Dokumentation der bisherigen Veranstaltungen


Sprache im Wandel: Wie sieht unsere Sprache der Zukunft aus?

Für Brause und Broiler besteht noch Hoffnung. Schlecht steht es hingegen um Gänsewein und Gummiadler. „Meine Sprache = Deine Sprache? Schüler erforschen Sprachdynamik“ heißt ein Projekt an der Westsächsischen Hochschule Zwickau (WHZ), das am 8. Oktober mit einer gut besuchten Auftaktveranstaltung eröffnet wurde. Drei Jahre lang sollen Gymnasiasten aus der Region den Sprachwandel erforschen – ausgehend von ihrer eigenen Sprachwelt.

Foto: Eva Simon Und in ebendieser Sprachwelt heißen zuckrige Getränke nicht mehr Brause, sondern Softdrink; auch zum Brathähnchen sagt keiner mehr Broiler. Aber die Jugendlichen verstehen die Begriffe noch. Dass Gänsewein ein altertümliches Wort für Wasser ist und ein zäher Broiler in der DDR als Gummiadler beschimpft wurde – dieses Wissen ist offenbar im Begriff, aus dem kollektiven Gedächtnis zu verschwinden. Das ergibt die Stichprobe unter den angehenden Sprachforschern, rund 40 Neunt- und Zehntklässlern. Sprachhüter können sich trösten: Viele der Modewörter, in denen sie heute untrügliche Zeichen für den Niedergang des Deutschen sehen, werden in einigen Jahren wieder verschwunden sein. Einiges wird sich aber auch durchsetzen und in den normalen Sprachgebrauch übergehen.

„DARBIETUNG“, „EHRUNG“ und „PROZENT“ WAREN MAL MODEWÖRTER

Foto: Eva Simon Denn Sprache, so eröffnet Ines Busch-Lauer, Professorin für Englisch/Kommunikation an der WHZ, ihren Vortrag, sei ein dynamisches System, das ständiger Veränderung unterliege. Niemand sage zum Backslash „Rückstrich“ – auch wenn sich manche Verfechter eines vermeintlich „reinen“ Deutschen das wünschen würden. A propos: Rückschluss, Rückschlag, Rückwirkung – ganz normale, unschuldige deutsche Wörter? Anfang des 20. Jahrhunderts geißelte der Philologe Gustav Wustmann ebenjene Begriffe als „törichte Neubildungen“. Schuld an dieser Sprachpanscherei sei natürlich, wer sonst, die Jugend: „Verbreitet werden neue Wörter namentlich durch die Jugend und durch die Ungebildeten, die keine Spracherfahrung haben, die nicht wissen, ob ein Wort alt oder neu, gebräuchlich oder ungebräuchlich ist; dann werden sie oft zu Modewörtern […]. Die meisten davon stehen jetzt in vollster Blüte […]: Darbietung, Ehrung, Prozent.“

DIE FORSCHER SIND IHRE EIGENEN PROBANDEN

Foto: Eva Simon Die Jugend scheint also prädestiniert für die Aufgabe, Sprachdynamik zu untersuchen: Die jungen Forscherinnen und Forscher aus drei Gymnasien in Zwickau, Werdau und Crimmitschau sind ihre eigenen Probanden. In Projektteams, die von Studierenden betreut werden, sollen sie sich mit der Entwicklung ihrer eigenen Sprache in den von ihnen genutzten Medien auseinandersetzen. Fernziel des auf drei Jahre angelegten Projektes ist ein authentisches Wörterbuch der Jugendsprache – in dem sollten dann Begriffe auftauchen, die wirklich benutzt werden. Was dagegen im „Wörterbuch der Jugendsprache“ eines namhaften Verlags aufgelistet ist, sorgt bei Mandy und Markus für ratlose Gesichter. Sie benutzen ein Deo und kein „Achselmoped“, sagen zum Fahrrad Bike und nicht „Alugurke“, und dass die Pizza eine „Mafiatorte“ sein soll, ist ihnen auch neu. In dieses Wörterbuch haben offenbar viele Begriffe Eingang gefunden, die die erwachsenen Redakteure originell fanden – mit Jugendsprache haben sie wenig zu tun.

ES GIBT SPRACHINTERNE UND SPRACHEXTERNE GRÜNDE FÜR VERÄNDERUNGEN

Foto: Eva Simon Was für Veränderungen gibt es überhaupt im Wortschatz? Ines Busch-Lauer unterscheidet zwischen Veränderungen der Bedeutung von Wörtern; Neubildungen, den sogenannten Neologismen; und dem Veralten von Wörtern: Aus dem Oheim ist der Onkel geworden, und der Schaffner ist im Begriff, dem Zugbegleiter Platz zu machen – jedenfalls wenn es nach der Kommunikationsabteilung der Deutschen Bahn geht. Die Welt ändert sich, und die Sprache mit ihr: Wenn der zu benennende Gegenstand aus unserer Alltagswelt verschwindet, verschwindet auch das Wort dafür: Lehnsherren und Lochkarten kommen in unserem Leben nicht mehr vor, mit etwas Verspätung werden auch die sie bezeichnenden Wörter zu Historismen. Spannend wird es bei der Frage, warum auch Adjektive vom Verschwinden bedroht sind: Ist uns heutzutage einfach nicht mehr blümerant zumute? Oder klingt das Wort bloß unmodern, und wir nennen den gleichen Zustand deshalb lieber dizzy?

Auch wenn es einigen um den Ladenhüter, den Hagestolz oder das Kreiswehrersatzamt leid tut – zu allzu großem Kummer besteht kein Grund, es kommen mehr neue Wörter hinzu als alte aussterben. Und um einem weitverbreiteten Vorurteil entgegenzutreten: Nur ein geringer Teil davon sind Anglizismen. Manche von diesen haben allerdings dermaßen schnell in den Alltagswortschatz gefunden, dass manch einem, der noch nie etwas geliked hat, ganz blümerant werden kann. Mit der Tätigkeit verbreitet sich das Wort – es wäre überflüssig und albern, ein deutsches Synonym fürs Skypen erfinden zu wollen.

ANGLIZISMEN WERDEN OFT KRITISIERT

Der verbreiteten Kritik an Anglizismen liegt ein fundamentaler Irrtum zugrunde: Anglizismen sind keine Wörter des Englischen, sondern des Deutschen. Als diese dürfen, ja müssen sie geradezu zwangsläufig anders aussehen – und etwas anderes bedeuten – als ähnliche Wörter, die es im Englischen gibt. Den „Service Point“ im Bahnhof muss man nicht mögen – dass man ihn in Amerika oder England vergeblich suchen würde, spricht nicht gegen ihn. Dort kann man sich auch mit der Frage nach der „Handynumber“ blamieren – Handy klingt nämlich nur englisch, ist es aber nicht. Der Brite sagt mobile, der Amerikaner cell, wenn es ums Mobiltelefon geht. Und handy heißt geschickt oder handlich.

Foto: Eva Simon
Von deutschen Gastwirten würde Ines Busch-Lauer sich etwas mehr Zurückhaltung mit der Floskel „to go“ wünschen. Das ist schneller hingeschrieben als „zum Mitnehmen“ – „Brokkolicremesuppe to go“ wirkt auf manche aber unfreiwillig komisch.

Werber hingegen sollten sich bewusst sein, dass die Leute sie nicht unbedingt verstehen, wenn sie englische Slogans texten. Übersetzungsversuche von potenziellen Opel-Kunden zum Slogan „Explore the City Limits“ lauteten: „Beachte die Stadtgrenze“, „Explosionen an der Stadtgrenze“ oder „Das Stadtlimit explodiert“. Fast schon legendär ist die Übersetzung vom Youtube-Slogan „Broadcast Yourself“: „Mache Deinen Brotkasten selbst“. Englische Muttersprachler hingegen freuen sich über „5 Flats für 19,99 €“ – fünf ganze Wohnungen für nicht mal zwanzig Euro, das Angebot dürfte wirklich schwer zu schlagen sein.

VIELE FÜHLEN SICH VON ANGLIZISMEN VERUNSICHERT

Im Alltag bieten Anglizismen also oft mehr Anlass zum Lachen als zum Ärgern – doch für viele Menschen bedeuten sie auch Unsicherheit: in Bezug auf Verwendung, Schreibung und Aussprache. Einige Zeilen weiter oben hat die Autorin gezögert: Schreibt man jetzt „geliked“ oder „geliket“? Gar „gelikt“? Oder sollte resoluter eingedeutscht werden: „geleikt“? Heißt es „Bundesbänker“ oder „Bundesbanker“? Das Blog oder der Blog? Da kommt auch ins Schwimmen, wer Englisch beherrscht und eigentlich sattelfest in deutscher Rechtschreibung ist. Kein Wunder, dass sich von Anglizismen erst recht jene bedroht fühlen, die des Englischen nicht mächtig sind – laut Allensbacher Institut immerhin 30 Millionen Deutsche.

BOOM DER DEUTSCHLERNER

Doch die deutsche Sprache ist nicht in Gefahr, resümiert Ines Busch-Lauer. Erstens liegt der Anteil an Anglizismen im Deutschen seit Jahren konstant bei unter fünf Prozent, ein dramatischer Anstieg ist nicht zu beobachten. Außerdem konstatiert das Goethe-Institut eine „Renaissance der deutschen Sprache“: Die Teilnehmerzahlen an Deutschkursen im Ausland sind in den letzten fünf Jahren um bis zu 60 % gestiegen. Auch an der eigenen Hochschule beobachtet Ines-Busch Lauer einen Boom unserer Muttersprache: Ihr Deutsch-Intensivkurs hat in diesem Jahr doppelt so viele Teilnehmer wie vor fünf Jahren.

DAS DEUTSCHE EXPORTIERT AUCH WÖRTER

Und außerdem, das wird oft vergessen, ist das Deutsche nicht nur Importeur, sondern auch Exporteur von Wörtern. Weltschmerz, Schadenfreude und Katzenjammer hat das Englische von uns übernommen – und in jüngster Zeit: the Energiewende und the Atomausstieg.

Jetzt sind die Schülerinnen und Schüler am Zug: Sie sollen in den nächsten Wochen ihren Untersuchungsbereich abstecken: Neologismen sollen erforscht werden, aber auch Namen, Werbung, die Sprache in Sozialen Netzwerken, SMS-Sprache – der Einfluss des Englischen ist nur eins von vielen Forschungsfeldern. Nicht zuletzt hofft Ines Busch-Lauer, dass unter den teilnehmenden Schülerinnen und Schülern auch schon einige ihrer zukünftigen Studenten sitzen.


Eva Simon, Projektschreiberin DEUTSCH 3.0

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