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Europäische Befindlichkeiten: Wir und die anderen

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Polnischer Rekordversuch mit einer Europaflagge: Woher kommen die aggressiven Töne? (Foto: Europäisches Parlament)

8. Mai 2012

Plötzlich ist er wieder da: der hässliche Deutsche. Am Mittwoch feiern wir den Europatag der EU und stellen gleichzeitig fest, dass das Deutschlandbild auch in Europa mitunter ressentimentgeladen ist. Was können wir dagegen tun? Von Klaus-Dieter Lehmann

Das Goethe-Institut wollte mit einer Umfrage von unseren europäischen Nachbarn auf spielerische Art und Weise wissen, wie wir wahrgenommen werden. Zehn Fragen waren zu beantworten – der bedeutendste Deutsche, das/der beste Buch/Film/Bauwerk, was gefällt/was gefällt nicht an Deutschland und so weiter. Mehr als 13.000 Menschen aus 18 Ländern Europas beteiligten sich. Im Mai 2011 wurden die Ergebnisse veröffentlicht.

Das einsame Paar an der Spitze sind Johann Wolfgang von Goethe und Angela Merkel. Auch die Literatur dominiert Goethe, dicht gefolgt von den Grimmschen Märchen. In der Musik liegen Beethovens „9. Sinfonie“ und Nenas „99 Luftballons“ ganz vorn. Und Deutschland ist ausgesprochen beliebt, nochmals gesteigert durch den Berlin-Hype. Da gibt es kaum Unterschiede zwischen den europäischen Ländern. Ein freundlicher Blick also auf ein von Selbstzweifeln geplagtes Deutschland?

Woher kommen dann die aggressiven Töne gegen die Deutschen in der aktuellen ausländischen Berichterstattung? Plötzlich taucht das Bild des hässlichen Deutschen wieder auf. Immer neue Erregungswellen durchlaufen die Medien, Klischees und Feindbilder feiern fröhliche Urständ. Offensichtlich haben die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise inzwischen ihre tiefen Spuren hinterlassen, und die gegenseitige polemische Berichterstattung hat zusätzlich die Stimmung angeheizt.

Die weitgehend ökonomische Ausrichtung des Staatenverbundes EU reicht offensichtlich nicht aus, um eine gemeinsame Verantwortung und ein solidarisches Bewusstsein zu entwickeln. Deutschland als die starke Wirtschaftsmacht wird zum einen stellvertretend für die EU als Auslöser für die harten Sparmaßnahmen abgestraft, zum anderen als vermeintliche Hegemonialmacht geächtet.

Europäer erzählen keine gemeinsame Geschichte

Durch die gemeinsamen europäischen Verträge ist zweifelsfrei bereits Historisches gelungen, die Schaffung Europas als Raum der Freiheit, der Sicherheit, des freien Personen- und Warenverkehrs. Aber in der politischen Weiterentwicklung ist man eher zögerlich. Noch immer kann der Rat in wichtigen Politikfeldern den Willen des Parlaments übergehen. Es besteht nachweislich eine Reihe von Demokratiedefiziten der EU. Die europäisierten Sachverhalte verlangen dringend nach entsprechenden politischen Gestaltungsstrukturen, die die Volkssouveränität einbinden.

Als weiterer Faktor spielt bei den hilflosen Suchbewegungen hin zu einer zukunftsfähigen Identität Europas das beherrschende marktwirtschaftliche Denken unserer Gesellschaft eine wesentliche Rolle. Während früher das marktwirtschaftliche System meist nur die Produktion von Waren und Dienstleistungen betraf, so erleben wir neuerdings Übersprungeffekte auf alle Lebensbereiche. Alles hat sich dem Prinzip des Nützlichen und Gewinnbringenden unterzuordnen. Jürgen Habermas spricht von einer Kolonialisierung der Lebenswelten.

Sport, Kultur, Freizeit, Quoten, die vermarktbaren Informationen bei Facebook – alles folgt diesem Prinzip. Ein solches Denkmuster gefährdet die Prinzipien der Solidargemeinschaft, und es lässt auch politisches Vertrauen schwinden. Hinzu kommt in Krisenzeiten die Einschränkung politischer Entscheidungsmöglichkeiten durch sogenannte Sachzwänge, die dann als übergesetzlicher Notstand oder übergreifende Notkompetenz erklärt werden.

Europa ist weder ein Schmelztiegel noch eine Salatschüssel, sondern ein Mosaik – eine Komposition aus Teilen und Farben, zusammengehalten durch einen mehr oder weniger verbindenden Untergrund und einen Rahmen von demokratischer Grundordnung, Verfassungsstaat und praktiziertem friedlichem Zusammenleben. Vielleicht ist es deshalb sinnvoll, die Wechselbeziehung zwischen Deutschland als Mittelland und seinen Nachbarn jeweils bilateral genauer zu betrachten, um europäische Prozesse besser zu erkennen und nicht nur abstrakt zu fordern. Denn Europäer erzählen bislang keine gemeinsame Geschichte, sie haben getrennte Erlebniskulturen, die aber durch Orientierungsdebatten durchaus zu einem europäischen Erfahrungshintergrund zusammenkommen könnten.

Wir wollen kein deutsches Europa

Die neue Aufmerksamkeit für Deutschland in allen Sektoren – Wirtschaft, Politik, Kultur – überrascht nicht nur uns, sondern auch die europäische Szene. Dabei erleben wir nicht unbedingt etwas gänzlich Neues, sondern eine interessante Neuauflage bekannter Fremd- und Selbstwahrnehmungen: von außen die Ambivalenz, von innen die Unsicherheit. Die Außenwahrnehmung folgt dem Muster, hier Bewunderung und Akzeptanz, dort Reserven und Verschwörungstheorien. So stehen in einigen südwesteuropäischen Ländern nahezu synchron und in neuer intensiver Berichterstattung enthusiastisches Lob neben alten Verdachts- und Furchtmetaphern vor dem großen Nachbarn.

Die eigene deutsche Wahrnehmung und Selbstdarstellung ist dagegen noch immer von einer tiefsitzenden Unsicherheit geprägt, abgeleitet aus dem Trauma des 20. Jahrhunderts, die durch patziges Auftrumpfen und Sich-klein-Machen geprägt ist. Den Deutschen ist eine neue Führungsrolle zugewachsen, die sie nicht wirklich annehmen. Der Umstand, dass man in einer solchen Verantwortung nicht immer beliebt sein kann, wird sowohl von der Bevölkerung, aber auch von der Politik weitgehend geleugnet. Dabei ist es keineswegs so, dass die Deutschen alles richtig gemacht hätten und die anderen alles falsch. Es geht nicht um die deutsche Vorbildfunktion, sondern um Beispiele, die möglicherweise hilfreich sein können. Zu einer wirklichen Ironie der Geschichte führt dabei der Umstand, dass ausgerechnet der Euro als gemeinsame Währung zur neuen Ungleichheit in Europa wird. Der Euro, einstmals gedacht zur Domestizierung des wiedervereinigten Deutschlands, wird zur Ursache einer neuen ökonomischen Vorherrschaft Deutschlands.

Uns sollte die Anerkennung freuen, und wir sollten über uns und unsere Eigenheiten erzählen, wir sollten um Vertrauen werben und deutlich machen, wir wollen kein deutsches Europa, sondern ein europäisches Deutschland. Angesichts der Dramatik der Situation sollten wir gelassen bleiben und nicht überreagieren. Wir leben nicht in heroischen Zeiten. Die Größeren sind nie beliebt, schon gar nicht, wenn man von ihnen finanziell abhängig ist. Unser Land mag noch so dynamisch sein; auf Europa bleiben wir angewiesen wie kein anderes Land. Unsere Mittellage mit der Vielzahl von Nachbarn sollten wir zum Ausgleich zwischen Nord und Süd, Ost und West nutzen. Ein aufrichtig bewusstes europäisches Engagement ist die Leitlinie für ein neues relevant gewordenes Deutschland.

Es ist keine Frage, dass derzeit die antideutschen Ressentiments in Griechenland besonders ausgeprägt sind. Bei genauerem Hinsehen fällt aber auf, dass es vor allem antieuropäische Denkmuster sind. Deutschland steht nicht nur, aber vor allem deshalb im Fokus, weil es die führende Wirtschaftsnation in der EU ist. Prägend ist der Meinungskonformismus, der nicht zuletzt durch die Medien erzeugt wird. Die unablässige Beschreibung der EU als bevormundende Instanz lässt aus der Zukunftsangst Aggressivität werden. Andererseits sind die Veranstaltungen des Goethe-Instituts im Kulturprogramm und bei den Sprachkursen überfüllt wie nie zuvor, auch während des Generalstreiks. Der höfliche deutsche Besucher wird nach wie vor mit der griechischen Gastfreundschaft bedacht.

Mobilität ist temporär

In Portugal hat Deutschland traditionell einen guten Ruf. In die grundsätzlich positive Haltung haben sich aber auch hier Skepsis gemischt. Es wird gegenüber früher genau beobachtet, was sich in der deutschen Politik tut. Trotzdem bleibt der Ton gemäßigt. Man will seine Probleme lösen. Kritisch ist die hohe Jugendarbeitslosigkeit. Die Goethe-Institute bieten für diejenigen, die in Deutschland Arbeit suchen, maßgeschneiderte Sprachkurse an, bevorzugt im medizinischen und technischen Bereich, Spezialkurse für Bewerbung und Vorstellungen. Besonders mittelständische Firmen, aber auch Kliniken sind aktiv. Sie übernehmen zum Teil auch die Kosten für die Sprachkurse.

Das Gleiche gilt für Spanien. Die Goethe-Institute in Barcelona und Madrid organisieren Veranstaltungen und Aktionstage zum deutsch-spanischen Arbeitsmarkt, zu den beruflichen Perspektiven mit deutscher Sprache und zur Mobilität in Europa. Wenn sich junge Südeuropäer für Deutschland als Arbeitsland entscheiden, dann sollten sie eine möglichst effiziente Unterstützung erfahren, um erfolgreich zu sein. Das Erlernen der deutschen Sprache gehört dazu. Es ist ihre eigene Lebens- und Berufsgestaltung, verbunden mit einer Qualifizierung. Für Deutschlands Branchen, die Fachkräfte suchen, ist es eine große Hilfe. Mobilität und Freizügigkeit des europäischen Arbeitsmarktes waren immer eine politische Forderung. Jetzt sind sie nicht mehr abstrakt, sondern bieten eine Chance, auch wenn diese aus einer Notlage heraus entsteht.

Mobilität ist heute keine Entscheidung mehr für das ganze Leben, sondern temporär, abhängig von jeweiligen Rahmenbedingungen. Als Großbritannien vor Jahren seinen Arbeitsmarkt öffnete, sind viele Polen dem Ruf gefolgt. Längst sind wieder viele nach Polen zurückgekehrt. Diese jungen Menschen, die ihr Leben gestalten wollen, sind keine Europaskeptiker. Sie setzen Hoffnung in einen gemeinsamen Arbeitsmarkt.

Furcht vor deutscher Untätigkeit

Möglicherweise sind solche Erfahrungen eher geeignet, Europa zu begreifen, als ein von oben verordnetes Europa oder eine erneute Verlagerung der Zuständigkeiten in die Mitgliedsstaaten. Frankreich und Deutschland haben sich zusammengelebt. Die Beziehungen sind stabil, in den politischen und wirtschaftlichen Fragen wird die gegenseitige Abstimmung gesucht. Erstaunlich ist die noch immer wachsende Zahl von Städtepartnerschaften. Von den heute 2.400 Partnerschaften ist fast die Hälfte in den vergangenen 20 Jahren entstanden. Das ist durchaus ein Beweis für eine funktionierende Zivilgesellschaft.

Im Unterschied zu den westeuropäischen Gesellschaften gilt für die ostmitteleuropäischen Gesellschaften eine Ungleichzeitigkeit der Europäisierung. Die Zäsur von 1989 wird als „Rückkehr nach Europa“ empfunden, mit der weniger die EU-Integration gemeint war als die Chance, die durch die Nazi- und Sowjetdiktaturen angegriffene Identität als demokratische Nationalstaaten wiederzugewinnen und zu entfalten. Der Nationalstaat erhielt noch einmal den Status eines Fortschrittskonzeptes.

Im 2004 vollzogenen EU-Beitritt, zunächst ein Projekt der Eliten, erwartete man an Vorzügen eine größere Mobilität auf dem Arbeitsmarkt und bei Reisen, Zugang zu neuen Bildungswegen, Verbesserung des Konsumverhaltens und Anstieg binationaler Partnerschaften. Insgesamt wird die EU-Integration, bis auf die krisengeschüttelten Länder Ungarn und Lettland, positiv gesehen. In den nach 1990 entstandenen Staaten wie Slowenien, der Slowakei und den baltischen Staaten werden kaum Feindbilder belebt. Das Verständnis für die deutsche Haltung in der Euro-Krise ist groß.

Polens Selbstbewusstsein wiederum führt zu einer entspannten Haltung gegenüber Deutschland, die sich in einer Äußerung des polnischen Außenministers widerspiegelt: „Deutsche Macht fürchte ich heute weniger als deutsche Untätigkeit.“ Ungarn belebt eher wieder alte Feindbilder, Deutschland spielt dabei weniger eine Rolle. Lediglich in Tschechien werden historisch grundierte Bilder und die Furcht vor einer deutschen Dominanz in den Medien sichtbar.

Europa ist Kultur

Nordeuropa hat ein entspanntes Verhältnis zu Deutschland und seiner Europapolitik. Das gilt besonders für Norwegen und Finnland. Deutschland ist hier vor allem Berlin, dort befinden sich die größten Künstlerkolonien außerhalb des eigenen Landes. Schweden empfindet sein Deutschlandbild inzwischen als überholt, gerade die Entwicklung von Kultur und Bildung wird positiv wahrgenommen. In Großbritannien geht es weniger um das Deutschlandbild als um das Europabild. Hier ist die offizielle Regierungspolitik geprägt durch weniger bis gar kein Europa. Das Deutschlandbild hat sich gebessert, ähnlich wie in den Niederlanden.

Es ist also ein vielschichtiges Bild, aus dem sich die Beziehungen der europäischen Nachbarn zu Deutschland aufbauen. Das abnehmende Vertrauen zu Europa, das größer werdende Gefälle zwischen Nord und Süd und die Beschränkung europäischer Reformen auf rein fiskalische Eilmaßnahmen lassen jedoch die Verunsicherung weiter steigen. Krisenzeiten sind nicht damit zu bewältigen, dass die Politik ihre Strategie als alternativlos erklärt. Sie muss Optionen prüfen und Bürger überzeugen. Sie muss vor allem eine neue Willensbildung einleiten. Europa ist nicht Euroland. Europa ist auch und vor allem Kultur und Bildung.

Es geht um die politische Kraft der Kultur und um die gemeinsamen europäischen Werte. Kultur ist kein privater Spielplatz für Künstler und Intellektuelle, sie ist auch nicht der Grundstoff der Kommerzialisierung, sie ist die Grundlage unserer Gesellschaft, um offen zu sein und Neues zu denken. Es geht um eine gemeinsame Verantwortung für Europa als einen zusammengehörenden Kulturraum. Blaise Pascal hat dazu ein schönes Bild gebraucht: „Vielfalt, die sich nicht zur Einheit ordnet, ist Verwirrung. Einheit, die sich nicht zur Vielfalt gliedert, ist Tyrannei.“

Wenn Europa zusammenwachsen soll, dann muss es seine Nachbarschaftsbeziehungen in vielen einzelnen Facetten durch praktisches Handeln ausgestalten: die innere Nachbarschaft zu den zugewanderten Menschen, die Nachbarschaft zu Staaten, zwischen denen historische Grenzen bestehen, die Nachbarschaft zu den europäischen Anrainerstaaten. Das ist in erster Linie eine kulturelle Aufgabe.

Der Autor ist Präsident des Goethe-Instituts. Dieses Essay erschien zunächst in der Wochenzeitung „Die Zeit“ (Ausgabe 19/2012).

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