Dokumentation der bisherigen Veranstaltungen


Babel als Chance. „Geisteswissenschaften oder Humanities?“ in Essen


Ist Heidegger auf Französisch überhaupt denkbar? Darf und sollte die internationale Forschung „globalesisch“ reden? Und was geht der deutschen Wissenschaft an Geist verloren, wenn sie Englisch spricht? Darüber diskutierten Vertreterinnen und Vertreter von Wissenschaft und DAAD in Essen.

© KWI/Georg Lukas

Als Gott die Sprachverwirrung schuf, erzielte er einen Pyrrhussieg. Den Turmbau zu Babel vermochte er vielleicht noch aufzuhalten. Dem himmelstürmenden Streben nach geisteswissenschaftlicher Erkenntnis indes öffnete er mit der Erfindung der Mehrsprachigkeit Tür und Tor.

So könnte man den Grundgedanken der DEUTSCH 3.0-Veranstaltung „Geisteswissenschaften oder Humanities?“ umschreiben, die am 4. November 2014 im Gartensaal des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) stattfand – und in der die biblische Geschichte vom Turmbau zu Babel fast schon leitmotivisch wirkte. Viele Sprachen, so lautete der allgemeine Tenor, sind in Disziplinen wie Philosophie, Soziologie, Politik- oder Sprachwissenschaften unabdingbar, und Deutsch muss in diesem Kanon eine wichtige Stimme haben. Dass sich die „Humanities“ im Zuge einer falsch verstandenen Internationalisierung aus politisch-pragmatischen Gründen auch in Deutschland immer mehr einseitig dem Englischen verschreiben, ist ein Fehler.

„Der Neoliberalismus hat unglaubliche Angst vor der babylonischen Sprachverwirrung“, brachte es der Politikwissenschaftler und KWI-Direktor Claus Leggewie am Ende der Veranstaltung bewusst überspitzt auf den Punkt. „Dabei täte etwas mehr Babel der Wissenschaft sehr gut.“

NICHTS FALSCH AM SPRACHENSELBSTMORD?

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Dass diesen Satz längst nicht alle Geisteswissenschaftler unterschreiben würden, hatte zuvor bereits Jürgen Trabant klargemacht. In seinem Eröffnungsvortrag über die Dominanz eines „globalesischen“ Englisch im Wissenschaftsbetrieb zitierte der emeritierte Professor für Romanische Sprachwissenschaft an der FU Berlin den belgischen Philosophen und Wirtschaftswissenschaftler Philippe Van Parijs, der ebenfalls nach Essen eingeladen, aber leider verhindert war. Für Van Parijs ist die Einigung auf Englisch als neue Lingua franca auch jenseits geisteswissenschaftlicher Diskurse eine Frage der Gerechtigkeit. „There is nothing wrong with linguistic suicide“, lautet sein – konsequent auf Englisch verfasstes und in mehrere Sprachen übersetztes – Urteil. Nur so könne „der Fluch von Babel“ aufgehoben werden.

Van Parijs sei ihm sympathisch, betonte Trabant nicht ohne Ironie in seinem Vortrag. Dennoch widersprach er ihm vehement. Der politisch propagierte Königsweg des „globalesischen“ Englisch, das in Forschung und Lehre schlecht gesprochen und schlecht verstanden werde, führe einen „hohen“ Diskurs wie den der (Geistes-)Wissenschaften in die Irre. Zudem habe die Vertreibung des Deutschen aus der Wissenschaftskommunikation einen auch gesellschaftlich bedenklichen Statusverlust zur Folge. Und: Warum sollten Studierende aus dem Ausland in Deutschland das zur Eingeborenensprache degradierte Deutsch erlernen, wenn selbst die lehrende Eingeborenenelite als Hochsprache das importierte Englisch vorzieht?

SICH IN DIE SPRACHEN HINEINSPINNEN

Van Parijs’ rein ökonomischer Auffassung von Sprache als austauschbarem Informationsträger stellte Trabant in Essen die Sprachphilosophie Humboldts entgegen, der zufolge die Unterschiede der Sprachen nicht in den „Schällen und Zeichen“, sondern in den „Weltansichten selbst“ bestehen. Sprache diene nicht primär dem Ziel, „eine erkannte Wahrheit darzustellen“, zitierte Trabant aus dessen Schriften, sondern „die vorher unerkannte Wahrheit zu entdecken“.

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„Jeder, der eine Sprache gelernt hat, weiß doch, dass verschiedenes Denken in verschiedenen Sprachen steckt“, sagte Trabant. In Essen betonte er diesen kulturellen und kognitiven Eigenwert, mit dessen Hilfe jede Einzelsprache allein schon aufgrund unterschiedlicher Begrifflichkeiten und grammatikalischer Strukturen ganz eigene Ansichten über die Wirklichkeit offenlegen könne. „Echte Mehrsprachigkeit“ müsse darum das Ziel der Geisteswissenschaften sein. Denn: „Die Geisteswissenschaft muss sich in die Sprachen hineinspinnen, um das, was sie sagen will, so gut zu sagen, wie sie es als Wissenschaft sagen muss.“

ACHTUNG: WORTSCHWUNDGEFAHR!

„Die Vorstellung, es sei egal, in welcher Sprache man Wissenschaft betreibe, ist aus linguistischer Sicht nicht haltbar“, betonte auch der Sprachwissenschaftler Winfried Thielmann in der auf Trabants Vortrag aufbauenden Podiumsdiskussion. Der Professor für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache an der TU Chemnitz machte deutlich, wie die Abkehr von der mittelalterlichen Universalsprache Latein hin zu den Volkssprachen die Wissenschaft ab dem 16. Jahrhundert von scholastischen Zwängen befreite und eine intersubjektive, vielschichtige Betrachtung der Realität erst möglich machte. Wer in verschiedenen Sprachen auf die Welt blickt, so lautete auch seine Botschaft, blickt verschieden auf die Welt. Und wer verschieden auf die Welt blickt, fügt dem Weltwissen neue Perspektiven und Wahrheiten hinzu.

„Trotzdem forscht die Welt fast nur noch im Rahmen angelsächsischer Theorien und Terminologien“, fasste Thielmann noch einmal den Status quo zusammen. Dadurch drohten auch dem Deutschen für wissenschaftliche Diskussionen die Worte auszugehen und geisteswissenschaftlichen Disziplinen alternative Denkansätze zu ihren Sachverhalten unwiederbringlich abhandenzukommen. „Wäre dies in meinem Fach so radikal der Fall wie andernorts, so würde ich jetzt wahrscheinlich wie alle anderen Linguistik in der Tradition Noam Chomskys betreiben“, sagte Thielmann. In der Nachfolge des Begründers der universalgrammatischen Theorie mit ihrem rein strukturellen Vokabular aber „könnte ich mich zu Fragen wie Sprachausbau oder Intersubjektivität als Sprachwissenschaftler gar nicht mehr äußern.“

FRANZÖSISCH AUF DEM HOLZWEG

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Die Konsequenzen für sein eigenes Fachgebiet machte dann auch KWI-Direktor Claus Leggewie deutlich: „Ich glaube, dass die Politikwissenschaft enorm verloren hat, seit sie global zur ‚Political Scienceʻ geworden ist.“ Für die Philosophie führte er an, dass die falsche Übersetzung der Terminologien Martin Heideggers vom Deutschen ins Französische und wieder zurück eine ganze Generation von Studierenden und Wissenschaftlern mit „poststrukturalistischem Kauderwelsch“ auf den Holzweg geführt habe.

Deutsche Texte müssten weiterhin in andere Sprachen übersetzt werden und umgekehrt, „um den Diskurs aufrechtzuerhalten“, forderte hingegen Louise Röska-Hardy. Trotzdem rief auch sie in Erinnerung, dass Deutsch unlängst beim 23. World Congress of Philosophy in Athen erst nach zähen Verhandlungen als Kongresssprache zugelassen worden war: ein deutliches Zeichen für die steigenden Schwierigkeiten, sich „trotz aller Traditionen der deutschen Philosophie“ selbst in angestammten Bereichen „auf der internationalen Bühne als Wissenschaftssprache zu behaupten“.

„INNERE MEHRSPRACHIGKEIT“ ALS IDEAL

Mehrsprachigkeit bringt mehr Erkenntnis, hieß es in Essen. Und trotzdem ist eine einheitliche Vermittlersprache wie Englisch auch jenseits von Publikationszwängen und Zitationsindizes im globalen Wissensaustausch unumgänglich. Dieses Dilemma war den Diskutanten im KWI sehr wohl bewusst. „Das ist eine Antinomie, die auch die Geisteswissenschaften aushalten müssen“, konstatierte etwa Jürgen Trabant. Als pragmatischen Ansatz schlug er deshalb unter Rückgriff auf Humboldt’sche Terminologien vor, „für das Entdecken die uns nächste Sprache zu nutzen und für die Darstellung eine Lingua franca“. Ganz zufrieden war er mit dieser Lösung aber selbst nicht: „Innere Mehrsprachigkeit“ bleibe das erstrebenswerte Ideal.

Um sich dem Ideal zumindest anzunähern, müsste sich aber schon bei der Sprachenförderung an Schulen und Hochschulen im In- und Ausland einiges ändern. Darauf wies auf dem Essener Podium Gisela Schneider hin, die beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) die Gruppe „Germanistik und Deutsche Sprache im Ausland“ leitet. Im Rahmen „akademischer Mobilität“ hätten wichtige Fremdsprachen wie Deutsch nur im Rahmen „einer Politik der Mehrsprachigkeit“ eine Chance, die bereits im Unterricht neben Englisch auch noch eine zweite oder dritte Fremdsprache vorsieht. Von den deutschen Hochschulen forderte Schneider maßgeschneiderte Sprachlernkonzepte und speziell für die Geisteswissenschaften flexible Deutschlernangebote, „mit denen zumindest deutschsprachige Literatur gelesen und deutschsprachigen Vorträgen auf Kongressen gefolgt werden kann“.

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Und Louise Röska-Hardy unterstrich, „dass deutsche Geisteswissenschaftler und Geisteswissenschaftlerinnen auf Deutsch schreiben und in Verlagen veröffentlichen können“ sollten – auch um als „Vermittler von Ideen“ mit einem breiten, nicht wissenschaftlichen Publikum in Kontakt zu kommen.

NEUES BABEL EINHEITSSPRACHE

Als Gott vor Urzeiten die Sprachverwirrung schuf, mag er nur einen Pyrrhussieg errungen haben. Doch irgendwie scheint er sich mit „Globalesisch“ in Forschung und Lehre dafür in der Gegenwart ein wenig zu rächen. „Im Diskurs glauben alle ja nur, sie würden sich verstehen“, sagte KWI-Direktor Claus Leggewie am Ende von „Geisteswissenschaften oder Humanities?“. Dies sei aber überhaupt nicht der Fall. „Die feinen Nuancen, auf die es ankommt, verstehen sie gerade nicht.“

Der Teufel der Erkenntnis steckt eben oft im Sprachdetail. Das wurde in der DEUTSCH 3.0-Veranstaltung in Essen klar. Und ausgerechnet der gesellschaftlich abgehobene Hang zur Einsprachigkeit entpuppte sich für die „Humanities“ im KWI als neues Babel, das den Wissensturm zumindest ein bisschen auch am Wachsen hindert.


Dr. Thomas Köster, Projektschreiber DEUTSCH 3.0

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