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Der Mauerfall und seine Folgen: Was aus den neuen Freiheiten wurde

Nico KnebelCopyright: Nico Knebel
Auftakt: Eine Sprachschülerin gestaltet den ersten Stein der „Mauerreise“ (Foto: Nico Knebel)

7. November 2009

Als vor 20 Jahren die eiserne Klammer des Kalten Krieges zerbrach, entdeckte die Welt sich neu. Auch das Goethe-Institut hat sich zum Jubiläum des Themas Mauern angenommen – aus internationaler Perspektive. Beim Fest der Freiheit findet jetzt die Mauerreise ihren Abschluss. Von Michael Jeismann

Allenthalben bedarf es auch heute noch gewaltiger Anstrengungen, um die Erfahrung des Neuen und Anderen nach dem Mauerfall in die politische Ordnung ebenso wie in den Alltag der Gesellschaften zu integrieren. So laufen alte und neue Konfliktlinien ineinander, es gibt gefährliche Erbschaften und riskante Neuanfänge.

Das Goethe-Institut war sich nach 1989 bald darüber im Klaren, wie wichtig es ist, diese Epochenschwelle als eine gemeinsame Erfahrung zu verstehen, unabhängig davon, wie sich die jeweilige nationale oder auch nur regionale Situation ausnahm. Die Stromschnelle hat jeden erfasst, die Biografien vieler Menschen wurden ins Ungewisse katapultiert. An welchem Ufer man landen würde, war kaum vorhersehbar – und mancher ist bis heute nicht angekommen.

Das globale Netz des Goethe-Instituts bietet beste Voraussetzungen, den Erfahrungen und Aussichten des Epochenbruchs international nachzugehen. An den Goethe-Instituten weltweit wird an den zwanzigsten Jahrestag des 9. November 1989 erinnert und gefragt, wie dieses Ereignis seither die kulturellen Beziehungen zwischen dem Gastland und Deutschland geprägt hat. Es ist ein gemeinsames Innehalten angesichts eines Ereignisses, das einzigartig in seiner Genese, seiner Gestimmtheit und seinen Folgen ist. Der symbolische Gehalt des Mauerfalls wirkt ebenso fort wie die Vielzahl der realen Umbrüche, die er ausgelöst hat. In dieser Qualität ist der Mauerfall ein Menschheitsereignis. Glücklich im Großen, aber für viele Menschen schwer durchzustehen im Alltag.

Illusion einer klaren Trennung

Der Aufbruch Europas wirkte auch global. Nicht allein, dass die internationale Politik nach dem West-Ost-Ordnungsschema eines neuen Koordinatensystems bedurfte, in dem sich Interessen und Konflikte neu modellierten (wie etwa in der Menschenrechtspolitik). Vielmehr entstand im weltweiten Maßstab die Situation, dass alte, teilende Mauern eingerissen und zugleich neue errichtet wurden. Im Jemen, jenem einst „Felix Arabia“ genannten Land, fiel 1990 parallel zu den deutschen Ereignissen die Grenze zwischen dem sozialistisch-modernen Süden und dem islamisch geprägten Norden mit seiner ausgeprägten traditionellen Stammeskultur. Die Vereinigung der beiden Landesteile ist bis heute nicht glücklich, zu andersartig sind die gesellschaftlichen Auffassungen.

Manche befürchten gar eine erneute Teilung oder wünschen sich die Grenze als Schutz vor dem jeweils Anderen zurück. Hier kommt die historische Ambivalenz von Grenzen und ihren Befestigungen unmittelbar in den Blick. Denn Mauern signalisieren je nach Sichtweise nicht allein Abschottung, Isolation oder Zwang, sondern auch Schutz. Sie sind die Stein gewordene Suggestion „klarer Verhältnisse“, die stehende Illusion, dass „Innen“ und „Außen“ klar voneinander zu trennen seien.

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Die lange währende chinesische Erfahrung der Isolation ist ein herausragendes Beispiel für eine beherrschte Stagnation, die Öffnung Chinas ein Musterfall dafür, welche Dynamik einsetzt, wenn die Begrenzungen gefallen sind. Mit dem Mauerfall und der sich weiter dynamisierenden Globalisierung ist die Verlockung der Mauer ebenso wieder präsent wie ihre Absurdität.

Das zeigt sich in der eminent europäischen Frage der Teilung Zyperns in einen türkisch besetzten und besiedelten Norden und einen griechischen Süden, das zeigt sich aber auch im schier aussichtslos erscheinenden Konflikt zwischen Israel und Palästina. Der israelische Sicherungswall, der nicht ohne Erfolg terroristische Übergriffe abwehrt, trennt zugleich Menschen voneinander, die zuvor zusammengelebt haben. Auch hier kommt die Ambivalenz der Grenzerfahrung zum Vorschein.

Für die Fortdauer des Kalten Krieges steht Korea, das nach dem Szenario des Eisernen Vorhangs in einen kommunistischen Norden mit dem Charakteristikum eines totalen Führerkults und einen demokratischen, marktwirtschaftlichen Süden geteilt ist. So sehr die Menschen sich nach dem Ende der Teilung sehnen, so offensichtlich sind die Ängste und Befürchtungen auf beiden Seiten, wie denn eine Wiedervereinigung politisch, kulturell und wirtschaftlich überhaupt zu bewältigen sei.

Mexiko liegt auch in Europa

In eine ganz andere Kategorie fällt die Grenze zwischen Mexiko und den USA, die Reich von Arm abschottet. Das Wohlstandsgefälle folgt seinen eigenen Gesetzen. Europa hat seine „mexikanischen“ Grenzen an der neuen Undurchlässigkeit zwischen der Ukraine und den mitteleuropäischen Staaten ebenso wie in Spanien, Italien und Portugal oder auf den Kanaren. Dort versuchen verzweifelte Afrikaner im Kampf um Lebenschancen Fuß zu fassen in Europa – mit ungewissem Ausgang.

Diesen globalen Erfahrungen geht das Projekt der Mauerreise nach, indem es simulierte, mit Leinwand überzogene Mauerelemente in viele dieser Regionen schickte. In Initiative der dortigen Goethe-Institute wurden namhafte Künstler für das Projekt gewonnen. Ebenso aber war dem Goethe-Institut daran gelegen, wie in Ramallah oder Mexiko-Stadt, junge Künstler wie Graffiti-Maler oder Architekturstudenten für das Projekt zu gewinnen.

Zum 9. November kommen die Steine der Mauerreise zurück nach Deutschland und sind Teil der weltweit im Fernsehen übertragenen Feierlichkeiten zum Fest der Freiheit. Im Anschluss werden die Steine in der ständigen Ausstellung im Haus der Geschichte in Bonn, im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig sowie in Berlin zu sehen sein – nicht zuletzt als Erinnerung daran, dass mit dem Fall der Mauer im geteilten Deutschland die Tragödie der geteilten Länder und zerrissenen Völker nicht beendet ist.
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