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Stadtschreiberin Alissa Walser in Argentinien: „Mir sind die großen Zusammenhänge klar geworden“

A. Buxhoeveden Copyright: A. Buxhoeveden
Autorin Walser: „Geschichte wird dort so wenig thematisiert“ (Foto: A. Buxhoeveden)

30. September 2010

Argentinien birgt Schätze – und Fragen. Denen ist die Schriftstellerin Alissa Walser als Stadtschreiberin des Goethe-Instituts nachgegangen. Der Leidenschaft für den Tango ebenso wie der Einstellung der Argentinier zu Natur und Ureinwohnern. Ein Gespräch über Geschichte, Tanz und das große Ganze.

Frau Walser, die Argentinier sind für ihre Leidenschaft bekannt. Wo sind Sie ihr begegnet?

Na, beim Tangotanzen! Ich hatte das Glück, dass ich zu einem Tangoabend in Buenos Aires mitgenommen wurde. Wir waren an einem wunderschönen Ort – ein Jugendstil-Kaffeehausballsaal mit Säulen. Man geht einfach an einem normalen Werktagabend hin und zahlt einen kleinen Eintritt. Es tanzen da alle Altersklassen zusammen richtig fröhlich Tango.

Sie sind vom Goethe-Institut als Stadtschreiberin eingeladen worden. Verändert ein solcher Auftrag den eigenen Blick?

Nein, man versucht zumindest das nicht zuzulassen. Ich bin Autorin und reise natürlich auch als solche. Natürlich hat man im Kopf, dass ein Tagebuch entstehen soll. Ich wollte aber nicht gezielt darauf hinschreiben. Notizen zu machen, gehört für mich ohnehin zum Leben wie das Atmen.


Rayuela: Zum Stadtschreiber-Projekt des Goethe-Instituts

Sie erwähnen im Blog eine deutsch-argentinische Gemeinsamkeit: die Intensität, mit der sich die Geschichte in einzelne Leben einschneidet.

Mich haben die Schicksale der Guaranis, der argentinischen Ureinwohner interessiert. Die Geschichte ihrer Verfolgung ist sehr bedrückend. Es hat mich einfach interessiert, wie die Argentinier damit umgehen. Ich habe mich in ein Dorf bringen lassen, in dem die Guaranis wohnen. Diese Indogenen zählen einfach nicht, weil man mit ihnen kein Geld verdienen kann.

Würden Sie sagen, dass sich der Umgang mit der historischen Brutalität gegenüber Minderheiten in Deutschland und Argentinien unterscheidet?

Auf den ersten Blick, ja. Aber ich würde ungern urteilen. Ich muss mich damit noch mehr beschäftigen. Man hat mir beispielsweise erzählt, dass die Argentinier immer noch über Guaranis lachen und sie überhaupt nicht ernst nehmen. Das ist kaum zu fassen. Wahrscheinlich gibt es auch einen großen Unterschied zwischen Buenos Aires und dem Rest Argentiniens. Aber vielleicht ist das in Deutschland ja ähnlich. In der öffentlichen Wahrnehmung ist Deutschland ein permanent seine Vergangenheit reflektierendes Land. Das hat sicher nichts mit der individuellen Beschäftigung mit Geschichte zu tun. Ich spreche zu wenig spanisch, um beurteilen zu können, wie die Geschichte in den argentinischen Medien diskutiert wird. Man trifft einzelne Menschen.

Wurden Sie spezifisch als Deutsche wahrgenommen?

Nein, unter „deutsch“ stellt man sich in Argentinien wohl schon eher etwas Blondes vor. Einmal hat mir eine dunkelhaarige Argentinierin erzählt, sie habe sich die Haare blondiert. In meinen Augen waren sie höchstens hellbraun. Zu mir hat sie gesagt: „Du hast dir ja bestimmt die Haare dunkel gefärbt.“

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Video-Tagebuch: Alissa Walser arbeitet mit verschiedenen Kunstformen. Sie schreibt, zeichnet und filmt. In diesem Video fügen sich Bildaufnahmen und argentinische Musik zu einem Eindruck von Buenos Aires. „Das ist für mich wie Tagebuchschreiben“, sagt die 49-jährige Stadtschreiberin (Video: Alissa Walser).

Was hat Sie an der Region Misiones besonders beeindruckt?

Es gibt dort die berühmten Jesuitenniederlassungen, nach denen die Gegend benannt ist. Die europäischen Jesuiten legten dort Siedlungen an, in denen sie verschiedene Stämme der indogenen Bevölkerung aufnahmen. Ich bin nach San Ignacio gefahren. Damals, als die Europäer eingewandert sind, war das ganze Gebiet von Regenwald bedeckt. Mitten in diese Wälder hinein haben die Jesuiten riesige Kirchen gebaut. Sie haben den Guaranis einen Schutzraum gewährt. Ich habe gehört, dass diese Jesuiten die Guarani-Sprache gelernt, Wörterbücher angelegt und – wohlgemerkt im Urwald – selbst gedruckt haben.

Aber Missionierung ist ja auch eine ambivalente Angelegenheit.

Absolut. Schutz gegen Glaube – die Jesuiten schützten die in den Siedlungen aufgenommenen Guaranis vor den Sklavenjägern, dafür ließen sich die Guaranis missionieren. Es wurden Dörfer angelegt – alle identisch strukturiert und sehr hierarchisch gegliedert – für unterschiedliche Stämme. Das Zusammenleben war offenbar nicht einfach. Einige sind wieder ausgebrochen, zurück in die Wälder.

Sie beschreiben eine gewisse Menschenleere in diesem großen Land. Hat das einen Einfluss auf das Wesen der Argentinier?

Ich denke schon, dass diese Weite das Bewusstsein der Argentinier prägt. Als ich neulich an der Bushaltestelle stand, sah ich eine Tankstelle im Hintergrund. Man nimmt das zunächst als stimmiges Bild. Wenn man dann aber hinübergeht, merkt man, dass man immer gleich ziemliche Entfernungen laufen muss. Der Umgang mit dem Raum ist großzügiger. Man kann auch sagen: verschwenderischer. Das gilt auch in Bezug auf Wasser. Argentinier denken, es gebe jede Menge Wasser. In Posadas werden morgens die Straßen gewaschen, mit Trinkwasser.

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Die Wasserfälle von Iguazu im Norden Argentiniens (Foto: Reinhard Hinz / pixelio.de)
Auch das Abholzen der Regenwälder und große Soja-Monokulturen sind eine Belastung für die Umwelt. Wie haben Sie das erlebt?

Was mir nochmal sehr deutlich klar geworden ist, sind die großen Zusammenhänge. In Argentinien werden billige Futtermittel produziert für Tiere in Deutschland. Die Produkte werden dann über diese enormen Distanzen herangekarrt.

Dabei denkt man gerade bei Argentinien an saftige Rindersteaks. Sie selbst sind Vegetarierin. Ist den Argentiniern diese Lebensweise fremd?

Ich bin damit schon eher auf Erstaunen gestoßen, vor allem in der Provinz. Die meisten haben sich keine größeren Gedanken gemacht, was das eigentlich bedeutet. Sie haben mir trotzdem Schinken vorgesetzt. Ich habe dann gesagt: „Aber das ist ja Schinken, das esse ich nicht.“ – „Achso! Das wusste ich jetzt nicht, dass Sie auch keinen Schinken essen.“

Der Name Argentiniens verrät die Hoffnung der Eroberer, Silber zu finden. Welchen Schatz haben Sie in Argentinien gefunden?

Es war sehr beeindruckend, im Regenwald zu sein, auch wenn es nur aufgeforsteter Wald ist. Und es sind auf jeden Fall Figuren, das heißt Biographien aufgetaucht, die mich wahnsinnig interessieren – ich habe jetzt eine konkrete Idee, die ich in meinem Schreiben verarbeiten möchte. Die Reise hat mir viel Material gegeben.

Alissa Walser wurde 1961 in Friedrichshafen geboren: sie studierte in New York und Wien. Wie ihr Vater Martin Walser wandte sie sich der Schriftstellerei zu, sie arbeitet jedoch auch als Übersetzerin und Malerin. Heute lebt sie in Frankfurt am Main. Für ihre Erzählung Geschenkt erhielt sie 1992 den Ingeborg-Bachmann-Preis und den Bettina-von-Arnim-Preis. Im Frühjahr 2010 erschien ihr Roman Am Anfang war die Nacht Musik. Diesen Sommer ging sie für das Goethe-Institut als Stadtschreiberin nach Argentinien. Im Rahmen des Projekts „Rayuela“ verbrachte sie mehrere Wochen in Buenos Aires und der Gegend Misiones. Die Erfahrungen, die sie dort sammeln konnte, beschreibt sie in ihrem Reise-Blog.

Das Interview führte Sophie Rohrmeier

Frankfurter Buchmesse 2010: Das Goethe-Institut und Argentinien
Das Goethe-Institut ist, wie jedes Jahr, auch 2010 wieder auf der Frankfurter Buchmesse vertreten. Dabei widmet es seine Aufmerksamkeit vor allem dem diesjährigen Gastland Argentinien. Im Programm sind zahlreiche Veranstaltungen zum Thema geplant. Das Spektrum reicht von Autorengesprächen über das Stadtschreiberprojekt „Rayuela“ bis hin zur Debatte über den argentinischen Wald. Des weiteren finden Fach- und Publikumsgespräche zum „Verlagswesen im Dialog“ statt: Es werden Fragen der deutsch-argentinischen Literaturvermittlung aufgegriffen.
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