Dokumentation der bisherigen Veranstaltungen


Deutsch als Wissenschaftssprache – Probleme und Perspektiven

Während eines Studientags im Rahmen der Reihe DEUTSCH 3.0 ging das Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin (ZfL) der Frage nach, inwiefern die heutigen Diskussionen um das Deutsche als Wissenschaftssprache historisch bedingt sind und von dem Nachleben oft unentdeckter Positionen und (Vor-)Urteile zeugen.
Goethe-Institut, DEUTSCH 3.0, Deutsch als Sprache der Geisteswissenschaften: Ursprünge um 1800, © Fotograf: Alexander Gutland
Der in den letzten Jahren immer wieder entfachte Streit um die Frage, ob die deutschen Geisteswissenschaften aus Gründen der „Internationalisierung“ ins Englische wechseln sollten, oder ob mit einem solchen Sprachwechsel nicht unweigerlich ein substanzieller Verlust konkreter Wissensformen einher geht, lässt sich in vielerlei Hinsicht auf eine um 1800 einsetzende Sprachreflexion zurückführen, die das Denken als eine Tätigkeit begreift, die von der konkreten Einzelsprache vorgegeben wird.


Da sich zu dieser Zeit auch das Deutsche als einheitliche Nationalsprache (vor der Realisierung der politischen Nation) herausbildete und die moderne Universität begründet wurde, erweisen sich Autoren wie Herder, Humboldt, Schleiermacher oder Fichte als wichtige Vorläufer heutiger Debatten. Bereits von ihnen wurden die Zusammenhänge von Sprachkritik, Nationalsprache, Wissenschaftssprache und Nation ausführlich untersucht.

Die Literaturwissenschaftler Daniel Weidner und Claude Haas vom ZfL leiteten einen international besetzten Workshop, der Fragen ihres aktuellen Forschungsprojektes „Deutsch als Sprache der Geisteswissenschaften um 1800“ thematisierte. Dabei sollte eine Emphatisierung genuin deutschen Denkens und Sprechens ebenso vermieden werden wie eine vorschnelle ideologiekritische Diffamierung eines nationalistischen Dünkels, der in der Reflexion einer deutschen Wissenschaftssprache vermeintlich reflexhaft zutage trete. Auf dem Workshop sollte vielmehr ergebnisoffen diskutiert werden, ob bestimmte Denkstile der deutschen Geisteswissenschaften sprachlich geprägt sind und ob diese von sprachkritischen Stellungnahmen um 1800 abhängen.

Wissenschaftssprache und Muttersprache

Der amerikanische Germanist David Martyn (St. Paul) spannte in seinem Vortrag einen historischen Bogen vom 18. bis ins 20. Jahrhundert auf und ging anhand von Fichte, Humboldt und Leo Weisgerber der Frage nach, wie der „Geist der Muttersprache“ in seinem Verhältnis zur Wissenschaftssprache gedacht wird. Sein besonderes Augenmerk galt dabei der Konventionalität des sprachlichen Zeichens, die von allen drei Autoren der Wissenschaftssprache gemeinhin zugestanden, der Muttersprache aber konsequent in Abrede gestellt wird. In der anschließenden Diskussion wurde insbesondere die Frage aufgeworfen, inwiefern sich die Opposition zwischen Muttersprache und Wissenschaftssprache als eine Reaktion auf die Gegenüberstellung von „Brotgelehrten“ und „Gebildeten“ begreifen lässt. Schließlich besteht eine Eigentümlichkeit des deutschen Wissenschaftsdenkens darin, den Adressaten der Wissenschaft nicht nur auf Objektivität zu verpflichten, sondern ihn auch als „ganzen“ Menschen anzusprechen.

Die „unverständliche“ Sprache der deutschen Philosophie

In dem folgenden Vortrag akzentuierte Denis Thouard (CNRS Paris/Berlin) die Schwierigkeiten sprachlicher Darstellung bei Fichte. Dabei interessierte sich der französische Philosoph v.a. für den Topos der „Unverständlichkeit“, der insbesondere in der ausländischen Rezeption der deutschsprachigen Philosophie eine bedeutende Rolle spielt. In der Diskussion stellte sich heraus, dass sich dieser Begriff gemeinhin als unscharf erweist und es lohnend wäre, sowohl die verschiedenen Zuschreibungen als auch die Funktion dieses oft als Kampfvokabel aufgefahrenen Begriffs in historisch breiter Perspektive zu untersuchen.

Wissenschaftssprache als Werkzeug oder Organ des Denkens

„Schatzkammer, Blumenbeet, Vorratshaus, Inhalt und Form der Gedanken. Herder zur Bildung der deutschen Wissenschaftssprache", so hatte der Mitorganisator Daniel Weidner seinen Vortrag überschrieben. Er gestand dabei ein, dass dieser „etwas barocke Titel“ Ausdruck einer gewissen Unentschlossenheit angesichts seiner Ergebnisse sei. So gab Weidner diese Unentschlossenheit an Herder und das Problem der Wissenschaftssprache zurück. Ihm zufolge zeugten Herders Metaphernketten und Bestandsaufnahmen von der Verlegenheit, eine deutsche Wissenschaftssprache sowohl als „Werkzeug“ oder „Transportmittel“ wie auch als notwendige „Form“ oder als „Organ“ des Denkens zu begreifen.

Die Sprache erfindet sich ihre Wissenschaft

Einen ganz anderen Zugang zum Phänomen der Wissenschaftssprache wählte der Mannheimer Germanist Justus Fetscher. Er vertrat die These, dass bestimmte Erkenntnispotenziale des Deutschen, etwa in der Form der Kompositionsbildung, sprachlich bedingt seien und dass die Sprache somit prädestiniert sei, eine konkrete Wissenschaft wie die Physiognomie Lavaters zu begründen. Fetscher gewann seine Erkenntnisse dabei im Rahmen einer Art Ethnographie der eigenen Sprache direkt aus französischen Lavater-Übersetzungen. In der Diskussion griffen die Teilnehmer v.a. Fetschers Überzeugung auf, dass auch die französische Sprache sich aufgrund der weit verbreiteten Übersetzungen Lavaters im frühen 19. Jahrhundert geändert habe.

Das fehlende Sprachdenken der (Alt-)Philologie

Jürgen Paul Schwindt (Heidelberg) wandte sich dem Problem der fehlenden Sprachreflexion in Texten deutscher Altphilologen des 19. Jahrhunderts zu. Dabei interessierte sich Schwindt, selbst Altphilologe, sowohl für deren wissenschaftlichen Denkstil als auch für konkrete Figurationen ihrer Selbstdarstellung. Als besonders aufschlussreich erwies sich dabei das bereits zu Beginn des Workshops diskutierte Phänomen des Gegensatzes von „Brotgelehrten“ und „Gebildeten“. Schwindt zufolge stilisiere der Altphilologe sich gerade auf sprachlicher Ebene grundsätzlich als „Berufenen“. Dadurch werde das Problem etwa des sozialen Aufstiegs aus der Selbstdarstellung des Philologen konsequent verbannt. Die Diskussion wurde von der Frage beherrscht, inwiefern die fehlende Sprachreflexion der Philologie auf eine Unkenntnis der Debatten um 1800 zurückzuführen sei und ob sich das Problem des philologischen Selbstverständnisses vielleicht je nach wissenschaftlicher Form und Gattung (Autobiographie, Nekrologe, Laudatio etc.) unterschiedlich ausnehme.

Der Fall der Universität

Zum Schluss des Workshops skizzierte der Philosoph Ernst Müller (ZfL) im Rahmen einer genauen Textlektüre von Friedrich Schleiermacher wie sich im Universitätsdiskurs um 1800 nicht nur das sprachliche Potenzial, sondern auch sprachlichen Verengungen präsentieren. Im Zentrum seiner Ausführungen standen die kultur-, sprach- und wissensgeschichtlichen Dimensionen der Bestandsaufnahme von Universität und Staat und die mit ihr verbundene Festlegung der Universität als Kaderschmiede.


Deutsches Denken beginnt mit dem Nebensatz

Im Anschluss an eine auf spielerische Art beeindruckende Lesung der deutsch-japanischen Autorin Yoko Tawada luden am Abend zwei Wissenschaftler des ZfL - Claude Haas und Martin Treml - gemeinsam mit dessen Direktorin Sigrid Weigel (ZfL) zu einer Tour d'horizon durch die Vorgeschichte der deutschen Geisteswissenschaften. Dabei durchmaßen sie in wichtige Etappen (15., 18. und 19. Jahrhundert) in der Geschichte des Deutschen als Wissenschaftssprache.

Erneut ging es dabei um die Frage, inwieweit Wissensformen und Sprachlichkeit einander bedingen. Anhand von Beispielen der Wortbildungen oder spezieller Metaphern kreiste die Diskussion zunächst um die Rolle Luthers bei der Übertragung der Bibel aus dem Lateinischen ins Deutsche und die Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit von Übersetzung. Im Verlauf der Diskussion mit dem Publikum zog Claude Haas den anschließend lebhaft diskutierten Vergleich, welche Empörung und welches Unverständnis deutschen Autoren entgegenschlagen würde, wenn sie es ihren wissenschaftlich forschenden Kollegen gleichtäten und von nun an, mit Blick auf den doch viel größeren englischsprachigen Buchmarkt, nur noch auf Englisch schreiben würden.

Der Auffassung eines allgemeinen Bedeutungsverlusts der deutschen Sprache entgegentretend, verwies Sigrid Weigel, die wiederholt als Gastprofessorin in den USA weilt, darauf, dass ihrer Beobachtung nach das Interesse am Deutschen im Steigen begriffen sei. Der Trend gehe dahin, Deutsch zu lernen, um deutschsprachige Quellen und Texte in der Ausgangssprache lesen und Werk und Autor damit besser zu verstehen zu können. Zumindest aus literaturwissenschaftlicher Perspektive könne man über deutschsprachige Werke schließlich nur dann wissenschaftlich seriös forschen, wenn man auch die Sprache verstehe. Nur so sei ein tieferer Einblick in die jeweilige Denkweise der Autoren zu erhalten.

Womit wir beim Nebensatz wären: Dieser überlebt eine Übersetzung ins Englische zumeist nicht bzw. findet sich dort als Hauptsatz wieder. Dabei ist gerade er es, der neben dem ausgeprägt Körperlichen der deutschen Sprache auch für Yoko Tawada das Deutsche in ganz besonderer Weise auszeichne. In der Diskussion mit dem Publikum folgten vielerlei Beispiele zur fragwürdigen Übersetzbarkeit bestimmter deutscher und englischer Begriffe.

In Bezug auf die Verankerung der Wissenschaft in der Gesellschaft (und deren Abkopplung im Falle der zunehmenden Verwendung von Englisch) wurde mehrfach darauf verwiesen, dass sich wissenschaftliche Forschung keineswegs in einem zweckfreien Raum ereigne, sondern letztendlich für die Gesellschaft stattfinde, aus der die Wissenschaft ja wiederum auch ihre Fragen und Aufträge beziehe.

In unterhaltsamer Runde verflog die Zeit, ein kleiner Empfang bot im Anschluss Gelegenheit, den einen oder anderen neu hinzugewonnenen Gedankenfaden in Zweier- oder Dreiergesprächen bei einem Glas Wein weiterzuspinnen bzw. einer ersten Belastungsprobe zu unterziehen. Man hatte das Gefühl, das ZfL hatte seinen zum Teil recht jungen, studierenden Gästen den einen oder anderen wertvollen Gedanken beschert, verließen doch viele zufriedene und erfüllte Gesichter das Haus in der Schützenstraße 18.




Alexander C. Gutland, Projektschreiber DEUTSCH 3.0
Dr. Claude Haas, Germanist,
Dr. Dirk Naguschewski, Sprach- und Kulturwissenschaftler,
Rolf C. Peter, Politik- und Kommunikationswissenschaftler

    PROJEKTSCHREIBER



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