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Der Autor und seine Übersetzerin: „Man muss sich völlig zurücknehmen“

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Marie-Claude Auger und Jan Costin Wagner auf der Frankfurter Buchmesse 2010 (Foto: Goethe-Institut)

23. November 2010


Jan Costin Wagners Kriminalromane sind bisher in 14 Sprachen erschienen. Marie-Claude Auger übersetzte zwei seiner Bücher ins Französische. Wie die Zusammenarbeit zwischen ihnen aussieht und welche entscheidende Qualität ein Übersetzer haben muss, erzählen beide im Interview.

Frau Auger, Sie haben schon zwei Bücher von Jan Costin Wagner übersetzt. Erinnern Sie sich an einen Satz, der für Sie besonders schwierig zu übersetzen war?

Auger: Es gab einen Satz aus Im Winter der Löwen. Eine Frau träumt davon, auf Schienen über den Schnee zu gleiten und die Welt wieder in Ordnung zu bringen. Das mag einfach klingen, aber ich habe lange überlegt, wie ich „die Welt wieder in Ordnung zu bringen“ übersetzen kann. Wortwörtlich geht das nicht. Schließlich habe ich eine Lösung gefunden, die genau diese poetische Kraft in sich hat: „rétablir l’ordre du monde“.

Wagner: Die Welt wieder in Ordnung bringen im Sinne von wiederherstellen: Das ist fast leitmotivisch für meine Romane, weil es mir immer darum geht, eine Welt darzustellen, die aus den Fugen geraten ist.

Herr Wagner, Sie sind gebürtiger Hesse, aber ihre Kriminalromane spielen in Finnland. Warum?

Wagner: Zu Finnland habe ich eine sehr intensive Verbindung. Meine Frau stammt aus Finnland, und ich habe dort lange gelebt. Deshalb habe ich Kimmo, den Protagonisten der Romane, auch dort verortet. Es geht mir aber nicht um das regionale Finnland, sondern um eine Grundstimmung, die den Figuren und ihren Erlebnissen entspricht.

Wie kommen denn ihre Geschichten in Finnland an?

Wagner: Sehr gut. Ins Finnische übersetzt sind bisher Eismond und Das Schweigen. Die Finnen fühlten sich in den Figuren und Geschichten widergespiegelt. Ich glaube, man merkt den Romanen auch an, dass ich Finnland sehr mag. Für mich war es auch sehr schön, dass die Verwandtschaft meine Bücher mal lesen konnte – und musste.

Frau Auger, Sie haben „Das Schweigen“ ins Französische übersetzt. Was gefällt Ihnen denn besonders am Kommissar Kimmo Jooenta?

Auger: Seine Zerbrechlichkeit, für die der Tod seiner Frau im Buch Eismond der Ursprung ist. Er hat den Moment, wo das Leben umkippt, selbst erlebt. Das macht ihn in meinen Augen so menschlich. Deshalb fühle ich mich ihm nah.

Wie wichtig ist es Ihnen, sich mit dem Buch identifizieren zu können? Könnten Sie auch ein Buch übersetzen, was sie gar nicht mögen?

Auger: Nein. Ich muss mich zwar nicht unbedingt mit einer Geschichte identifizieren können, aber ich will keinen Roman übersetzen, den ich schlecht finde. Dann schon lieber ein Kochbuch oder einen Reiseführer. Zum Glück habe ich inzwischen das Privileg, die Bücher auswählen zu dürfen. Das war nicht immer so.

Wie gut kennen Sie Finnland denn?

Auger: Überhaupt nicht. Aber wenn ein Buch die Kraft besitzt, Bilder entstehen zu lassen, dann brauche ich nicht in dem Land gewesen zu sein. Ich kenne Finnland durch die Bücher.

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Hörprobe aus Das Schweigen

Matthias Brandt liest aus Jan Costin Wagners Das Schweigen: ein Roman über Schuld und Sühne, Verlust und Verbrechen. Das Hörbuch ist erschienen im Eichborn Verlag.

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„Das Schweigen“ hat fast 300 Seiten. Wie lange haben Sie gebraucht, um es zu übersetzen?

Auger: Ungefähr fünf Monate.

Und wie lange haben Sie gebraucht, um es zu schreiben, Herr Wagner?

Wagner: Die Intervalle zwischen den Bucherscheinungen waren zuletzt zwei Jahre lang. Und diesen Raum brauche ich auch – das Gefühl, nicht unter Druck zu stehen.

Auger: Für uns Übersetzer wird der Druck ein immer größeres Problem. Wenn ein Verlag ein Buch kauft, sollen die Übersetzungen teilweise sofort in die Buchhandlungen. Grob gerechnet schafft man etwa hundert Seiten im Monat. Ich nehme mir aber lieber mehr Zeit. Kurz bevor ich einen Text abgebe, lasse ich ihn ruhen, lese ihn nur auf Französisch und korrigiere ihn. Diese letzte Phase ist die schönste Zeit und sehr wichtig.

Arbeiten Sie während der Übersetzungsphase zusammen?

Wagner: Ich möchte dem Übersetzer von mir aus nicht viel vorgeben. Der Austausch zwischen uns kann mal mehr und mal weniger intensiv sein. Man spricht über größere Stränge, über Inhalte, über Sprachbilder, aber auch über ganz banale Verständnisfragen. Das gab es in unserem Fall kaum, deshalb war es recht unkompliziert. In unserem Mail-Wechsel spürte ich sofort, dass Marie-Claude einen Zugang zu meinen Romanen hat. Grundsätzlich bin ich offen für jede Auseinandersetzung. Gleichzeitig möchte ich mich aber nicht aufdrängen – da respektiere ich den Kreativprozess des Übersetzers.

Haben Sie dabei auch das Gefühl, die Kontrolle über ihr Buch abzugeben?

Wagner: Das stellt sich unwillkürlich ein. Aber ich vertraue darauf, dass der Übersetzer eins zu eins übersetzt. Nicht im Sinne einer wortwörtlichen Übersetzung, sondern dass die Bilder und die Substanz genau übersetzt werden. In meinen Büchern ist das, was nicht, oder zwischen den Zeilen gesagt wird, sehr wichtig.

Muss man sich als Übersetzer ab und an dazu entschließen, stark vom Original abzuweichen, weil man es sonst gar nicht übersetzen könnte?

Auger: Ich verändere nichts. Ich übersetze wirklich den Text, der da ist. Die Rolle des Übersetzers ist es, sich völlig zurückzunehmen. Ich schreibe zwar, aber ich bin nicht der Schriftsteller.

Wagner: Das ist sehr interessant. Für mich ist das eine ganz entscheidende Qualität, die ein Übersetzer haben muss: hinter den Roman zurücktreten zu können. Und gleichzeitig seine eigene Sprachkraft zu entfalten.

Auger: Ich würde sogar sagen, es ist eine schlechte Übersetzung, wenn man die Präsenz des Übersetzers spüren kann. Übersetzen heißt nicht interpretieren. Es ist wirklich ein „Rüber-setzen“.

Denken Sie denn, dass die Arbeit von Übersetzern genügend gewürdigt wird?

Auger: Übersetzer werden häufig nicht erwähnt. Das ändert sich gerade. In Frankreich kämpfen wir mit dem Verband literarischer Übersetzer, dass der Name des Übersetzers auch in Fernseh- und Radiosendungen oder in Kritiken genannt wird. Denn der Text, den sie dort lesen, ist nicht der Text von Jan Costin Wagner, sondern seine Übersetzung.

Herr Wagner, sprechen Sie denn Französisch?

Wagner:
Nein, leider nicht.

Haben Sie andere Übersetzungen ihrer Bücher gelesen?

Wagner: Ja klar, die englische natürlich und auch die finnische.

Finden Sie sich darin wieder?

Wagner: Ja, absolut. John Brownjohn übersetzte Eismond, die Übersetzungen von Das Schweigen und Im Winter der Löwen stammen von Anthea Bell. Beide haben mich sehr überzeugt.

Würden Sie Ihre Bücher selbst übersetzen, wenn Sie könnten?

Wagner: Wäre ich in anderen Sprachen perfekt, würde ich es machen. Ich traue mir selbst doch am ehesten. Aber das wird hypothetisch bleiben, denn so gut werde ich eine andere Sprache nie beherrschen.

Das Interview führte Anne-Kathrin Lange

Marie-Claude Auger wurde 1945 in Paris geboren. Sie arbeitet als freie Übersetzerin in Paris und ist seit 1999 Lehrbeauftragte an der École Supérieure d'Interprètes et de traducteurs (ESIT). Von Jan Costin Wagner übersetzte sie bisher Das Schweigen und Der Winter der Löwen.

Jan Costin Wagner wurde 1972 in Langen geboren. Er studierte Literaturwissenschaft und Geschichte. Heute lebt er als freier Schriftsteller und Musiker in der Nähe von Frankfurt am Main. Für sein Romandebüt Nachtfahrt erhielt er 2002 den Marlowe-Preis. Die amerikanische Ausgabe des Romans Eismond wurde 2008 für den Los Angeles Times Book Prize nominiert. Im selben Jahr wurde Das Schweigen mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet.
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