Rhetorik der Krise

Kreativwirtschaft

Die K-Klasse. Kreativhotels, Kreativkieze, Kreativetagen und Kreativbeauftragte: Berlin sieht sich als Zukunftslabor einer neuen, wissensbasierten Ökonomie. Aber was ist das eigentlich, Kulturwirtschaft? Und was passiert mit der Kultur, wenn sie marktgängig wird? Eine Recherche in der „Hauptstadt der Innovation“

Wenn Alexander Dürr über sein Berliner Hotelprojekt spricht, ist viel von Akzenten die Rede. Mit dem integrierten Musikstudio hoch über den Dächern von Berlin wurde einer gesetzt, mit W-LAN und iPod-Anschluss in jedem der 304 Zimmer, nicht zuletzt natürlich mit dem Gitarren-Roomservice. „Das Thema spielen“, nennt Dürr das, „die Inhalte dazu bringt die Stadt mit“: Musik, Kunst und Mode, hervorgebracht von einer lebendigen Szene.

Es ist ein Hotel für die „kreative Klasse“, das Ende November im alten städtischen Osthafenareal eröffnet hat. Bereits der Name – „nhow“ –  signalisiert Kompetenz bei der Erschließung ideeller Ressourcen. „Bewusst“ habe man sich für die Metropole Berlin entschieden, denn „Kreativität, Lust an Veränderung und eine starke Anziehungskraft auf internationale Künstler bestimmen den Rhythmus der Stadt“. Dass dieses geballte Stück Firmenbekenntnis einem noch drei Wochen vor Eröffnung zwischen Zementsäcken und wehenden Plastikplanen überreicht wurde, entbehrt indes nicht der Symbolik.

Die kreative Zukunft, sie gleicht einer offenen Baustelle, auf der die verschiedensten Interessen sich begegnen: Risikoinvestment trifft auf Standortpolitik, Stadtmarketing auf touristischen Unternehmergeist, künstlerisches Potenzial auf die Begehrlichkeiten eines modernen Kultur- und Entertainmentkapitalismus. Seit Jahren wirbt Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit dafür, die Hauptstadt zu einer „Topadresse für die Kreativen der Welt“ zu entwickeln. Aber nicht nur in Berlin träumt man von einer glänzenden Zukunft im Zeichen neuartiger, wissens- und kreativitätsbasierter Ökonomien. Ob man nach Frankfurt am Main schaut, nach Hamburg, Leipzig oder Oberhausen, überall, wo die traditionelle Industrie im Niedergang begriffen ist, gibt es ähnliche Initiativen, und jede führt beschwörend das K-Wort im Munde. „Kreativwirtschaft“ ist eines jener hochauflösenden Brausewörter der Innovation, das auf seinem Weg durch Lobbys und Gremien eine Wirklichkeit eigener Art generiert. Wie aber lässt sich künstlerische Arbeit tatsächlich in Wertschöpfung umsetzen? Und was ist das genau, die „kreative Klasse“?

Die Kapitalisten von morgen

Wer sich in Berlin, der Stadt mit dem bundesweit höchsten Anteil an Kreativberuflern, auf die Suche begibt, stellt schnell fest, dass der Geist des Kreativen keine einheitliche Existenzweise kennt: Er weht, wo er will, und ist entsprechend schwer dingfest zu machen. Ähnlich vage bleibt der Begriff der kreativen Klasse selbst. Die „kreative Klasse“ – erstmals in die Debatte gebracht vom US-Soziologen Richard Florida – ist weder eine homogene Schicht, noch stellt sie eine Klasse im marxistischen Sinn des Wortes dar, sie zerfällt in eine Fülle von Szenen und Unterszenen. Im Einzelfall können sie nachweisbare unternehmerische Erfolge aufweisen. An ihrem unteren Rand verliert sich ihre Spur in Kreativetagen, Hinterhofbüros sowie kleinen Galerien mit Zwischennutzungsverträgen. Und doch sind es gerade die in Szenen eingebundenen Kleinstakteure, in denen sich Florida zufolge Zukunft inkorporiert: Hier werden Handlungsweisen erprobt, die im Kern bereits betrieblich organisiert und auf Dauer wirtschaftlich relevant werden könnten. Plakativ und etwas verkürzt gesagt: Die Slacker von heute sind die Kapitalisten von morgen.

Wenn Anna Franke ihre Karriere überdenkt, gehen ihr manchmal die Maßstäbe verloren. Einerseits hat alles ganz gut geklappt, nach der Schule für Modedesign kam direkt der Schritt in die Selbstständigkeit: Zusammen mit anderen Absolventinnen und einem halben Dutzend junger Architekten mietete sie ein großes, überaus günstiges Atelier im Prenzlauer Berg. Kurz darauf kam es auch schon zur Gründung eines eigenen Modelabels, Majaco. Alles schien möglich damals in den Nullerjahren, die die rauschenden Neunziger ablösten. Nachts arbeitete Anna Franke in einem illegalen Club, dem legendären, heute nicht mehr existierenden „Rio“ in der Chausseestraße, wo sie den versammelten Hipstern, Studenten und Projektbastlern Bier und Longdrinks verkaufte, während auf der kleinen Bühne die inzwischen weltberühmte Peaches auftrat. Tagsüber entwarf sie Mode und erstellte einen Businessplan.

Berlins Castingmeile

Heute sitzt Anna Franke, eine Mittdreißigerin mit dunklen langen Haaren, vor ihrem eigenen Laden am Zionskirchplatz und blinzelt in die Herbstsonne. Eigentlich eine Topadresse: Nur ein paar Meter weiter schieben sich Scharen von Jungtouristen durch die Kastanienallee, Berlins berüchtigte, von Einheimischen sarkastisch „Castingallee“ genannte Flaniermeile. Auch hat es unbestreitbar Vorteile, sein eigener Chef zu sein: Niemand sagt einem, wann und wo etwas zu tun ist. Andererseits hat die Bilanz etwas Ernüchterndes. Trotz viel guter Presse, trotz Präsentationen auf ausländischen Modemessen fließt das Geld nur spärlich. „Wir können unseren Gründungskredit abstottern, aber reich werden wir nicht“, sagt Franke über sich und die Kollegin, mit der sie Laden und Label betreibt. Ihren Unterhalt finanziert sie auch mit Barjobs, zur Zeit im „King Size“, wo das Bier zwei Euro mehr kostet als früher im „Rio“. Wenigstens ist man dort unter Freunden, kann Netzwerke knüpfen, Neuigkeiten aufschnappen und weitergeben. Arbeit ist Freizeit. Und Freizeit Arbeit.

Die in der Friedrichstraße gelegene „King Size Bar“ ist einer jener Orte, an denen der Geist der ekstatischen Neunziger eine neuartige Kultur des Informellen und Kooperativen hervorgebracht hat, in der die Einzelnen Mitstreiter, Sympathisanten und gleichzeitig Konkurrenten sind, während die Grenze zwischen Brotjob und „Feierabend“ sich bis zur Unkenntlichkeit verwischt hat. Besonders mittwochs – zur „Künstlernacht“ – herrscht hier eine Atmosphäre, die noch entfernt an die Antiästhetik der illegalen Clubs von einst erinnert: Die Wände der Bar sind nicht wirklich verputzt, das Mobiliar scheint aus alten Eckkneipen zu stammen, vor allem aber: Die Frauen und Männer, die sich vor Anna Frankes Tresen drängeln, sind fast durchweg Kreative. Sie verdienen ihr Geld als Künstlerinnen, Galeristinnen oder Architekten, sie schreiben als freie Journalisten für Internetmagazine, betreiben kleine Musiklabels oder PR-Agenturen. Es ist, als müssten die hier verkehrenden Szenegänger sich durch ihre Anwesenheit bestätigen, dass sie dazugehören zum großen Netzwerk der Informierten.

„Culturepreneurs“ nennt Bastian Lange Leute wie Anna Franke, in Anspielung auf die gefallene Grenze zwischen Ökonomie und Kultur: Der Culturepreneur ist ein Unternehmer seiner selbst, dessen im Nachtleben erworbenes Wissen auch tagsüber eine kapitalisierbare Ressource darstellt. Der Begriff taucht erstmals 1999 bei den britischen Sozialforschern Anthony Davis und Simon Ford auf, Lange hat das Instrumentarium verfeinert und auf die Besonderheiten der Berliner Verhältnisse angewandt, in dem durchaus pragmatischen Bewusstsein, „dass auf der Ebene der Akteure neue Lösungen gefunden werden müssen“. Sein Interesse gilt kollaborativen und temporären Arbeitsformen, die es den Teilnehmern ermöglichen, mal wirtschaftlich und dann wieder experimentell zu arbeiten. „Spielbein-Standbein-Logik könnte man es nennen“, sagt er, während Computerbildschirme im Halbdunkel des Raums vor sich hinglimmen.

Feldforschung unter Culturepreneurs

Wir befinden uns im „St. Oberholz“, jenem in kürzester Zeit vom Symbol zum Klischee der Modernisierung herabgesunkenen Kaffeehaus in Berlin-Mitte, dessen seriell in ihre Laptops starrende Kundschaft bei Außenstehenden mittlerweile das Gefühl erweckt, im falschen Film festzustecken. Lange allerdings, Stadtforscher am Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig und als freier Berater in Sachen Kreativwirtschaft selbst eine Art Wissenschaftsentrepreneur, betreibt hier noch immer gern Feldforschung. Einerseits ist das ja „schon ein bisschen verrückt, dass ein kommunikativer Ort genutzt wird, um nicht miteinander zu sprechen, sondern mit anderen“. Und doch handelt es sich keineswegs um verplemperte Zeit. Man agiert auf diversen Kanälen, manövriert sich durch Intensitätsgrade und Präsenzformate. Über Facebook etwa findet Lange zufolge ein komplexes Reputationsmanagement statt: Auf einer scheinbar informellen Ebene wandern Informationen hin und her. Wer die Zeichen zu lesen versteht, macht hier vielleicht die nötigen Kontakte für das nächste Projekt.

In seiner Studie über Die Räume der Kreativszene hat Lange das Informelle wissenschaftlich formalisiert. Der Befund: Gerade aufgrund seiner noch immer niedrigen Mieten bietet Berlin einen institutionellen Rahmen „für die Einführung, Vermittlung und Valorisierung von immateriellen Produkten“. Berlin ist ein Labor, in dem Produktionsweisen der Zukunft auf Serientauglichkeit geprüft werden. Dass die Protagonisten dieses Dauertests als Culturepreneurs unweigerlich marktförmig denken, bereitet Lange kein Kopfzerbrechen: Kunst und Ökonomie seien immer schon verschwistert gewesen, in Deutschland habe man dies nur lange nicht wahrhaben wollen.

Es ist ein radikal illusionsloses Bild vom Künstler, das Bastian Lange zeichnet. Das Kunstreligiöse, das die subversiven Aktionen der Avantgarden umgab, hat sich nach seiner betrieblichen Seite hin ausgenüchtert: Während die alte Boheme ihr Selbstverständnis daraus bezog, dem Erwerbsbürgertum den Krieg zu erklären, hat der Kulturunternehmer von heute erfolgreich verlernt, Gedanken jenseits des Warenförmigen überhaupt nur zu denken. Im Tausch dafür bewegt er sich nicht mehr am Rand, sondern in der Mitte der Gesellschaft, die er mit symbolischen Produkten beliefert: der Avantgardist als kreativer Dienstleister. Lange verschweigt nicht, dass dieser historische Wandel eine Schattenseite hat: In dem Maß, in dem das Selbst nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten organisiert ist, zieht der Staat zieht sich aus seiner Verantwortung zurück. Die Wendung hin zum Culturepreneur bedeutet einen schleichenden Abschied aus der sozialen Verantwortung.

Aber auch das Bild der Stadt selbst hat sich im Lauf nur zweier Jahrzehnte grundlegend verändert. Früher war Berlin die Stadt der Kriegsdienstverweiger und selbsternannten Jugendverschwender, die im Schutz der Mauer ihr Asyl fanden. „Berliner Ökonomie“ bedeutete, weitgehend unbemerkt vom Rest der Republik ein Schattendasein zu führen. Doch gerade die Randlage bot auf die Dauer die besten Voraussetzungen für den Wandel vom Biotop zum Versuchslabor. „Was heute stattfindet, ist eine Mischung aus Talentwettbewerb und neoliberalem Ellenbogengehabe“, konstatiert Lange lächelnd, als handle es sich um einen unvermeidlichen Kollateralschaden. Die Arbeit der Zukunft – sie wird ihren seltsamen Doppelcharakter nicht los: Einerseits bedeutet es einen Autonomiegewinn, zur Avantgarde zu gehören. Doch wehe dem, der sich nicht permanent weiterentwickelt.

Blühende Ideen

Wer bis vor Kurzem aus dem U-Bahnhof Moritzplatz ans Tageslicht emporstieg, stieß dort, am Rand des alten Kreuzberg, auf ein urbanes Brachgelände – Niemandsland, wie man es in anderen Städten nur noch in Außenbezirken vorfindet. Links ein besonders schäbiger, einer Brandmauer vorgelagerter Flohmarkt, daneben ein Autohaus, gegenüber die Reste des ehemaligen Grenzübertritts Heinrich-Heine-Straße: Hier fielen sich 1989 West- und Ostberliner zum Kollaps eines ganzen Systems in die Arme. Inzwischen blühen am selben Ort nicht nur Supermärkte, Menschen mit Umhängetaschen ziehen in kleinen Grüppchen von der U-Bahn-Station in die unscheinbare Prinzessinnenstraße. Ziel ist das Betahaus, ein Zweckbau aus den Sechzigern, der lange leer stand, heute aber auf drei Etagen Kreative verschiedenster Couleur beheimatet. „Wir sind schon ein bunter Haufen“, sagt Madeleine von Mohl, eine selbstbewusste Frau Anfang Zwanzig in Jeans und Stiefeln.

Madeleine von Mohl ist es gewohnt, Besucher durchs Haus zu führen. In dem einen Jahr, das vergangen ist, seit sie das Projekt zusammen mit einigen befreundeten Juristen und Betriebswirten ins Leben gerufen hat, ist ein regelrechter Andrang entstanden. Große Firmen wie Daimler oder SAP schicken ihre Vertreter, Investoren klopfen an. Und es gibt ja auch einiges zu sehen. Gleich im Erdgeschoss ein großzügiges, von Laptoparbeitern bevölkertes Cafe, darüber liegen drei „co-working spaces“ – Fabriketagen mit langen Tischreihen, an denen man „fix-“ oder „flexdesking“ betreibt, sprich: einen festen oder einen temporären Schreibtisch mietet. Verspannte können sich in einem eigenen Massagesalon erholen oder den „Prinzessinnengarten“ nutzen, eine frisch entstandene urbane Kleinoase gleich nebenan. Die lokale Presse spricht von „urban farming“ und lobt die Tatsache, dass auch Migrantenkinder bei der Bepflanzung helfen durften.

Es ist eine Art Musterbetrieb der Kreativwirtschaft, dem von Mohl als Hausherrin und inoffizielle Pressesprecherin vorsteht. Als Unternehmen ist das Betahaus so erfolgreich, dass die Idee gerade in andere Städte exportiert wird. Die hohen Räume zitieren urbane Loftästhetik, der Gastrobereich ist im Loungestil gehalten. Die Stehlämpchen und Sperrmüllsessel wiederum verbreiten eine Atmosphäre provisorischer Behaglichkeit. Niemand in diesen Räumen muss sich als Einzelkämpfer fühlen. Ganz gleich, ob es um journalistische Projekte, ein Konzept für fair gehandelten Kaffee oder die Entwicklung einer neuartigen App geht – überall bilden sich Cliquen und Grüppchen, werden Pläne geschmiedet und Köpfe zusammengesteckt. Atmosphärisch erinnert das Betahaus an einen großen Abenteuerspielplatz. Nicht ganz abwegig ist es aber auch, an eine ökologisch korrekte Legebatterie zu denken. Oder ein Stundenhotel für Kreative.

Welcher Perspektive man aber auch zuneigt, so könnte sie tatsächlich aussehen, die Zukunft der Arbeit: im Team vereinzelt, zu Schwärmen vereint, voll befreit und doch gestresst brüten wir über Aufgaben, in denen Spiel und Anstrengung dasselbe sind. Wir dürfen kreativ sein, aber wir müssen es auch. Wir haben Spaß, aber das Ziel fest vor Augen. Während der Einfall reift, bleibt uns Zeit, etwas Zeit zu verdaddeln, unseren Facebook-Account zu checken oder mit Gleichgesinnten herumzulümmeln, denn all das hat auch etwas mit Arbeit zu tun. Allzu lang aber sollten die Kaffeepausen nicht werden. Was passiert, wenn nichts passiert? Die Ideen auf Dauer ausbleiben? Madeleine de Mohl setzt einen Gesichtsausdruck zwischen Belustigung und milder Nachsicht auf, als hätte bereits der Gedanke daran etwas Absurdes. „Es ist wie in einer WG“, sagt sie dann. „Wer nicht putzen will, fliegt raus.“


Galerie- und Ateliergebäude Brunnenstraße 9

Die Architekten Brandlhuber + ERA, Emde, Schneider haben in der Brunnenstraße 9 in Berlin-Mitte eine Baulücke geschlossen (2008–2010). Aus zwei Investorenruinen aus den 90er-Jahren entstand ein Wohn-, Atelier- und Galeriehaus, das den Duktus des Unfertigen und der Wandelbarkeit beibehält. Die Fassade ist nicht steinern, sondern leicht und wandelbar, und auch die Innenräume zeigen sich wie ein Rohbau und bieten sich improvisierten Nutzungen an, die man in Berlin schätzt.
Thomas Groß (1958, Offenburg)
promovierte in Freiburg über Rolf Dieter Brinkmann. Von 1990 bis 2000 war er Redakteur im Kulturressort der taz (die tageszeitung) in Berlin, seither scheibt er regelmäßig für die Wochenzeitung Die Zeit mit Schwerpunkt Popkultur. Er lebt und arbeitet in Berlin.

Tobias Timm (1975, München)
schreibt für das Feuilleton der Wochenzeitung Die Zeit über Kunst und Architektur. In Berlin und New York hat er Stadtethnologie, Geschichte und Kulturwissenschaften studiert. Er lebt in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Mai 2011
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