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Journalistenaustausch: „Die Deutschen haben auch eine menschliche Seite“

Lena JukneviciusCopyright: Lena Juknevicius
Die Hauptstadt im Blick: Die Journalisten Mutinda, Alhassan und Bauer (Foto: Lena Juknevicius)

31. März 2010

Wie arbeiten Journalisten in Deutschland, Israel, Ghana? Was dürfen sie schreiben? Was interessiert ihre Leser? Das Goethe-Institut hat acht Redakteure aus aller Welt zeitweise an einen anderen Ort versetzt. Drei davon – den Kenianer Munyao Mutinda, den Ghanaer Zakaria Alhassan und den Deutschen Knut Bauer, haben wir hinterher befragt. Ein Gespräch über Unterschiede und Gemeinsames.

Herr Mutinda, wenn Sie heimkommen nach Nairobi: Was werden Sie Ihren Kindern als erstes von Deutschland erzählen?

Mutinda: Deutschland ist kalt. Das ist das erste, was ich ihnen sagen werde. In Frankfurt habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Schnee gesehen. Aber dann gibt es noch eine zweite Sache, die mich sehr beeindruckt hat: das Transportsystem. Dinge sind hier in Bewegung. Nicht nur im wörtlichen Sinn. Nicht nur auf der Straße oder Schiene. Deutschland ist ein Land, wo es funktionierende Systeme und Strukturen gibt.

Bauer: Standen Sie nie im Stau, mussten Sie nie auf einem kalten Bahnsteig auf den Zug warten, der nicht pünktlich war?

Mutinda: Wo ich herkomme, gibt es genau einen Zug. Und manchmal muss man 27 Stunden auf ihn warten. Das ist schon ein Unterschied. Hier hat alles eine Struktur. Sogar die Menschen sind sehr strukturiert.

Bevor Sie nach Deutschland gekommen sind: Was war für Sie typisch deutsch?

Zakaria: Ich war nicht sehr überrascht. Ich habe mir das Land so vorgestellt. Das Wetter ist sehr kalt, aber die Menschen sind warm.

Mutinda: Die Deutschen sind zwar ernst und arbeiten viel, aber sie haben auch eine menschliche Seite. Ich habe sie als sehr menschlich erlebt. Vieles sind einfach Stereotype. Ich selbst wusste nicht so viel über Deutschland. Ich dachte, dass Deutschland reich ist. Was natürlich stimmt, aber in Afrika denken wir, jeder einzelne Weiße ist schon reich – gewissermaßen per Definition. Aber hier habe ich festgestellt, dass in Deutschland vielleicht keiner Hunger leidet, aber deshalb noch lange nicht alle reich sind.

Herr Bauer, was waren Ihre Erwartungen, bevor Sie nach Israel gereist sind?

Bauer: Als erstes erwartet man natürlich mal ein Land mit einem hohen Risiko wegen des Nahostkonflikts. Und diese Erwartung wird gleich am Flughafen Ben Gurion bestätigt. Da musste ich durch den Sicherheitscheck und wusste: Jetzt bin ich in Israel. Aber Israel ist ein Land voller Widersprüche. Einmal bin ich zu einem Fußballmatch gegangen. Da waren 18.000 Menschen im Stadion und – soweit ich gesehen habe – drei oder vier Polizisten. Der Kollege vom israelischen Rundfunk sagte zu mir: „Wir hoffen, das nichts passiert. Das ist ein Teil unseres Lebens.“ Diese Widersprüche durchziehen den gesamten Alltag in Israel.

Warum wollten Sie bei dem Projekt „Nahaufnahme“ mitmachen?

Zakaria: Ich habe darin eine gute Gelegenheit gesehen, etwas zu lernen. Und meine Hoffnung war, dass ich berichten kann, was wir von Deutschland lernen können.

Was zum Beispiel?

Zakaria: Zum Beispiel gibt es hier fast an jeder Ecke Mülleimer, das haben wir nicht, bei uns werfen die Menschen ihren Abfall einfach auf die Straße. Und öffentliche Toiletten! Bei uns geht man einfach hinter den nächsten Busch. Der Bürgermeister von Tamale hat mich bereits zu einem Gespräch eingeladen. Wenn ich wieder daheim bin, werde ich ihm berichten – und vielleicht können wir die eine oder andere Idee übernehmen.

Mutinda: Ich habe mich besonders dafür interessiert zu sehen, wie Journalisten anderswo arbeiten. Bei uns in Nairobi im Newsroom herrscht zum Beispiel Chaos. Und ich habe mich gefragt, wie das wohl in Deutschland ist.

Und?

Mutinda: Hier ist genau dasselbe Chaos.

Zakaria: Newsroom ist Newsroom.

Mutinda: Und ich wollte wissen, wie die Journalisten hier an Geschichten herangehen, wie sie ihre Seiten gestalten. Ich dachte mir, vielleicht könnte ich was lernen, was ich daheim in der Arbeit anwenden kann. Leider verstehe ich kein Deutsch, deshalb konnte ich die Artikel nicht lesen, die die Kollegen bei der Frankfurter Rundschau geschrieben haben, aber in Sachen Layout nehme ich einige nützliche Beobachtungen mit.

Bauer: Ich wollte sehen, wie Rundfunk in einem völlig anderen Land funktioniert. Und dann habe ich mir erhofft, den Konflikt zu verstehen, über den wir hier so viel hören.

Zu welcher Erkenntnis sind Sie gelangt?

Bauer: Ich habe festgestellt, dass niemand auf beiden Seiten diesen Konflikt haben will. Aber genauso wenig ist jemand bereit, sich einen Zentimeter zu bewegen. Ich denke, auch 60 Jahre nach der Gründung Israels ist noch lange kein Ende der Krise in Sicht. Der Krieg dauert schon viel zu lange, und trotzdem sind weder Israelis noch Palästinenser bereit für den Frieden.

Sie sind also nicht wirklich zum Optimisten geworden.

Bauer: Nein.

In gefühlten 99 Prozent der deutschen Medienberichte aus Israel geht es um den Nahostkonflikt. Welchen Themen sind Sie während Ihrer Zeit in Israel nachgegangen?

Bauer: Ich habe vor allem Geschichten über den israelischen Alltag gemacht. Aber man begegnet dem Konflikt überall. Ich habe zum Beispiel einen Bericht am Toten Meer recherchiert. Darin sollte es um verschiedene Heilverfahren gehen. Es gibt dort sogar ein deutsches medizinisches Zentrum. Eine Schwester dieser Klinik hat mir dann ein paar Kinder aus dem Westjordanland gezeigt, die an Mukoviszidose litten, und mir erzählt, dass sie einen anderthalb Jahre langen Papierkrieg habe führen müssen, um schließlich die Erlaubnis zu bekommen, diese Kinder hierherzubringen.

Ist Journalismus überall Journalismus oder gibt es da doch deutliche Unterschiede?

Mutinda: Es ist überall dasselbe und doch verschieden. Die Grundsätze sind dieselben, aber die Anwendung unterschiedlich.

Bauer: Die Themen sind dieselben, aber es hängt auch von der Regierung und der öffentlichen Meinung ab, wie man mit den Themen umgeht. Für mich ist es zum Beispiel eine Selbstverständlichkeit, dass man nicht eine Geschichte über die Zustände im Westjordanland machen kann, ohne beide Seiten anzuhören. Aber ich bin nicht so sicher, ob die israelischen Kollegen das genauso sehen. Gar nicht mal, weil es politischen Druck gäbe, sondern weil die Kollegen es schlichtweg nicht für notwendig halten.

Gibt es politischen Einfluss auf die Presse in Kenia und Ghana?

Zakaria: Definitiv. In Ghana vor allem dann, wenn man bei einem staatlichen Medium arbeitet. Meine Zeitung beispielsweise gehört zum Teil dem Staat. Und bei uns gibt es ständig Anrufe aus dem Rathaus, man möge doch diese oder jene Geschichte pushen und auf die Titelseite heben. Richtige Pressefreiheit gibt es nur für private Zeitungen oder Sender.

Mutinda: In Kenia haben wir auch Pressefreiheit, aber es gibt immer wieder Herausforderungen. Vor kurzem beispielsweise hat die Regierung ein Gesetz erlassen, das die Pressefreiheit in Teilen einschränken soll. Dagegen kämpfen wir gerade. Oder die Informationsfreiheit: Oft berufen sich die Regierenden auf angebliche Staatsgeheimnisse und enthalten uns Informationen vor. Im Moment ist die Presse relativ frei, aber wir haben auch eine harte Zeit durchgemacht. Vor ein paar Jahren waren Razzien in Redaktionen noch an der Tagesordnung.

Jetzt gibt es keinen ungebetenen Besuch mehr?

Mutinda: Doch, aber das nimmt dann eher komische Züge an. Vor einiger Zeit hatten wir einen kritischen Bericht über die Frau des Präsidenten. Da tauchte die First Lady persönlich mit ihren Leibwächtern in unserer Redaktion auf. Sie setzte uns dort für mehrere Stunden fest und hielt uns einen Vortrag über Respekt. Einem Kollegen hat sie sogar eine Ohrfeige verpasst. Zu unserem Medienhaus gehört allerdings auch ein Fernsehsender, und wir haben es geschafft, einen Kameramann reinzuschmuggeln. So fand sich die Präsidentengattin plötzlich live in den TV-Nachrichten wieder. Ihrem Image hat es bestimmt nicht genutzt.

Bauer: Andere Länder, andere Sitten. Welche Themen deckt ihr eigentlich in euren Zeitungen ab? Nachrichten aus der ganzen Welt oder nur afrikanische Themen?

Mutinda: Nachrichten aus aller Welt, aber afrikanische Themen sind wichtiger als Nachrichten aus anderen Kontinenten, und kenianische Themen sind noch mal wichtiger. Nur Obama ist eine Ausnahme. Der interessiert immer. Aber er hat ja auch einen kenianischen Vater.

Bauer: In Israel ist das noch viel krasser. Auf Seite 1 bis 7 einer normalen Tageszeitung findet man ausschließlich israelische Themen. Dann kommt eine Seite Sport, dann die Kleinanzeigen und ganz hinten findet man vielleicht auch mal etwas aus dem Ausland. Nur Themen aus Amerika schaffen es auch mal in den vorderen Teil des Blattes. Ich gebe euch ein Beispiel: Während meiner Zeit in Israel hat Guido Westerwelle seinen ersten Besuch als Außenminister in Israel gemacht. In Deutschland war das die Topmeldung. In Israel habe ich am nächsten Tag fünf verschiedene Zeitungen gescannt. Eine einzige hatte das Thema – auf Seite acht unten. Das sagt doch alles.

Zakaria: Wenn Ihr Außenminister nach Ghana gekommen wäre, wäre er auf der Titelseite gewesen – mit Bild.

Mutinda: Um ehrlich zu sein: In Kenia hätte er es noch nicht mal auf Seite acht geschafft.

Herr Zakaria, Herr Mutinda, Sie kamen beide zu Lokalzeitungen in Deutschland ...

Mutinda: Ja, ich fand das sehr interessant. Ich wünschte, ich könnte so etwas bei uns auch etablieren. Die Frankfurter Rundschau hat einen Lokalteil, in dem es nur um Frankfurt geht. Und das interessiert die Menschen dort wirklich und bindet sie ans Blatt. Ich habe das etwa an den positiven Reaktionen gesehen, als ich über den Frankfurter Weihnachtsmarkt geschrieben habe. In Kenia wären solche Geschichten nicht möglich. Da muss alles, was es ins Blatt schaffen soll, eine nationale Relevanz haben. Als der älteste Schimpanse im Frankfurter Zoo gestorben ist, war das eine riesige Nachricht. Die Leute haben sich sehr dafür interessiert. Bei uns gäbe es keinen Platz für so etwas.

Werden Sie wieder nach Deutschland kommen, nach Israel reisen?

Bauer: Wenn ich wieder die Gelegenheit bekommen sollte, jederzeit.

Zakaria: Ich würde gern wieder nach Deutschland kommen

Mutinda: Ich auch – aber im Sommer.

-db-
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