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Chile nach dem Beben: „Ich dachte, ich höre in die Hölle hinein“

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Das Museo Arte Contemporáneo (MAC) in der Nachbarschaft des Goethe-Instituts: Viele kulturelle Einrichtungen sind stark beschädigt (Foto: Goethe-Institut)

10. April 2010

An das Zittern des Bodens hatte sich Reinhard Maiworm längst gewöhnt. Doch am 27. Februar blieb es nicht dabei. Das Erdbeben tötete an diesem Tag in Chile Hunderte Menschen, Tausende verloren ihr Obdach. Auch das Goethe-Institut ist betroffen. Im Interview berichtet der Institutsleiter von der Katastrophe.

Wie geht es Ihnen?

Maiworm: Eigentlich geht es mir gut. Doch, wenn so etwas passiert ist, hat sich auch nach fünf Wochen das Gefühl von Sicherheit noch nicht eingestellt. Aber man lernt, damit umzugehen. Die kleineren Zitterer kenne ich schon, seit ich hier bin. Die nimmt man hin, weil man weiß, dass das Zittern eigentlich gut ist. Denn, wenn es zittert, nimmt das die Spannung aus den tektonischen Platten. Diese kleineren Erdstöße nennen die Menschen hier Temblor. Ein richtiges Erdbeben beginnt erst ab Stärke 6.

Dieses Mal hatte es die Stärke 8,8 und war damit offiziell das fünftstärkste Beben, das je gemessen wurde.

Zuerst dachte ich, das sei wieder nur ein Temblor. Doch nach 15 Sekunden hörte es immer noch nicht auf. Und es wurde immer stärker. Irgendwann war das Zittern vorbei, dann fing auf einmal alles an zu grollen. Ich hatte das Gefühl, ich höre in die Hölle hinein. Das ist ein unbeschreibliches, tiefes, archaisches Geräusch. In der Küche fiel Geschirr herunter, Bücher fielen aus den Regalen, ein großes Regal kippte um. Das Bett bewegte sich, als ob ich wie beim Rodeo auf einem Stier sitze. Ich bin aufgestanden und rausgegangen, ganz ohne Panik. Ich machte alles automatisch. Ich lief vors Haus. Der Boden bewegte sich hin und her als ob man auf einem Skateboard steht. Da wurde es langsam ruhiger. Das Beben dauerte nur zwei Minuten, doch es kam mir vor wie eine Ewigkeit. Eine Stunde später ging dann das nächste Beben los.


Copyright: Goethe-Institut Fotostrecke: Santiago, die zerstörte Stadt


Deutschland erreichten in den letzten Wochen viele unterschiedliche Zahlen aus Chile. Zuletzt erhielten wir die Information, dass 800.000 Menschen durch das Beben ihr Zuhause verloren haben.

Wenn Sie Zahlen haben wollen, da kann ich Ihnen viele nennen: Im Moment sind es offiziell 342 Tote und 97 Vermisste. 2750 Schulen wurden zerstört, 29 Milliarden Dollar Schaden hat das Beben angerichtet, 55.000 Wohnungen und Häuser sind zerstört. 446 Gefangene sind aus Gefängnissen ausgebrochen. 176 davon wurden wieder eingefangen. Ich gehe davon aus, dass diese Zahlen stimmen. Kurz nach dem Erdbeben fiel mir der Text Das Erdbeben in Chili, von Heinrich von Kleist aus dem Jahre 1810 in die Hände. Dieser Text hat eine so unglaubliche Stärke und Aktualität. Vieles, was dort geschehen ist, passierte auch am 27. Februar hier. Der Moment zum Beispiel nach dem Beben auf der Straße: Leute, die sich gar nicht kennen, redeten auf einmal miteinander. Alle hatten plötzlich das Bedürfnis, miteinander zu sprechen. Es gab eine ungewohnte Offenheit und alle freuten sich, dass nichts weiter passiert war und redeten, um sich ihrer eigenen Existenz zu vergewissern. Es war ein unglaublicher Moment.

Wie geht es den Menschen in Chile heute?

Man versucht, wieder zur Tagesordnung überzugehen. Es gibt eine sehr große Solidarität mit den Menschen in den betroffenen Gebieten. Die Menschen sammeln für sie und wollen sie unterstützen. Die Katastrophe hat allerdings zwei Seiten: Das Beben hat nicht nur Häuser, sondern es hat auch eine soziale Kruste zerstört. Diese Kruste, die den Unterschied zwischen Arm und Reich nicht so eklatant erscheinen ließ, wurde aufgebrochen. So erklären sich die Plünderungen, die im Süden des Landes plötzlich losgingen. Dort entstand unerwartet ein gesetzloser Raum. Es wurden nicht nur Lebensmittel geplündert, da wurden auch Flachbildschirme aus den Läden getragen. Später hielten die Menschen Autos an, zerrten die Fahrer heraus und brausten davon. Wohnungen und Häuser wurden geplündert. Das war eine Form völliger Entfesslung und plötzlicher Teilhabe an einem Reichtum, von dem die Menschen bisher nur träumten. Die Regierung reagierte mit der Entsendung von 12.000 Soldaten.

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Reinhard Maiworm: „Das Beben hat nicht nur Häuser, sondern auch eine soziale Kruste zerstört"
(Foto: Goethe-Institut)
Das chilenische Generalkonsulat in Hamburg hat die Deutschen um Unterstützung gebeten. Besonders Medikamente wie Insulin, Antibiotika und Verbandsmaterial würden dringend benötigt. An was mangelt es den Menschen in Chile noch?

Vielen Menschen fehlt einfach die Unterbringung. Viele der Unterkünfte sind irreparabel beschädigt und zwar nicht durch das Beben, sondern durch den Tsunami, den das Beben auslöste. Das Tragische: Die Tsunamiwarnung wurde nicht ausgesprochen, das Frühwarnsystem versagte, es gab Kommunikationsprobleme auf Seiten des Militärs. Die Welle war über 30 Meter hoch und kostete viele Menschen das Leben. Hier geht jetzt der Herbst los, es regnet häufiger und da bedarf es dringend der Unterbringung. Dafür gibt es zwei Konzepte: Der chilenische Staat reagiert mit sogenannten mediaaguas, das sind Holzbaracken mit einem Schrägdach – wie sie in Slums stehen. Hier gibt es einige Architekten, die nicht zu Unrecht davor warnen, sie fürchten, man baue damit die Slums von morgen. Denn diese Hütten werden nicht mehr abgerissen, sie bleiben. Das andere Modell sieht große, stabile Zelte vor. Diese Zelte haben nur einen temporären Charakter und der ist wichtig, um wieder ordentliche Häuser zu bauen.

Wobei sich die Summe von 1,9 Milliarden Euro, die die chilenische Regierung in den Wiederaufbau der zerstörten Gebiete investieren will, bei der hohen Schadenssumme recht gering anhört.

Das stimmt. Chile ist ein unglaublich reiches Land, und da könnte man erwarten, dass der Staat mehr investiert. Schließlich gibt es hier keinen Versorgungsnotstand wie in Haiti. Doch mittlerweile spricht man schon über Steuererhöhungen. Dabei sind schon die Preise seit dem Beben enorm gestiegen.

Warum?

An einigen Orten sind bis zu 90 Prozent der industriellen Fischfangflotte zerstört worden. In der Landwirtschaft lassen sich die Ernten nicht abtransportieren. Die Traubenernte zum Beispiel war hier voll in Gang, aber man konnte die Früchte nicht exportieren. Das Tafelobst geht normalerweise in die USA und nach Europa. Die schlechte Transportsituation führt jetzt dazu, dass die Produkte hier verrotten.

Mittlerweile berichten die Medien nur noch selten über Chile. Wie haben Sie die mediale Berichterstattung nach dem Beben erlebt?

Unmittelbar nach dem ersten Beben konnte ich die Berichte überhaupt nicht verfolgen. Ich war total von der Außenwelt abgeschnitten. Ich hatte kein Wasser, keinen Strom, kein Telefon, kein Internet. Doch den CNN-Berichterstattungs-Tsunami habe ich noch mitbekommen. Schließlich haben wir einen Weltrekord aufgestellt mit der Stärke von 8,8. Die Berichterstattung ist in keiner Weise nachhaltig. Sie hat vielleicht im ersten Moment Konsequenzen. Wir sehen das an Haiti. Die Situation dort ist inzwischen vielerorts ausgeblendet. Niemand berichtet mehr darüber. Die Berichterstattung folgt dem Prinzip der Olympischen Spiele: Höher, schneller, weiter. Alles andere ist in den Medien nichts wert.

Das Gebäude, in dem sich das Goethe-Institut befindet, wurde auch beschädigt.

Eine Woche mussten wir das Institut schließen, dann kamen die Statiker und haben uns erlaubt, einen Teil des Gebäudes vorübergehend wieder zu benutzen. Es ist ein vierstöckiges Haus; im obersten Stock, wo die Klassenzimmer waren, haben wir nun aber die "Cabrio-Variante". Außerdem gibt es erhebliche Risse, eine Außenwand droht einzustürzen.

Können Sie sich denn jetzt ganz auf die Sanierung konzentrieren oder besteht noch immer Gefahr durch Nachbeben?

Das geht ständig weiter. Wir hatten bis jetzt über 260 Nachbeben um die Stärke 4,5 und höher. Das ist wie beim Eiskunstlauf: 5,9, 5,6, 6,1 ... Die tektonischen Platten sind noch sehr stark miteinander verkantet. Es kann also sein, dass dieses Ding bald wieder in die Horizontale zurückspringt – dann kann es wieder kräftig krachen. Wir leben auf einem Pulverfass.

Die Hälfte aller Kirchen wurde beschädigt oder zerstört. Wie sieht es mit anderen kulturellen Einrichtungen aus?

Zum Teil sehr schlecht. Viele Institutionen haben geschlossen. Das Museo Arte Contemporaneo (MAC), ganz in der Nähe des Goethe-Instituts, wurde vor fünf Jahren wieder eröffnet, nachdem es beim Erdbeben 1985 stark zerstört worden war. Nun ist es aufgrund der schweren Schäden erneut geschlossen. Große Theater wie das Teatro Municipal im Zentrum sind ebenso betroffen und mussten schließen. Einen Wiederaufbau wird es so schnell nicht geben. Im Moment wird aufgeräumt und man schaut, wo man überhaupt weitermachen kann. Wir mussten eine Reihe von Veranstaltungen absagen. Derzeit haben wir andere Prioritäten. Denn eines habe ich hier in Chile gelernt: Nach dem Beben ist vor dem Beben.

Die Fragen stellte Angelika Luderschmidt
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