Dokumentation der bisherigen Veranstaltungen


Das Wörterbuch ist tot! Es lebe das Wörterbuch!


Die Lexikografie kann auf eine über mehrere Jahrtausende gewachsene Tradition zurückblicken – eine Tradition, von der viele befürchten, sie könne nun endgültig zu Ende gehen.

Wolfgang Klein, rechts, übernimmt den DEUTSCH3.0-Staffelstab; Foto: Andreas Vierecke

Die ältesten Zeugnisse, die Anstrengungen zur Erforschung der Sprache belegen, sind frühe Formen von Wörterbüchern: Tontafeln mit zweisprachigen Wortlisten. Rund 4.000 Jahre sind diese ersten Belege lexikografischen Schaffens alt, wie Wolfgang Klein, der Direktor des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik in Nimwegen, den im Einstein-Saal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften zahlreich anwesenden Zuhörern in seinem Eröffnungsvortrag erläuterte. Eine lange Tradition also, auf die man zurückblicken könne. Und eine Tradition, die zu Anfang des neuen Jahrtausends an ihr Ende gekommen zu sein scheint.

Ein ganz wesentlicher ökonomischer Pfeiler für die lexikografische Arbeit – der Verkauf von gedruckten Wörterbüchern – ist ein für allemal weggebrochen. Darüber dürfe man sich, so Klein, keine Illusionen machen. Im Internet, dessen Siegeszug dafür verantwortlich ist, lässt sich mit lexikografischen Angeboten kaum Geld verdienen. Für die deutschsprachigen Enzyklopädien wurden die Konsequenzen bereits gezogen – sie wurden samt und sonders eingestellt. Der letzte auf diesem Gebiet bis vor Kurzem noch aktive Verlag hat sich aus diesem Geschäftsfeld komplett zurückgezogen.

Unter den Gästen im Publikum_Kathrin Kunkel-Razum, Projektmanagerin im Dudenverlag; Foto: Andreas ViereckeAuch die großen Wörterbuchverlage haben die Arbeit an umfassenden gedruckten einsprachigen Wörterbüchern weitestgehend eingestellt, weil diese sich schlicht und ergreifend kaum noch verkaufen ließen – mit nur wenigen Ausnahmen wie kleinen zweisprachigen Wörterbüchern für die Reise oder dem Rechtschreibduden, der weiterhin das am meisten verkaufte Buch auf dem deutschen Markt ist. Doch auch die Dudenredaktion musste personell auf ein Minimum reduziert werden und wird die Arbeit an ihren gedruckten Großwörterbüchern erheblich einschränken. Das zehnbändige „Große Wörterbuch der deutschen Sprache“ wird nicht mehr neu aufgelegt werden. Und selbst die öffentlich finanzierten Akademien stehen, wie Wolfgang Klein referierte, mit ihren sehr aufwändigen Langzeitvorhaben vor enormen Problemen.

Dass manche früher für möglich gehaltenen Großvorhaben nach menschlichem Ermessen einfach nicht mehr zu realisieren sind, machte Klein an dem Aufwand deutlich, den etwa eine fortlaufende Pflege und Aktualisierung des kompletten Grimmschen Wörterbuches bedeuten würde. „Während Jacob Grimm für den Buchstaben A noch mit einem Band auskam, brauchten wir für die Neubearbeitung nicht nur vier Bände – die Arbeit dauerte auch 42 Jahre“ – und war bei ihrem Erscheinen natürlich auch schon wieder überholt.

Was ist ein „gutes Wörterbuch“?

Andererseits bieten sich für die Lexikografie heute technologische Möglichkeiten, von denen man in der Vergangenheit nur hat träumen können, wie die nachfolgenden Referate von Angelika Storrer, Professorin für Germanistische Linguistik an der Universität Mannheim, und Alexander Geyken, Arbeitsstellenleiter „Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache“ an der Berlin-Brandenburger Akademie der Wissenschaften, deutlich machten.

Angelika Storrer; Foto: Andreas ViereckeWas macht – unabhängig von seinem Trägermedium – aus einem Wörterbuch eigentlich ein „gutes Wörterbuch“?, war die Frage, der sich Angelika Storrer in ihrem Vortrag widmete. An den Anfang ihrer Ausführungen stellte sie eine Feststellung von Hariton Titkin, der Anfang des vergangenen Jahrhunderts an der Erstellung eines deutsch-rumänischen Wörterbuchs mitgearbeitet hatte und 1910 in seinem in der germanisch-romanischen Monatszeitschrift erschienenen Aufsatz „Wörterbücher der Zukunft“ zu den damals im Umlauf befindlichen Werken seiner Zunft wenig Schmeichelhaftes zu sagen hatte: „Alles Menschenwerk ist unvollkommen“, heißt es darin. „Zu den unvollkommensten Erzeugnissen des Menschen gehören aber unstreitig die Wörterbücher.“

Titkin wusste bereits auch, für welche Nutzerbedürfnisse bessere Lösungen gefunden werden müssten: Bedeutungserläuterungen sollten durch Bilder anschaulicher und verständlicher gemacht werden, und der Nutzer sollte sowohl vom Wort zum Begriff als auch vom Begriff zum Wort gelangen können. Sinngemäß Zusammengehöriges sollte zudem auch räumlich beieinander stehen. Während Bilderläuterungen auch schon damals mit einem gewissen Aufwand umsetzbar waren, so bieten sich für die beiden anderen Forderungen eigentlich erst heute wirklich befriedigende Lösungsmöglichkeiten. In digitalen „Wörterbüchern“ können Text-, Bild-, Ton- und Videodateien kombiniert und das Alphabet als Orientierungsrahmen um Werkzeuge ergänzt werden, mit denen riesige Datenbestände nach den unterschiedlichsten Kriterien in kürzester Zeit durchsucht werden können – im übertragenen Sinn also auch immer beieinander stehen.

Verknüpfte Korpora statt verteilter Zettelkästen

Ganz besonders interessant wird die Nutzung von digitalen Wörterbüchern, wenn ausgehend von einer Fundstelle auch die Quellen zugänglich gemacht werden, die dem Eintrag zu Grunde liegen. Die wurden früher in über die Redaktionen der einzelnen Werke verteilten Zettelkästen verwahrt, zu denen man eigens reisen musste, um darin zu recherchieren – wenn denn die Hüter dieser Zettelkästen einem den Zugang zu ihren Schätzen überhaupt gewährten, was bestenfalls Forschern, nicht aber dem gemeinen Nutzer zugestanden wurde.

Heute wird zunehmend mit verknüpften Textkorpora gearbeitet, die automatisch durchsucht und ausgewertet werden können. „Das Internet macht die Datenbestände nicht nur weltweit zugänglich, es erleichtert räumlich verteilt arbeitenden Spezialisten außerdem die dezentrale Organisation ihres kollaborativen Arbeitsprozesses“, erläuterte Storrer und machte die Vorzüge solcher Systeme anhand des „Wörterbuchnetzes“ sowie des „elexiko“ des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) deutlich, auf deren Bestände, die aus einem ganze Bündel von miteinander verknüpften Wörterbüchern bestehen, kostenfrei zugegriffen werden kann. Ebenfalls kostenfrei zugreifen können die Nutzer auf das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften sowie auf die anderen in das DWDS-System intergrierten Wörterbücher wie unter anderen das Grimmsche Wörterbuch.

Sämtliche hier genannten Werke basieren auf Korpusbeständen mit mehreren Milliarden Textwörtern, die, soweit die Rechtelage dies zulässt, auch frei recherchiert werden können. Und mehr als das: Mit dem Filterwerkzeug „Wortprofil“ etwa, das im DWDS-System mit seinen derzeit insgesamt 410.000 lexikografisch geprüften Einträgen allen Nutzern zur Verfügung steht, lassen sich sogenannte Kollokationen oder Kookkurrenzen auffinden: Wörter, die signifikant häufig gemeinsam mit dem Suchwort vorkommen und deren auch übertragene Verwendung und Bedeutung durch die Belege in ihrer Summe erst verständlich werden. Zwar sind Angaben zu typischen Wortverbindungen schon immer Bestandteil lexikografischer Beschreibungen gewesen. In gedruckten Wörterbüchern aber musste man sie platz- und damit kostensparend möglichst knapp in Beispielangaben packen.

Kooperation zwischen Akademien und Verlagen

Alexander Geyken; Foto: Andreas ViereckeSo einfach das Ganze aussieht und wie hoch man seine Ansprüche an scheinbar unbegrenzte Recherchemöglichkeiten in Zeiten des Internets auch geschraubt hat – die sich dahinter verbergende Technik und die Projektplanung für digitale Wörterbuchsysteme verlangen einen immensen Aufwand, wie Alexander Geyken im Anschluss am Beispiel des DWDS-Systems darlegte. Doch zugleich sind die lexikografischen Möglichkeiten, die digitale Wörterbuchsysteme bieten, geradezu atemberaubend – die notwendige Kooperation zwischen den verschiedenen institutionellen und privatwirtschaftlichen Akteuren vorausgesetzt, wie sie zwischen der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und dem IDS mit dem Duden zu einem guten Teil bereits bestehen.

Steht das totgesagte Wörterbuch also vielleicht doch vor einer „rosigen Zukunft“, wie Wolfgang Klein im Titel seines Einleitungsvortrages gefragt hatte? Klein selbst, der die Antwort auf diese Frage zunächst noch offengelassen hatte, entließ die Gäste nach den Vorträgen von Angelika Storrer und Alexander Geyken dann doch mit der vorsichtigen Zuversicht aus dem Einstein-Saal der Akademie am Berliner Gendarmenmarkt, dass die Zukunft des Wörterbuchs, wenn auch nicht wirklich rosig, doch zumindest nicht ganz so düster ist, wie man befürchtet haben mochte.

Der gut besuchte Einstein-Saal; Foto: Andreas Vierecke

Mitnehmen musste man aber zugleich die Erkenntnis, dass „die umfassende Beschreibung des deutschen Wortschatzes in all seiner Vielfalt und seiner geschichtlichen Entwicklung“ auch in Zukunft Geld kosten wird und dass die Lexikografie im Netz nicht weniger Aufwand erfordert als die traditionelle Wörterbuchproduktion – allerdings auch die Aussicht auf unermesslich reiche Erträge bietet. Darüber, wie reich die eingefahrenen Ernten dann aber tatsächlich sein werden, entscheidet freilich letztendlich auch hier, wie so oft, das Geld!


Welches Wörterbuch braucht das 21. Jahrhundert? (MP3)
Beitrag vom 16.10.2014 auf Deutschlandradio Kultur


Andreas Vierecke, Projektschreiber DEUTSCH 3.0

    PROJEKTSCHREIBER



    Die Projektschreiber bereiten die einzelnen Live-Veranstaltungen journalistisch auf und geben atmosphärische Einblicke.
    MEHR ...

    SPRACH-SPRECH-FRAGEN-BOX

    Welche Fragen und Ideen zur Zukunft der deutschen Sprache haben Sie?

    Zeichnen Sie Ihre ganz persönliche Videobotschaft auf. In unserer Sprach-Sprech-Fragen-Box in einer von sechs Städten.
    MEHR ...