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Péter Nádas im Interview: „Die Sprache ist Fleisch und Blut des Buches“

Goethe-InstitutCopyright: Dávid Fekete/Goethe-Institut Budapest
Autor Nádas 2011 bei einer Lesung im Goethe-Institut Budapest (Foto: Dávid Fekete/Goethe-Institut Budapest)

5. Juni 2012

Was wäre ein Autor ohne Übersetzer? Außerhalb der eigenen Sprachgrenzen oft nicht viel. Der ungarische Romancier Péter Nádas ist deshalb auch nicht böse, dass er sich den „Brücke Berlin“-Preis mit seiner Übersetzerin teilt. Im Gegenteil: Im Interview preist Nádas die hohe Kunst des Übersetzens.

Herr Nádas, Sie arbeiteten fast 20 Jahre lang an den „Parallelgeschichten“, Christina Viragh verbrachte vier Jahre mit der Übersetzung des Romans. Wie oft haben Sie sich in dieser Zeit über den Text ausgetauscht?

Nádas: Christina hat mich zu sich nach Rom eingeladen. Bei den ersten beiden Bänden haben wir jeweils eine Woche lang zusammen am Text gearbeitet. Den dritten Band haben wir dann nur noch per E-Mail besprochen.

Wo lagen die größten Schwierigkeiten bei der Übersetzung?

Ungarisch und Deutsch sind so unermesslich unterschiedliche Sprachen, so dass sich mannigfaltige Schwierigkeiten ergeben. Zum Beispiel sind die deutschen Sätze länger, wodurch sich die inneren Proportionen des Textes ändern: Das macht schon einen ästhetischen Unterschied. Dann gibt es für manche ungarischen Begriffe gar keine deutsche Entsprechung; wieder andere sind im Deutschen philosophisch besetzt, im Ungarischen aber nicht.

Sie sprechen selbst fließend Deutsch. Macht das die Arbeit mit deutschen Übersetzern einfacher oder manchmal auch schwieriger?

Ich arbeite seit mehr als 20 Jahren mit ganz verschiedenen Übersetzern zusammen, das sind unglaubliche Spracherfahrungen für mich. Eine große Sprachschule und eine große Denkschule. Aber auch sehr erschöpfend, weil einem das ständige Pendeln zwischen den beiden Sprachen ganz klar die Grenzen aufzeigt. Manchmal will man der Übersetzerin etwas verständlich machen, was diese in ihrer anderen Sprache gar nicht verstehen kann. Die Schranken sind dort, wo die Muttersprache und die gelernte Sprache aneinandergrenzen. Ich müsste zweisprachig sein, um relativ unbehindert über diese Grenzen hin- und herwandeln zu können.

Der „Brücke Berlin“-Preis ist bereits der dritte Preis, mit dem die deutsche Übersetzung der „Parallelgeschichten“ in den knapp drei Monaten seit ihrer Veröffentlichung ausgezeichnet wird. Und es ist der erste Preis, den Autor und Übersetzerin gemeinsam bekommen.

Ja, so ist dieser Preis, das hat man sich klug ausgedacht.

Was bedeutet diese Anerkennung für Sie?

Der Brücke-Preis stellt eine klare Verbindung zwischen den beiden Leistungen her, er zeigt, dass die zwei Arbeiten von nun an zusammenhängen. Man kann die Kunst des Übersetzens nicht hoch genug schätzen. Ich freue mich sehr über den Preis.

Ist eine Übersetzung denn eine Kopie oder eine Interpretation des Originals?

Die Übersetzerin Hildegard Grosche wurde einmal sehr böse auf mich, weil ich ihr gesagt habe: Hildegard, das ist nicht mein Buch. Ich habe nie ein Wort auf Deutsch geschrieben, aber dieses Buch ist komplett in Deutsch, jedes Wort stammt von Ihnen. Die Persönlichkeit des Übersetzers spielt eine enorm große Rolle. Die Sprache ist Fleisch und Blut des Buches. Was sonst. Wenn der deutsche Leser ein Buch von mir in die Hand nimmt, lernt er es in der Sprache von Hildegard Grosche oder Christina Viragh kennen. Mag die Übersetzerin noch so anständig und gewissenhaft arbeiten, sie wird in ihrer Sprache sprechen. Das ist eine sehr komische Sache.

Den ganzen Roman durchziehen zwei parallel verlaufende Handlungslinien, eine spielt in Ungarn, eine in Deutschland. Kann man „Parallelgeschichten“ als ungarisch-deutschen Roman bezeichnen?

Nein, Parallelgeschichten ist ein europäischer Roman. Es gibt Szenen, die auf Capri, andere, die in Groningen oder in der Schweiz spielen, es gibt auch starke französische Bezüge. Dass die deutsche Linie so stark ist, liegt daran, dass die Geschichten der beiden Länder unzertrennlich sind. Ich wollte nicht trennen, was sich nicht trennen lässt. Interessanterweise wissen jedoch die Ungarn mehr über die Wechselwirkungen zwischen den beiden Kulturen als die Deutschen. Die Deutschen sind sich der historischen Katastrophe, die sie hinter sich gelassen haben, bewusst, aber die historischen und sprachlichen Werte, die Beziehungssysteme, die ein für alle mal zugrunde gingen oder jetzt neu entstehen, nehmen sie weniger zur Kenntnis.

Sie haben länger in Berlin gelebt. Haben Sie gute Erinnerungen an diese Zeit?

Ich liebe Berlin. Die Stadt ist sehr aufnahmewillig, es lebt sich gut dort. Ich habe die Stadt ja dreimal neu kennengelernt: In Ostberlin war ich in den frühen Siebzigern. Das war eine sehr komplizierte Situation, und entsprechend präsentierte sich auch die Stadt. Zehn Jahre später lernte ich dann den Westteil Berlins kennen; und nach dem Mauerfall zeigte sich die Stadt wieder von einer ganz anderen Seite.

Wann haben Sie Deutsch gelernt?

Auch die Sprache habe ich mehrfach gelernt. Die Geschichte ist recht amüsant: Wenn meine Großeltern nicht wollten, dass mein Bruder und ich verstanden, was sie miteinander redeten, sprach mein Großvater Wienerisch, und meine Großmutter antwortete ihm auf Jiddisch. Das ist der Ursprung meiner Deutschkenntnisse. Dann verbrachte ich als Jugendlicher im Rahmen einer Kinderferienaktion in einem Badeort bei Annaberg, in Wiesenbad, einen ganzen Sommer mit Kindern, die aus Sachsen waren. Das Personal und die Erzieher waren aus dem Erzgebirge. Bei uns in der Familie konnten alle Deutsch. Als ich nach Hause kam, war man einhellig der Meinung, das sei kein Deutsch. Das sei irgendeine dumme Kindersprache, es erinnere nicht einmal an das Deutsche, und ich soll es am besten vergessen. An der Humboldt-Uni habe ich dann einen Intensivkurs für Ausländer besucht.

Lesen Sie auch deutsche Literatur im Original?

Ja, schon seit den späten sechziger Jahren tue ich das regelmäßig. Goethe zum Beispiel, seine Gedichte, den Faust, die Wahlverwandtschaften. Goethes Sprache sie hat mich sehr fasziniert. Und ich habe geglaubt, dass man sie auch als Umgangssprache verwenden kann. Bei meinen deutschen Freunden bin ich dann auf lebhaften Beifall gestoßen, als ich bestimmte Begriffe und Wendungen verwendet habe. Statt „vielleicht” habe ich beispielsweise „wenn ich wohl vermuthe” gesagt. Noch Jahre später foppten mich die Freunde, wenn ich „vielleicht” oder „eventuell” sagte. Sie lachten und sagten: Du meinst bestimmt „wenn ich wohl vermuthe”.

Das Interview führte Márta Nagy

Péter Nádas wurde 1942 in Budapest geboren. Bevor er sich der Schriftstellerei zuwandte, arbeitete Nádas als Fotograf und Fotoreporter. 1981 lebte er ein Jahr lang in Westberlin. 2005 erschien der 1728 Seiten starke Roman Parallelgeschichten, der laut Verlag in Ungarn bereits als „Krieg und Frieden des 21. Jahrhunderts“ gefeiert wird. Seit Anfang 2012 liegt das Werk auch in der deutschen Fassung vor, übersetzt von Christina Viragh. Mit ihr gemeinsam erhält Nádas am 5. Juni 2012 den von der BHF-BANK-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut, dem Literarischen Colloquium Berlin und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz vergebenen „Brücke Berlin“-Preis. In der Jury saßen Olaf Kühl, Klaus-Dieter Lehmann, Katharina Narbutovi, Wilhelm Burmester und Jörg Plath. Schirmherr des Preises ist Péter Esterházy. Am 4. Dezember werden die beiden Preisträger ihr Buch im Goethe-Institut Budapest vorstellen.
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