Goethe aktuell

Multikulturelles Theaterprojekt: Willkommen im Ensemble Croissant!

Copyright: Kai Uwe Oesterhelweg
Szene aus „Schätze des Herzens“: Einblicke in einen fremden Alltag (Foto: Kai Uwe Oesterhelweg)

12. April 2011

16 Schüler, neun Heimatländer, eine Bühne: Fünf Monate lang haben Jugendliche aus Gütersloh einen Teil ihres Unterrichts ins Theater verlegt. Ein Stück über ihre Einwanderungserfahrungen und das Ankommen in Deutschland ist das Ergebnis.


Maria und Isabel schauen über den Rand eines überdimensionalen Buches. Maria schaut Isabel an und fragt: „Sag mal, anonym – ist das was Gutes?“ „Keine Ahnung“ antwortet ihre Freundin. „Weißt du, was Ensemble heißt?“ fragt Maria weiter. „Nee, aber ich weiß, was Croissants sind“, erwidert Isabel. Absurd? Ja. Theater? Ja. Samuel Beckett? Nein.

Es ist vielmehr das Theaterstück Schätze des Herzens, das hier auf der Bühne des Theaters Gütersloh aufgeführt wird. Maria und Isabel sind zwölf und 14 Jahre alt und besuchen die Pestalozzischule in Gütersloh. Maria wurde in Polen geboren, Isabels Familie stammt aus Portugal. Die Mädchen stehen zum ersten Mal auf einer Bühne vor Publikum.

Seit November 2010 trafen sich 16 Schüler der sechsten und siebten Klassen der Hauptschule Nord und der Pestalozzischule in Gütersloh, um zusammen Theater zu spielen. Jeder einzelne von ihnen hat einen Migrationshintergrund: ihre Eltern kommen aus Syrien, der Türkei, Russland, aus dem Irak, Polen, Kasachstan, England und Portugal. Keiner der Jugendlichen spricht Deutsch als Muttersprache, nur zum Teil sind sie selbst in Deutschland geboren. Erfahrung im Schauspiel hat keiner der Schüler.

Schätze des Herzens ist nicht irgendein Stück von irgendeinem Beckett, Goethe oder Dürrenmatt. Nein, alle Texte und Dialoge stammen von den Schülern selbst. Sie entstammen Gesprächen und Diskussionen, die sie führten, während sie sich kennenlernten und gemeinsam probten. Dietlind Budde vom AlarmTheater Bielefeld schrieb diese Dialoge für das Stück auf. Es sind Einblicke in den Alltag der Jugendlichen, Geschichten ihrer Einwanderungserfahrungen, ihrer Probleme, Wünsche und Träume.

Sie benötigen den Flashplayer , um dieses Video zu sehen

Es dauerte allerdings einige Zeit, bis die Schüler den Mut fassten, sich vor den anderen zu äußern oder Texte laut zu lesen, so Silke Büttner, Sozialpädagogin der Pestalozzischule. „Die Kinder haben Probleme, sich zu konzentrieren, viele haben eine Leseschwäche. Durch das Projekt sollten sie lernen, sich auszudrücken und damit auch selbstbewusster zu werden.“

Gemeinsam hatten die Schüler sich dem Theaterspiel angenähert, hörten und erzählten Geschichten, übten, lernten sich kennen und entwickelten Teamgeist. Und vor allem: Sie lernten sich zu überwinden, und bekamen Lust auf die deutsche Sprache. In einem nächsten Schritt verlegten sie ihre Klassenzimmer für drei Wochen in das AlarmTheater Bielefeld. Dort erarbeiteten sie mit professioneller Unterstützung der Regisseure Dietlind Budde und Harald Otto Schmid das Theaterstück.

Während der Entwicklung des Stücks wechselten sich Momente der Freude mit Erzählungen über ihre teils schwierigen Erfahrungen auf dem Weg nach Deutschland ab. Sie erzählten von dramatischen Fluchtversuchen und von den Schwierigkeiten, in einem fremden Land neue Freunde zu finden.

Im Laufe des Projekts setzten sich die Schüler nicht nur mit ihrer eigenen Geschichte auseinander und lernten, Verständnis füreinander zu entwickeln, sondern verbesserten auch ihre sprachlich-rhetorischen Fähigkeiten.

Das lange Üben hat sich gelohnt: Ende März feierte Schätze des Herzens im Theater Gütersloh Premiere. Die Schüler präsentierten ihre Texte, Tänze, Musik und – vor allem –: sich selbst einem großen Publikum.

Die Namen der Kinder wurden von der Redaktion geändert.

Das Theaterpädagogische Projekt fand im Rahmen der Initiative „Lesespaß“ statt – ein Leseförderprojekt der Bertelsmann AG, der Stiftung Lesen und des Goethe-Instituts.

-akl-
Links zum Thema

Goethe aktuell:

Über den RSS-Feed
können Sie sich über Neuigkeiten aus der Welt des Goethe-Instituts auf dem Laufenden halten.

Jahrbuch-App 2013

Entdecken Sie die Arbeit des Goethe-Instituts weltweit und klicken Sie sich durch die Höhepunkte des Jahres 2013. Unsere Jahrbuch-App für iPads steht ab jetzt kostenlos zum Download im App Store bereit.

Goethe-Institut.
Reportagen Bilder Gespräche

Das Magazin des Goethe-Instituts berichtet dreimal im Jahr über die Arbeit des Instituts.

Twitter

Aktuelles aus den Goethe-Instituten