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„GoetheonMain“: Kunst, wo sich sonst keiner hintraut

Goethe-InstitutCopyright: Lerato Maduna
Veranstaltung in „GoetheonMain“: Schmerzlich, aber authentisch (Foto: Lerato Maduna)

28. Dezember 2009

Kriminalität, Armut, Anarchie: Für reiche Südafrikaner ist das Zentrum Johannesburgs längst ein No-Go-Area. Doch hinter den heruntergekommenen Fassaden hat sich eine pulsierende Kulturszene entwickelt. Mit GoetheonMain ist auch das Goethe-Institut „mittendrin“. Von Claudia Bröll

Es sind Bilder der Verzweiflung, der Sprachlosigkeit. Kabelo Mofokeng, Fotograf aus Soweto, lässt die Besucher von GoetheonMain in Johannesburg mit durch den Sucher seiner Kamera schauen. Der Blick fällt auf ein fassungslos dastehendes Mädchen in einem eilig zugeknöpften orangefarbenen Mantel. Eine Frau hat sich auf einem Sessel mitten auf der Straße fallen lassen, umgeben von hoch aufgetürmten Kissen, Heizkörpern, Koffern. Ein uniformierter Mann sieht aus wie ein Scharfschütze des Militärs – nur sind Schutzhelm und Kleidung rot. Wie zum Hohn stehen neben ihm ein Wäscheständer und ein Blumentopf mit einer roten Rose.

Wenige Minuten bevor die Fotos gemacht wurden, befand sich der Blumentopf noch in dem Apartmentgebäude Monis Mansion in Johannesburgs Innenstadt. Die Frau hatte sich vermutlich für den Tag zurechtgemacht, das Mädchen die Jacke für die Schule angezogen. Jetzt stehen sie auf der Straße, gewaltsam vertrieben aus ihrer bisherigen Unterkunft, ohne Plan, wie es weitergehen soll.

Copyright: Lerato Maduna Fotostrecke: Die fremd gewordene Seite der Stadt


„Durch den Sucher sehe ich mich selbst in den vielen Gesichtern, die nach Gerechtigkeit rufen“, kommentiert Mofokeng, „wem gehören diese Häuser? Wie vielen Menschen steht ein ähnliches Schicksal bevor? Hat irgendjemand daran gedacht, ihnen zu helfen? All diese Fragen hängen in der Luft, während ich in die Gesichter des Elends klicke.“

Der schwarze Südafrikaner hatte im März 2007 mit seinem Kollegen Moshe Sekete die erzwungene Räumung von Monis Mansion fotografiert. Die Foto-Ausstellung war eines der ersten Projekte des vom Johannesburger Goethe-Institut in diesem Jahr eröffneten Projektraums GoetheonMain. Auf 273 Quadratmetern sollen Künstler ihre Sicht des Alltags in Johannesburg darstellen und einen kulturellen Dialog über die Transformation der Stadt anstacheln.

Künstlerischer „Fair Trade“

„Wir wollen Künstlern die nötigen Produktionsmittel in die Hand geben, um sich in einem Land mit sehr geringer Künstlerförderung ausdrücken zu können. In der Entwicklungspolitik würde man von ‚Fair Trade‘ sprechen. Wir wollen nicht dirigistisch eingreifen, sondern so große Freiheiten lassen wie möglich“, erklärt Peter Anders, Leiter des Kulturprogramms des Goethe-Instituts im südlichen Afrika.

Die Foto-Ausstellung zeigt eines der drängendsten Probleme in Johannesburg: die große Zahl einstiger Bürogebäude und Wohnblöcke, die von ihren früheren Bewohnern verlassen wurden und jetzt dem Verfall und der Verwahrlosung ausgesetzt sind. Oft haben kriminelle Banden das Sagen. Sie vermieten einzelne Quadratmeter an die vielen in Johannesburg gestrandeten Menschen, vor allem an Flüchtlinge aus anderen afrikanischen Ländern. Regelmäßig kommt es daher zu Räumungseinsätzen wie dem in Monis Mansion. „Red Ants“ („Rote Ameisen“) nennen sich die rot uniformierten Angestellten einer privaten Sicherheitsfirma, die damit beauftragt werden. Jedes Kind im Zentrum kennt mittlerweile ihren Namen und fürchtet ihn.


Projektraum in New York: Szenekunst neben der Garküche

Johannesburg ist ein Paradebeispiel für den rasanten Wandel, den Großstädte heute erfahren. Aus der einst pulsierenden Wirtschafts- und Kulturmetropole Afrikas, die aus dem Gold- und Diamantenrausch im 19. Jahrhundert hervorgegangen ist, ist innerhalb von nur einer Dekade eine Stadt geworden, in die sich weiße Südafrikaner und Touristen nicht mehr hineintrauen. Im Zentrum herrschen Armut, Übervölkerung und großenteils anarchische Zustände. Wegen der hohen Kriminalität wird Johannesburg oft als die gefährlichste Stadt außerhalb von Kriegsgebieten bezeichnet.

„Keine exklusive Insel“

Der Niedergang ist Ursache und Folge einer Massenabwanderung in den vergangenen Jahren. Unternehmen, Banken, die Börse, Konsulate und Kleinbetriebe verließen die Stadt und zogen in die Vororte, vor allem in das reiche Sandton. 15 Jahre nach dem Ende der Apartheidspolitik leben die Bevölkerungsgruppen in Johannesburg wieder voneinander getrennt, wenn auch diesmal weniger die Hautfarbe, als das Einkommen bestimmend ist: die armen Schwarzen im Central Business District (CBD), wie die Innenstadt heute noch heißt, die Weißen und die zu Geld gekommenen Schwarzen in den Vororten.

Mit dem Projektraum GoetheonMain will das Goethe-Institut einen Beitrag leisten, diese Trennung zu überwinden. „Wir wollen dort sein, wo Veränderung und wo Kultur stattfindet. Der kulturelle Dialog darf nicht nur auf die Vororte beschränkt bleiben, wo nur ein kleiner Prozentsatz der Bevölkerung lebt. Wir wollen keine exklusive Insel sein. Wir wollen die Menschen im Johannesburger Zentrum ernst nehmen und zu ihnen kommen, statt zu erwarten, dass sie zu uns kommen“, erklärt Anders. Die Deutschen hätten zu den ersten gehört, welche die Innenstadt verließen. „Wir sehen auch eine soziale Verantwortung darin, uns dort zu engagieren.“

GoetheonMain ist daher mitten im CBD, in der Main Street, in einem verlassenen Fabrikgebäude untergebracht. Dort entsteht gerade ein kleines Kunst- und Kulturzentrum mit Galerien, Ateliers, einem Buchladen und einem Cafe. Schnell gerät in Vergessenheit, dass man sich in Johannesburg oder überhaupt in Afrika befindet.

Der enge Bezug zum Alltagsleben in der Metropole ist den Veranstaltern jedoch sehr wichtig. Ein Projekt von GoetheonMain widmete sich beispielsweise den „Trolley-Pushern“, den Männern, die tagtäglich für wenige Cent Gepäck an den Taxiständen von einem Sammeltaxi ins nächste tragen. In einer anderen Veranstaltung traten die Bewohner der nahe gelegenen Männerherberge Mai Mai mit traditionellen Musik- und Tanzdarbietungen auf die Bühne, die immer noch regelmäßig in den „Hostels“ geübt werden.

Realität hautnah

Eine weitere Ausstellung widmete sich dem Thema „Domestic Violence“, der in Südafrika weit verbreiteten Gewalt gegen Frauen im eigenen Heim. Über die von den Künstlern eingereichten Vorschläge entscheidet eine unabhängige Jury, der unter anderem der prominente Theaterregisseur Paul Grootboom und die Sängerin Sibongile Khumalo angehören.

Durch die Linse der Fotografen, die Verse der Dichter oder die Männergesänge erlebt die kulturinteressierte Johannesburger Klientel damit eine Seite ihrer Stadt, die ihr fremd geworden ist. Unweit der weiß getünchten Halle ist die Realität hautnah zu besichtigen. Monis Mansion beispielsweise sieht heute, zwei Jahre später, genauso verkommen aus wie auf den Momentaufnahmen von Mofokeng. Der unvollständige Namenszug an der Fassade deutet zwar noch auf ein Wohnhaus hin, die Haustür jedoch ist mit mehreren dicken Ketten gesichert und mit Holzpaletten verrammelt.

Copyright: Mofokeng/Sekete Fotostrecke: Chronologie einer Räumung


Wie wenn es inszeniert worden wäre, sitzt das Mädchen, das damals den orangefarbenen Mantel getragen hat, davor. Sie verkauft Bonbons, Kekse und einzelne Zigaretten. Nach der Räumungsaktion habe sie mit ihrer Mutter im südlichen Vorort Mayfair eine Bleibe gefunden, erzählt die 15 Jahre alte Schülerin. Ihre Schwester wohne bei einem Onkel. Die Mutter komme immer noch jeden Tag zum „Mansion“, um ihre Waren anzubieten.

Sie selbst erinnere sich an den Tag, an dem die „Red Ants“ kamen, noch haargenau. „Das hier war mein Zuhause, hier bin ich geboren. Und plötzlich warfen sie uns raus, einfach so, um 6.30 Uhr morgens.“ Auf die Frage, ob sie gerne wieder dort wohnen würde, zuckt sie nur die Schultern. Die Bewohner der Johannesburger Innenstadt haben gelernt, sich mit Veränderungen abzufinden. Das tägliche Überleben ist das, was zählt.
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