Dokumentation der bisherigen Veranstaltungen

Ludwig Eichinger © Eötvös-Loránd-Universität Budapest/Fotograf: Tamás Selmeczi

Auf Regen folgt Sonnenschein: Die Germanistik in Mittelosteuropa sucht den Schulterschluss

Nach der „Wende“ 1989/90 erlebte Deutsch in den Ländern Mittelosteuropas einen wahren Boom. Doch welche Rolle spielt die deutsche Sprache als Lehr- und Studienfach heute? Und wie steht es um die Zukunft der Germanistik als Geisteswissenschaft an den Hochschulen in der Region?

© Eötvös-Loránd-Universität Budapest/Fotograf: Tamás Selmeczi

Über diese Fragen debattierten Wissenschaftler aus Deutschland, Polen, Tschechien, der Slowakei, Slowenien, Kroatien, Serbien, Rumänien und Ungarn am 15. und 16. Mai 2014 auf Einladung des Germanistischen Instituts und seiner Leiterin Erzsébet Knipf im gutbesuchten, altehrwürdigen Ratssaal der Philosophischen Fakultät an der Eötvös-Loránd-Universität in Budapest.

Stolz und Vorurteil

Zoltán Maruzsa © Eötvös-Loránd-Universität Budapest/Fotograf: Tamás SelmecziIn bestechend gutem Deutsch bekannte sich Staatssekretär Zoltán Maruzsa in seinem der ungarischen Bildungspolitik gewidmeten Impulsvortrag zur Förderung des Deutschen als Fremdsprache an ungarischen Schulen und zur ungarischen Hochschul-Germanistik. Selbstbewusst verwies er auf die vielen bilingualen Schulen im Land, von denen nicht weniger als 73 Gymnasien seien. Gewiss: Englisch sei unumstritten erste Fremdsprache. Und dies werde auch so bleiben, obwohl es vor einigen Jahren durchaus ernst gemeinte Vorstöße gegeben habe, die Sprachenfolge zu Gunsten des Deutschen zu verändern. 31 Prozent der Schüler lernten Deutsch – gegenwärtig insgesamt über 440.000.

Auch an den Hochschulen sei Deutsch eine feste Größe. An ungarischen Universitäten würden zahlreiche deutschsprachige Studiengänge angeboten, unter anderem Medizin. Die Attraktivität des ungarischen Studienangebots sei auch der Grund dafür, dass mehr Studierende aus Deutschland und Österreich an ungarischen Hochschulen eingeschrieben seien als umgekehrt. „Nämlich rund 2.800“, verkündete Maruzsa mit stolzer Miene – wohl in der Gewissheit, dass mancher im Saal seinen Vortrag mit besonderer Spannung gerade deshalb erwartet hatte, weil die ungarische Bildungspolitik von außen betrachtet vielfach so wahrgenommen wird, als vergraule Ungarn seine Studierenden ins Ausland.

In der Region nimmt die Sprachkompetenz ab

Ludwig Eichinger © Eötvös-Loránd-Universität Budapest/Fotograf: Tamás Selmeczi Zahlen präsentierte anschließend auch der Direktor des Instituts für Deutsche Sprache (IDS), Ludwig Eichinger, und konfrontierte die Anwesenden mit harten Fakten. Während einerseits Mehrsprachigkeit unbestritten immer wichtiger werde, hätten die entsprechenden Kenntnisse in den vergangenen Jahren abgenommen.

Bei einer Eurobarometer-Erhebung, bei der Bürger der 27 EU-Staaten danach gefragt wurden, welche Fremdsprache man gut genug beherrsche, um sich darin zu unterhalten, antworteten 2005 noch 14 Prozent der Befragten mit Deutsch, das damit hinter dem Englischen (38 Prozent) gleichauf mit dem Französischen lag. 2012 waren es nur noch 11 Prozent, die nach eigener Aussage gut genug Deutsch sprachen, auch die Kenntnisse des Französischen waren leicht rückläufig.

Diese Schwankungen mögen geringfügig erscheinen. In der Region Mittelosteuropa aber sind die Veränderungen bei genauer Betrachtung tatsächlich dramatisch: So sank der Anteil der Befragten, die mindestens eine Fremdsprache sprechen, in der Slowakei von 97 auf 80, in der Tschechischen Republik von 61 auf 49, in Bulgarien von 59 auf 48, in Polen von 57 auf 50 sowie in Ungarn von 42 auf 37 Prozent. Dass die Laune der Zuhörer angesichts dieser Zahlen nicht in den Keller ging, war einzig dem Redner zu verdanken. Doch eine gewisse Besorgnis konnte man an den Gesichtern vieler Gäste im Saal trotzdem ablesen.

Das einigende Band der Sprache

Hermann Scheuringer © Eötvös-Loránd-Universität Budapest/Fotograf: Tamás SelmecziEin bisschen erholen von dem Schreck konnten sich die Zuhörer vor der Mittagspause noch während des anschaulichen Vortrags von Hermann Scheuringer. Der Leiter des Forschungszentrums „Deutsch in Mittel-, Ost- und Südosteuropa“ an der Universität Regensburg referierte unter dem Titel „Auf dem Schachbrett der Nationen und Nationalitäten“ über die „höchst unterschiedlichen Geschichten der und des Deutschen“ in diesem Teil Europas.

Scheuringer rief den Gästen die vielen Gemeinsamkeiten ins Bewusstsein, die die Region weit über die verstreuten Inseln deutschsprachiger Minderheiten hinaus kulturell und sprachlich wie ein einigendes Band durchziehen. An zahlreichen Beispielen demonstrierte er, wie sehr das Deutsche in seiner bairisch-österreichischen Ausprägung entlang der Donau über Jahrhunderte auch die slawischen Sprachen beeinflusst hat (und umgekehrt), was noch heute in vielen Wörtern, wenn auch oft erst auf den zweiten Blick, erkennbar ist.

Probleme an den Schulen

© Eötvös-Loránd-Universität Budapest/Fotograf: Tamás SelmecziEin einigendes Band umspannte dann auch die nachmittäglichen Referate über die Lage der mittelosteuropäischen Germanistik. Dass dieses Band am Ende kein Trauerflor sein würde, war indes nicht immer klar. Nicht nur vor den Fenstern der Universität sah man immer wieder dunkle Wolken aufziehen. Dabei gaben die Berichte über die Forschung, die man betreibt, alles andere als Grund zur Sorge. Ganz im Gegenteil: Hier wird ganz offensichtlich überall auf hohem Niveau gearbeitet. Das belegte auch ein im hinteren Teil des Saals aufgestellter, fünf Meter langer Büchertisch, an dem man in den Kaffeepausen manche Entdeckung machen konnte.

Doch wie schwierig die allgemeine Lage dann doch ist, machte gleich der erste der insgesamt neun Nachmittagsvorträge deutlich. Darin erinnerte Roberta Rada die Politik an ihre Verantwortung für die Qualität des schulischen Fremdsprachenunterrichts. Dass es damit momentan Probleme gebe, sei unübersehbar und könne nicht ohne Folgen für die Lehre an den Universitäten bleiben. In Ungarn sei die seit der historischen Zäsur 1989/90 bis vor wenigen Jahren andauernde Wachstumsdynamik der Germanistik und des Deutschen als Fremdsprache mittlerweile gebrochen. Zudem habe die "Bologna"-Reform manche Belastung mit sich gebracht. Nach einem sechssemestrigen Studium dürfe man nicht erwarten, voll ausgebildete Absolventen in die Berufswelt entlassen zu können, zumal dann, wenn man die Eingangsvoraussetzungen beständig absenken müsse.

Unbeliebter Lehrerberuf

Cordula Hunold © Eötvös-Loránd-Universität Budapest/Fotograf: Tamás SelmecziBemängelt wurde denn auch von den meisten Rednern das Sprachniveau der Studienanfänger, was am nächsten Tag auch die Zusammenschau der PASCH-Expertin für Unterricht am Regionalinstitut MOE Prag, Cordula Hunold, bestätigen sollte. Sie wusste davon zu berichten, dass nicht wenige Absolventen nach neun Jahren Deutschunterricht die Schule auf dem Sprachniveau A 1 verließen.

Als eine der Hauptursachen identifizierten die Teilnehmer die generell mangelnde Attraktivität des Lehrerberufs, die in vielen Ländern ihre Ursache nicht zuletzt in der schlechten Bezahlung hat. Martina Kašova von der Universität im slowakischen Prešov berichtete, dass das Einstiegsgehalt für Lehrer in ihrem Land bei gerade einmal 534 € brutto liegt, ein Techniker dagegen könne mit einem Anfangsgehalt von durchschnittlich 1200 € rechnen. Kein Wunder, dass gerade die besten Absolventen Zuflucht in anderen Berufen suchen.

Verteidigung der Philologie als Geisteswissenschaft

In Polen ist man notgedrungen ab dem Studienjahr 2014 dazu übergegangen, für die Aufnahme des Germanistikstudiums gleich ganz auf den Nachweis deutscher Sprachkenntnisse zu verzichten, und unterrichtet in den ersten beiden Semestern auch auf Polnisch. So weit ist man andernorts zwar noch nicht, aber die Einschreibungen sind fast überall rückläufig. Die Gründe dafür gleichen in vielerlei Hinsicht den Problemen, die ganz generell die Geisteswissenschaften in Europa derzeit umtreiben.

 © Eötvös-Loránd-Universität Budapest/Fotograf: Tamás SelmecziImmer wieder wurde in diesem Zusammenhang angemahnt, die Philologien an den Hochschulen dürften sich nicht zu akademischen Sprachenschulen degradieren lassen und müssten ihr Selbstverständnis als forschende Geisteswissenschaften in all ihrem Facettenreichtum verteidigen. Dieser Aspekt war auch beim gemeinsamen Abendessen ein Thema, das an vielen Tischen diskutiert wurde – und abermals erwies sich die Tagungsplanung als ausgesprochen umsichtig, denn am Vormittag des zweiten Tages stand dann ein überaus motivierender Workshop auf dem Programm, der den Teilnehmern die vielfältige Infrastruktur aufzeigte, mit der das Mannheimer Institut für Deutsche Sprache interessierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in ihrer Arbeit unterstützen kann. Zugleich spannten die Vorträge von Ludwig Eichinger, Albrecht Plewnia und Ralf Knöbl wie zufällig einen Bogen zu der DEUTSCH-3.0-Veranstaltung, die am Vorabend in München stattgefunden hatte. Während dort das „Ende des Nachschlagens“ Thema gewesen war, wurde den Gästen in Budapest exemplarisch an einer Auswahl der verschiedenen lexikographischen und grammatikographischen Online-Angebote des IDS die Zukunft des Nachschlagens vorgeführt, verbunden mit der sehr herzlichen Einladung, diese Angebote für Forschung und Lehre auch eifrig zu nutzen – und vielleicht auch einmal persönlich nach Mannheim zu kommen, wo das IDS gleich über der Bibliothek eine Gästewohnung vorhält.

Vernetzung und Kooperation

Die inspirierenden Vorträge der Mannheimer taten ihre Wirkung. Passend zu den Sonnenstrahlen, die vor den Fenstern allmählich die regennassen Straßen trockneten, sprühte die abschließende Diskussionsrunde vor Optimismus und Tatendrang. So wurde eine gemeinsame Initiative zur Vernetzung und Kooperation der germanistischen Fakultäten Mittelosteuropas in Forschung und Lehre verabredet. Neben gemeinsamen Forschungsprojekten will man gemeinsame Lehrwerke erarbeiten und Austauschprogramme für Studierende und Dozenten auf den Weg bringen. Am Ende ging man nicht nur mit der Gewissheit auseinander, dass sich nach dem Wochenende eine stabile Gutwetterlage einstellen würde, sondern auch mit der begründeten Zuversicht, sich in der einen oder anderen Besetzung bald wiederzusehen, um gemeinsam an nachhaltigen Zukunftskonzepten zu arbeiten.

"Und was macht man damit in der Praxis?"

Elisabeth Knáb © Eötvös-Loránd-Universität Budapest/Fotograf: Tamás SelmecziDafür, dass auch die anwesenden Studierenden mit etwas mehr Zuversicht in das Wochenende gehen konnten, sorgten die Veranstalter mit einem Überraschungsgast, der im ursprünglichen Programm nicht angekündigt gewesen war: An der Abschlussdiskussion nahm mit der Ungarndeutschen Elisabeth Knáb eine Alumna des Germanistischen Instituts teil, die heute bei Audi Hungaria die Personalentwicklung verantwortet. Sie machte deutlich, dass gut ausgebildete Germanistinnen und Germanisten auch in der Wirtschaft exzellente Perspektiven haben, nicht nur wegen ihrer Sprachkenntnisse, sondern auch wegen der vielfältigen anderen Fertigkeiten, die sie in diesem Studium erwerben könnten. Und sie zählte gleich eine ganze Reihe von Germanistinnen und Germanisten auf, die allein in ihrem Unternehmen die unterschiedlichsten verantwortlichen Positionen bekleiden. So untauglich für die Praxis außerhalb der Universität, wie viele glaubten, seien Geisteswissenschaftler in Wahrheit eben ganz und gar nicht. Das gelte angesichts der Bedeutung Deutschlands als Wirtschaftspartner in Mittelosteuropa ganz besonders für Germanisten.

Projektschreiber: Andreas Vierecke
Kultur- und Wissenschaftsjournalist, Chefredakteur der „Zeitschrift für Politik“

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