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Sprachunterricht im Wandel: Zigaretten für den Dativ

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Zu jeder Zeit die modernste Technik: Sprachunterricht im Labor (Foto: Goethe-Institut)

17. Dezember 2009

Nur daran hat sich im Lauf der Jahrzehnte nichts geändert: Die Unterrichtssprache am Goethe-Institut ist von Anfang an Deutsch. Lange vorbei sind dagegen die Zeiten des Standardlehrbuchs für alle. Und auch der Verbrauch des Duschwassers ist jedem einzelnen überlassen. Von Ursula Quass

Am Anfang war das vertraut klingende Wort. „Amerika“, „Europa“ – oft hören sich die Begriffe in der Muttersprache der Deutschaspiranten nicht viel anders an als auf Deutsch. Und schon ging es los: „Hier ist eine Karte, das ist eine Landkarte. Wo liegt China? China liegt in Asien“, ging es hurtig im Text voran. „So robbte man los“, erinnert sich Hans-Peter Apelt, rund 35 Jahre als Sprachlehrer in Europa, Asien, den USA, Australien und Lateinamerika tätig, an die stark an der deutschen Grammatik orientierten Unterrichtsanfänge.

1953 war es, als die ersten drei Fortbildungskurse für ausländische Deutschlehrer stattfanden. In der Bundesrepublik wurden die ersten Sprachkurse am 1. Mai 1953 eröffnet, in Bad Reichenhall, einem Grenzort auf dem Weg nach Salzburg. Noch Ende der Sechzigerjahre lagen die Institutsorte vor allem in landschaftlich ausgeprägten Städtchen und Dörfern. Auf dem Land, so die damalige Vorstellung, könne man ruhig und ungestört lernen.

Unterricht damals: Auf wen die Dirndln warten ...

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Auch der Kontakt zur Bevölkerung sei einfacher, war man überzeugt. Was nicht immer klappte: „Ich weiß noch, wie ein Kursteilnehmer einmal wissen wollte: 'Bitte, was ist eine Ohrfeige?' Und zurück kam zur Antwort: 'Na, eine Watschn.'“ Auch Etagen-WCs und die damals nur einmal pro Woche übliche Dusche sorgten bei den Schülern aus gutem Haus – andere hätten sich einen Aufenthalt in Deutschland gar nicht leisten können – bisweilen für Verwunderung.

Los ging es mit dem Acht-Wochen-Standardkurs: Unterricht, Unterkunft in Familien und Verpflegung inklusive. Allmählich wurden auch Vier-Wochen-Kurse angeboten, später auch Zwei-Wochen-Kurse mit speziellem Programm. „Die hießen damals bezeichnenderweise noch Sonderkurse.“

Unpassende Liebe

So wie sich die Goethe-Institute allmählich in die Städte verlagerten, löste sich auch das starre, bis in die Achtzigerjahre bestehende System sukzessive auf – Einheitslehrbuch inklusive. Bis Mitte der Sechziger wurde weitgehend nur mit einem gearbeitet: dem „guten alten Schulz-Griesbach“. Unvergessen für Generationen von Deutschlehrern und -lernenden ist der darin enthaltene Satz „Nein danke, Zigaretten schaden der Gesundheit“ – eine in Zeiten des Nichtraucherschutzes bemerkenswert aktuelle Aussage, mit der der vertrackte Dativ eingeübt werden sollte.

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Hans-Peter Apelt: Der 1940 geborene Deutschlehrer trat seine erste Stelle am Goethe-Institut 1966 an (Foto: Ursula Quass)
Sonst ging es aus heutiger Sicht eher altmodisch zu: Lehrer trugen Krawatten, Jeans waren bei Lehrerinnen verpönt. Grammatiktests mussten sie selbst entwickeln, standardisierte gab es noch nicht. „Schrieb man als Übungsbeispiel in einen Lückentext 'Ich liebe ...' konnte es schon einmal vorkommen, dass der Institutsleiter, dem das Ganze vorgelegt werden musste, fragte, ob so etwas wirklich passend für den Unterricht sei“, erzählt Apelt. Ganz anders nach 1968, da duzte man sich. „Das sind Zeitströmungen, die da reinspielen“, sinniert Apelt. „Das Goethe-Institut ist nichts anderes als eine Abbildung der Realität in der Bundesrepublik.“

Und so hielt auch die jeweils moderne Technik Einzug in die Unterrichtsräume. Sprachlabore und elektronische Klassenzimmer waren in den Sechzigern der letzte Schrei. „Bitte sprechen Sie die Sätze nach“, tönte es vom Band durch den Raum, „es ist Frühling“ wiederholten die Teilnehmer im Chor. Diese „grammatischen Drillübungen“ hatten aber auch ihre Vorteile, ist Apelt überzeugt: „Heute wird die Aussprache manchmal zu wenig geübt – das fehlt dann später.“ Und so haben die Ausspracheübungen vom Band bis heute ihre Berechtigung – wenn auch mehr in den im Zuge der Verlagerung der Institute in die Städte errichteten Selbstlernzentren.

Kommunikation über alles

In der Klasse selbst geht es heute vor allem um eines: miteinander kommunizieren. Statt Frontalunterricht gibt es Zweiergespräche, Gruppenarbeiten und Übungen in Eigeninitiative, im Internet kann der Stoff eingeübt und vertieft werden. Für jede Spezialgruppe gibt es das passende Material, zum Beispiel Lesekurse für Archäologen.

Die deutsche Sprache wurde schon früh auch als Mittel zur Integration gesehen, wie die seit Ende der Sechziger angebotenen Kurse Deutsch für ausländische Arbeitnehmer beweisen. Daraus haben sich letztendlich die 2005 eingeführten – wenn auch nicht vom Goethe-Institut angebotenen – bundesweiten Integrationskurse entwickelt. Für ausländische Studenten seit Mitte der Sechziger wichtig sind nach wie vor das Große und das Kleine Deutsche Sprachdiplom, mit denen es bei der Immatrikulation an einer deutschen Universität keine Probleme geben darf. Seit 2000 gibt es auch einen Test (TESTDAF), mit dem Teilnehmer mit etwas geringeren Sprachkenntnissen den Hochschulzugang erreichen können

Goethe-Institut heute: Begegnung mit dem Quietscheentchen

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Neben dem Trend zur Diversifizierung bei den Inhalten geht die Tendenz klar zur immer weiteren Standardisierung, die auch vor Ländergrenzen nicht halt macht: Seit Anfang der Neunziger entwickeln Deutschland, Österreich und die Schweiz gemeinsam pädagogisches Material für den Sprachunterricht, seit Ende der Neunziger werden gleiche Zertifikate vergeben (Zertifikat Deutsch auf dem Niveau B1).

Hier wie dort steht und fällt heute alles mit der Kommunikation: „Guten Tag, mein Name ist Apelt“, würde der 69-Jährige heute den Unterricht beginnen. Und nicht abstrakt mit „Europa“ wie zu Beginn der Kurse – europäische Idee und Zusammenarbeit hin oder her.

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