Goethe aktuell

Meyer-Clason und Marschall von Bieberstein: Goethes Pioniere

Lorenz Vierecke/Michael FriedelCopyright: Lorenz Vierecke/Michael Friedel
Zwei, die das Goethe-Institut prägten: Curt Meyer-Clason und Michael Marschall von Bieberstein (Zeichnung: Lorenz Vierecke; Foto: Michael Friedel)

25. Januar 2012

Innerhalb weniger Tage hat das Goethe-Institut zwei herausragende Persönlichkeiten verloren: die beiden ehemaligen Institutsleiter Curt Meyer-Clason und Michael Marschall von Bieberstein. Der gern zitierte „erweiterte Kulturbegriff“ – sie praktizierten ihn bereits, als es ihn noch gar nicht gab.

Schon zu ihrer aktiven Zeit hoch angesehen, kann man die eigentliche Bedeutung ihrer Arbeit vielleicht doch erst im Rückblick richtig würdigen: Denn die Goetheaner Curt Meyer-Clason und Michael Marschall von Bieberstein waren ihrer Zeit immer ein wenig voraus.

Als Ralf Dahrendorf 1969 in der ersten Regierung Brandt-Scheel Staatssekretär im Auswärtigen Amt wurde und in dieser Eigenschaft die Leitlinien für die Auswärtige Kulturpolitik aufstellte, formulierte er damit letztendlich das, was einige Leiter von Goethe-Instituten, allen voran Meyer-Clason und Marschall von Bieberstein, schon seit Jahren praktizierten. Mit ihrer Kulturarbeit schufen sie schon in den Sechzigern die Voraussetzungen für den erweiterten Kulturbegriff der folgenden Jahrzehnte.

Das Organisieren von Sprachkursen, sicher, es gehört dazu, doch für die beiden Goethe-Pioniere hatte es nie oberste Priorität. Und Kulturvermittlung betrachteten sie schon damals keineswegs als Einbahnstraße. „Selbstdarstellung der Nation? Darin sah er nicht den Sinn“, schrieb die Badische Zeitung zu seinem Achtzigsten über Marschall von Bieberstein, hätte damit aber ebenso korrekt auch dessen Kollegen Meyer-Clason charakterisiert. Stattdessen sei es ums „Moderieren einer Art Tauschbörse, wo man Gesellschaftsmodelle, Gesetze, politische Erfahrungen und die Künste miteinander vergleicht“ gegangen.

„Ikonen im besten Sinne“

„Für mich sind es Goethe-Ikonen im besten Sinn“, sagt Klaus-Dieter Lehmann, der Präsident des Goethe-Instituts, „Marschall von Bieberstein als glühender Europäer, der sich nichts hat gefallen oder abjagen lassen, und Meyer-Clason, der uns die südamerikanische Literatur erschlossen hat und während des Übergangs von der Militärdiktatur zur Demokratie eine wichtige Rolle im Goethe-Institut Lissabon gespielt hat.“

In der Tat: Der Lektor, Übersetzer und Schriftsteller Meyer-Clason hatte den Auftrag, das Institut in Lissabon zu übernehmen, im Jahr 1969 erhalten, noch während der Jahre der Diktatur. Und er brachte die Einrichtung unbeschadet durch die Wirren der Nelkenrevolution. Als er 1976 – er kam bereits ins Rentenalter – das Amt abgeben musste, gab es sogar Protest. Er solle bleiben, forderte die Presse. Die Hauptstadtzeitung O Jornal schrieb, das Lissaboner Goethe-Institut sei „das einzige konsequente und lebendige Kulturzentrum der Stadt“ gewesen, „eine Stimulans, ein Schutzraum und eine offene Tür zu Europa“.

Im Institut treffen sich portugiesische Intellektuelle, diskutieren miteinander, wie es sonst im Land nicht möglich ist, und man erlebt Kultur, die man sonst in Portugal nicht hören und sehen darf. Dazu tragen auch die Gäste bei, die Meyer-Clason ans Goethe-Institut Lissabon holt: Hans Magnus Enzensberger, Peter Weiss, Günter Grass oder Franz Xaver Kroetz zum Beispiel.

Er brachte Neruda zu den Deutschen

Einem breiteren Publikum ist Meyer-Clason freilich vor allem als Übersetzer bekannt, auch in dieser Eigenschaft ein Pionier: Viele lateinamerikanische Schriftsteller verdanken ihm ihren Erfolg in Deutschland, Gabriel García Marquez etwa oder Jorge Amado, aber auch Pablo Neruda und Jorge Luis Borges. Insgesamt waren es weit über 150 Bücher, die er ins Deutsche übertrug. Aber auch die autobiographischen eigenen Werke Äquator und Die Portugiesischen Tagebücher fanden Beachtung. In den Tagebüchern erzählt Meyer-Clason von seinen Goethe-Jahren in Lissabon.

Den anderen nannten sie nur „den Marschall“. Schon mit dreißig Jahren übernahm Michael Freiherr Marschall von Bieberstein das erste Mal die Leitung eines Goethe-Instituts – in Rom. 1961 war das. In den Sechzigerjahren passierte viel im römischen Goethe-Institut. Ernst Bloch, Max Horkheimer und Helmut Gollwitzer hielten hier Vorträge, Studenten lauschten ihnen, zum Teil Knie an Knie auf dem Flur sitzend. Der Marschall gab die Reden hinterher als Buch heraus.

Vor Ort lebende Kulturschaffende gingen im Haus ein und aus, so auch Ingeborg Bachmann, Alberto Moravia oder Natalia Ginzburg. Marie Luise Kaschnitz war eine Tante, Theodor W. Adorno war schlicht „Onkel Teddi“ und Elena, die Tochter des Philosophen Benedetto Croce, die Patentante der damals schon acht Marschall-Kinder.

„Wer hier nicht denkt, raus!“

Ein anderer Gast, der Historiker Golo Mann, sorgte 1966 für einen Eklat: Er verlangte die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze. Die Folge: eine Anfrage im Bundestag, der Verweis auf die „verschwendeten“ Steuergelder und die – erfolglose – Forderung nach der sofortigen Abberufung des unverantwortlichen Institutsleiters. Besonders Franz Josef Strauß war „der rote Baron“, so der baldige schiefe Spitzname Marschall von Biebersteins, ein Dorn im Auge.

Doch der Marschall war kein Linker, sondern vor allen anderen Dingen ein glühender Europäer. Und das war zu seiner Zeit keine Selbstverständlichkeit. Durch seine praktische und gesamteuropäisch-integrierte Kulturarbeit sowie sein konzeptionell orientiertes Handeln hat er prägende Akzente über das Goethe-Institut hinaus gesetzt.

Nach Rom folgten weitere Stationen in Europa: Paris, Straßburg (beim Europarat), Madrid. Aber unvergessen bleibt Marschall von Bieberstein vor allem als der Mann in Rom. Das dortige Institut, so erinnert sich ein Kollege, war in den Marschall-Jahren nicht bloß das deutsche Kulturinstitut in Rom, es war auch ein anerkannter und selbstverständlicher Teil der römischen Szene. Und das war nicht ausschließlich, aber zu einem großen Teil das Verdienst seines Leiters. Als seine letzte Station beim Goethe-Institut kehrte dieser 1990 dorthin zurück.

Als einen „stillen Vermittler“ beschrieb ihn Die Zeit und zitierte ihn in einem Porträt: „Man muss selbst ein Mann des Geistes sein, um sich in der Republik der Gelehrten durchsetzen zu können.“ Auf seinem Bücherschrank in Madrid habe in gebieterischen Lettern der Spruch gestanden: „El que no piense, fuera!“. Zu deutsch: „Wer hier nicht denkt, raus!“

Michael Marschall von Bieberstein erlag am 19. Januar im badischen Au im Alter von 81 Jahren einer längeren Krankheit. Sechs Tage vorher starb Curt Meyer-Clason in München. Er wurde 101 Jahre alt.

-db-
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