Dokumentation der bisherigen Veranstaltungen


Raus aus der Defensive, aber dalli

Viel zu lange wurde über „Mehrsprachigkeit“ diskutiert, als sei sie ein Problem, das es zu lösen gelte. Professoren, Journalisten, Lehrer und Schüler fanden in Berlin eindrucksvolle Widerworte.



Es gibt diese Stelle im Faust, die denjenigen Kopfzerbrechen bereitet, die beklagen, an deutschen Schulen werde immer schlechter Deutsch gesprochen: „Ach neige, / Du Schmerzensreiche“, sagt Gretchen da in einem Reim, der auf Hochdeutsch keiner ist. Sondern nur, wenn man ihn auf gut Hessisch ausspricht: „Neische / Schmerzensreische“.

Obwohl Johann Wolfgang von Goethe also des Hochdeutschen nicht ganz mächtig war, ist etwas aus ihm geworden. Das dürfte all diejenigen beruhigen, die der Mehrsprachigkeit in deutschen Klassenzimmern skeptisch gegenüberstehen. Davon gibt es nicht wenige. Als Beispiel führte die Mannheimer Linguistik-Professorin Rosemary Tracy eine Zeitungsüberschrift an: „Mehrsprachigkeit muss kein Manko sein“, hieß sie. Als sei zunächst einmal von einem Defizit auszugehen.

„Das mehrsprachige Klassenzimmer – Wie viel Deutsch braucht ein Berliner Schulkind?“, so hieß die Veranstaltung, die das Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft im Rahmen der Reihe DEUTSCH 3.0 des Goethe-Instituts, des Instituts für Deutsche Sprache, des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft und von Duden am 26. März 2014 in der Französischen Friedrichstadtkirche organisierte. Sie lieferte Belege en masse, wie Mehrsprachigkeit Integration erleichtert, den Unterricht belebt und die Persönlichkeitsentwicklung fördert. Letzteres zeigten eindrucksvoll Berliner Schülerinnen und Schüler mit mehrsprachigem Hintergrund, die ihre Sprachen und Kulturen ebenso selbstbewusst wie selbstverständlich miteinander verbinden, im Rahmen eines Culture Slams.

Dabei können sie sich auf eine lange, aber in der Öffentlichkeit wenig bekannte Tradition berufen, an die der Kölner Germanistik-Professor Karl-Heinz Göttert erinnerte: Historisch sei Mehrsprachigkeit die Regel, Einsprachigkeit als Ideal dagegen ein Relikt des Nationalismus des 19. Jahrhunderts. Damals wurde, von Frankreich ausgehend, eine Einheit von Volk und Sprache proklamiert. Historisch sei das eine „Anomalie“: „In der Antike sprachen die Römer nicht unbedingt Latein, sondern ihre eigenen Dialekte. Und wer sich gehoben unterhalten wollte, sprach sogar Griechisch.“ Eine ähnliche Vielfalt beschrieb Göttert für das frühneuzeitliche Osmanische Reich, wo der Sultan Juden, die vor Pogromen in Spanien und Portugal geflohen waren, im griechischen Saloniki ansiedelte, wo sie Sephardisch sprachen, eine romanisch abgeleitete Form des Hebräischen.

Schadet Bio dem Erwerb der deutschen Sprache?

Selbstverständliche Interkulturalität und Mehrsprachigkeit überall, auch am Veranstaltungsort selbst: Die Französische Friedrichstadtkirche am Berliner Gendarmenmarkt wurde einst von Hugenotten erbaut, nachdem sie, aus Frankreich vertrieben, von Friedrich dem Großen in Preußen aufgenommen worden waren. „Deutsch ist nur, wer deutsch spricht, das ist eine Vorstellung des 19. Jahrhunderts, die mit dieser Anerkennenskultur gebrochen hat“, sagte Göttert. Er schärfte den Sinn des Publikums für unhinterfragte „Wahrheiten“ wie die, wonach sich die Identität von Menschen auf ihre Muttersprache stütze: „Wenn Sie das lesen und hören, seien Sie vorsichtig. Ich glaube das nicht. Man kann seine Identität auf mehrere Bereiche stützen, auch auf mehrere Sprachen.“ Und Rosemary Tracy kritisierte den Perfektionismus derjenigen Teile des Bildungsbürgertums, die Sprache wie ein Heiligtum betrachten, allgemeingültiges Bildungsgut proklamieren und behaupten, nur wer den Kanon von Goethe bis Mann kenne, beherrsche das Deutsche wirklich.

Die Debatte um Mehrsprachigkeit hat also Grund genug, aus der Defensive herauszukommen. Zum Beispiel mit Fragen wie dieser: Wie steht es eigentlich um die Mehrsprachigkeit von Deutschen ohne Migrationshintergrund? An Schulen, Universitäten und Volkshochschulen werden erhebliche Anstrengungen unternommen, damit Menschen neue Sprachen lernen. Viele Studenten verbessern mindestens ein Semester lang ihr Englisch oder Französisch im Ausland – auch wenn diese Sprachen bis zu einem gewissen Grad „Fremdsprachen“ bleiben. Und gleichzeitig bekommen zahlreiche Kinder in Deutschland mindestens eine nichtdeutsche Sprache in die Wiege gelegt – häufig auch noch eine für Deutsche vergleichsweise komplizierte wie Arabisch oder Türkisch. „Wir finden Mehrsprachigkeit toll, aber nicht bei jeder beliebigen Sprache“, sagte Dr. Tracy. Sie trifft auf viele Vorbehalte: In einem Zeitungsinterview sei sie gefragt worden, ob Mehrsprachigkeit nicht dem Erwerb der deutschen Sprache schade. Tracy: „Schaden Bio, Latein oder Mathe dem Erwerb der deutschen Sprache?“

Gemessen wird mit zweierlei Maß

Statt Mehrsprachigkeit zu fördern, wird nach vermeintlichen Defiziten gesucht: Sitzt denn auch der Genitiv? Und sprechen Mehrsprachler nicht eine etwas eigenwillige Spielart des Deutschen, von Wohlwollenderen „türkischer Einschlag“ genannt, von anderen „Kanaksprak“? Eine iranische Mutter, die ihr Kind Persisch lehrt, wird nicht ebenso wertgeschätzt wie das chinesische Au-Pair-Mädchen, das mit dem deutschen Kind Mandarin spricht. Hier wird mit zweierlei Maß gemessen. Das könnte darauf hindeuten, dass die Debatte um Mehrsprachigkeit auch eine Stellvertreterdebatte ist, in deren Hintergrund ganz andere Aspekte von Integration verhandelt werden. Sich das bewusst zu machen würde entkrampfend und entideologisierend wirken. So wies Prof. Manfred Krifka, Direktor des Zentrums für Allgemeine Sprachwissenschaft, darauf hin, es handle sich nicht um ein „Problem von Migration an sich. Mangelhafte Deutschkenntnisse stehen in einem Zusammenhang mit dem Bildungshintergrund und sozialen Status der Eltern.“ Wie zum Beleg dafür berichtete die Journalistin Hatice Akyün aus ihrer Kindheit: Eines Samstags habe ihre Lehrerin bei ihren Eltern auf dem Sofa gesessen und habe ihnen das dreigliedrige Schulsystem erklärt, so dass ihr Vater, ein anatolischer Bauer und Analphabet, verstanden habe: „Wenn meine Tochter Ärztin werden soll, dann muss sie aufs Gymnasium.“
Hier hat ihr Vater umgedacht. Aber Umdenken würde auch anderen Teilen der deutschen Bevölkerung nicht schaden. Wenn zum Beispiel jemand so vollkommen selbstverständlich und fließend Deutsch spricht wie die in Duisburg aufgewachsene Journalistin Hatice Akyün, muss sie sich dafür immer mal wieder ein Lob gefallen lassen wie dieses: „Sie sprechen aber gut Deutsch!“ Akyüns Antwort: „Sie aber auch!“

Verändert hat sich die Einstellung zur Mehrsprachigkeit tatsächlich nicht. Migrantenfamilien wird noch immer geraten, zuhause besser gleich deutsch zu sprechen – mit der fatalen Folge, dass Eltern mit ihren Kindern nicht in der Sprache reden, in der sie selbst emotional zuhause sind. Viel besser sei es hingegen, so Krifka, den Kindern ein reiches sprachliches Umfeld in der Muttersprache zu bieten; die sprachliche Gewandtheit würde sich dann auch auf das Deutsche übertragen. Hierzu sei es aber nötig, dass Kinder schon früh die Gelegenheit haben, Deutsch auch von anderen Kindern zu hören. Früher Kita-Besuch in sprachlich durchmischten Einrichtungen sei daher von großer Bedeutung. Es komme auch wesentlich auf die Aus- und Fortbildung der Erzieherinnen an, wie eine vergleichende Studie des Zentrums für Allgemeine Sprachwissenschaft gezeigt habe. Auch sei wichtig, dass Kinder und Jugendliche erfahren, dass ihre „andere“ Sprache geschätzt wird, wofür die Schulen aber oft wenig Interesse aufbringen würden. Immerhin gäbe es jetzt aber das Fach Deutsch als Zweitsprache und geeignete Fortbildungsmöglichkeiten – ein Buch zu den dreißig häufigsten Muttersprachen an deutschen Schulen wurde anlässlich der Veranstaltung vorgestellt.

Überraschend ist, dass die Förderung von Mehrsprachigkeit keinen selbstverständlichen breiten politischen Konsens erfährt. Denn sie müsste in vielerlei politische Milieus hinein anschlussfähig sein: Linksliberalen Kreisen gilt sie als hörbarer Ausdruck erwünschter multikultureller Vielfalt und Toleranz; wirtschaftsliberalen Milieus, um die Konkurrenzfähigkeit Deutschlands besorgt, müsste Mehrsprachigkeit als „Asset“ im globalisierten Wettbewerb gelten; und auch für konservative Hüter des deutschen Hochkultur-Kanons hielt Karl-Heinz Göttert ein wenig „Trost“ bereit: „Früher haben die Völker auch nicht ‚ihre’ Sprache gesprochen.“

Lehrer sind guten Willens. Aber häufig überlastet

Dass der Abend nicht zu einem reinen Fest der Mehrsprachigkeit geriet, dafür sorgte Michael Wüstenberg, Direktor des Lessing-Gymnasiums im Berliner Stadtteil Wedding. Für drei Viertel der Schüler dort ist Deutsch nicht ihre Herkunftssprache (noch vor etwa sieben Jahren seien es ungefähr 40 Prozent gewesen). Die restlichen 25 Prozent bestehen aus Schülern aus rein deutschsprachigen und mehrsprachigen Familien. Ein Drittel der Schüler ist von der Lernmittelzuzahlung befreit. Dennoch ist das Lessing-Gymnasium keine „Brennpunktschule“, sondern genießt einen guten Ruf als „Schnelllerner-Gymnasium“ mit den Schwerpunkten Begabten- und Sprachförderung. „Unsere Förderkonzepte sind auf Leistung ausgelegt. Bei uns kann man mehr lernen als anderswo.“ Allerdings stoße die Arbeit der Lehrer an ihre Grenzen: „Wir sollen binnendifferenzierend gestalten, individuelle Lernförderung betreiben, erziehen, Mobbing verhindern, dem Missbrauch des Internets vorbeugen, Konferenzen abhalten, Statistiken führen, Elternabende gestalten und so weiter. Die Lehrkraft ist im Alltag überfordert.“
Daran schließen sich praktische Fragen an: Wie sieht Mehrsprachigkeit im Unterricht konkret aus? Wie steht es um die Mehrsprachigkeit der Lehrerinnen und Lehrer? Was müssen sie wissen und können, um mit mehrsprachigen Klassen zurechtzukommen? Wie müssen Curricula und Stundenpläne angepasst werden, um nicht nur Deutschkenntnisse zu fördern, sondern Mehrsprachigkeit?

Sie benötigen den Flashplayer, um dieses Video zu sehen Der vierzehnjährige Dan beteiligte sich mit einem Video am Culture Slam im Rahmen der Veranstaltung. Dan spricht Deutsch und Russisch.

Sie benötigen den Flashplayer, um dieses Video zu sehen Die dreizehnjährige Shirin präsentierte im Rahmen des Culture Slams ihre persischen, polnischen und deutschen Sprachkenntnisse.

Sie benötigen den Flashplayer, um dieses Video zu sehen „Ein Meer aus Kulturen“ hieß der Beitrag von Yasmin und Yasmine vom Berliner Lessing-Gymnasium. Yasmin spricht Deutsch und Türkisch, Yasmine spricht Deutsch, Arabisch und Französisch.

Die Leitfrage der Veranstaltung lautete: „Wie viel Deutsch braucht ein Berliner Schulkind?“ Die Antwort der Gäste an diesem Abend: Falsche Frage. Richtige Frage: „Wie viel Sprache braucht ein Schulkind?“ Die Antwort: So viel es nur kriegen kann, und noch ein bisschen mehr. So wie Goethe. Der sprach außer Hessisch noch Hebräisch, Griechisch, Latein, Italienisch, Französisch, Englisch und Jiddisch. Nur mit dem Hochdeutschen tat er sich etwas schwer – aber vielleicht wäre er am Weimarer Hof damit ohnehin nicht besonders gut verstanden worden.

Das mehrsprachige Klassenzimmer - Störfall oder Glücksfall
Rosemarie Tracy und Michael Wüstenberg im Gespräch zum Nachlesen und -hören auf Deutschlandradio Kultur

Ein Schatz in den Köpfen aus der Kolumne "Meine Heimat" von Hatice Akyuen im Tagesspiegel vom 31.03.2014

Projektschreiber: Andreas Unger

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