Die Kunst der Unabhängigkeit ... und einige Überlegungen zum Heldentum

„Helden feuern uns an!“

Glyptothek München, Skulptur des mythischen Königs Laomedon, 490/480 v. Chr. Aus dem Ostgiebel des Aphaiatempels von Ägina, Foto: Fabian Mohr Susan Neiman über eine Neubelebung des Heldentums, Alltagshelden und das Stigma der Kriegshelden.

Die US-amerikanische Philosophin Susan Neiman, die 2008 das Buch Moral Clarity – A Guide for Grown-Up Idealists  (dt. Moralische Klarheit – Leitfaden für erwachsene Idealisten, 2010) publizierte – von der New York Times zum wichtigsten Buch des Jahres gekürt –, leitet das Einstein Forum Potsdam. Dort veranstaltete sie im vergangenen Jahr unter dem Titel „Verdammte Helden“ eine Tagung, bei der ihr Plädoyer für eine Rehabilitierung des in der Moderne obsolet gewordenen Heldentums Denkanstoß war.

Jan Kixmüller: Frau Neiman, Helden sind doch eine Kategorie von gestern, warum hat man sich nun am Einstein Forum auf einer großen internationalen Tagung Gedanken über das Thema gemacht?

Susan Neiman: Es wird zwar behauptet, dass Helden von gestern sind. Allerdings hat eine sehr wichtige historische Umkehrung stattgefunden. Früher wurde man ausgezeichnet für eine Heldentat, seit einem halben Jahrhundert aber wird man eher dafür geehrt, was man erlitten hat, was einem angetan wurde. Eine wichtige Entwicklung die mit dem Antikolonialismus anfing, mit der Erkenntnis, dass die Opfer der Geschichte vergessen worden waren, dass nur die Sieger die Geschichte geschrieben haben.

Der Begriff vom Helden wurde durch die Weltkriege diskreditiert.

Das Heldentum war so sehr an militärische Taten gebunden, dass man vielerorts nichts mehr davon hören wollte. Die Folgen für die Moral sind aber verheerend, denn eigentlich sollten die Menschen Anerkennung für ihre Taten bekommen. Daher plädiere ich für eine Neubelebung des Heldentums. Ich suche beispielsweise nach Helden der Aufklärung. Natürlich vergesse ich dabei nicht die Opfer.

Wir brauchen also mehr Helden?

Unbedingt. Dass wir Vorbilder brauchen, wissen wir bereits. Das Problem ist aber, dass Vorbilder eher steril sind. Uns fehlt ein robuster, auch emotional besetzter Begriff wie der des Helden. Wenn wir etwas gegen Ausländerfeindlichkeit tun wollen, bringt es leider nur wenig, über die Opfer zu berichten. Das berührt meist nur wenige. Was uns allerdings berührt, sind Geschichten von mutigen Menschen, die selbst etwas gegen Rassismus getan haben. Das feuert uns an!

Welche Funktion erfüllen also die Helden heute?

Sie erweitern unseren Begriff des Möglichen. Sie zeigen uns, dass mehr möglich ist, als wir annehmen. Wir könnten mehr von der Welt haben, und wir könnten der Welt mehr geben, als wir in unseren festgefahrenen Bahnen denken.

Helden sind aber auch eine Frage des Blickwinkels. Für die einen sind Gandhi oder Jesus Helden, für die anderen Terroristen oder Diktatoren.

Das stimmt. Man sagt ja nicht umsonst, mein Terrorist ist dein Freiheitskämpfer. Ich habe versucht mir vorzustellen, ob ich Osama bin Laden folgen würde, wenn ich in Karatschi geboren wäre. Das ist mir nicht gelungen. Gut nachvollziehen kann ich diese Überlegung allerdings anhand des amerikanischen Freiheitskämpfers John Brown. Ein weißer Bauer, der kurz vor dem amerikanischen Bürgerkrieg die Sklaverei so verabscheute, dass er terroristische Feldzüge gegen seine Nachbarn unternahm. Für viele ist er ein Held, der gezeigt hat, dass man Krieg führen muss, um die Sklaverei zu beseitigen. Die Frage ist nun, ob er ein Held war oder nicht. Ich kann es noch nicht beantworten. Mich stört aber, dass man sagt, er sei kein Held, weil er umstritten ist. Das ist absurd. Gerade hier fangen die Fragen für uns an. Ein Vergleich: Das Schönheitsideal hat sich von füllig zu schlank gewandelt. Trotzdem stellt doch niemand infrage, dass es Schönheit gibt.

Die Tagung am Einstein Forum trug den Titel „Verdammte Helden“ – „verdammt“, weil uns der Begriff in die Falle der Ambivalenz führt?

Genau. Wir haben das lange und kontrovers im Einstein Forum diskutiert. Es gibt unterschiedliche Konnotationen zwischen dem englischen und dem deutschen Begriff. Der deutsche Begriff ist verhafteter, durch Kriegshelden stigmatisiert. Natürlich gibt es auch heute noch ehemalige Wehrmachtskämpfer, die sich an ihren NS-Auszeichnungen erfreuen. Aber deshalb das Heldentum per se abzulehnen, würde bedeuten, das Kind mit dem Bad auszuschütten.

In den Medien sind nun die Helden des Alltags aufgetaucht, vom Feuerwehrmann bis zum Gewerkschaftsführer.

Das ist relativ neu, vor fünf Jahren noch ging man vorsichtiger mit dem Begriff „Held“ in Deutschland um. Nun haben wir etwa eine Werbekampagne „Held der Liebe“ für ein Potenzmittel. Was natürlich absurd ist. Man sollte den Begriff nicht inflationär gebrauchen, sondern nur für etwas Besonderes benutzen. Sonst läuft es auf eine Banalisierung hinaus.

Wer sind Ihre Helden?

Es gibt viele. In Deutschland, etwa die Frauen der Rosenstraße in Berlin. Sie mussten nicht sterben, um Helden zu werden. Es ist falsch, Helden zu Märtyrern zu verklären, die erst sterben müssen, um heldenhaft zu sein. Die Frauen in der Rosenstraße haben in der NS-Zeit so lange vor dem Gefängnis gestanden, bis sie ihre jüdischen Männer wieder hatten. Ein Held muss kein Superheld sein, er kann auch ganz menschlich sein. Sie finden Helden auch im Beirat des Einstein Forums. Etwa David Schulman, ein israelischer Professor, der jedes Wochenende in den besetzten Gebieten verbringt, wo er unter Einsatz seines Lebens zusammen mit arabischen Friedenskämpfern den von jüdischen Siedlern bedrohten Palästinensern hilft. Oder auch Breyten Breytenbach, der in Südafrika gegen die Apartheid vorgegangen ist.

Was ziehen Sie aus dem Wissen über diese Helden?

Optimismus. Helden motivieren mich. Wenn ich über das Böse nachdenke, kann ich mit mir recht zufrieden sein. Auch wenn ich einige schlechte Seiten habe, habe ich doch nichts wirklich Böses getan. Wenn ich aber an Helden denke, habe ich das Gefühl, noch ein bisschen mehr aus meinen Leben machen zu können. Das gibt mit Kraft und Hoffnung.


Das Interview erschien zuerst in den Potsdamer Neuesten Nachrichten vom 17. Juni 2009
Jan Kixmüller
(1969, Frankfurt a. Main)
studierte Politische Wissenschaften, Publizistik und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin und arbeitet als Journalist, seit 2000 als Redakteur für Wissenschaft und Hochschule bei den Potsdamer Neuesten Nachrichten.

Susan Neiman
(Atlanta, Georgia)
ist Direktorin des Einstein Forums in Potsdam. Sie studierte Philosophie an der Harvard University und an der Freien Universität Berlin und unterrichtete Philosophie an der Yale University und an der Universität von Tel Aviv. Sie publizierte u. a. Slow Fire: Jewish Notes from Berlin (1992) und Thought and Moral Clarity: A Guide for Grown-up Idealists (2008; dt. Moralische Klarheit – ein Leitfaden für erwachsene Idealisten, 2010). www.susan-neiman.de

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