Dokumentation der bisherigen Veranstaltungen


Zweisprachigkeit: Ist die Schweiz da, wo das Saarland hin will?


Botschafter Tim Guldimann; Foto: Andreas ViereckeMit einer kurzen Filmpräsentation über die Vorteile der deutsch-französischen Zweisprachigkeit für das Saarland stimmte Botschafter Tim Guldimann auf die Podiumsdiskussion ein, zu der er am 13. Oktober 2014 in die Schweizerische Botschaft in Berlin eingeladen hatte. Die „Frankreich-Strategie“der Saarländischen Regierung zielt darauf ab, das Land im Laufe der nächsten Jahrzehnte Schritt für Schritt zweisprachig zu machen. In der Diskussion ging es darum, ob sich dabei von der vielsprachigen Schweiz und insbesondere der zweisprachigen Stadt Biel/Bienne lernen lasse.

Neben der saarländischen Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer diskutierten auf dem Podium der ehemalige Stadtpräsident von Biel/Bienne und heutige Ständerat (kleine Kammer des Eidgenössischen Parlaments) Hans Stoeckli, der Schweizer Journalist Frank A. Meyer und die Geschäftsführerin des Forums für die Zweisprachigkeit/Forum du bilinguisme, Virginie Borel. Der Abend bot eine lebhafte und engagiert geführte Diskussion über die Frankreich-Strategie des Saarlandes und vor allem über die Sprachenpolitik in der Schweiz.

Zweisprachigkeit in der Schweiz

Biel/Bienne ist die größte zweisprachige Stadt der Schweiz. Rund 60 Prozent der Bevölkerung sind deutscher, rund 40 Prozent französischer Muttersprache. Beide Sprachen werden im öffentlichen Leben ganz und gar gleichwertig behandelt. Alle amtlichen Veröffentlichungen, Formulare, Straßen- und Hinweisschilder sind zweisprachig. Dasselbe gilt für Schulen und Kindergärten. Es gibt zweisprachige Radiosender, ein zweisprachiges lokales Fernsehprogramm und eine zweisprachige Zeitung.

Hans Stoeckli, Alt-Stadtpräsident von Biel/Bienne und Mitglied des Ständerates; Foto: Andreas ViereckeBiel war nicht immer bilingual und die Zweisprachigkeit hat sich auch nicht zufällig entwickelt. „Vor zweihundert Jahren hat man französischsprachige Uhrmacher aus dem Jura mit Steuerprivilegien nach Biel gelockt“, sagte Hans Stoeckli. „Erst viel später wurde gezielt damit begonnen, eine Strategie der Zweisprachigkeit auf den Weg zu bringen. Es hat funktioniert, wobei die ökonomischen Interessen eine entscheidende Rolle gespielt haben.“ Die deutsch-französische Zweisprachigkeit sei heute eine Selbstverständlichkeit für die Bürger in Biel/Bienne. Aber es gebe auch Rückschritte, gerade in der letzten Zeit. Das dürfe man nicht unter den Teppich kehren.

Ins Bewusstsein zu rufen, dass die angesprochenen Rückschritte die gesamte Schweiz betreffen, war dem Publizisten Frank A. Meyer an diesem Abend ein Herzensanliegen. Virginie Borel erinnerte daran, dass in der Schweiz mehr als nur die vier offiziellen Landessprachen Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch gesprochen werden. Und wer heute in der Schweiz Deutsch lerne, müsse eigentlich immer zwei Sprachen lernen: Hochdeutsch und den schweizerdeutschen Dialekt.

Das Projekt Zwei- oder gar Mehrsprachigkeit sei ein fortwährender Prozess, so Stoeckli, der niemals wirklich abgeschlossen sei: „Zweisprachigkeit ist nicht zum Nulltarif zu haben!“ Es bedeute einigen auch finanziellen Aufwand, sie im Alltag, in Behörden, in Schulen und Kindergärten fest zu verankern. Darüber müsse man sich klar sein. Virginie Borel erwähnte von ihrer Organisation betriebene Projekte – Sprachenlernen im „Tandem“, bilinguale Kindergärten, die Zertifizierung von Unternehmen. Das Beispiel Biel/Bienne zeige, dass sich der Aufwand lohne – ökonomisch, aber auch kulturell!

Die Frankreich-Strategie des Saarlandes

Die Ministerpräsidentin des Saarlandes Annegret Kramp-Karrenbauer; Foto: Andreas ViereckeDavon zeigte sich auch Annegret Kramp-Karrenbauer überzeugt. Ihre Regierung hat Anfang des Jahres 2014 eine „Frankreich-Strategie“ vorgelegt, mit der sie das Saarland für Deutschland zum Tor zu Frankreich und für Frankreich zur Brücke nach Deutschland machen will. Von Deutschland aus betrachtet sei das kleine Saarland sozusagen „westliches Zonenrandgebiet“ – mit allen ökonomischen Problemen, die eine solche Randlage mit sich brächte. Aber „von Basel nach Brüssel“ sei eine saarländisch-französisch-luxemburgische Großregion im Entstehen, die ausgezeichnete Perspektiven im Herzen Europas biete.

Um diese Perspektiven in ihrer Gesamtheit ökonomisch wie kulturell zu erschließen und sie – gemeinsam – weiterzuentwickeln, sei der Abbau der Sprachbarriere essenziell. Bis zum Jahr 2043 soll das Saarland deshalb vollständig zweisprachig werden. Um das zu erreichen, soll mittelfristig jede zweite Lehrkraft in Kindertagesstätten französischer Muttersprache sein und Französisch flächendeckend ab der ersten Grundschulklasse unterrichtet werden. „Wir müssen es schaffen, dass Kinder ganz selbstverständlich mit Französisch aufwachsen“, so Kramp-Karrenbauer. Darüber hinaus sollen für Beschäftigte des Öffentlichen Dienstes spezielle Sprachkurse angeboten werden und zum Beispiel auch die Möglichkeit, zum Erlernen der Sprache Sonderurlaub zu nehmen. Die Kenntnis des Französischen solle in Zukunft eine wesentliche Einstellungsvoraussetzung sein, und in manchen Bereichen wolle man auch Franzosen einstellen.

Auf die Frage von Hans Stoeckli, ob die Frankreich-Strategie als „Top-Down-Strategie“ wirklich erfolgreich sein könne oder wie die Bevölkerung eingebunden werden soll, verwies die Ministerpräsidentin auf erste, sehr positive Reaktionen und Umfrageergebnisse – auch auf der französischen Seite, wo man im Departement Moselle korrespondierend zur Frankreich-Strategie des Saarlandes eine Deutschland-Strategie verfolge. Sie habe deshalb keine Sorgen, dass sich die Bevölkerung „überrumpelt“ fühle.

Wichtig sei es, die enormen Chancen für jeden Einzelnen deutlich zu machen – zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt, der sich mit den entsprechenden Sprachkenntnissen ja auf die gesamte Region erstrecke. Aber ihr sei durchaus bewusst, dass die Umsetzung einer solchen Strategie ein ambitioniertes Vorhaben ist, für das man einen langen Atem brauche. „Das ist sicherlich ein verdammt dickes Brett, das wir hier bohren. Das wissen wir. Aber wir sind überzeugt davon, dass das der richtige Weg ist.“

Von der Schweiz lernen?

Dass das Saarland dabei von der Schweiz lernen könnte – daran hatten die Diskutanten auf dem Podium und auch mancher Gast im Publikum erhebliche Zweifel. Von Biel/Bienne könne man gewiss eine Menge lernen, so der Tenor, nicht nur im Saarland, sondern zunächst einmal in der Schweiz selbst, wo eine eingeschränkte Mehrsprachigkeit eigentlich nur entlang der Sprachgrenzen anzutreffen sei.

Frank A. Meyer sorgt sich um die Zukunft der Schweiz; Foto: Andreas ViereckeMittlerweile täten sich sämtliche Nationalsprachen (Deutsch, Französisch, Italienisch und besonders das Rätoromanische) schwer damit, sich gegen den Vormarsch eines „globalesischen“ Englischs im Zuge der „Durchökonomisierung der Gesellschaft“ zu behaupten, klagte der in Biel/Bienne aufgewachsene Frank A. Meyer. Es sei ein Skandal, wenn man in Deutschschweizer Kantonen die Reihenfolge des Fremdsprachenunterrichts in den Schulen zu Gunsten des Englischen und zu Lasten des Französischen verändere. Ebenso, wenn Hochdeutsch in den Kindergärten verboten werde. Überhaupt werde das Hochdeutsche – nicht zuletzt in der Folge eines wachsenden, von Populisten geschürten anti-deutschen Reflexes – im öffentlichen Leben zunehmend vom Schweizer Dialekt verdrängt.

Dem pflichtete aus dem Publikum der Journalist und Buchautor José Ribeaud bei, der sich mit Meyer in der Einschätzung einig war, dass die Urheber der von ihm beklagten Initiativen gegen Hochdeutsch oder Frühfranzösisch in der Primarschule die Schweiz „provinzialisieren“ und kleiner machten, als sie in Wahrheit sei oder doch sein könnte. In der Deutschschweiz seien mittlerweile die wichtigsten Sprachen nicht die Nationalsprachen, sondern Schweizerdeutsch und Englisch. „Wer weder das eine noch das andere beherrscht, kann in der Deutschschweiz keine Karriere machen.“

So stand am Ende das Ergebnis, dass die Schweiz als Beispiel für die saarländische Frankreich-Strategie vor allem dahingehend tauge, zu sehen, welch nicht nur langen, sondern vor allem kontinuierlichen Atem man für ein solch ambitioniertes Vorhaben braucht.


Andreas Vierecke, Projektschreiber DEUTSCH 3.0

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