Alumnitreffen

Alumnitreffen 2011 in Berlin

© Goethe-Institut
© Goethe-Institut



 

Arbeiten in Europa – arbeiten auf Deutsch? Deutsch ist die meistgesprochene Muttersprache Europas, in EU-Institutionen dominieren jedoch vielfach Englisch und Französisch die Kommunikation. Spezielle, für höhere Beamte konzipierte Sprachkurse des Goethe-Instituts sollen dem Deutschen mehr Präsenz verschaffen. Aufschluss über die Wirksamkeit gab ein viertägiges Alumnitreffen in Berlin. Von Christin Meißner

Gemächlich schippert das Restaurantschiff auf Landwehrkanal und Spree durch das abendliche Berlin. In Ufernähe: Potsdamer Platz, Berliner Dom und Reichstag, auf dessen Türmen seit Neuestem neben der schwarz-rot-goldenen Beflaggung auch die blaue EU-Fahne weht. Ein Symbol für den europäischen Gedanken von internationaler Zusammenarbeit und Verständigung. Wie dieser Gedanke ganz praktisch und grundlegend umgesetzt wird, zeigt sich unter Deck. Hier wird gespeist, gelacht und vor allem diskutiert – und zwar auf Deutsch. Etwas Besonderes, denn deutscher Muttersprachler ist hier niemand.

Deutsch stärken durch EU-Kurse

Aus 18 verschiedenen Nationen Europas kommen die 31 Teilnehmer der Abendgesellschaft. Als höhere EU-Bedienstete und Ministerialbeamte aus Staaten der EU und assoziierten Ländern zog es sie bereits 1998 und 2008 nach Deutschland. Damals für einen von Auswärtigem Amt und Goethe-Institut initiierten Sprachkurs des Stipendienprogramms Europanetzwerk Deutsch. Erklärtes Ziel dieser sowohl allgemein als auch auf praxisnahe Themen wie Wirtschaft und Politik ausgerichteten Seminare: Die Bedeutung und Anwendung von Deutsch in und zwischen den entsprechenden Institutionen zu stärken. „Wir wollen ein Bildungs- und Begegnungsforum sein und für Mehrsprachigkeit sensibilisieren. Idealerweise gehört dazu auch Deutsch“, so Carolin von Buddenbrock, Leiterin des Referats zur Förderung von Deutsch als Fremdsprache im Auswärtigen Amt. Ob diese Ziele realisiert wurden, darüber sollte das vom 24. bis 27. Mai 2011 stattfindende Alumnitreffen Aufschluss geben. Neben Gesprächen im Bundestag, im Bundeskanzleramt und dem Besuch des WDR Europaforums gehörten auch Kultur und Stadtbesichtigung zum Programm. Margit Pfaender, Sprachlehrerin am Goethe-Institut in Brüssel, erhofft sich vom Wiedersehen vor allem einen Einblick in den konkreten individuellen Mehrwert. „Es ist interessant, was aus den Leuten geworden ist. Ob der EU-Kurs dabei geholfen hat, Netzwerke aufzubauen, oder ob die gewonnenen Deutschkenntnisse die berufliche Weiterentwicklung befördert haben.“

Von „unabdingbar“ bis „spielt keine Rolle“

Bei Cristóbal Millán de la Lastra war dies der Fall. Der Spanier arbeitet für die EU-Kommission, ist verantwortlich für Investitionen in das europäische Verkehrsnetz. „Deutsch ist für meinen Job unabdingbar. Viele deutsche Geschäftspartner erwarten einfach, dass man ihre Muttersprache beherrscht“, erklärt der 50-Jährige. Sein Arbeitsalltag: Telefonate auf Deutsch, schriftliche Korrespondenz auf Deutsch und häufig Termine im Ministerium für Verkehr in Berlin.

Renata Bunková geht es ähnlich. Die Liebe zu Deutsch hat die Tschechin schon während ihrer Kindheit über das DDR-Fernsehen entdeckt. Später studierte sie Ökonomie und Deutsch. Ein Vorteil, denn heute braucht sie die Sprache bei ihrer Tätigkeit im Ministerium für Handel und Industrie. „Wir arbeiten stark mit Sachsen zusammen, müssen zum Beispiel Präsentationen vor der deutschen Handelskammer absolvieren oder sind auf der Leipziger Messe vertreten“, so die 38-Jährige.

Für Dr. Maciek Jastrzebiec-Pyszynski von der EU-Kommission rangiert Deutsch hingegen eher unter „Zusatzqualifikation“. In seinem Bereich, der Generaldirektion EuropeAid (Entwicklung und Zusammenarbeit), spielt Deutsch so gut wie keine Rolle. „Wer aber für die EU arbeitet, sollte einige Sprachen der Mitgliedsstaaten sprechen“, meint der junge Pole. Eine Einstellung, die in Brüssel selten aktiv umgesetzt wird. Lingua franca ist hier nach wie vor Englisch. Zwar gilt Deutsch offiziell als Arbeits- und Verfahrenssprache, praktische Anwendung findet sie hier jedoch kaum. „Das reicht von wichtigen EU-Dokumenten, die lediglich auf Englisch oder Französisch vorliegen, und hört damit auf, dass sogar die Deutschen innerhalb der Kommission untereinander meist nur Englisch sprechen“, resümiert Margit Pfaender den Brüsseler Sprachalltag.

Karrieresprung durch Deutsch

Dabei ist Mehrsprachigkeit auch eine Voraussetzung, um Netzwerke und Kooperationen aufzubauen. Wie im Fall von Simona Ilie, die beim rumänischen Rechnungshof angestellt ist. Um die eigenen Arbeitsweisen zu optimieren und Erfahrungen auszutauschen, steht sie häufig in Kontakt mit dem bayerischen Pendant. Gern würde sie ihr Deutsch noch mehr verbessern. Allein die Zeit fehle ihr. „Viele Vorgesetzte denken zielorientiert und fragen natürlich, was ihnen ein deutschsprachiger Mitarbeiter bringt und ob es sich lohnt, ihn für den Kurs freizustellen“, so Margit Pfaender.

Vielfach nehmen die Alumni das Wachhalten ihrer Deutschkenntnisse daher auch selbst in die Hand. Christina Törnstrand vom schwedischen Ministerium für den ländlichen Raum trifft sich beispielsweise mit Kollegen regelmäßig zu einem „deutschsprachigen Lunch“ und Väino Siilbek vom estnischen Wettbewerbsamt nahm an Diskussionsabenden im Goethe-Institut in Tallinn teil. Zwecks Networking und Kulturaustausch hält auch Veronika Kaszás, Diplomatin beim ungarischen Außenministerium, noch immer Kontakt mit anderen Kursteilnehmern. Bis vor kurzem war sie als Referentin für EU-Angelegenheiten in der ungarischen Botschaft in Wien tätig. Eine Karriere-Station, die die 28-Jährige ohne Deutsch nicht hätte durchlaufen können. Ihr Fazit: „Arbeiten in Europa heißt auch arbeiten auf Deutsch.“

Links zum Thema