Dokumentation der bisherigen Veranstaltungen

Foto: Johannes Hofmann

Wissenschaft braucht Mehrsprachigkeit!

In den Naturwissenschaften hat sich das Englische längst als alles beherrschende Wissenschaftssprache durchgesetzt. In den Sozial- und Geisteswissenschaften scheint der Trend in dieselbe Richtung zu gehen. Doch nicht allen Wissenschaftlern ist dies geheuer.

Albrecht Plewnia (links) und Michael Szurawitzki bei der Übergabe des Staffelstabes; Foto: Andreas Vierecke

Wenn am Vorabend einer Konferenz zum Thema „Wissenschaftssprache Deutsch“ zu einem „Pre-Conference Dinner“ eingeladen wird, muss man mit dem Schlimmsten rechnen. Damit nämlich, dass hier ein weiteres Mal der Abgesang auf das Deutsche als Wissenschaftssprache angestimmt wird, der in den Laboren und Hörsälen weltweit längst zum standardisierten Repertoire gehört. In Regensburg freilich hatten die Gastgeber Paul Rössler und Rupert Hochholzer von der Universität Regensburg und die Organisatoren Michael Szurawitzki, Ines-Andrea Busch-Lauer und Reinhard Krapp das „Pre-Conference Dinner“ mit einem Augenzwinkern in das Programm geschrieben. Und auch keiner der aus aller Welt angereisten Konferenzteilnehmer mochte in den folgenden Tagen in den Chor derer einstimmen, die die anglophone Monolingualisierung der Wissenschaft für alternativlos halten. Wie schon ein paar Tage zuvor beim Philosophischen Fakultätentag waren sich die Teilnehmer auch hier durchweg einig: Wissenschaft braucht Mehrsprachigkeit!

„‚Science’ und ‚Wissenschaft’ sind nicht dasselbe!“

Konrad Ehlich; Foto: Johannes HofmannSeit Jahrzehnten wird das Deutsche, wie andere Wissenschaftssprachen auch, in immer mehr Disziplinen mit Macht marginalisiert. Und dies zum Schaden der Wissenschaft, wie Konrad Ehlich in seinem Plenarvortrag beklagte. Mit Verve und Überzeugungskraft warnte der – wie sich das für einen Gelehrten alten Schlags gehört – mehrsprachige emeritierte Ordinarius davor, dass mit dem Deutschen und all den anderen kleineren Wissenschaftssprachen auch das Verständnis dafür verloren gehe, dass die unterschiedlichen Sprachen auch für unterschiedliche Wissenschaftskulturen stehen.

All jene, die sich gar zu bereitwillig in den Sog der Anglophonisierung ziehen ließen, sollten eines nicht übersehen: „Das anglo-amerikanische ‚Science’-Konzept und das europäische Konzept von ‚Wissenschaft’ sind nicht dasselbe!“ Beide Konzepte stünden vielmehr für voneinander im Detail sehr verschiedene (wissenschafts-)kulturelle Selbstverständnisse. Der Siegeszug des „Science" -Konzepts gehe Hand in Hand mit einer Ökonomisierung des Wissenschaftsbetriebs, in deren Gefolge man glaube, Qualität und Exzellenz einzig aus internationalen Zitationsindizes ablesen zu müssen. In denen allerdings würden von den dahinterstehenden Verlagen fast ausnahmslos englischsprachige Journals gelistet. Und die verlangten von Autoren häufig auch noch, ausnahmslos englischsprachige Quellen zu zitieren.

Wie sehr das Science-Konzept die Wissenschaft selbst verändert, lässt sich, wie Ehlich dem aus aller Welt angereisten Auditorium überzeugend darlegte, auch daran ablesen, dass große wissenschaftliche Monographien kaum noch verfasst würden. Dies sei auch nicht weiter verwunderlich: Mit Blick auf ihre Karriere sei es für junge Wissenschaftler schlicht unökonomisch, ein solch dickes Brett zu bohren. Wer stattdessen möglichst viele Einzelaufsätze in internationalen (also: englischsprachigen) Journalen mit hohem Impact-Faktor publiziere, könne damit in Berufungsverfahren sehr viel besser punkten. Ob dies freilich außer dem Fortkommen des einzelnen Wissenschaftlers auch dem Fortschritt der Wissenschaft diene, stehe auf einem anderen Blatt.

Für die weitverbreitete Rede von der „lingua franca“ hatte Ehlich denn auch nicht viel mehr als Spott übrig. Statt der „Verheißungen der Einheitssprache“ sah er hier vor allem die Gefahr geistiger Verarmung. In der Praxis sei das Englische international doch nicht mehr als eine „minimale Verkehrssprache“. Eine solche aber eigne sich kaum als Erkenntnismittel, was Sprache aber in vielen Disziplinen nun einmal auch und nicht zuletzt sei.

Aufstieg, Niedergang und Überleben der Wissenschaftssprache Deutsch

Angeregte Diskussion beim Conference Dinner; Foto: Reinhard KrappDie Rekonstruktion von Aufstieg und Niedergang sowie vom Überleben des Deutschen als Wissenschaftssprache beschloss den ersten Konferenztag. Über Anfänge und Aufstieg im Spätmittelalter berichtete Klaus Wolf. Sei bis dahin noch das Lateinische unumschränkt die alleinige Sprache der Wissenschaft gewesen, so entwickelte sich nach der Gründung der Universitäten in Wien (1365) und Heidelberg (1386) rasch eine „überlieferungsmächtige Übersetzungsprosa“ und eine frühneuhochdeutsche Wissenschaftssprache, mit deren Hilfe wissenschaftliche Erkenntnisse auch für die sogenannten „illiterati“, jene also, die des Lateinischen nicht mächtig waren, verfügbar gemacht werden sollten.

Den Durchbruch für die Wissenschaftssprache Deutsch markierte die Erfindung des Buchdrucks: Immer öfter wurden wissenschaftliche Texte nun gleich auch in der Volkssprache publiziert – eine Entwicklung, die nicht nur auf den deutschen Sprachraum begrenzt blieb, sondern sich ganz ähnlich auch in anderen europäischen Sprachen vollzog. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte sich das Ideal der akademischen Mehrsprachigkeit etabliert – und Deutsch war unter den Wissenschaftssprachen zu einer festen Größe geworden.

Antwort auf die Frage, wann und warum der Abstieg begann, gab in Regensburg Roswitha Reinbothe. Bereits in ihrer quellengesättigten Habilitationsschrift von 2006 hatte sie den entscheidenden Wendepunkt im Boykott der deutschen Wissenschaft und ihrer Sprache durch die großen internationalen Wissenschaftsorganisationen nach dem Ersten Weltkrieg identifiziert, in dessen Folge das Englische seinen bis heute andauernden Siegeszug antreten konnte – und dies nicht nur zu Lasten des Deutschen.

Dass Deutsch trotz allem – wenn auch in „beengten Verhältnissen“ – international durchaus „lebt“, zeigten an allen drei Tagen neben den Referenten der Plenarvorträge zur deutschen „Rechtssprache zwischen Fach- und (angewandter) Wissenschaftssprache“ (Jan Engberg) und zur Gesundheitskommunikation (Ernest W. B. Hess-Lüttich), eindrucksvoll die Impulsreferate von Teilnehmern aus Bulgarien, Burkina Faso, China, Dänemark, Frankreich, Georgien, Lettland, Neuseeland, den Niederlanden, Österreich, Polen, Rumänien, der Schweiz, Südafrika, Tschechien und der Türkei, die auch beim abendlichen „Conference Dinner“ noch lebhaft diskutiert wurden.

“Publish in English or Perish in German?”

Claus Gnutzmann; Foto: Johannes HofmannAuf besonderes Interesse stießen die Referate von Claus Gnutzmann und seinen Mitarbeitern Frank Rabe und Jenny Jakisch von der Technischen Universität Braunschweig, die im Rahmen ihres empirischen Forschungsprojekts „Publish in English or Perish in German?“ untersuchen, welche Schwierigkeiten deutsche Wissenschaftler beim Schreiben und Publizieren englischer Fachtexte haben, welche Lösungsstrategien sie dabei verfolgen und welche Einstellung deutschsprachige Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen gegenüber der Dominanz des Englischen als Wissenschaftssprache haben.


Zwar lassen die vorläufigen Befunde auf eine große Adaptionsfähigkeit an die Erfordernisse der Fremdsprachennutzung schließen, doch ist zugleich unübersehbar, dass das Publizieren auf Englisch für Nichtmuttersprachler mit einem nicht unerheblichen Mehraufwand verbunden ist, der gegenüber muttersprachlichen Wissenschaftlern einen Wettbewerbsnachteil bedeutet. Muttersprachler verfügen in aller Regel nicht nur über eine deutlich größere sprachliche Intuition sowie einen größeren und präziser anwendbaren Wortschatz, sondern auch über ein stärker ausgeprägtes Bewusstsein für die in den entsprechenden Fachzeitschriften vorherrschenden Diskursnormen. Auf der anderen Seite kann die notgedrungene Mehrsprachigkeit für deutschsprachige Wissenschaftler gegenüber monolingualen, englischen Muttersprachlern auch Vorteile mit sich bringen, weil sie grundsätzlich die Chance eröffnet, wissenschaftskulturell unterschiedliche Perspektiven einzunehmen.

„Sprache ist auch ein kognitives Werkzeug“

Ralph Mocikat; Foto: Johannes HofmannDass Letzteres in der Theorie richtig sein mag, in der Praxis aber vor allem in den Naturwissenschaften kaum mehr der Fall ist, deren deutsche Nomenklatur deshalb verarme, gab der Mediziner Ralph Mocikat zu bedenken, der als Vorsitzender des Arbeitskreises Deutsch als Wissenschaftssprache (ADAWIS) seit vielen Jahren für das Deutsche streitet und moniert, dass sich das Englische in den Naturwissenschaften nicht nur als beinahe alleinige Publikationssprache durchgesetzt habe, sondern auch im internen Wissenschaftsalltag. Und dies selbst da, wo deutsche Muttersprachler unter sich seien – auf nationalen Kongressen etwa, in Seminaren oder bei Laborbesprechungen. Sogar Förderanträge beim Bundesministerium für Bildung und Forschung müsse man mittlerweile auf Englisch stellen.

Besonderes Augenmerk legte Mocikat auf die Situation in der akademischen Lehre. Ziel der Bologna-Reform von 1999 sei eine Internationalisierung des Studiums gewesen, um den Studierenden einen Hochschulwechsel innerhalb Europas zu erleichtern. In der Praxis erschöpfe sich die „Internationalität“ der „internationalen Studiengänge“ weitgehend in der Verwendung des Englischen als Lehrsprache. Dies indes konterkariere nicht nur die Erklärung von Bologna, die ausdrücklich zur „Achtung vor der Vielfalt der Kulturen, Sprachen und Bildungssysteme“ aufgerufen habe. Viele ausländische Studenten brächten auch „nicht die Englischkenntnisse mit, die für ein Studium in englischer Sprache erforderlich wären.“ In Deutschland gilt dies laut Angaben des Aktionsrates Bildung für nicht weniger als 49 Prozent der ausländischen Studierenden. Zu fordern wäre deshalb zunächst eine obligatorische Englisch-Eignungsprüfung. Und weil ein wesentliches Merkmal der Internationalität die Mehrsprachigkeit sei, müssten zugleich weitere Fremdsprachen neben dem Englischen in der Lehre verankert werden.

Ziel der Internationalisierung des Studiums müsse die Vermittlung interkultureller Kompetenzen sein. Dazu gehörten konstitutiv Kenntnisse über das Gastland, seine Traditionen, seine Lebensweise und seine Sprache. Studien aus den Niederlanden und Skandinavien hätten zudem gezeigt, dass unter einer strikten englischen Monolingualität die Qualität und die Inhalte der Lehre litten. Auch in den Naturwissenschaften sei „Sprache nicht nur ein kommunikatives, sondern auch ein kognitives Werkzeug". Dies gelte auch und gerade für die Medizin, einem Fach „mit komplexen Wissensstrukturen, in dem natur-, sozial- und geisteswissenschaftliche Aspekte ineinandergreifen“. Weitere Internationalisierung, zog Mocikat gleichsam das Fazit der Tagung, sei dringend geboten. „Aber: Internationalisierung bedeutet kulturellen Austausch, dieser ist durch die ausschließliche Verwendung einer simplifizierten Einheitssprache nicht zu haben.“




Andreas Vierecke, Projektschreiber DEUTSCH 3.0

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