Fußball

Piotr, Ioannis und Nando: Die Kinder von Einwanderern sind in der Nationalmannschaft angekommen

Der deutsche Stürmer Nando Rafael (M) bejubelt mit seinen Teamgefährten Aaron Hunt (l) und David Odonkor (r, hinten) eines seiner beiden Tore zur Führung gegen Wales. Copyright: dpa – Report/Foto: Jens WolfLange Zeit wurde der Deutsche Fußball-Bund (DFB) für seine schlechte Nachwuchsarbeit kritisiert – immer wieder auch dafür, dass hierzulande geborene Spieler aus Migrantenfamilien erfolgreich von den Nationalteams des Heimatlandes ihrer Eltern angeworben werden. Erst in jüngster Zeit entscheiden sich immer mehr dieser Spieler für die deutschen Auswahlteams.

Malik Fathi, Ioannis Masmanidis, Piotr Trochowski, David Odonkor (Shooting Star der deutschen A-Mannschaft bei der WM 2006), Nando Rafael: Ein Blick auf die Liste der Spielernamen genügt, um zu erkennen, dass die Kinder aus Migrantenfamilien im Nationalkader angekommen sind. Endlich – so meinen nicht nur Fußballexperten, sondern auch Politiker, die sich für Integration engagieren.

Der DFB denkt um

„Wir müssen umdenken und auf Eltern junger Ausländerkinder zugehen, um sie für den deutschen Fußball und für die deutsche Jugendnationalelf zu gewinnen.“ Diese Forderung kam von DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, als Deutschland bei der Fußball-WM 1998 schmerzlich früh ausgeschieden war. Damals gewann der Gastgeber Frankreich den Titel: mit vier farbigen und zwei aus Nordafrika stammenden Spielern. Allerdings mussten erst sieben lange Jahre vergehen, bis das Umdenken auch sichtbare Erfolge zeitigte.

Die deutschen Spieler (v.l.) Malik Fathi, Mike Hanke und David Odonkor feiern ihren Erfolg bei Spielende am 15.11.2005 in der BayArena in Leverkusen. Copyright:  dpa – Report/Foto: Rolf Vennenbernd

Doch mittlerweile gelingt es dem Deutschen Fußball-Bund zunehmend, Spieler mit Migrationshintergrund, wie die Behördensprache es formuliert, für die deutsche Nationalelf zu gewinnen. Der DFB versucht die Talente frühzeitig – und das heißt: möglichst vor den konkurrierenden Ländern – anzusprechen und auch die Vereine leisten Überzeugungsarbeit für das deutsche Auswahlteam.

Dabei gilt für Ulli Stielike, den Trainer der „U 20“-Auswahl, seit langem: „Wir müssen behutsam vorgehen, der Spieler muss sich mit Deutschland identifizieren und sich selbst für unser Land entscheiden. Sonst wird er in seinem kulturellen Umfeld und im Sport immer ein Außenseiter sein.“

Multikulti-Team ohne Vorurteile

Damit hat Dieter Eilts in seiner „U 21“-Mannschaft offenbar keine Probleme. „Alle diese Spieler fühlen sich als Deutsche“, sagte der 41-Jährigte der Süddeutschen Zeitung, „ihre Wurzeln spielen bei der täglichen Arbeit keine Rolle.“ Und: „Die Spieler haben viel Achtung und Respekt voreinander.“

Die Spieler teilen diesen Eindruck. „Hier guckt niemand nach der Hautfarbe, es geht nur um die Leistung“, sagt Nando Rafael, der für Hertha BSC Berlin stürmt. Der gebürtige Angolaner, der als Neunjähriger nach dem Tod seiner Eltern vor dem Bürgerkrieg zunächst in die Niederlande floh, hatte sich im Sommer 2005 entschieden, für Deutschland zu spielen. Mit seinen beiden Treffern gegen Tschechien hat er das deutsche Nationalteam in die EM-Endrunde geschossen.

Auch Piotr Trochowski vom Hamburger SV, der im polnischen Tczew geboren wurde und im Alter von fünf Jahren nach Hamburg kam, hat sich gegen sein Herkunftsland entschieden – und damit für das Land, in dem er ausgebildet wurde und seine ersten fußballerischen Erfolge hatte.

Trendwende bei Spielern aus Einwandererfamilien

Man könnte meinen, dass der Fall bei Spielern aus Migrantenfamilien, die in Deutschland geboren wurden, anders liegt. Doch: Die Entscheidung für das deutsche Team ist in der Breite für deutsche Verhältnisse ein relatives Novum. Eine ganze Fußball-Generation von Deutschen mit türkischen Eltern hat sich in den letzten Jahren gegen die deutsche und für die türkische Nationalmannschaft entschieden – so etwa Nuri Sahin, Yildiray Bastürk sowie Hamit und Halil Altintop.

Nun zeichnet sich auch bei den Migranten der dritten Generation eine Trendwende ab. Das jüngste Beispiel ist Gonzalo Castro, der als Sohn spanischer Eltern in Wuppertal geboren wurde. Er hat sich im November 2005 für die deutschen Junioren entschieden. „Es war sicherlich die schwierigste Entscheidung in meinem bisherigen Leben. Aber ich fühle mich in Deutschland zuhause. Ich wurde hier ausgebildet und habe auch hier das Fußballspielen gelernt“, erklärte Castro. „Einerseits ist es eine Entscheidung aus Dankbarkeit meinem Klub und dem DFB gegenüber, andererseits ist es auch Ausdruck meines Heimatgefühls zu Deutschland und zu der Region, in der ich aufgewachsen bin.“

Der deutsche Verteidiger Marvin Matip am Ball am 15.11.2005 in der BayArena in Leverkusen. Copyright:  dpa – Report/Foto: Rolf VennenberndGanz ähnliche Motive waren wohl auch für die anderen Spieler der „U 21“ ausschlaggebend: für den Berliner Malik Fathi, der einen türkischen Vater hat, den Bündener David Odonkor, dessen Vater aus Ghana stammt, den Bochumer Marvin Matip, dessen Vater Kameruner ist, oder den Leverkusener Ioannis Masmanidis, der griechische Eltern hat.

Die Nationalmannschaft als Spiegel der Gesellschaft

Dass sich die neue Generation von Einwandererkindern nun anders entscheidet, wird nicht nur vom nach Talenten suchenden DFB begrüßt. Für den Europaparlamentarier Cem Özdemir hat „das auch eine positive Signalwirkung in die deutsche Mehrheitsgesellschaft hinein“.

Langsam werden diese Spieler in das A-Team der Nationalmannschaft hineinwachsen, so dass bei der WM 2010 auf der Mannschaftsliste neben Michael und Thomas Vornamen wie Hamit und Gonzalo, Piotr und Nando hoffentlich eine Selbstverständlichkeit sein werden.

Dagmar Giersberg
arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
Juli 2006

Links zum Thema