Dokumentation der bisherigen Veranstaltungen


Was ist uns unsere Sprache wert?



links: Kathrin Kunkel-Razum, rechts: Victoria Büsch; Foto: Eva Simon

„Was ist uns unsere Sprache wert?“ – Dieser Frage sollte die DEUTSCH-3.0-Veranstaltung an der SRH Hochschule Berlin nachgehen. „Internationales Management“ wird hier gelehrt, ein Drittel der Studierenden stammt aus dem Ausland, ein großer Teil des Studiums findet auf Englisch statt. Gerade deshalb wollte die SRH-Präsidentin Victoria Büsch den Fokus auch einmal auf die deutsche Sprache richten: „Als internationale Hochschule bringen wir Kulturen zusammen. Für uns ist die Veranstaltung ein wichtiges Signal: Setzt euch mit der Kultur auseinander, in der ihr lebt. Und um die Kultur zu verstehen, braucht man die Sprache. Wir wollen Deutsch erlebbar machen.“ Um dieses Ziel zu erreichen, hatte man höchst unterschiedliche Persönlichkeiten auf dem Podium versammelt: den Journalisten und Fernsehmoderator Dieter Kronzucker, den Publizisten Thomas Rietzschel, den Finanzwissenschaftler Bengt-Arne Wickström, die Dolmetscherin Nelly Kostadinova, den Jazz-Musiker Marc Secara und den Journalisten Andreas Wang.

Foto: Eva Simon

Dementsprechend bunt fielen auch die Anekdoten über Sprache aus, die die Diskutanten eingangs zum Besten gaben. Das reichte von den Vorteilen des Esperanto-Sprechens (man darf im Zug in der ersten Klasse sitzen, wenn der Schaffner auch Esperanto spricht) über das Genuschel von Musiker Jan Delay (grandios, auch wenn man kein Wort versteht) bis hin zu Fallstricken beim Übersetzen vor Gericht (wenn der Angeklagte sich primitiv ausdrückt, darf auch die Dolmetscherin das Sprachniveau nicht heben).

Foto: Eva Simon

MUSS ES DIE „PANELDISKUSSION“ SEIN?

Was ist uns unsere Sprache wert? Zu wenig, antwortete der Publizist Thomas Rietzschel, der seine These vom Niedergang des Deutschen schon im Programmzettel bestätigt fand: Lieber hätte er an einer schlichten „Diskussion“ teilgenommen als an der angekündigten „Paneldiskussion“. Doch englisch klingende Modewörter sind nicht das Einzige, was ihm missfällt: Allerorten sieht Rietzschel die Vulgärsprache um sich greifen – Symptom des behaupteten Hangs der Deutschen, überall nivellieren zu wollen: „Wir orientieren uns nach unten, um niemanden zu diskriminieren.“ Das Gegenargument, dass Sprache ein flexibles System sei, das sich mit seinen Sprechern wandle, ließ Rietzschel nicht gelten: „Sprache entwickelt sich nicht von selbst, wir müssen sie pflegen. Wir verlieren die Fähigkeit, komplizierte Sachverhalte auszudrücken.“ Diesem Alarmismus setzten die meisten anderen Podiumsteilnehmer Gelassenheit entgegen. Dieter Kronzucker gab sich von Anglizismen unbeeindruckt: „Wichtig ist die Leistung von Wörtern, nicht die Herkunft.“ Dem TV-Journalisten alter Schule – Kronzucker ist Jahrgang 1936 – ist dafür etwas anderes unheimlich: „SMS sind viel gefährlicher.“ Erfreulicherweise kam ein Workshop zum selben Thema später am Abend zu einem anderen Ergebnis: „Die Sprache leidet nicht darunter.“

Mitte: Dieter Kronzucker, rechts: Thomas Rietzschel; Foto: Eva Simon

SPRACHE KANN MEHR ALS SACHVERHALTE AUSDRÜCKEN

Auf dem Podium erinnerte Marc Secara daran, dass Sprache noch mehr leisten kann, als komplexe Sachverhalte auszudrücken. In der Musik herrsche ein unverkrampfter Umgang mit Sprache. Wenn Musiker Songs schrieben, passten sie die Sprache der Musik an, richtig oder falsch, niveauvoll oder nicht, das seien keine Kriterien: „Herbert Grönemeyer benutzt eine andere Sprache als Bushido – das ästhetisch zu bewerten fällt mir schwer.“ Schwierigkeiten, die Thomas Rietzschel fremd sind: „Solche Musiker wirken sprachprägend und senken so das allgemeine Niveau.“ Auf dem Podium behielten die Warnenden das letzte Wort.

von links nach rechts: Rietschel, Wang, Wickström, Secara; Foto: Eva Simon

„SPRACHE SPIEGELT DIE KULTUR DER SPRECHER, NICHT UMGEKEHRT“

Für den Finanzwissenschaftler Bengt-Arne Wickström, der an der Humboldt-Universität zu Berlin über Ökonomie und Sprache forscht, lief die Diskussion in die falsche Richtung. Bedroht sei der Wert des Deutschen nicht von einer Verflachung, sondern von einem ganz anderen Phänomen, nämlich der Dominanz des Englischen in der Wissenschaft. „Wenn ganze Domänen, etwa die Naturwissenschaften, ins Englische abwandern, verliert das Deutsche die Fähigkeit, diese Domänen sprachlich auszudrücken. Wenn ein Spitzenphysiker nicht auf Deutsch erklären kann, was er macht, verschwindet eine ganze Sphäre aus der Sprache.“ Dass „schlechte“ Sprache hingegen das Niveau einer Kultur senken könne, sei ein Irrtum: „Die Sprache spiegelt die Kultur der Sprecher, nicht umgekehrt.“ Das von Thomas Rietzschel beklagte niedrige Niveau liege in den Sprechern begründet und nicht in deren Sprache. Sprache finde stets den angemessenen Ausdruck für das, was die Sprecher ausdrücken wollten. „Herr Rietzschel könnte auf Kiezdeutsch nicht das ausdrücken, was er will. Diejenigen, die es sprechen, können das aber sehr wohl.“ Im Vatikan etwa würde man auch Schwierigkeiten haben, auf Latein über Feminismus zu diskutieren. Der Bedarf bestehe nicht, deshalb finde sich in der Sprache auch nicht das erforderliche Werkzeug.

Foto: Eva Simon

„ICH MACH DICH MESSER“

„Kiezdeutsch“ – der vom Türkischen, Arabischen und Deutschen inspirierte Soziolekt von Jugendlichen in Berlin – war Thema einer der Workshops, die den zweiten Teil der Veranstaltung ausmachten. Die Übersetzerin Gloria Thiller diskutierte mit den Studierenden, was „Kiezdeutsch“ eigentlich sei: ein Dialekt, eine Mischsprache, eine ganz neue Sprache? „Lassma“ und „mussu“ sind neue Wörter; „Wallah“ ist ein arabischer Ausdruck und „Gehst du Schule?“ ist unverkennbar deutsch, auch wenn es manchem Sprachhüter die Haare zu Berge stehen lassen dürfte. Präpositionen, so eine Erkenntnis des Workshops, werden nur dort weggelassen, wo sie tatsächlich entbehrlich sind. „Warum mehr Aufwand betreiben als notwendig?“ – das scheint der dahinterstehende Gedanke zu sein. Mit Interesse wurde auch der Satz „Ich mach dich Messer“ analysiert. Für den Adressaten dürfte unmissverständlich sein, was gemeint ist: Die Drohung, mit einem Messer verletzt zu werden, steht im Raum. Gloria Thiller machte darauf aufmerksam: Grammatisch entspricht das Gebilde dem Satz „Ich fahr' Fahrrad“. Es folgt also dem Aufbau der deutschen Sprache.

Foto: Eva Simon

HANDY HIESS NOCH NIE ANDERS

In anderen Workshops ging es um Sprache in den sozialen Netzwerken, um die Veränderung von Wortbedeutungen oder um die offenbar unvermeidliche, immer wieder behauptete „denglische Dominanz im Deutschen“. „Warum muss es ‚Bahncard‘ heißen?“, stöhnte ein älterer Herr, nahm die Antwort eines anderen Teilnehmers aber bereitwillig und angenehm überrascht zur Kenntnis: weil eine „Bahnkarte“ eben etwas anderes ist, ein Ticket nämlich. Dass das Lamento der älteren Generation über vermeintliche Anglizismen kuriose Effekte haben kann, bewies das Statement einer Studentin: „Ich hab noch nie anders zu Handy gesagt“, gab die junge Frau unumwunden zu – offenbar in der Annahme, dass der Grund hierfür allein in ihrer Jugend zu suchen sei. Sie dürfte sich in guter Gesellschaft befinden: Handys hießen noch nie anders. Das Wort gab es schon, bevor das Gerät, das wir unter diesem Namen kennen, seinen Siegeszug antrat.

Band „Blum“; Foto: Eva Simon

Zum Abschluss der Veranstaltung gab es „Deutsche Sprache in der Popkultur“ – nicht als Workshop, sondern als Live-Act namens „Blum“. Der Student Sebastian Blum bewies mit seiner Band, dass die deutsche Sprache in der Popkultur quicklebendig ist. Nach einigen eigenen Songs wurde für den Keyboarder dann a cappella „Happy Birthday“ angestimmt –danach gab Sebastian Blum aber zu bedenken: „Wir hätten’s auf Deutsch singen sollen.“ So endete der Abend, der mit einer lauten Stimme der Besorgnis begonnen hatte, mit der angemessenen Reaktion: entspanntem Humor.


Eva Simon, Projektschreiberin DEUTSCH 3.0

    PROJEKTSCHREIBER



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