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Gour M. Kapur im Interview: „Man kann nicht ohne seine Geschichte leben“

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„Das letzte Abendmahl“: Das 220 Jahre alte Wandgemälde konnte nur durch den Einsatz der INTACH-Konservatoren und des Goethe-Instituts gerettet werden (Foto: Goethe-Institut)

17. Oktober 2012

Tropisches Klima und Immobilienspekulationen lassen in Kolkata historische Gebäude und Kunstschätze verfallen. Mit Unterstützung des Goethe-Instituts wurde jetzt ein Wandgemälde von Johann Zoffany restauriert. Denkmalschützer Gour M. Kapur erzählt, wie.

Herr Kapur, Sie setzen sich in Ihrer Heimatstadt Kolkata für den Kulturerhalt ein. Wie kam es dazu?

Kapur: Über Umwege. Nach meiner Schulzeit habe ich meinen Bachelor als Maschinenbauingenieur gemacht, danach einen Abschluss am Indian Institute of Management in Kolkata. Seit 25 Jahren bin ich Teil der Unternehmenswelt. Mein Einsatz für den Erhalt des kulturellen Erbes entspringt der Liebe zu der Stadt, in der ich aufgewachsen bin. Und deren fortschreitender Niedergang nicht zu übersehen war.

Woher rührte der Niedergang?

Der Verfall hatte vor allem ökonomische Ursachen. Seit 1967 war in Westbengalen, mit kurzer Unterbrechung, eine kommunistische Regierung an der Macht. Erst im Mai dieses Jahres ist die Linksfront bei den Wahlen zur Volksvertretung abgelöst worden. Die lange Herrschaft der Kommunisten hat zu einer Kapitalflucht aus Kolkata geführt. Während andere Teile Indiens sich weiterentwickelten und einen Aufschwung erlebten, kam Kolkata immer mehr herunter. Was am Zustand des kulturellen Erbes der Stadt offensichtlich wurde.

Welches Erbe meinen Sie genau?

Zunächst einmal spreche ich über Gebäude. Kolkata ist im Wesen eine britische Kolonialstadt. Und es war bis 1911 die Hauptstadt Indiens, bevor Delhi dazu erkoren wurde. Von 1757 an, als die East India Company ihre Vorherrschaft errichtete, bis 1911 regierten die Briten von Kolkata aus und wollten ihre Macht und Größe auch der lokalen Bevölkerung demonstrieren – indem sie prachtvolle und feudale Gebäude errichten ließen. Viele dieser Bauten kopieren Gebäude in London; Kolkata war bekannt als zweite Hauptstadt des Britischen Königreiches. Aber mit dem Abstieg der Wirtschaft wurden diese Gebäude vernachlässigt.

Wann wurde Ihnen klar, dass Sie dagegen etwas unternehmen wollen?

Das war 1984, als unsere Premierministerin Indira Gandhi ermordet wurde. Ihr Sohn Rajiv Gandhi folgte ihr nach und rief einen Verein ins Leben, den Indian National Trust for Art and Cultural Heritage, kurz INTACH. Rajiv Gandhi schwebte eine Bewegung vor, die er als eine Armee der Bewusstseinswächter bezeichnete. Er sagte, wir brauchen Menschen, die bewahren wollen, was rechtmäßig ihnen gehört. Das faszinierte mich, also schloss ich mich an.

Und kehrten der Geschäftswelt den Rücken?

Nein, von Beruf bin ich nach wie vor Unternehmensberater. Für INTACH arbeite ich ehrenamtlich. Ich hielt den Verein für eine gute Plattform, um etwas gegen den Verfall meiner Heimatstadt zu unternehmen, und es fand sich eine große Zahl Gleichgesinnter. Also gründeten wir die regionale Zweigstelle von INTACH, die ich seit 1993 leite.

Was war Ihr erstes Projekt?

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Gour M. Kapur: „Wir kämpfen für den Denkmalschutz“ (Foto: Goethe-Institut)
Wir restaurierten ein Denkmal an der Uferflanke von Kolkata, das dem britischen Kaufmann und Philologen James Prinsep gewidmet ist: das Prinsep‘s Ghat unterhalb der Hooghly-Brücke, ein von den Engländern errichtetes Monument mit Säulen im griechischen und gotischen Stil. Die Idee war allerdings nicht, der britischen Kolonialherrschaft zu huldigen, sondern ein Wahrzeichen der Stadt zu konservieren. Es gibt ja Leute, die meinen, man sollte sich nicht um die Bauten dieser Ära kümmern. Dem halten wir entgegen: Es sind keine britischen Gebäude. Sie wurden in Indien gebaut, von indischen Architekten und Arbeitern, mit indischen Materialien. Warum nicht etwas Attraktives erhalten, das die Schönheit der Umgebung bereichert?

Eine Frage der Ästhetik, nicht der Politik?

Viele der Häuser aus dieser Zeit wurden abgerissen, und an ihrer Stelle entstanden grotesk hässliche Bauten. Wir haben dafür gekämpft, dass viele Gebäude unter Denkmalschutz gestellt wurden, die von historischer und architektonischer Bedeutung sind oder eine wichtige Rolle für das soziale Leben der Stadt spielen. Das Prinsep‘s Ghat zum Beispiel nutzen wir mittlerweile auch als Spielstätte für ein Festival mit Konzerten und anderen Veranstaltungen. So haben wir den Bewohnern der Stadt den kulturellen Mehrwert des Gebäudes ins Bewusstsein gebracht.

Im vergangenen Jahr haben Sie mit einem Projekt Aufsehen erregt, das Teil der Initiative „Kultur und Entwicklung“ des Goethe-Instituts war: der aufwändigen Restaurierung eines Gemäldes von Johann Zoffany. Wie kam es dazu?

Der damalige Leiter des Goethe-Instituts in Kolkata, Reimar Volker, und ich suchten seit längerem nach einem Projekt, mit dem unsere fünf jungen Restauratoren ihre Fähigkeiten verbessern könnten. Die Bedingung von Reimar Volker war: Es sollte sich um ein Kunstwerk im öffentlichen Raum handeln, nicht in privater Hand.

Das fanden Sie in einer Kirche.

Richtig, in der anglikanischen St.-Johns-Kirche, die 1787 errichtet wurde. Dort stießen wir auf dieses 220 Jahre alte Wandgemälde von Johann Zoffany, einem deutschen Maler, der hier lebte und arbeitete. Ein Pluspunkt, wie Sie sich vorstellen können (lacht). Wissen Sie, was das Gemälde darstellt?

Es trägt den Titel „Letztes Abendmahl“.

Ja, aber Zoffany hat in Jesus und seinen Jüngern die Gesellschaft Kolkatas der damaligen Zeit gespiegelt. In der Figur des Judas konnte sich der Auktionator William Tulloh erkennen. Gerüchtweise soll er darüber nicht erfreut gewesen sein und versucht haben, das Gemalde zu zerstören. Aber bitte, das ist nicht verbürgt.

In welchem Zustand befand sich das Bild?

In einem miserablen. Frühere, dilettantische Restaurierungsversuche hatten ihre Spuren hinterlassen, es gab stümperhafte Übermalungen, Verdunklungen, Risse. Nicht zuletzt standen wir vor einer logistischen Herausforderung: Wir mussten das Bild – es ist riesig und misst 2,40 mal 2,60 Meter – ohne Kranvorrichtung von der Wand heben und aus seinem massiven Rahmen lösen. Das gelang, und wir errichteten mit Raumteilern ein provisorisches Studio in der Kirche.

Hatten Ihre Restauratoren vorher schon einmal mit einem Projekt dieser Dimension zu tun?

Nein, und offen gestanden weiß ich nicht, ob ich das Zutrauen in sie gehabt hatte. Aber Reimar Volker bezog die deutsche Restauratorin Renate Kant mit in das Projekt ein. Sie lebt in Singapur und ist Expertin für tropische Bedingungen. Sie hat die Pläne für die einzelnen Abschnitte der Restaurierung erstellt und den Fortgang der Arbeit teils in Kolkata, teils von Singapur aus begleitet. Am Ende hatten wir ein überaus beglückendes Ergebnis.

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In der Bilderklinik: Renate Kant, Expertin für tropische Bedingungen, leitete die Restaurierung (Foto: Goethe-Institut)

Ein PR-Erfolg auch für INTACH?

Ein Erfolg in jeder Hinsicht. Vielen Bürgern Kolkatas war bis dahin nicht bewusst, dass sie so ein prachtvolles und wertvolles Gemälde in ihrer Stadt haben, sie sahen das Bild zum ersten Mal. Und unsere Restauratoren haben eine Menge dazugelernt. Vor allem haben sie mehr Selbstvertrauen gewonnen.

Erfährt Ihre Bewegung mittlerweile eine breite Akzeptanz?

Die Presse unterstützte uns von Anfang an. Die Regierung hat sich zunächst zögerlich verhalten, aber nach und nach ist ihr die ökonomische Dimension unseres Projekts klar geworden: Die Stadt wird durch unsere Arbeit attraktiver für Touristen, und ebenso für Investoren. Mittlerweile sind auch die Politiker auf unserer Seite, aber eine Volksbewegung ist trotz allem noch nicht daraus geworden.

Mit welchen Schwierigkeiten sind Sie in Ihrer Arbeit nach wie vor konfrontiert?

Mit mehr, als ich aufzählen konnte! (Lacht). Zunächst mal ist die Geldbeschaffung immer ein Problem. Was aber schwerer wiegt: Der Bevölkerungsreichtum in Indien lässt die Grundstückspreise explodieren. Es gibt eine starke Baulobby, die Interesse daran hat, alte Gebäude abzureißen und an ihrer Stelle höhere zu errichten. Und schließlich fuhren die klimatischen Bedingungen dazu, dass kulturelles Erbe in privater Hand – Bucher, Manuskripte, Gemälde – verfällt.

Kulturerhalt gilt als Luxus?

Sie dürfen nicht vergessen: Indien hat große Probleme, etwa was die Bereiche Gesundheitssystem, Infrastruktur und Bildungswesen betrifft. Da setzt die Regierung oft Prioritäten. Nicht zu unrecht, verstehen Sie mich nicht falsch. Auf der anderen Seite bin ich überzeugt: Man kann nicht ohne seine Geschichte leben.

Mit einer Gruppe indischer Konservatoren haben Sie auf Einladung des Goethe-Instituts die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und die Staatlichen Museen zu Berlin besucht. Inwiefern profitiert der Kulturerhalt vom internationalen Austausch?

Darüber haben wir viel diskutiert. Wir haben ein beeindruckend hohes Niveau erlebt, was Arbeitsprozesse, Ausstellungspraxis, Archivierung und Dokumentation betrifft. Aber vieles davon, schon die Lagerung, lässt sich nicht einfach auf indische Verhältnisse übertragen. Durch die höhere Luftfeuchtigkeit und Wärme sind unsere Bilder beispielsweise von Pilzbefall bedroht, mit diesem Problem hat kein deutscher Konservator zu kämpfen. Man muss sehen, was unter unseren Bedingungen praktikabel ist. Und wie wir den größtmöglichen Nutzen aus der Forschungsarbeit ziehen können, die wir gesehen haben.

Was können die deutschen Konservatoren umgekehrt von Ihnen lernen?

Mit welchen Problemen wir konfrontiert sind und wie wir sie unter weit weniger guten Bedingungen meistern. Zum Beispiel verwenden wir bei der Restaurierung viele organische Pigmente und Pestizide. Ich bin davon überzeugt, dass ein Austausch immer für beide Seiten bereichernd ist.

Haben Sie schon ein neues Projekt in Angriff genommen?

Noch ist nichts spruchreif. Aber eines meiner Vorhaben befasst sich mit der Konservierung von Tonaufnahmen. In Kolkata haben wir eines der ältesten Tonstudios Indiens, vielleicht sogar dieses Teils der Welt. Nachdem der Phonograph erfunden wurde, richtete die britische EMI eine Zweigstelle in Kolkata ein. Wir haben Aufnahmen, die bis ins Jahr 1910 zurückreichen. Der erste Hindi-Song, der jemals aufgenommen wurde, lagert in den Archiven. Über dieses und andere Projekte sind wir im Gespräch mit den Verantwortlichen des Goethe-Instituts. Wir wollen die Partnerschaft auf jeden Fall fortsetzen.

Die Fragen stellte Patrick Wildermann

Der Indian National Trust for Art and Cultural Heritage (INTACH) ist eine 1984 gegründete Nicht-Regierungs- und Non-Profit-Organisation mit Hauptsitz in Delhi, die sich dem Erhalt und der Restaurierung des kulturellen Erbes des Landes verschrieben hat. INTACH setzt sich unter anderem auf der Gesetzesebene für den Denkmalschutz ein und dokumentiert bewahrenswerte Bau- und Kunstwerke. Mit sogenannten „Heritage Walks“ in den Städten sowie Workshops und Seminaren an Schulen will die Organisation mehr öffentliches Bewusstsein für ihre Anliegen schaffen. Seit 1996 verleiht sie den „INTACH Heritage Award“ für Verdienste um das kulturelle Erbe. INTACH unterhält Zweigstellen in 117 indischen Städten, außerdem in Belgien, Großbritannien und den USA.

G. M. Kapur lebt als Unternehmensberater in Kolkata. Seit der Gründung 1984 engagiert er sich für den Indian National Trust for Art and Cultural Heritage (INTACH) und leitet seit 1993 die regionalen Zweigstellen Westbengalen und Kolkata. Er berät die Regierung in Fragen des Kulturerhalts und des Denkmalschutzes und ist der Gründer des INTACH Art Conservation Centre in Kolkata.


Diesen Text haben wir der aktuellen Ausgabe des Goethe-Magazins entnommen. Noch mehr spannende Reportagen, Hintergründe und Interviews zum Thema finden Sie in der Ausgabe „Kultur und Entwicklung“.
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