68er-Revolten… und vierzig Jahre danach

Muxe: das dritte Geschlecht

'Amaranta', Jorge Gómez Regalado im Alter von 26 Jahren, Copyright: Vittorio D'OnofriAusgerechnet in Mexiko, dem Land des Machismus, gibt es einen Ort, der sich deutlich von seiner Umgebung unterscheidet: Juchitán, die Stadt mit mehr als zwei Geschlechtern.

Juchitán ist anders: Diese Stadt am Isthmus von Tehuantepec mit ihren rund 90 000 Einwohnern passt so gar nicht in das Bild des vom Machismo geprägten Mexiko. Im Handel und im gesellschaftlichen Leben haben hier die Frauen das Sagen und Männer können sich, wenn sie wollen, ganz offen als Frauen geben. Die muxe' (gesprochen „musche“, vermutlich aus dem Spanischen mujer [Frau] abgeleitet) werden in ihrer Andersartigkeit nicht nur akzeptiert, sondern geschätzt. Sie gelten als besonders fleißig, was kein Wunder ist, denn sie beweisen der Gesellschaft ihren Status als drittes Geschlecht, indem sie sich in den Arbeitssparten der Frauen besonders hervortun. Da die Arbeiten der Frauen in Juchitán hoch angesehen sind, haben die muxe' es hier auch leichter als anderswo, die männliche Geschlechtsidentität hinter sich zu lassen. Frauen und muxe' sind Händlerinnen und Handwerkerinnen, vor allem zuständig für die Lebensmittel und die köstlichen Gerichte sowie für die Stickkunst, die Heilkünste, die Töpferei und für die zahlreichen Feste im Jahreszyklus, die sie mit Essen, Trinken und dem Schmuck des Festplatzes versorgen. Männer sind für die Primärgüter zuständig, nämlich für die Ackerfrüchte und den Fischfang, sie sind Handwerker in den männlichen Gewerken wie Hausbau, Schreinerei, Hängemattenweberei und Goldschmiedkunst, aber auch für Musik, Malerei und Poesie. Männer geben ihre Produkte in die Hände der Frauen, die sie vermarkten. Die Frau verwaltet das gesamte Geld, also auch den Erlös aus dem Verkauf seiner Produkte, wie auch den Lohn, den die nach wie vor wenigen Lohnarbeiter ungeschmälert aushändigen. Denn Geldangelegenheiten gehören ins weibliche Ressort.

Und die Erotik, die Sexualität? Muxe' gelten als besonders erotisch. Wenn sie auf den Festen erscheinen, geschminkt, Schmuck behängt, mit Blumen im Haar, und sich zu den Frauen in die ersten Reihen um den Tanzplatz setzen, dann recken alle die Hälse, – auch die Männer auf den hinteren Plätzen, wenn auch weniger auffällig, damit ihr sexuelles Interesse an den muxe' nicht sogleich Zielscheibe laut tönender Spötteleien wird. In den letzten Jahren ziehen die muxe' zunehmend die reich bestickte Tracht der Juchitecas statt der schwarzen Hose und des weißen Hemds für die Feste an, was bei einigen Frauen Unmut auslöst, weil sie von den gleich Königinnen gewandeten und ähnlich hoch geachteten Frauen nicht mehr zu unterscheiden sind. Da fällt schon mal der trotzige Spruch eines muxe' gegenüber einer Kritikerin: „Ich bin sogar mehr Frau als Du!“. Auch wird gemunkelt, dass manche Frau aus Konkurrenz um die sexuelle Aufmerksamkeit der Männer oder eines bestimmten Mannes sich so kritisch äußern würde. Denn der Sexualpartner des muxe' ist der Mann, der dafür aber weder als homosexuell, noch als bisexuell betrachtet wird.

Die meisten Männer machen als Heranwachsende ihre ersten sexuellen Erfahrungen mit einem muxe', viele kehren im erwachsenen Alter wiederholt zu dieser Erfahrung zurück, meist in Verbindung mit hohem Alkoholkonsum. Aber es gibt auch Männer, wenn auch selten, die in einer festen Beziehung mit einem muxe' leben, ohne dass sich an ihrem männlichen Status etwas ändern würde. Genauso gibt es, wenn auch ebenso selten, muxe', die in einer festen Beziehung mit einer Frau leben und Kinder haben, ohne dass sich deshalb etwas an ihrem muxe'-Status ändern würde. Verpönt hingegen ist die sexuelle Begegnung zwischen muxe'; sie gilt als Tabubruch im sexuellen Regelwerk.

Wie sollen wir diesen anderen Umgang mit Geschlechtsidentitäten nach unserem mitteleuropäischen Kategoriensystem begreifen, beziehungsweise, wie stellt sich Geschlechtsidentität hier und dort überhaupt her? Erhellend ist in diesem Zusammenhang das Ergebnis der kleinen Umfrage eines österreichischen Freundes unter den muxe' von Juchitán aus dem Jahr 2004. Wie würdet Ihr Euch entscheiden, so fragte Georg Brandenburg für die Feldstudie „Transgender und gesellschaftliche Normen“, wenn Ihr wie in Österreich die Möglichkeit bekommen würdet, Euch mit bester medizinischer Betreuung operativ und mit Hormongaben in eine Frau verwandeln zu können? Keiner der befragten muxe' fand die Idee interessant, sondern eher befremdlich: „Nein, das würde doch nichts ändern. Dann wäre ich ein muxe' in einem Frauenkörper“, antwortete einer. Besser kann die Identität als drittes Geschlecht, ja, die Existenz des dritten Geschlechts kaum noch manifestiert werden. Denn in Juchitán werden Natur und gesellschaftliche Geschlechts-„Konstruktion" nicht, wie im gender-Begriff, voneinander getrennt, sondern Natur wird immer auch als gesellschaftlich geformt begriffen – die der muxe' wie die der Frauen und der Männer. Sozusagen Biologie pur gibt es nicht.

Eine wichtige Rolle bei der Definition der geschlechtlichen Zugehörigkeit spielt die Arbeit. Nicht obwohl, sondern weil es in Juchitán eine deutlich markierte geschlechtliche Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau gibt, kann sich in Bezug darauf ein drittes Geschlecht definieren. Bei uns hingegen wird, in den letzten Jahren durch Dekonstruktivismus und Genderdiskurs verstärkt, die Auflösung aller biologischen Geschlechtszuordnungen als Voraussetzung für die freie Entscheidung zu einer Geschlechtsidentität jenseits der heterosexuellen Norm angesehen. Dahinter steht die abendländische Vorstellung von der Natur als beschränkendes Reich der Notwendigkeit, so dass die Auflösung des Naturzusammenhangs als der Schritt zur Befreiung von der Zwangsheterosexualität verstanden wird.

Vermittelt über die klare geschlechtliche Arbeitsteilung definiert sich in der zapotekischen Isthmusregion auch ein viertes Geschlecht, die marimacha. Das ist die Frau, die sich mit der männlichen Sozialrolle identifiziert, die Männerarbeit tut und meistens in einer Frauenbeziehung lebt. Anders als die muxe', die durchgängig sagen, sich schon als Kind auf der Frauenseite gefühlt zu haben, sind nicht wenige marimachas erst als Erwachsene, auch noch nach der Geburt von Kindern, zu einer solchen geworden. Anders als die muxe' werden die marimachas weniger leicht als eigenständiges Geschlecht akzeptiert. Das mag an dem hohen Prestige der Frau in der Gesellschaft der binnizá (wie sich die Zapoteken selbst nennen) liegen, auf das sie verzichten, wenn sie zum Mann werden, wohingegen die muxe' es für sich erobern. Wie dem auch sei, die Arbeit, prägt bei allen gleichermaßen die Geschlechteszugehörigkeit.

Arbeit ist in Juchitán ein Ausdruck des Körpers; es ist die Verbindung der menschlichen Leiblichkeit, der menschlichen Natur mit der umgebenden Natur, mit den Stoffen der Natur und vermittelt darüber mit der Gemeinschaft. Durch die Arbeit realisiert sich die ganze Person in der Welt, mit Geist, Seele, Körper, Sexualität und Können. So ist Händlerin-sein eine Fähigkeit, mit der die juchitekische Frau geboren wird, sozusagen als sekundäres Geschlechtsmerkmal. Deshalb ist ein Mann, der Handel treibt, auch ein muxe'. Entsprechend wird der Markt, d.h. werden die Stände in der Markthalle und in den angrenzenden Straßen, ebenso wie der Fernhandel und die Bankgeschäfte von Frauen betrieben. Wenn sie dann auf den Festen den Goldschmuck zur Schau tragen, den sie durch ihre Arbeit erworben haben, dann verstehen die Betrachter intuitiv, wie eng dies mit ihrer sexuellen Attraktivität verknüpft ist. Ihr Talent als Händlerin zu entfalten, erfüllt die Frau mit Zufriedenheit und Stolz. Das gleiche gilt für den Mann und seine Berufung zum Ackerbau und zum Fischfang. Frauen hingegen sind weder Bäuerinnen noch Fischerinnen, es sei denn, sie sind marimachas. Weil die unmittelbare Tätigkeit zugleich Entfaltung des Lebens bedeutet, streben die Menschen in Juchitán nicht danach, Lohnarbeit zu verrichten und auch nicht ihre Arbeit durch LohnarbeiterInnen verrichten zu lassen.

So besteht die Wirtschaft von Juchitán aus unzähligen Selbständigen, nicht nur mit einer klaren Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern, sondern auch mit einer hohen Arbeitsteilung zwischen den Frauen. In Juchitán gibt es keine Hausfrauen; jede Tätigkeit wird als produktiv geschätzt und ihr Produkt kann als Ware gehandelt werden. Nur die Arbeitskraft selbst wird nicht zur Ware. Jede Frau und jeder muxe' ist auf unterschiedliche Produktionsbereiche spezialisiert, die bei uns meist zur Hausarbeit zählen und von einer Frau allein getan werden, dort aber für den Markt bestimmt sind: Kakao zubereiten, Früchte einlegen, Maispasteten backen, den Spitzensaum des Festgewandes waschen und stärken usw. Die ganze Stadt ist somit ein großer, über den Markt vermittelter Haushalt. Oder anders ausgedrückt, die naturnahe Subsistenzarbeit, also die Arbeit an dem, was zum alltäglichen Überleben notwendig ist, wird in Juchitán nicht gering geschätzt. Anders als bei uns besteht das Ziel nicht darin, sich von dieser Arbeit zu befreien, sondern sie gut zu tun.

Liegt es an der herausragenden wirtschaftlichen Stärke der Frau, dass die muxe' gesellschaftlich so akzeptiert sind, und dass die Mütter sich freuen, wenn einer ihrer Söhne sich als muxe' entpuppt? Diese Vermutung wird oft geäußert. Sie ist aber nur die halbe Wahrheit. Die ganze Wahrheit lautet, dass dieses so andere Gesellschafts-, Wirtschafts- und Kultursystem auf einem anderen Naturverständnis beruht als bei uns. Sobald die Arbeitskraft zur Ware wird, der Mensch also keine konkrete Tätigkeit mehr ausübt, die den Sinn im unmittelbaren Nutzen des Arbeitsergebnisses hat, sobald also um eines abstrakten Geldlohns willen gearbeitet wird, verschwindet auch die Erotik des Tuns und damit auch die Möglichkeit, die menschliche Natur durch die Arbeit zu realisieren.

So gesehen tun sich die muxe' gewiss keinen Gefallen, wenn sie beginnen, sich als gay zu verstehen, wenn sie, angestachelt von den Filmkameras der Touristen und internationalen Fernsehsender, ihr großes Fest im Jahreszyklus zu einer Travestieshow umfunktionieren, und wenn sie bei den anderen Gemeinschaftsfesten das juchitekische weibliche Prachtgewand tragen wie eine drag queen. Mögen die gütigen Göttinnen ihrer Vorfahrinnen sie vor diesem Verlust ihrer Identität bewahren!

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Veronika Bennholdt-Thomsen
ist Ethnologin und Soziologin mit einem Arbeitsschwerpunkt in Mexiko. Sie hat wichtige Beiträge zur Frauenforschung in Deutschland geleistet. Von ihr erschienen zahlreiche Bücher und Artikel zu folgenden Themen: Soziale Bewegungen von Bauern und Frauen, feministische Gesellschaftstheorie, alternative Wirtschaftstheorie. Sie ist als Hochschulprofessorin tätig, zurzeit an der Universität für Bodenkultur, in Wien, Österreich, und leitet das außeruniversitäre "Institut für Theorie und Praxis der Subsistenz" in Bielefeld.

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