Goethe aktuell

Am Fluss Kamo: Das Treiben der Themen

Fischer & el SaniCopyright: Fischer & el Sani/VG Bild-Kunst, 2011
Der Kamogawa liefert mitunter auch die Kulisse für ein Videoprojekt von Nina Fischer und Maroan el Sani (Foto: Fischer & el Sani/VG Bild-Kunst, 2011)

17. Dezember 2011

Seit September bewohnen fünf Stipendiaten aus Deutschland die Villa Kamogawa in Kyoto. Drei Monate lang können sie in der Künstlerresidenz an ihren Projekten arbeiten. Konzentration und Verwirrung liegen hier jedoch oft dicht beieinander. Ein Werkstattbericht von Franz Anton Cramer.

Auslandserfahrung ist eine Art tägliches Brot geworden, nicht nur für Künstler und Teilnehmer an Residenzprogrammen. Aber was die Globalisierung an Mobilität bringt, ist nur eine Seite der Medaille. Denn in der Regel reist man zu näheren oder entfernteren Orten auf dem Globus, um Ausstellungen vorzubereiten, an Festivals teilzunehmen, Vorträge zu halten, Konzerte zu geben, Workshops durchzuführen. Es gibt einen klar definierten Auftrag, der zu erfüllen ist und um den herum dann ein wenig lokales Erleben möglich wird.

Ohne einen solchen punktuellen Auftrag unterwegs zu sein, und sogar über einen längeren Zeitraum, diese Erfahrung ist dagegen neu – jedenfalls für mich. Nach den ersten Wochen als Stipendiat der Villa Kamogawa blicke ich auf eine Fülle von Notizen, Programmzetteln von Theater- und Tanzvorstellungen, die ich gesehen habe, von E-Mails, Prospekten und Textentwürfen. Bis zum Ende meines Aufenthalts hier sollen sie sich geordnet haben und zu einem Ergebnis gekommen sein.

Copyright: Fotos: Fischer & el Sani/VG Bild-Kunst, 2011
Fotostrecke: Reaktoren, Reaktionen, Gesichter

Aber zu welchem? Das zu sagen wird immer schwieriger, je intensiver ich das Ausland lebe. Denn mein Vorhaben, mit dem ich hierher gekommen bin – die Funktionsweise des Begriffs „zeitgenössisch“ im Kunstkontext besser zu verstehen und vor allem zu konfrontieren mit traditionellen Formen – ist ja gerade ohne die Kenntnis dessen entstanden, was mich hier erwarten würde.

Wenn es die realisierbare Aufgabe einer solchen Auslandsresidenz ist, die eigenen Fragen zu schärfen und das mitgebrachte Ideenmaterial zu aktualisieren, anzupassen an den „stillen Ablauf des Realen“ (so nennt es François Jullien in seiner Studie über chinesische Ästhetik), dann bedeutet das zunächst einmal, das vorgefasste Thema aus den Augen zu verlieren. Doch gerade weil die Themen verschwimmen, gewinnen die Fragen an Klarheit.

Zu schön, um wahr zu sein

Kyoto, so hatte ich immer wieder sagen hören, sei zu schön. Eine Stadt mit zu vielen Sehenswürdigkeiten, zu viel Geschichte, zu viel Spiritualität – ein Japan-Museum, aber kein Ort, an dem das Leben tobt. Nun kann man unter dem „tobenden Leben“ die unterschiedlichsten Dinge verstehen. Dass man hier sein Fahrrad nur auf eigens ausgewiesenen Plätzen abstellen darf, oft sogar gegen eine Parkgebühr; dass jeder Einkauf im Supermarkt für denjenigen, der nicht der Landessprache mächtig ist, eine Abenteuertour wird, weil man nie weiß, was eigentlich in den bunt beschrifteten Packungen drin ist; dass die Taxifahrer Uniform und weiße Handschuhe tragen; dass als Knabberei zum Bier getrocknete Oktopus-Tentakel gereicht werden – all das sind touristische Anekdoten.

Prägender aber für die Entwicklung der eigenen Arbeit ist es zu entdecken, mit welcher Genauigkeit alles geregelt ist und wie ernst ein Wunsch, ein Anliegen, eine Idee in jedem Fall genommen werden. Sodass man sich als allererstes überlegen muss, was man überhaupt sagt. Denn einmal gesagt, ist ein Anliegen in der Welt und wird so lange verfolgt, bis es zur allseitigen Zufriedenheit geklärt ist.

Dieses umfassende Gefühl für Verantwortung gegenüber einem Sachverhalt, einer Verabredung, einem Ablauf, einer Idee mag auch der tiefere Grund der mitunter verblüffenden Höflichkeit sein, mit der man behandelt wird. Es ist aber vor allem eine stille Aufforderung, sich zu konzentrieren. Und gerade diese Konzentration auf das, was zu tun ist, eröffnet der künstlerischen oder, in meinem Fall, der essayistischen Tätigkeit neue Felder.

Schwebende Veränderung

Die Eindrücke, Erlebnisse und Anregungen, die man empfängt, ergeben nur so viel Sinn, wie man ihnen aus dem Zusammenhang heraus zu geben imstande ist. Und je ungewohnter und verwirrender dieser Zusammenhang, desto schwieriger wird es, alles richtig zusammenzusetzen.

In Kyoto ist dieser Abstand zwischen den eigenen Mustern und dem Einfluss der Umgebung besonders groß. Aber aus dieser Kluft heraus gewinnt man eben auch mehr Raum für neue Perspektiven. Ich schaue weniger streng auf mein definiertes Thema, kann dafür aber ungebundener daran arbeiten. Die Forschungsfragen ändern ihren Aggregatzustand, und die Antworten bleiben in der Schwebe. Trotzdem geht es immer weiter: Genauigkeit in der Verflüssigung.

Die Villa Kamogawa ist benannt nach dem Fluss Kamo, an dem sie liegt und der Kyoto durchströmt, an dessen Ufern sich die Bewohner zum Sporttreiben treffen, zum Posaune-Üben, zum Fischen oder zur Mittagspause. Sein Bett ist sehr flach, und bei Regenwetter steigt sofort der Pegel, manchmal um einen halben Meter in dreißig Minuten. Auch das kann das tobende Leben bedeuten.

Wo andere Residenzorte sich an der Morgenröte orientieren und ihrem Pathos des Anfangens oder ganz schlicht einen Superlativ für sich reklamieren, da hat Kyoto einen Fluss. Auf ihn kann man seine Themen setzen wie Papierschiffchen – oder wie Lampions beim alljährlichen Obon-Fest. Sie werden sich sehr weit entfernen. Aber ich bin sicher, sie gehen nicht verloren.

Franz Anton Cramer, Tanzwissenschaftler und Publizist, ist von September bis Dezember 2011 Villa Kamogawa-Stipendiat des Goethe-Instituts.

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