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Cineastik in Mumbai: Außer Atem in Kalbadevi

Amrit GangarCopyright: Amrit Gangar
Das Edward Theatre: Ein Stück Bollywood, ein Stück Deutschland (Foto: Amrit Gangar)

11. August 2010

Das Edward Theatre ist ein ganz besonderes Kino: Es ist über hundert Jahre alt und eines der letzten unabhängigen Filmtheater Mumbais. Und es wurde jahrzehntelang von einer Deutschen geführt. Jetzt kehrt Europa zurück ins Edward. Von Pronoti Datta

Diejenigen, die das kulturelle Geschehen von Mumbai verfolgen, werden überrascht feststellen, dass im Edward Theatre jeden Donnerstag ausländische Filme zu sehen sind. Das ist genauso unvereinbar wie, sagen wir, Filet mignon auf der Speisekarte des Shiv Sagar Restaurants zu finden oder ins Razzberryy Rhinoceros zu gehen, um sich Musik von Bach anzuhören. Denn das Edward, eingezwängt zwischen Udipi-Restaurants und Läden für Schulbücher auf der Kalbadevi Road, ist ein Kino für Leute der unteren Schichten, auf dessen Spielplan alte Hindi-Filme stehen. Die Poster am Kassenhäuschen werben derzeit für Filme wie Kashmir Ki Kali, Zaalim und Daud. Vor zwei Wochen aber wurde im Edward der deutsche Film Good bye, Lenin! des Regisseurs Wolfgang Becker gezeigt und letzten Donnerstag war Jean-Luc Godards Klassiker Außer Atem zu sehen.

Diese öffentlichen Filmvorführungen sind Teil eines Zertifikatkurses mit dem Namen City Narratives in Literature and Cinema, einem gemeinsamen Projekt von Majlis, einer auf mehreren Ebenen tätigen Organisation zur Förderung der Künste, die auch gesellschaftlich benachteiligten Frauen Rechtshilfe leistet, der SNDT Women’s University und dem Goethe-Institut (Max Mueller Bhavan).

Weshalb die Wahl ausgerechnet auf das Edward fiel, hat mehrere Gründe. Für Marla Stukenberg, Direktorin des Max Mueller Bhavan Mumbai, ist mit diesem Filmtheater eine ihrer ersten Erinnerungen an diese Stadt verknüpft. Kurz nach ihrer Ankunft 2008 in Mumbai sah sie im Edward einen Dokumentarfilm über Gertrud Bharucha (geb. Binz), eine deutsche Frau, die mit Bejan Bharucha verheiratet war, dessen Familie dieses Kino seit den Dreißigerjahren betreibt. Die Bharuchas hatten diese Einrichtung von ihren Eigentümern gepachtet, die nach der Teilung des Subkontinentes nach Pakistan gegangen waren. Gertrud Bharucha, die im September 2005 starb, soll es zu verdanken sein, dass dieses Kino in seinem ursprünglichen Zustand erhalten blieb und weiter den Bewohnern dieses Arbeiterviertels zur Verfügung steht. Bis zum heutigen Tag kostet das teuerste Ticket hier nur 28 Rupien (46 Cent).

„Mir fiel insbesondere die morbide Schönheit dieses Kinos auf“, berichtet Stukenberg. „Ich erfuhr, dass es eines der wenigen noch unabhängigen Kinos der Stadt war. Und als diese Initiative gestartet wurde, dachte ich sofort an das Edward und beschloss, für die Filmvorführungen einen alternativen Ort zu wählen. Es ist zwar kein alternativer Ort im eigentlichen Sinn, aber wenn wir dort ausländische Filme vorführen, ist das schon etwas Neues. Gertrud schien sich auch für dieses Kino eingesetzt zu haben. Und meiner Ansicht nach ist es etwas ganz Besonderes, das unsere Unterstützung verdient. Schließlich ist es ein Teil von Bombays Vergangenheit.“

Wie in einer Hochzeitstorte

Madhusree Dutta von Majlis bezeichnet die Filmvorführungen als „eine Art Guerilla-Krieg gegen das Verschwinden einer ganzen Filmkultur“. „Die alten Kinos schließen eines nach dem anderen, um Multiplex-Kinos Platz zu machen. Die Menschen holen sich das Kino ins Haus und keiner hat heute mehr alte Filmrollen auf Lager“, meint sie.

Inmitten der Flut homogener Multiplex-Kinos ist das Edward eine Kuriosität. Dieses Filmtheater aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war anfangs ein Ort, wo Theater gespielt und erst später mit der Vorführung von Filmen begonnen wurde. Burjor Poonawala, Bharuchas Neffe, erinnert sich noch gut daran, wie er hier einst als Kind amerikanische Filme sah wie Captin Marvel und Gang Busters. Heute wird das bescheidene Kino, das nach dem Vorbild eines Opernhauses gebaut wurde, von seinen Neffen betrieben. Es hat drei Ränge – ein Parkett mit Holzsitzen und zwei Ränge mit Balkonen, die mit Stuckblumen verziert sind. Links und rechts befinden sich kleinere Balkone, ähnlich Theaterlogen. Man hat das Gefühl, in einer riesigen Hochzeitstorte zu sitzen.

Dieses Filmtheater erinnert auch an die Bande zwischen dem deutschen und indischen Kino. In den Zwanziger- und Dreißigerjahren arbeitete eine Handvoll deutscher Regisseure und Filmtechniker für indische Cinemawallahs, "Leute vom Film". Franz Osten produzierte gemeinsam mit Himanshu Rai die Spielfilme Prem Sanyas (1925), Shiraz (1928) und Prapancha Pash (1929). Osten war einer der ersten festen Regisseure von Rais Produktionsfirma Bombay Talkis, für die er 1936 den Film Achhut Kanya drehte. Ein anderer deutscher Filmemacher, der in Indien tätig war, war Paul Zils, der für die Indian Films Information arbeitete.

„Für mich sind das alles nur Anekdoten“, sagt Dutta. „Denn hier geht es um das Stadtbild, und das Edward ist Teil des Stadtbildes.“ Das Experiment scheint gelungen. Stukenberg berichtet, dass die beiden Filmvorführungen ein gemischtes Publikum anlockten – Arthouse-Publikum, das bei solchen Anlässen nie fehlen darf, aber auch das Stammpublikum des Edward. Als der Film von Godard gezeigt wurde, war der Kinosaal zu drei Vierteln voll, obwohl es den ganzen Tag über stark geregnet hatte.

Mit freundlicher Genehmigung der „Times of India“, in der dieser Artikel Anfang August erschien.

„Cinema City“: Der viermonatige Studienkurs City Narratives in Film and Literature, den das Goethe-Institut Mumbai auf Initiative von Majlis, einem interdisziplinären Kunst- und Forschungszentrum, und in Kooperation mit Majlis und der SNDT Women's University in Mumbai veranstaltet, ist ein Baustein des Projekts Cinema City. Neben Vorlesungen, Seminaren und praktischen Übungen gehören Vorführungen ausgewählter Filme der internationalen Filmgeschichte im Edward Theatre zum Programm. Dieses historische Filmtheater ist ein Wahrzeichen für die Goldenen Jahre der Bollywood-Ära. Cinema City beschäftigt sich mit der Stadt im Film und damit, wie das Phänomen Kino das Leben in den Städten und die Wahrnehmung des Urbanen prägt. Welche Geschichten erzählt uns die Stadt im Film, in welchem Licht zeigt der Film seine Stadt, wie wirken wiederum Film, Kino und die materiellen Aspekte der Filmproduktion zurück auf die Stadt? Cinema City wird unterstützt von HIVOS und der Ford Foundation.
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