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Mit Spraydosen gegen Bomben: „Wenn Beirut sprechen könnte“

David WeyandCopyright: David Weyand
Katzen würden Streetart machen: Wandaktives Künstlertier in den Straßen Beiruts (Foto: David Weyand)

10. November 2012

Gegen den Krieg im Jahre 2006 protestierten sie mit politischen Graffitis. Sechs Jahre später und mitfinanziert vom Goethe-Institut haben die Künstler nun White Wall gestaltet – eine Streetart-Ausstellung im Beirut Art Center. Und auf den Straßen der libanesischen Hauptstadt. Von David Weyand

Am Himmel kreisten israelische Kampfflugzeuge und warfen ihre Bomben, am Boden zogen Siska und seine Red Eye Kamikaze-Crew durch die leeren Straßen Beiruts und sprayten Parolen an die Wände: „Beirut ma betmout“ – „Beirut stirbt nie“ oder „Beirut in hakat“ – „Wenn Beirut sprechen könnte“. Das war im Juli 2006 als Israel den Libanon und die Hisbollah einen Monat lang bekriegte. „Wir wollten nicht einfach nur unsere Namen sprühen, wir wollten politische Botschaften transportieren“, erinnert sich Siska, Videokünstler und ehemaliges Mitglied der Hip-Hop-Gruppe Kita3 Beirut.

Und ihre Botschaft wurde verstanden. Überall in der Hauptstadt des Libanon tauchten fortan politische Graffiti auf. „Sie kopierten unsere Idee, gestalteten ihre Werke aber bunter und nutzten andere Techniken“, sagt Siska. Anfangs schämte er sich mitunter, weil die Ergebnisse auf ihn hässlich wirkten und er sich als Initiator verantwortlich fühlte. Doch dann realisierte er, dass sie eine neue Generation Graffiti-Künstler inspiriert hatten, die in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit erfuhren. Sie mischten westliche und arabische Stilformen, versuchten in ihren Bildern die Spaltung der libanesischen Gesellschaft zu überwinden und provozierten im Stadtbild – humorvoll und kritisch.

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Fotostrecke: Fühlt euch wie Besetzer!

„Ich wollte diese Entwicklung vorantreiben und libanesische mit internationalen Künstlern verbinden, um der lokalen Szene neue Visionen zu eröffnen“, sagt Siska, der heute mit seiner deutschen Frau und dem gemeinsamen Kind in Berlin lebt. Vor drei Jahren bot sich die Gelegenheit. Das Beirut Art Center fragte ihn, ob er eine Graffiti-Ausstellung kuratieren wolle. Gemeinsam mit einem Freund, dem Franzosen Charles Vallaud aka Prime, mit dem er 2006 die Anti-Kriegs-Parolen sprühte, und dem Berliner Autor und Graffiti-Künstler Don Karl aka Stone arbeitete Siska seitdem am Konzept und der Realisierung. Seine Frau, die Künstlerin Franziska Pierwoß, komplettierte das Team als Ausstellungsmanagerin.

Das Ergebnis ihrer Arbeit war die vergangenen zwei Monate unter dem Titel White Wall. Graffiti and Street Art in Beirut zu sehen. Südlich des Stadtteils Achrafieh, versteckt zwischen Großbaustellen und Schnellstraße, befindet sich das Beirut Art Center. 2009 eröffnet, bietet es lokalen und internationalen zeitgenössischen Künstlern und Kulturschaffenden Ausstellungsflächen. „Eigentlich wollten wir ja nur im öffentlichen Raum agieren, aber wenn du wirklich ein Budget und Aufmerksamkeit haben willst, musst du mit Galerien kooperieren“, sagt Siska. Für ihn sind Graffiti, Streetart und etablierte Ausstellungsorte kein Widerspruch. Ohne solch ein Forum würde man viele Menschen überhaupt nicht erreichen, ist er überzeugt: „In Beirut läuft kaum jemand, alle fahren Auto und rasen an den Bildern vorbei.“ Vor allem Ältere bräuchten solche Orte, um diese Kunstform überhaupt zu entdecken.

Schnitzeljagd in Beirut

Siska und seine Mitstreiter sahen es jedenfalls als Chance und Experimentierfeld. Dafür sollten die teilnehmenden Künstler die Räumlichkeiten des Beirut Art Center so nutzen, wie sie sie vorfanden. Keine Leinwände, keine zusätzlichen Trennwände – ihnen standen nur weiße Mauern und die Materialien zur Verfügung. „Wie Hausbesetzer, die ein unbekanntes Gebäude betreten und irgendwas an die Mauern malen, sollten sie diesen Kunstraum mit ihrem speziellen ästhetischen Blick erobern“, sagt Siska. Für ihn auch ein Weg, einer gesetzten Galerieatmosphäre entgegenzutreten.

Nach drei Jahren Vorbereitung reisten schließlich Mitte August, zwei Wochen vor Ausstellungsbeginn, 14 internationale Künstler an. Unter anderem Ammar Abo Bakr aus Ägypten, Inti aus Chile, Tanc und Zepha aus Frankreich, Mark Jenkins aus den USA und auch das Graffitimuseum Berlin beteiligte sich. Mit Unterstützung libanesischer Kollegen gestalteten sie im Beirut Art Center ihre persönlichen Werke. Drei Meter hohe Graffiti verzierten fortan das Kunstzentrum. Dazu Videoinstallationen, Skulpturen und ein großes Konstrukt aus Holz. Siska bezeichnet es als „Grafficatur“ – eine Mischung aus Graffiti und Architektur. Genau darum ging es ihm als einem der Kuratoren, er wollte die Vielfalt an Ausdrucksformen und Gestaltungsmöglichkeiten zeigen, die Graffiti und Streetart bieten. Die Gestaltung der Innenräume war für die Teilnehmer Pflicht, dann begann die Kür, und die Graffiti-Künstler konnten endlich das tun, was sie am liebsten machen: Sie durften an den Mauern Beiruts ihre Spuren hinterlassen. Diese Werke waren auch Bestandteil der Ausstellung. Mithilfe eines Stadtplans, auf dem die genauen Orte der Bilder verzeichnet waren, konnten sich Besucher der Kunstgalerie anschließend zu Fuß auf die Suche machen. Angesichts fehlender Straßenschilder und vieler, vieler Gässchen eine wahre Schnitzeljagd. Aber auch eine Möglichkeit Beiruts Innenstadtbezirke zu entdecken.

Während im Beirut Art Center neue Ausstellungen folgen, bleiben die Graffiti-Werke in den Straßen erhalten. Ein haushohes Wandbild des Chilenen Inti im Stadtteil Hamra, eine Skulptur des Amerikaners Mark Jenkins unter einer Sitzbank in Downtown oder die bunt bemalten Treppenstufen im Stadtteil Mar Mikhael – vielleicht inspirieren sie junge Libanesen, wie es einst die Werke von Siska und seiner Red Eye Kamikaze-Crew taten.
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