Kunstvermittlung

Mischen: possible – eine KunstMittlung

Wie eine Künstlerin versucht, Menschen, die an ihren kuratorischen Projekten teilnehmen, anzustacheln, ihre private Lebenssituation zu überdenken. Ein Erfahrungsbericht – mit einer allgemeinen Einleitung zur Vermittlungsarbeit der NGBK.

Wibke Behrens: Kunstvermittlung in der NGBK

Die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) ist ein Kunstverein, der – aus dem politischen Geist der 68er-Revolte – 1969 in Berlin gegründet wurde und sich in seiner institutionellen Struktur von anderen Kunstvereinen in Deutschland maßgeblich unterscheidet. Das Jahresprogramm und sämtliche Geschicke des Vereins werden basisdemokratisch und nicht hierarchisch mit den Mitgliedern formuliert, diskutiert, entschieden und umgesetzt. So werden die jährlichen Ausstellungen, Publikationen, Veranstaltungsreihen und Diskussionsforen der NGBK als Arbeitsgruppen mit jeweils mindestens fünf Mitgliedern konzipiert und budgetiert, jährlich den Mitgliedern (derzeit 850) vorgestellt und in einer mehrstündigen Versammlung mit den durchschnittlich 100 Anwesenden inhaltlich verhandelt und letztlich abgestimmt. Im Mittelpunkt steht dabei die Verantwortung aller, ein facettenreiches und vielschichtiges Jahresprogramm zu beschließen, welches kritisch Themen der Gesellschaft aufgreift und sich im Kontext der bildenden Kunst mit künstlerischen Positionen und kontroversen Fragestellungen interdisziplinär auseinandersetzt.

Drei Punkte sind bei der Umsetzung der selbst gewählten Thematik zentral: Entscheidungen werden kollektiv getroffen, Fragen der Vermittlung fordern eine konstante Auseinandersetzung, Gesprächsbereitschaft und Kommunikation sind die unabdingbare Voraussetzung dafür.

Dabei erweitert sich der Kreis der Kommunikationspartner vom eher persönlichen Ideenaustausch über die vereinsinterne Diskussion bis zum Dialog mit der Öffentlichkeit: Was soll vermittelt werden? Welche künstlerischen Positionen stehen für die Inhalte? Welche Fragen werden offengelegt, vorab diskutiert oder zur Verhandlung in der Ausstellung zur Disposition gestellt? Was soll kuratorisch mitgeteilt werden, welche Antworten werden im Diskurs angeboten, welche neu generiert – und wie finden sie Gehör? Und bei wem?

Das Publikum der NGBK ist seit jeher international, die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit spiegelt den wachen, thematisch-diskursiven und gesellschaftskritischen internen Anspruch der Institution wider. Die Tatsache, dass die NGBK seit über zwei Jahrzehnten in dem virulenten migratorischen Stadtteil Berlin-Kreuzberg ansässig ist, fordert und fördert die Schaffung von neuen Schnittstellen im Ausstellungsraum. Damit öffnen sich weitere Kommunikationsfelder und andere Vermittlungsflächen.

Diese gewachsene Rezeptionssituation soll optimal genutzt und ausgebaut werden. Dazu vergibt die NGBK seit 2008 jährlich ein Kunstvermittlungs-Stipendium, um zusätzlichen und eigenständigen künstlerischen Vermittlungsraum für neue Fokussierungen und besondere Nahansichten zu schaffen. Vor drei Jahren erhielt die freie Künstlerin und Kunstmittlerin Mona Jas dieses Stipendium, das verlängert wurde. In der abschließenden Publikation Mischen: possible, Kunstvermittlung NGBK 2008–2010, die von der NGBK 2010 herausgegeben wurde, reflektierte sie ihre Erfahrungen.
 
Einige Auszüge aus dem Text sollen hier als Bausteine einen subjektiven und gleichzeitig kontextualisierten Eindruck ihrer Arbeit vermitteln und dazu einladen, sich mit dem Thema der Kunst der Kunstvermittlung zu beschäftigen.


Mona Jas: Mischen: possible

Für den Weg von der theoretischen Abgrenzung von gängigen Vermittlungskonzepten zur praktischen Umsetzung meiner eigenen Vorstellungen bot mir das NGBK-Stipendium eine einmalige Chance. Aus eigener Erfahrung wusste ich, wie wichtig ein freier Zugang zur Kunst in bestimmten Phasen der Entwicklung sein kann. Daher war es mein Anliegen, als Kunstvermittlerin anderen Menschen diese Möglichkeit zu geben und ihre Ideen und Wünsche ins Zentrum meiner Workshops und Projekte zu stellen.

Viele meiner Workshops nahmen inhaltlich Bezug auf die Ausstellungen der NGBK. Aber es lag mir nicht daran, die Gedankenwelt der KuratorInnen und Kunstwerke zu übersetzen. Ebenso wenig gehörte es zu meinem Konzept, einen Rahmen für einen Lernprozess abzustecken, also den TeilnehmerInnen etwas „beizubringen“ oder spezifische Methoden für bestimmte Gruppen zu entwickeln.

Mein Leitspruch war eher, was eine 19-jährige Teilnehmerin an einem Seminar zu Kunst und Kulturpolitik an der FU Berlin so formulierte: „Kunst ist Leben, Kunst ist Vermitteln, und Kunst ist vielleicht auch verbinden, also Menschen verbinden.“ Um Menschen davon zu überzeugen, brauchte ich Zeit, Vertrauen und Verbündete. Das gelang vor allem mit Personenkreisen, mit denen eine kontinuierliche Zusammenarbeit über längere Zeiträume möglich war.

Die „Laien“ ernst zu nehmen, war keineswegs selbstverständlich, geschweige denn sie in den Diskurs der RepräsentantInnen der Kunstszene, die oft gerne unter sich bleiben, einzubinden. Im Sinne von Paulo Freires Pädagogik der Unterdrückten, die „Bildung als Praxis der Freiheit" ansieht, wollte ich nicht, dass TeilnehmerInnen meiner Projekte „fremdes Wissen fressen“, sondern ihre privaten Lebenssituation wahrnehmen und verändern.

Gerade deshalb lag mein Fokus von Beginn an auf einem breiten Spektrum gesellschaftlicher Räume. Für fast zwanzig sehr unterschiedliche Bildungseinrichtungen konzipierte ich verschiedene Formen der Zusammenarbeit, von einmaligen Vorträgen und Workshops bis hin zu langfristigen Projekten und Präsentationen. Jede Institution verlangte eine spezifische Strategie der Kontaktaufnahme, der Projektentwicklung und der Umsetzung.

Da ich mit Jugendlichen und Erwachsenen aus den verschiedensten gesellschaftlichen Räumen gearbeitet habe, stellte ich – beinahe zwangsläufig – immer wieder die (von Lawrence Grossbergs „Identität und Cultural Studies. Soll das alles sein?“ inspirierte) Frage: „In welchem Sinn ‚gehört‘ eine Kultur denn zu einer Gruppe?“ So zeigen zum Beispiel die Debatten zum „Multikulturalismus“, wie selbstverständlich viele Wortmeldungen von einem kausalen Zusammenhang von Identität und Kultur ausgehen. Aus der Perspektive der Betroffenen wendet sich der jungeRat* dagegen, Jugendgruppen ihre Kultur zuzuweisen: „Zunächst einmal sollte klar sein, dass Jugendliche, genau wie Erwachsene, keine homogene Masse sind und man daher eigentlich nicht von ‚den Jugendlichen‘ sprechen kann. Es resultieren aus der Vernachlässigung dieser Tatsache allerdings viele Projekte, die nicht an die eigentlichen Jugendlichen, sondern nur an ein eindimensionales Bild von ihnen gerichtet sind.“ (zitiert nach: der jungeRat, in: www.rueckkopplungen.de)

Das zeigt sich besonders in den Schülerarbeiten zum unterrichtsbegleitenden Projekt „Glück“ (mit einer Filmpräsentation in der NGBK). So zeigt Ali T. in seinem Film Auf der Suche nach dem Glück in der ersten Einstellung drei männliche Jugendliche, die im Auto zu Hip-Hop abrocken. „Ja“, mag da der Zuschauer oder die Zuschauerin denken, „so sind die Jugendlichen in Berlin.“ Doch dann kommt ein Schnitt, und der Protagonist tritt mit ernster Stimme vor eine monochrome Wand und fragt: „Ist das Glück?“ Er selbst beantwortet die Frage: „Niemals, das ist gespieltes Glück!“

Eine Schülerin beantwortet die Frage hingegen so: „Auf jeden Fall! Ja, also, ich bin ’n bisschen selbstbewusster geworden in der Hinsicht. Weil, ich dachte immer, alles, was ich sage, ist irgendwie immer falsch, und das versteht keiner – aber in Kunst ist ja nichts falsch – und deswegen. Und da wurde mir auch wirklich erklärt, dass meine Meinung zählt, dass ich was sagen kann, egal, ob’s falsch oder richtig ist, Hauptsache, ich sag’ was und ich mach meinen Beitrag dazu. Und das ist auch im Unterricht so: Jetzt meld’ ich mich öfter, und es ist mir auch gleichgültig geworden, ob jetzt jemand denkt, die ist ja verrückt oder nicht, ob es falsch oder ob es richtig ist, also.“ (Redebeitrag im Seminar Kunst und Kulturpolitik an der FU)

In meinen Workshops führte ich mit mehreren und auch sehr unterschiedlichen Gruppen verschiedene Wahrnehmungsexperimente durch. So traf ich mich wiederholt mit TeilnehmerInnen unterschiedlicher Projekte am Kottbusser Tor und ging mit ihnen zur nahegelegenen NGBK. Dort, in einem abgeschlossenen Raum, bat ich jede/jeden vor laufender Kamera, den gerade zurückgelegten Weg zu beschreiben. Ich ließ dabei auch längere Sequenzen des Schweigens zu. Mein Interesse lag auf der ungelenkten Wiedergabe des auf dem Weg Gesehenen. Da meine „Probanden“ in Erwartung von Kunstbetrachtung in die NGBK kamen, waren sie im ersten Moment überrascht, nun selbst im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen und aktiv einen Beitrag leisten zu müssen. Damit verkehrte sich der Blick: Betrachter und Betrachterin betrachteten sich selbst.

Wo ist da die Kunst? Eine Antwort auf diese Frage gibt der Zusammenschnitt des Filmmaterials: Zum einen entstand durch die Beschreibung (aus der Erinnerung heraus) des individuellen, augenblickhaften Seherlebnisses etwas Neues. Es wurde durch die filmische Aufzeichnung zu einem sichtbaren künstlerischen Prozess. Andererseits gab die Zusammenschau aller subjektiven Wegbeschreibungen den Blick auf sehr unterschiedliche, ja gegensätzliche Wahrnehmungen frei, die sich auf dieselben Objekte bezogen. So schilderte eine der beiden Teilnehmerinnen, die mit dem Fahrrad in die NGBK gekommen waren: „Es war alles ganz schnell auf dem Fahrrad. Es war viel Verkehr, und die Autos rasten an mir vorbei. Ich habe versucht, nur nach vorne und nach hinten zu gucken. Ich hatte Angst, von dem Fahrrad herunterzufallen. Dann stellte ich mir vor, wie mein Kopf von einem Auto überrollt würde, wie sich das anfühlen würde und wie mein Kopf dann ganz platt wäre und das aussähe.“ Die zweite erzählte: „Mir ist halt heute aufgefallen, dass das alles so sehr klein ist. Die Läden sind so dicht aneinander. Mir kann auf diesem Weg, also auch auf dem Fahrrad, gar nichts passieren.“

Bedenken, für meine eigene Arbeit als Künstlerin zu wenig Zeit und Raum zu haben, stellten sich fast zwangsläufig ein. Mir war es zu keinem Zeitpunkt möglich, mein eigenes Kunstkonzept einzubringen, ohne die in Gang gesetzten kreativen Prozesse der Kunstvermittlung zu gefährden. Ich befürchtete, meine ästhetischen und konzeptuellen Vorstellungen als Künstlerin würden die Möglichkeiten freier und spontaner Entfaltung eigener Ausdrucksformen der TeilnehmerInnen einschränken. Andererseits „entschädigte“ mich die Chance, andere gesellschaftliche Räume intensiv erleben zu können, für diese Situation. Aber wirklich auflösen konnte ich diesen Konflikt nicht.

Mein Selbstverständnis als Künstlerin erforderte von mir während des Stipendiums permanent, eine Grenze zwischen meiner Kunst und den kunstvermittelnden Aktivitäten zu ziehen. Ich habe meine künstlerische Kunstvermittlung nicht als Kunstproduktion verstanden, wohl aber als Fortsetzung von Kunst und als einzigartige Gelegenheit, zur Veränderung gesellschaftlicher Räume beizutragen.

Die im Rahmen des Stipendiums entstandenen Arbeiten waren künstlerische, aber damit nicht automatisch Kunstwerke. Für alle – ob Kunstwerk oder nicht – liegt die Autorschaft allein bei den Teilnehmenden, nicht bei mir. Es war mein politisches Anliegen, Personen an Kunst teilhaben zu lassen und umgekehrt die Kunst durch diesen Dialog zu bereichern: als Ideentransfer in beide Richtungen.
Wibke Behrens,
Designhistorikerin, Kulturwissenschaftlerin und Kuratorin, ist seit 2001 Koordinatorin der NGBK, Berlin. Seit 2009 ist sie als Mentorin für das Pilotprojekt „Kompetenzzentrum Kulturmanagement” des Goethe-Instituts in beratender, initiierender und kulturpolitischer Funktion und in strategieentwickelnden Gremien tätig.

Mona Jas (Rheden, Niederlande)
war Meisterschülerin an der Universität der Künste Berlin bei Katharina Sieverding. Internationale Arbeit als freie Künstlerin, Kunstmittlerin und Dozentin u. a. mit Projekten in Minsk (Weißrussland), Meran (Italien) und Biel (Schweiz).

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Dezember 2011

    Humboldt als E-Paper

    Lesen Sie das Humboldt Heft 156 „Kunstvermittlung“ auf Ihrem Smartphone, Blackberry oder eReader!
    Zum Download ...

    Jetzt bestellen

    Jetzt bestellen

    Interessierte Leser können Humboldt über den Goethe-Webshop bestellen.
    8,50 € versandkostenfrei
    Zum Goethe-Webshop ...