Neun Fragen an ...

Judith Geare über Neuseeland: „Wir heizen nicht“

Goethe-InstitutCopyright: Goethe-Institut
Der Tekapo-See auf der Südinsel Neuseelands (Foto: Goethe-Institut)

6. August 2010

Deutsch ist die Sprache der Liebe – zumindest für viele Neuseeländer. Das sagt Judith Geare, und sie muss es wissen: Geare ist nicht nur Sprachbeauftragte am Goethe-Institut Wellington, sondern auch Neuseeländerin. Ein Gespräch über Rugby, Natur und warme Pullover.

Wer kommt zu Ihnen ins Goethe-Institut in Wellington?

Neuseeländer lernen aus verschiedenen Gründen Deutsch: Sehr viele haben einen deutschen Partner oder eine deutsche Partnerin. Interessanterweise sind es mehr junge Männer, die eine deutsche Freundin haben, als umgekehrt. Es gibt auch viele Musiker oder Sänger, die in Deutschland studieren wollen. Sehr viele Leute aus dem Kulturprogramm, mit denen wir zusammenarbeiten, wollen dann auch Deutsch lernen. Es kommen auch Passanten, die denken: „Was ist das, ein Goethe-Institut?“ Und natürlich auch deutsche Touristen, die denken: „Ach, etwas von zu Hause“.

Und wer kommt nicht ins Goethe-Institut von Wellington?

Ich muss zugeben, dass zum Beispiel die Zahl von Maori, die zu uns kommt, klein ist – kleiner, als es dem Anteil der Maori an der Bevölkerung entspricht. Neuseeland ist ein typisches angelsächsisches Land, wo die Leute keine zweite Sprache lernen, und die Maori sind sowieso zweisprachig. Sie müssen nicht unbedingt eine europäische Sprache lernen.

Welche Frage über Deutschland hören Sie besonders oft?

Oft ist das etwas, was mit persönlichen Beziehungen zu tun hat. Wir lernen irgendetwas im Sprachunterricht und dann sagen die Leute: „Ahhh, deswegen haben wir uns letzte Woche gestritten ...!“ Wer die Sprache lernen will, kennt Deutsche und will sich verständigen. Man will kulturell bedingte Persönlichkeitsunterschiede verstehen. Die Neuseeländer zum Beispiel diskutieren sehr vorsichtig: „Das ist vielleicht so, vielleicht irre ich mich, aber …“. Die deutschen Partner sagen dagegen oft: „So ist es.“ Dann merkt man, dass es kleine Unterschiede gibt – obwohl ich so etwas sehr ungern sage. Man gerät zu schnell in stereotypes Denken.

Copyright: Goethe-Institut
Sprachbeauftragte Judith Geare: „Man will Persönlichkeitsunterschiede verstehen“ (Foto: Goethe-Institut)
Welche Vorurteile über Neuseeländer sollten wir besser ganz schnell vergessen?

Vielleicht, dass alle Neuseeländer sportbegeistert sind … Aber das stimmt! Das ist das Problem mit Stereotypen. Unsere Verbundenheit mit England – das war vielleicht einmal so, aber die meisten Neuseeländer fühlen sich nicht mehr so sehr an England gebunden. Sie fühlten sich schon in den Siebziger Jahren im Stich gelassen, wegen der EU. Aber auch hier stimmt etwas am Klischee: Australier orientieren sich eher Richtung Nordamerika, Neuseeländer mehr Richtung Großbritannien. Und was die Naturliebe der Neuseeländer angeht: Die meisten von uns wohnen zwar in langweiligen, nicht besonders schönen Städten, aber wenn wir von Neuseeland entfernt sind, dann sehnen wir uns nach der Natur. Und: Wir heizen nicht! Wenn es draußen kalt ist, ziehen wir einen Pullover an und wundern uns, dass die Europäer sich beschweren. Aber unsere Häuser sind schlecht isoliert.

Was bewegt die Neuseeländer derzeit am meisten?

Oh, die Rugby-Weltmeisterschaft im nächsten Jahr! Wir waren zwar auch begeistert von der Fußball-WM, aber viel wichtiger ist Rugby. Außerdem sind Umweltthemen und wirtschaftliche Schwierigkeiten wichtig. Ich glaube, als kleines Land hat uns die Krise nicht so schlimm getroffen, aber andererseits merkt man jetzt doch, dass es vielen Leuten nicht so gut geht. Bald wird es eine Erhöhung der Mehrwertsteuer geben. Das ist für viele ein Problem, denn hier gibt es auf alles eine Mehrwertsteuer.

Wo sind Wellington und Neuseeland am schönsten?

Die meisten Neuseeländer fühlen sich in der Natur wohl – im Sommer am Strand, im Winter in den Bergen. Und im Wald sowieso. Aber auch in der Stadt gibt es wunderschöne Ecken mit Wald und Vögeln. Ich persönlich bin auf der Südinsel aufgewachsen. Am Tekapo-See, in der Mitte der Südinsel, da fühle ich mich wohl. Wenn ich Urlaub machen will, dann gehe ich im Wald spazieren. Natur finden wir reichlich vor unserer eigenen Haustür. Aber jeder Neuseeländer muss reisen, das gehört praktisch zur Allgemeinbildung. Wir nennen das OE, overseas experience. Da zählt Australien gar nicht, das ist ja nur der Nachbar. Man muss nach Südamerika, Europa oder Asien – weit, weit weg.

Welches deutsche Buch kennt man in Neuseeland?

In diesem Jahr war Ilija Trojanow beim International Festival in Wellington, und Daniel Kehlmann sollte kommen. Viele Leute haben Ruhm oder Die Vermessung der Welt gelesen, weil er angekündigt war – und obwohl er nicht da war, wurde er von den Neuseeländern entdeckt. Die zeitgenössische Literatur ist bekannt, weil sie es ist, die präsentiert wird. Natürlich hat die gebildete Schicht von Goethe, Thomas Mann und Günter Grass gehört, und die Germanistik-Studenten sowieso, aber der normale Mensch wird eher etwas lesen, was aktuell ist.

Welches neuseeländische Buch sollten wir unbedingt kennen?

Die meisten reden natürlich immer noch von Katherine Mansfield. Vielleicht ist auch Lloyd Jones bekannt. Sein Roman Mister Pip spielt im Pazifik und ist sehr interessant. Und Janet Frame darf ich nicht vergessen. Sie kommt aus meinem Heimatort, Dunedin. Dies sind drei „Pakeha“, europäische Neuseeländer. Ich möchte aber auch die Literatur von Maori empfehlen: Patricia Grace dürfte in Deutschland recht bekannt sein, und Keri Hulme bekam den Booker-Preis für Unter dem Tagmond.

Welches kulturelle Highlight sollten Wellington-Besucher auf keinen Fall verpassen?

Wenn bei uns Winter und das Wetter furchtbar ist, geht man am besten ins Museum. Unser Nationalmuseum heißt Te Papa. Dort gibt es immer etwas Schönes zu sehen. Außerdem gibt es unser International Film Festival, da sind wir alle jeden Abend im Kino. Im Sommer haben wir das International Festival, ein Highlight mit Theater und Musik, das alle zwei Jahre stattfindet. Das Goethe-Institut liegt in der schönsten Straße von Wellington, in der Cuba Street – dort findet einmal im Jahr der Cuba Street Carnival statt, ein wunderschönes Straßenfestival.

Das Interview führte Sophie Rohrmeier

Copyright: Goethe-Institut
Das Goethe-Institut Wellington während des Cuba Street Carnival (Foto: Goethe-Institut)


Judith Geare (55) feiert 2010 ihr 25-jähriges Jubiläum am Goethe-Institut in Neuseeland. Als Sprachbeauftragte ist sie für die Sprachkurse in Wellington und Prüfungen neuseelandweit zuständig. Zudem betreut sie Kulturprojekte.

    Goethe aktuell:

    Über den RSS-Feed
    können Sie sich über Neuigkeiten aus der Welt des Goethe-Instituts auf dem Laufenden halten.

    Jahrbuch-App 2013

    Entdecken Sie die Arbeit des Goethe-Instituts weltweit und klicken Sie sich durch die Höhepunkte des Jahres 2013. Unsere Jahrbuch-App für iPads steht ab jetzt kostenlos zum Download im App Store bereit.

    Goethe-Institut.
    Reportagen Bilder Gespräche

    Das Magazin des Goethe-Instituts berichtet dreimal im Jahr über die Arbeit des Instituts.

    Twitter

    Aktuelles aus den Goethe-Instituten