Dokumentation der bisherigen Veranstaltungen


Mehr Sprachigkeit!

Bei der Abschlussveranstaltung von DEUTSCH 3.0 wurde deutlich: Sprache ist auf keinen kleinen gemeinsamen Nenner zu bringen. Gut so!



Man könnte jetzt so tun, als gäbe es ein „Ergebnis“ von DEUTSCH 3.0, das man in wenigen Worten zusammenfassen kann. Man könnte diese wenigen Worte dann aufschreiben; vermutlich wären sie aber sehr allgemein formuliert. Und gespickt mit Konjunktiven, Einschränkungen und Floskeln, um der Vielzahl der Fragen, Antworten, Trends und Widersprüche gerecht zu werden.

Man kann es allerdings auch so halten wie Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe-Instituts. Als sich die Abschlussveranstaltung im Berliner „Museum für Kommunikation“ im Dezember 2014 dem Ende näherte und der Moderator nach einer Zusammenfassung fragte, sagte Ebert: „Ich bin noch am Verarbeiten.“

Gut, dass auch die übrigen Teilnehmer der Abschlussveranstaltung nicht versucht haben, ein verkürztes Fazit zu ziehen. Auf besonders interessante Weise vermieden das die Studierenden der „Hochschule für populäre Künste“ in Berlin, die DEUTSCH 3.0 in Form einer Videografik zusammengefasst haben:



60 Partner, 40 Veranstaltungen, über 30.000 Besucher auf der eigens eingerichteten Projektwebsite www.deutsch3punkt0.de – „so vielgestaltig wie unsere Sprache“ war das Projekt laut Klaus-Dieter Lehmann, dem Präsidenten des Goethe-Instituts. Er zieht ein weitgehend optimistisches Fazit aus den Erkenntnissen der Projektreihe: Das Deutsche werde weder durch Anglizismen bedroht, noch schrumpfe sein Wortschatz. Auch die Sympathie für die vielen Dialekte sei ungebrochen. „Was wohl eher Sorge machen muss, ist der Verlust des Deutschen als Wissenschaftssprache. Nicht nur Sprache und Kultur stehen in enger Verbindung. Auch Sprechen und Denken bedingen einander. Das ist intellektueller und kultureller Reichtum (...). Je weniger eine Wissenschaft sich auf Deutsch verständigt, umso weniger wird die Gesellschaft über Wissenschaft reden.“ Man fühlte sich an ein Wort von Friedrich Dürrenmatt erinnert, der diesen Gedanken einst noch allgemeiner formuliert hat: „Die Arbeit an der Sprache ist eine Arbeit am Gedanken.“ Dort, wo ihm die Sprache keinen adäquaten Ausdruck verleihen kann, verkümmert der Gedanke.

GROBHEIT, TIEFSINN, ANMUT

Die Schriftstellerin Dagmar Leupold versuchte, der Vielgestaltigkeit der deutschen Sprache anhand des Alphabets nahezukommen. Ein Loblied von „Ach!“ bis „Zeit“ ist daraus geworden. Es begann mit A wie „Ach!“, das Heinrich von Kleists Figuren entfährt, wenn ihnen der Überschwang dessen, was zu sagen wäre, die Sprache verschlägt; beim H angelangt, folgte ein „Hohelied“ auf das Deutsche, wie es die Schriftstellerin ihrem Kleist im Roman „Die Helligkeit der Nacht“ in den Mund legt: „Denken Sie sich die deutsche Sprache als eine Frau. Ich liebe sie in all ihren Unschönheiten, Schönheiten, Verwerfungen, Verwundungen, Alterserscheinungen und jugendlichen Unsinnigkeiten. Ihr Plumpes und ihr Elegantes liebe ich. Eine gute Tänzerin nur da, wo sie schwärmt. Sonst: stolpernder Gang in derben Schuhen (den leichtfüßigen Franzosen hinterher). Ich liebe ihre Stimme, rau, bei Gelegenheit, andere Male melodisch.“ An anderer Stelle nannte Leupold Literatur das „Naherholungsgebiet der Sprache“; sie betrachtet Sprache als ein Lebensmittel, das „gottlob nicht unbegrenzt haltbar“ sei. Das gesamte Alphabet der Schriftstellerin ist hier nachzulesen:
Download SymbolImpulsvortrag von Dagmar Leupold (PDF, 275 KB)

MEHR SPRACHIGKEIT!

Vier Bereiche waren es, die im Mittelpunkt von DEUTSCH 3.0 standen – und jedem dieser Bereiche wurde ein Ziel zugeordnet:





  • Im Themenkreis „Sprache in Wissenschaft und Bildung“ hieß dieses Ziel „intelligente Sprachenloyalität“. Die Wahl der jeweiligen Sprache solle der Aufgabenstellung angepasst sein und die Balance zwischen zwei Herausforderungen anstreben: einerseits das Deutsche zu pflegen, andererseits die internationale Kommunizierbarkeit der Inhalte zu gewährleisten. Was die Bildungs- und Integrationspolitik betrifft, so hatte Volker Meyer-Guckel, stellvertretender Generalsekretär und Mitglied der Geschäftsleitung des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft, erhellende Zahlen parat: „Wir haben mittlerweile etwa 15 Prozent ausländische Studierende, die kostenlos bei uns studieren können. In fünf bis sechs Jahren werden es 25 Prozent sein. Aber wir verlieren während des Studiums wieder viele. Nur 30 bis 40 Prozent schaffen es bis zum Abschluss. Von denen wiederum wollen über 70 Prozent gerne hier bleiben, aber nur 20 Prozent gelingt das.“ Mit entscheidend dafür seien die Sprachkenntnisse.

  • Für den Themenkreis „Wirtschaft und Sprache“ gilt: Welche Sprache in einem internationalen Unternehmen gesprochen wird, diese Frage muss ganz konkret – und wenn nötig kleinteilig – beantwortet werden: In der Forschung und Entwicklung können Ingenieure vermutlich in ihrer Muttersprache am besten denken und kommunizieren, im Marketing und Vertrieb dagegen gilt es, die Sprache(n) der Kunden zu sprechen. Hier ist „aktives Sprachenmanagement“ das Ziel – und ein Gebot betriebswirtschaftlicher Vernunft. Dazu sagte Ludwig M. Eichinger, Direktor des Instituts für Deutsche Sprache: „Letztlich ist es auch für die Firmenidentität ganz nützlich, nicht nur als ein internationales Etwas zu erscheinen, sondern mit einer markanten Marke aufzutreten, zu der zum Beispiel die Sprache Deutsch gehört.“

  • Beim Thema „Mehrsprachigkeit“ gilt es, diese als Stärke wertzuschätzen und gezielt zu fördern. Nicht die Verbesserung der Deutschkenntnisse von Migranten sollte als oberstes Gebot politisch postuliert werden, sondern die Pflege der Sprachkompetenz an sich. Voraussetzung dafür ist, sich fließend und frei in der Sprache des Elternhauses bewegen zu können – denn erst dadurch wird die Voraussetzung dafür geschaffen, dass sich Menschen mit Migrationsgeschichte auch im Deutschen zu Hause fühlen. „Mehr Sprachigkeit!“, so lautet die Forderung.

  • „Neue Medien und Digitalisierung“ führen zu neuen Herausforderungen. Wörterbücher und Nachschlagewerke sind unter erheblichen Druck geraten, ihre angestammte Rolle wurde zum großen Teil ins Netz ausgelagert; die Nutzer digitaler Medien haben neue Kommunikationsgewohnheiten entwickelt. Unter anderem dadurch verändern sich die Möglichkeiten im Netzzeitalter so mannigfach, dass die Fähigkeit, sich kritisch und effektiv darin zu bewegen, gezielt gefördert werden muss, vor allem in der Schule. „Kritische Medienkompetenz“ ist gefragt.

Auf 40 Veranstaltungen und darüber hinaus haben sich Menschen ein Jahr lang vom Goethe-Institut und seinen Partnern dazu inspirieren lassen, über die Zukunft der deutschen Sprache nachzudenken, zu diskutieren, zu spekulieren. Und mit der deutschen Sprache zu spielen. Wie schön, dass das letzte Wort bei DEUTSCH 3.0 eine Sprachspielerin hatte: die Poetry-Slammerin Julia Engelmann mit ihrem Stück „Eines Tages, Baby“, einer Wort gewordenen, spielerischen, verspielten Aufforderung, zu leben.

Friedrich Schiller hätte Engelmanns Sprachspiel wohl gefallen. Denn „der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Weiterspielen!


Andreas Unger, Projektschreiber DEUTSCH 3.0

    PROJEKTSCHREIBER



    Die Projektschreiber bereiten die einzelnen Live-Veranstaltungen journalistisch auf und geben atmosphärische Einblicke.
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    SPRACH-SPRECH-FRAGEN-BOX

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