Dokumentation der bisherigen Veranstaltungen


„Sprechen tu ich normal, aber schreiben ist was anderes“: Neue Medien und Jugendsprache





Welche Sprache sprechen Jugendliche heute? Und wie beeinflussen Neue Medien diese Sprache? Das waren Fragen, auf die das Goethe-Institut und der Bayerische Rundfunk von den Schülern zweier Schulklassen Antworten haben wollten. Wir durften die Rundfunk-Reporterin Geli Schmaus bei ihren Schulbesuchen begleiten und haben dabei manches über die Sprache der Jugend erfahren, und auch darüber, was Sprache und Autofahren gemeinsam haben.

Es sind zwei recht unterschiedliche Klassen, die wir da kennenlernen durften: Die bunt gemischte neunte Klasse der Mittelschule an der Hochstraße in München, in der Mädchen und Jungen in mehreren variablen Tischgruppen beieinander sitzen, und die reine Jungenklasse der zehnten Jahrgangsstufe der Orlando-di-Lasso-Realschule im oberbayerischen Maisach, die in Reihen neben- und hintereinander sitzen, wie wir es von früher kennen.

Bis auf zwei Ausnahmen ist die Muttersprache der Maisacher Schüler Deutsch. In der Hochstraßen-Klasse werden die unterschiedlichsten Muttersprachen gesprochen. Insgesamt sind es neun an der Zahl. Einige sprechen zwei oder sogar mehrere davon, die sie je nach Situation gerne auch einmal ganz gezielt vermischen und unter sich als eine Art Geheimsprache nutzen.

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Doch bei allen Unterschieden haben die Schüler beider Klassen doch auch eine Menge gemeinsam: Sie sprechen „Jugendsprache“ und sie alle sind als „digital natives“ mit Computer und Handy aufgewachsen.

„Sprache ist wie Mode“

Dass sich die Jugend auch durch ihre Sprache von der Erwachsenengesellschaft abgrenzt und sich ihrer eigenen Identität versichert – das ist nichts Neues. Manches aber ist heute tatsächlich anders. Durch die neuen Kommunikationstechnologien gibt es erstmals so etwas wie eine genuin schriftliche Jugendsprache. Und die ist von Abkürzungen wie „lol“ (für „laughing out loud“: Da muss ich laut lachen) oder „cu“ (lautmalerisch für „see you“: Wir sehen uns) ebenso durchsetzt wie von in ihrer Bedeutung häufig abgewandelten Begriffen, die ihren Ursprung oft in anderen Sprachen haben. Aus denen sickern immer wieder einzelne Wörter in die Umgangssprache der jeweiligen Jugendgesellschaft, wie etwa das bosnische „Babo“, das eigentlich „Vater“, jugendsprachlich aber so viel wie „Boss“ bedeutet, oder das türkische „Hayvan“ (Tier). Solche jugendsprachliche Begriffe kommen und gehen in rascher Folge. Was heute total angesagt ist, klingt morgen vielleicht schon wie aus der Zeit gefallen: „Das ist so wie Mode“, sagt die siebzehnjährige Salib, „heute ist das Mode und morgen das. Und genau so ist es mit der Sprache. Man weiß nie, was kommt.“

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Viel sagen mit wenig Worten

Wenn man sich viel zu sagen hat, aber nur begrenzten Platz oder einfach keine Lust, sich die Finger auf dem Display seines Smartphones wund zu tippen, muss man sich mit Abkürzungen oder Symbolen behelfen, wie dem allgegenwärtigen Smiley oder seinem Gegenteil, dem Frowney. Außerdem möchte man ja, dass der Adressat auch wirklich liest, was man ihm schreibt, und natürlich auch, dass er möglichst rasch antwortet. Diese von manchen so genannte „Fetzensprache“ ist deshalb auch überhaupt kein Zeichen für einen etwaigen „Sprachverfall“, wie viele meinen, sondern, wie der Linguist Richard Schrodt unlängst in einem Interview mit einem Kollegen treffend gesagt hat, „eine von vielen soziologischen Varietäten, die in ihrem Bereich eine wichtige Funktion erfüllen“.

Wenn man anfinge, sich beim Verfassen von WhatsApp-Nachrichten großartige stilistische Gedanken zu machen und sie beharrlich in ganzen Sätzen mit korrekter Groß- und Kleinschreibung abfassen würde, blieben die Antworten bald aus. Und den Ruf eines Sonderlings hätte man sich obendrein auch noch eingehandelt. Dasselbe gilt für den Fall, dass man die gängigen Sprachcodes nicht kennt oder sie nicht korrekt zu verwenden weiß. Das ist in der Jugendgesellschaft nicht anders als in jeder anderen sozialen Gruppe.

Auch wenn man beim ersten Hören einen anderen Eindruck gewinnen könnte: Die Jugendlichen, die wir in den beiden Schulen kennengelernt haben, pflegen ihre Codes jedenfalls sehr bewusst und schöpfen dabei aus einem reichen Fundus. Und die meisten wissen sehr wohl zu unterscheiden, wann welche Sprache angebracht ist – oder jedenfalls wäre.

„Schreiben“ und „schreiben“ ist nicht dasselbe

„Sprechen tu' ich normal, aber schreiben ist was anderes“, sagt Salib auf die Frage, ob sich ihre Sprache durch ihre Chat-Gewohnheiten geändert hat. Und bei ihren Mitschülern ist das nicht anders. Wobei schreiben und schreiben auch nicht dasselbe ist! Von Einflüssen der von den Schülern in ihren Chats gepflegten Sprache auf ihre schriftlichen Arbeiten wussten die Lehrer jedenfalls nichts zu berichten.

Und auch wenn manche in Chats, SMS- oder WhatsApp-Nachrichten gebräuchliche Floskel wenigstens für eine gewisse Zeit Eingang in die informelle Alltagssprache auch der Erwachsenen findet, heißt das nicht, dass man in einem Bewerbungsschreiben seinen womöglich zukünftigen Chef „ asap“ (also „as soon as possible“, das heißt „so bald wie möglich“ oder auch „ein bisschen flott“) um Antwort bitten könnte. Wobei einem der Maisacher Schüler tatsächlich doch auch mal ein Smiley in eine Bewerbung gerutscht ist, das erst von seiner Mutter beim Korrekturlesen rausgefischt wurde. „Das ist bei mir beim Schreiben einfach so drin, das setze ich oft ganz automatisch statt einem Punkt.“

Respekt!

Die Sprache, die Jugendliche untereinander sprechen, ist freilich oft auch ziemlich deftig. Zumindest die, die wir besucht haben, wissen aber, dass es sehr auf den jeweiligen Adressaten ankommt, ob man ihn zum Beispiel wirklich als „Hayvan“ titulieren sollte, was das jeweilige Gegenüber entweder gar nicht oder unter Umständen vollkommen missverstehen könnte – mit entsprechend fatalen Folgen. Mit Eltern, Lehrern oder ganz generell mit Erwachsenen sprechen sie deshalb in aller Regel anders als untereinander: „Also, wenn ich mit meiner Mutter so sprechen würde, wie ich mit meinen Freunden spreche, würde es Krach zu Hause geben, weil meine Mutter sehr dafür ist, dass ich in ganzen Sätzen spreche und auch ein gutes Deutsch.“

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Auch die Pflege des Dialekts sei ihm wichtig, sagte ein Maisacher Schüler. „Mit meinen Großeltern spreche ich Bayrisch. Sobald ich in der Schule bin, lege ich den Schalter um. Dann rede ich Hochdeutsch. Und mit meinen Freunden spreche ich wieder anders, je nachdem.“

Kommunikation hat eben auch etwas mit Respekt zu tun – aber offenbar auch mit dem eigenen Rollenverständnis, zum Beispiel als Mädchen: „Also, wenn ich ein Junge wär’ und ich lern’ ein Mädchen kennen und das Mädchen redet so mit mir, in diesem Ghettohaften, ich würd’ da ’nen totalen Abturn bekommen. Also, das Mädchen würde mich total abschrecken. Weil ich finde, zu einem Mädchen gehört das nicht, dieses Slangmäßige.“

„Sprache ist wie Autofahren“

Was lernen wir aus alledem? Die Jugendlichen machen sich über ihre Sprache mehr Gedanken, als man glauben könnte, wenn man nur nach dem ginge, was man vielleicht an der Bushaltestelle vor einer Schule so aufschnappt, oder wenn man in der U-Bahn seinem jugendlichen Sitznachbarn über die Schulter schaut, der gerade auf seinem Smartphone eine Nachricht schreibt.

Mut gemacht haben uns auch die Gespräche, die wir belauschen und selbst führen durften, als wir mit den Schülerinnen und Schülern in kleinen Gruppen in die Schule und die umliegenden Straßen ausschwärmten, wo sie selbst mit Aufnahmegeräten ausgestattet Stimmen zum Thema einfangen sollten.

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Und etwas zum Nachdenken wurde uns auch noch von einem Maisacher Schüler mit auf den Weg gegeben. Auf die Frage, was Sprache für ihn sei, antwortete er kurz und knapp: „Sprache ist wie Autofahren, die meisten können’s, aber man muss es auch erst mal lernen.“ Ein Satz, der in mehrfacher Hinsicht neue Fragen aufwirft. Man lernt halt nie aus.

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Andreas Vierecke, Projektschreiber DEUTSCH 3.0

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