung auf: „Eine englischsprachige Monografie verkauft sich vielleicht 150 bis 300 mal. Auf Deutsch verkauft man um ein Drittel weniger.“

Bei seinem Auftritt plädiert Wissink für einen nüchternen Umgang mit der Dominanz des Englischen im weltweiten Forschungsraum. „Die Sichtbarkeit wissenschaftlicher Publikationen ist im internationalen Bereich nun einmal nur so gewährt“, referiert er den von ihm akzeptierten Status Quo. Schließlich sei selbst Kants Kritik der Urteilskraft verlustfrei in der englischen Übersetzung zu studieren. Anders lautende Meinungen seien idealistisch, emotionalisiert, ideologiegeladen, kurz: „völliger Quatsch“.

Mit seiner betont provokanten Meinung steht Wissink im holzvertäfelten Gartensaal des Amsterdamer Goethe-Instituts mit seinen Kronleuchtern, goldumrahmten Spiegeln, Marmorkaminen und zu Notausgängen umfunktionierten Tapetentüren ziemlich alleine da. Der Blickwinkel der anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Deutschland, Frankreich und den Niederlanden ist nicht die ökonomische Außensicht auf Forschung und ihre Sprache, die auch die aktuelle Bildungspolitik bestimmt.

Ihre Perspektive ist die erkenntnisgeleitete Innensicht der – internationalen – Wissenschaft, die von Amsterdam – also vom Ausland – aus auf „Deutsch in den Wissenschaften“ blickt. Und es ist die Innensicht von Organisationen wie dem Institut für Deutsche Sprache (IDS), dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) oder dem Goethe-Institut, für die die Vermittlung von Kulturinhalten und Landessprache naturgemäß zwei Seiten derselben Medaille sind.

Shakespeare sprach nicht globalesisch

Deshalb steht in Amsterdam die Vormachtstellung des Englischen in Wissenschaft und Forschung immer wieder auf dem Prüfstand. Selbst in den Kaffeepausen geht das Gespräch darüber lebhaft weiter. Der Eröffnungs- und der Abschlussvortag des ersten Konferenztags wirken da thematisch wie eine Klammer.

© Thomas KösterMittags beleuchtet der Bremer Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant jene Probleme, die sich aus der wirtschaftlich motivierten Übernahme des „Globalesischen“ als Kommunikationsmittel ohne geistig-kulturelle Basis für die Wissenschaft – und für die Sprachengerechtigkeit im europäischen Sprachraum generell – ergeben. Und am Abend stellt der frankophile Philosophiehistoriker Heinz Wisman im Doelenzaal der Amsterdamer Universität auf hohem Reflexionsniveau die Frage, ob sich Sprachstrukturen nicht auf ganz verschiedene Arten für verschiedene Formen der Erkenntnis eignen könnten – und welche Rolle Deutsch, Französisch oder Englisch dabei spielen. Dass er wegen seines auf der abenteuerlichen Anreise verlorenen gegangenen Manuskripts frei vortragen muss und dabei minutenlang Madame de Staël und andere Geistesgrößen im Original zitieren kann, imponiert dem ganzen Plenum.

Spätestens in der Anschlussdiskussion wird deutlich, dass es nicht darum geht, die Sprache Shakespeares gegen die Sprache Kants oder Goethes auszuspielen: Es geht um eine Kritik an der Urteilskraft eines formalisierten, grammatikalisch verkürzten und dabei aller Kreativität beraubten „Service-Englisch“ für den Erkenntnisfortschritt in der Wissenschaft.

Von Übersetzungskatastrophen

© Thomas KösterDie Lingua franca als Hemmschuh beschäftigt am nächsten Tag auch Winfried Thielmann. Für seine Thesen zum innovativen Ausbau von Alltags- in „Wissenschaftssprache(n)“ und die Bedeutung von Wortneuschöpfungen und Metaphern bei der Formulierung und Etablierung neuer Erkenntnisse greift der Professor für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache an der TU Chemnitz bis auf Aristoteles, Newton und Galilei zurück – und spannt einen faszinierenden Bogen zurück zur Gegenwart.

An teils erheiternden Textdetails macht Thielmann deutlich, zu welchen fundamentalen Missverständnissen der falsche Gebrauch englischer Idiome durch deutsche Muttersprachler beim Versuch einer Vermittlung von neuem, begrifflich noch nicht vorgefasstem Wissen führen kann: Semantische Katastrophen, bei denen das im Pseudoenglisch verborgene Gemeinte „oftmals nur noch durch einen anderen deutschen Muttersprachler rekonstruierbar ist“.

Dabei zeigt Thielmann, dass das Deutsche im Bereich der Wortbildungsmittel über Möglichkeiten verfügt, die es so im Englischen nicht gibt, und leitet hieraus die Forderung nach wissenschaftlicher Mehrsprachigkeit ab.

Der betrübliche Kurzschluss von Bologna

Dass der Verlust des Deutschen nicht nur im geisteswissenschaftlichen Diskurs, sondern selbst im kommunikativen Alltagsgeschäft der Naturwissenschaften schmerzlich ist, stellt der Münchner Immunologe Ralph Mocikat heraus, der zugleich Vorsitzender des Arbeitskreises Deutsch als Wissenschaftssprache (ADAWIS) ist. „In den Grundlagenfächern, doch zunehmend selbst in den angewandten Wissenschaften, ist die deutsche Sprache praktisch nicht mehr existent“, lautet das betrübliche Fazit seines mit erhellender Statistik gespickten Vortrags.

Selbst Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die für interdisziplinäre Projekte fünf bis 15 Jahre nach Deutschland kämen, wären oft der Landessprache nicht mächtig. Statt auf Deutsch fände im Labor ein Austausch nur mehr im formelhaften Vokabular des globalesischen „Service-Englisch“ statt. Man könne regelrecht bemerken, sagt der Immunologe, wie beim Ringen um Erkenntnis durch den Gebrauch der reduzierten Fremdsprache im Team" das Niveau sinkt".

© Thomas KösterAus Mocikats Perspektive erscheint die Gleichsetzung der Internationalisierung, die sich die Bologna-Reform zum Ziel setzte, mit dem ausschließlichen Gebrauch des Englischen als gedanklicher Kurzschluss: Wo bei Bachelor- und Masterstudiengängen oder Forschungsprojekten Internationalisierung drauf stehe, sei fast ausschließlich Anglisierung drin. Dabei könne nur die Gleichung Internationalisierung = Mehrsprachigkeit funktionieren.

Wer anders spricht, kann anders denken

Dass die Möglichkeiten der Mehrsprachigkeit auch den wissenschaftlichen Nachwuchs umtreiben, zeigt der Workshop am zweiten Konferenztag. Angespornt durch ein Impulsreferat zu „Erkenntnissen ohne Sprachgrenzen“ erarbeiten rund 45 junge Forscherinnen und Forscher in drei Gruppenarbeiten dreieinhalb Stunden lang entsprechende Positionen. Auch wenn die Ergebnisse aus Zeitgründen im Plenum nicht mehr präsentiert werden können, fließen sie in die anschließenden Gespräche doch fruchtbar mit ein.

© Thomas KösterSo sind sich am Ende des Kongresses fast alle einig: Unabhängig vom Fachgebiet muss Wissenschaft in mehreren Zungen reden, um wahrhaft international zu sein. In diesen Stimmenreigen muss sich das Deutsche ebenso einordnen wie Englisch als Kultursprache – ohne die Verkürzungen seiner „globalesischen“ Variante. Denn: „Das Denken der Menschheit stellt sich in der Semantik der verschiedenen Sprachen verschieden dar“, wie Trabant im Rückgriff auf Wilhelm von Humboldt formuliert. Oder, mit Heinz Wismanns Worten: „Die Vielfalt der Sprachen ist der eigentliche Horizont, vor dem wir unsere wissenschaftliche Kreativität entfalten können.“ Damit ist die Quintessenz des Kongresses auf eine griffige Formel gebracht.

Die „wissenschaftliche Muttersprache“

© Thomas KösterUm dieses Resultat praktisch umzusetzen, fordern zahlreiche Konferenzteilnehmer eine aktive Sprachenpolitik, die bereits in der Schule eine dritte Sprache im Curriculum fixieren soll. Die Universitätsleitungen sehen sie in der Pflicht, forcierte Anreize zum Erlernen der Landessprache für Studentinnen und Studenten, aber auch für etablierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler anzubieten. Beim gemeinsamen Forschen müssten jene Fremdsprachen kontextbezogen zum Einsatz kommen, die dem Forschungsgegenstand als eine Art "wissenschaftliche Muttersprache" in idealer Weise gerecht werden könnten.

Deutsch wäre da in vielen Fällen die richtige Wahl: Das stellten nicht zuletzt der Direktor des IDS, Prof. Ludwig Eichinger, der stellvertretende Generalsekretär des DAAD, Ulrich Grothus, sowie die Leiterin der Abteilung Sprache in der Münchner Zentrale des Goethe-Instituts, Heike Uhlig, in unterschiedlicher Akzentuierung heraus – immer im Kontext der Gedanken, dass auch englischsprachige Angeboten Studierende „ins Ausland locken“ (Grothus) und dass „Mehrsprachigkeit Mehrwert bringt“.

„The language of ... Geisteswissenschaften“

© Thomas KösterIn diesem Rahmen brachte Irene Zwiep das Leitthema „Deutsch als Wissenschaftssprache“ vielleicht am anschaulichsten und emotionalsten auf dem Punkt. Beim Podiumsgespräch über die Stellung des Deutschen in der geisteswissenschaftlichen Forschung und Lehre beklagte die Professorin für Jüdische und Hebräische Wissenschaften an der Universität von Amsterdam einen Verfall kultureller und politischer Facetten ihres Fachgebiets, der mit der unbehaglichen Abkehr von einer multilingualen Betrachtungsweise einher gegangen sei, wobei sie in einem leidenschaftlichen Plädoyer für das Deutsche immer wieder ins Niederländische und dann ins Englische verfiel – und dort nach Worten rang: „For me, German is the language of ... Geisteswissenschaften.“

Und selbst der pragmatisch kühl kalkulierende Verleger Jan-Peter Wissink räumt schließlich doch noch ein, auch seine studierenden Söhne zum Fremdsprachenerwerb anzutreiben: „Ich versuche als Vater nicht zu direktiv zu sein, aber Deutsch und Englisch sollen sie lernen.“ Erst kürzlich sei sein Ältester für sechs Wochen in Berlin gewesen. „Vorher konnte er gar kein Deutsch. Jetzt kann er sich zumindest verständigen.“


Projektschreiber: Thomas Köster
Kultur- und Wissenschaftsjournalist

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